7 von 86.400 Sekunden

Im Büro meines Kollegen hängt ein Kalender mit einem kleinen, roten Plastikrahmen, den ich jeden morgen um ein paar Zentimeter, auf den aktuellen Tag verschiebe. An Montagen muss ich etwas weiter schieben, weil der Rahmen die Zeit des Wochenendes nachholen muss. Der Kalender hängt nicht in meinem Büro und doch fühle ich mich für ihn verantwortlich. Mein Kollege lacht über mein pedantisches zurecht rücken. Wenn er mich ärgern möchte, hat er ihn bereits am Vorabend verschoben und ich komme morgens aus dem Takt. Er weiß nicht, dass ich seinen Kalender eigentlich nicht mag. Er schüttelt nur schmunzelnd den Kopf und lässt mich rücken und schieben ohne es weiter zu kommentieren. Vor Monaten bat er mich, das Datum zu aktualisieren, als er gerade über Fristen und Terminen saß und konzentriert in Richtung des Wandkalenders blickte. Ich stand auf, schob den roten Plastikrahmen an die richtige Stelle und hatte ein Datum vor Augen, das keine rote Umrandung gebraucht hätte. An jedem Tag im Jahr, isr dieses Datum präsent.

In meinem Kopf gibt es viele verschiedene Kalender, die alle ohne Jahreszahlen und genaue Daten zurecht kommen. Sie laufen rückwärts, schildern Vergangenes, nicht Zukünftiges und speichern das Sammelsurium meiner Erinnerungen. Da gibt es zum Beispiel den einen, den ich mit meinen Geschwistern teile. Er ist eine Chronik unserer Kindheit  und Jugend und beinhaltet die vielen Sommer- und Winter, die wir gemeinsam verbracht haben. Wenn wir gedanklich in ihm blättern, heißt es zum Beispiel: Weißt du noch, damals als wir uns so sehr gestritten haben, dass wir die ganzen Ferien über kein Wort miteinander gesprochen haben? Meine Schwester würde nicken und sich daran erinnern, ohne das sie wüsste in welchem Jahr es gewesen war. Irgendwann als wir noch Schulferien hatten. Oder der Frühling als meine große Schwester mich in Italien besuchte. Wann genau? Keine Ahnung, ich müsste rechnen. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass sie mir damals das Heimweh genommen hat und ihr Lachen noch Tage später, als sie längst wieder in Deutschland war, in der Luft hing und mir Mut machte. Wir werden gerne  sentimental, wenn wir daran zurück denken. Traurig nie. Wir wissen, das wir unseren gemeinsamen Erinnerungsfundus in den kommenden Jahren um neue Erlebnisse aufstocken werden.

Ähnliche Gedanken-Kalender habe ich mit meinen Freunden. Vollgepackt mit schönen und auch traurigen Erinnerungen. Dann heißt es: Damals, als wir das Zelt so schräg am Hang aufbauten, dass es mitten in der Nacht mit uns darin runter rollte. Oder der Sommer, als aus einer WG Bekanntschaft eine Freundschaft wurde. Manchmal diskutieren wir, wann etwas passierte und wie genau es stattgefunden hat. Einig werden wir uns dabei selten. Die Erinnerungen und Emotionen sind zu subjektiv. Dinge die in einem bestimmten Jahr stattgefunden haben, liegen für mich eine gefühlte Ewigkeit zurück, während ein Freund sie noch so präsent hat, als wäre es gestern gewesen. Chroniken dieser Art brauchen kein festes Datum. Viel wichtiger ist es zu wissen, dass künftige, noch leere Blätter beschrieben und mit neuen Erinnerungen gefüllt werden. Es spielt dann keine Rolle mehr, dass die WG nicht mehr existiert. Die neue ist auf andere Art genauso schön. Und der zum Freund gewordene frühere Mitbewohner hat längst geheiratet und seine Frau ist aus den letzten Kalendereinträgen nicht mehr wegzudenken.

Alles ist im Fluss und nichts ist beständig. Das Vergangene bleibt, das Zukünftige wartet bereits hinter der nächsten Ecke. Früher wollte man noch alles festhalten, damit es nicht zu schnell verfliegt. Heute mag man die Bewegung und bewahrt sich die Neugier auf das, was da noch kommen mag.

Schlimm sind nur die Kalender, die stehen geblieben sind. Chroniken,  die nur noch die Vergangenheit ohne eine Chance auf zukünftiges Erleben schildern. Nach einer gewissen Zeit, mag man die Erinnerungen daran mit niemanden mehr teilen. Will nicht zugeben, dass man an jedem einzelnen Tag genau weiß, wie viel Zeit seit dem letzten aller Einträge verstrichen ist. Man will sich nicht eingestehen, dass er nach all den Monaten und Jahren noch immer die einzige wirklich wichtige Zeitangabe liefert.  Am Anfang ist es einem noch rausgerutscht und man sagte „heute vor einem Jahr“ und hat die Sprachlosigkeit des Gegenübers ignoriert. Oder man erwähnte, dass man vor einem Jahr jeden zweiten Abend gemeinsam beim Laufen gewesen war. Sagte es fröhlich lachend und sprach es wie nebenbei aus, während der stehen gebliebene Kalender im eigenen Bewusstsein die Zeitangabe ganz anders beziffert. Hart formuliert er es um. Damals, neun Monate bevor es passierte. Oder damals, sechs Monate bevor es nur noch drei Monate waren bis es vorbei war. Zeitangaben die man niemanden erzählt, weil sie ausgesprochen noch grausamer klingen. Es ist das eine Datum, das man nicht vergessen kann und an dem sich alles davor und danach orientiert. Damals als alles noch in Ordnung war. Damals, als ich es noch nicht wusste. Damals, als er es mir das erste Mal sagte. Damals, als ich es begriffen habe. Alles orientiert sich an dem  Zeitpunkt, an dem der letzte Eintrag stattfand.

Ohne nachzudenken weiß ich wie viele Tage zwischen dem einen Tag und heute liegen. Morgen früh, wenn ich den kleinen Plastikrahmen im Büro weiter schiebe, denke ich für einen kurzen Moment nur „vor genau soundso vielen Tagen war es“. Sekundentrauer. Nur maximal sieben Sekunden oder zwei Atemzüge und dann unbedingt weiter. Schnell eine andere Chronik aufblättern. War es nicht auch August als meine Schwester mich in Verona besuchte? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber es war ein guter Sommer. So schön und heiß, wie der heurige. Schnell den Blick weg vom Datum und aus dem Fenster schauen. Die ersten Blätter werden bunt. Schön. Der Herbst wird schön und gut werden. Alles ist bisher gut geworden. Alles bis auf eines, aber daran denke ich erst wieder beim nächsten Weiterschieben des kleinen Rahmens. Übermorgen früh. Dann wird, wie gestern, heute, morgen und an jedem Tag, für sieben Sekunde  die Zeit stehen bleiben. Weil es  eben doch nie wieder so wirklich gut werden wird.

7 von 86.400 Sekunden. Das ist ok.

7 Gedanken zu “7 von 86.400 Sekunden

  1. Wieder eine sehr gut geschriebene Geschichte! Ja, solche Ereignisse trägt jeder mit sich herum… „Zeit“ soll ja die 4. Dimension sein. Wie Länge, Höhe, Breite… Und es soll 12 oder 13 Dimensionen geben. Werd ´ich wohl nie kapieren. Meine Überlegung ist nur die, ob man dann diese Zeit irgendwie ersetzem kann, Diese 7 Sekunden… Wäre doch schön, oder?

    Liebe Grüße, Nessy von den happinessygirls

    Gefällt 1 Person

  2. Die Anzahl der möglichen Dimension übersteigt meine Vorstellungskraft bei weitem. Auch wenn der Gedanke faszinierend ist.
    Ersetzen ohne die Erinnerungen zu vergessen, ja das wäre schön.
    Liebe Grüße und einen schönen Abend.

    Gefällt mir

  3. Ein Text, der mitnimmt und berührt. Der von der Leichtigkeit des Sommers erzählt und der Schwere der 7 Sekunden. Und ich wünsche, es wird ein schöner und reicher Herbst, der voller Geschenke steckt, auch mit diesen 7 Sekunden, die anhalten lassen…

    Gefällt mir

  4. hier ist also der erste eintrag dazu. ich habe auch so ein datum, aber wenn es die familie betrifft und den gang der zeit, wie es das leben vorgesehen hat, dann kommt irgendwann eine zeit, in der das weniger wird, vielleicht aufhört. bei mir begann das aufhören nach etwa 7 oder 8 jahren. ich weiß nicht, ob ich dir wünschen kann oder darf, dass das datum auch bei dir eines tages blasser wird. oder ob es für diese art von erfahrung einfach keine wünsche gibt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s