In gute Hände abzugeben

Ich habe eine Schublade mit Geschenken für Notfälle. Neben mehreren USB Sticks (meine Mama verschickt ihre Fotodateien gerne auf einem Stick gespeichert, mit der Post) und einem bezaubernden, gehäkelten Babymützchen (ich habe so eine Ahnung, dass ich es bald verschenken werde) ist sie mit  Amazongutscheine für die älteren Patenkinder und reichlich Schokolade bestückt. Das die Schublade auch einen Mann enthielt, wurde mir erst bewusst, als ich ihn ohne nachzudenken verschenkte.
Bevor ich ihn großzügig weiterreichte, musste ich ihn – natürlich – erst einmal kennen lernen. Mittlerweile dürfte es vier Jahre her sein. L war eine der Bekanntschaften, die wie ich 14,99 Euro monatlich für das Kennenlernen des passenden Gegenstücks investierten. Und wie ich selbst, schien er dem Finden der großen Liebe, nach den ersten Kontoabbuchungen reichlich skeptisch gegenüber zu stehen. Als er mich anschrieb, sparte er sich bereits sämtliche Floskeln und traf damit genau ins Schwarze. Auch mir war nach einem halben Jahr längst die Lust vergangen immer und immer wieder die gleichen ersten Nachrichten auszutauschen. Es langweilte mich zu erklären wer ich war, woher ich kam und warum ich keinen Partner hatte. L  schrieb mich an einem Sonntagnachmittag an, als ich gerade die Küche auf den Kopf stellte und hoffte irgendwo noch eine vergessene Packung Kaffee zu finden.

„Die Chance, dass dich heute Nachmittag in mich verlieben wirst, ist ziemlich gering. Noch geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns beide ineinander verlieben werden. Ich schlage vor, wir lassen den ganzen Mist und gehen einfach entspannt einen Kaffee trinken. Was meinst du?“

Ich meinte, dass ich wirklich sehr, sehr große Lust auf eine Tasse Kaffee hatte.

L fragte mich weder was ich beruflich oder in meiner Freizeit machte, noch warum ich monatlich einen kleinen Betrag investierte, um mich zu verlieben. Er erkundigte sich zunächst nur ob es ein Cappuccino oder ein Latte Macchiato sein sollte. Ich trank beides, erst den Cappuccino und weil das Gespräch mit ihm schön und interessant war, später noch den Latte Macchiato. Danach liefen wir mehrere Stunden durch die Stadt, strandeten in einer Ausstellung und teilten uns am Abend beim Italiener eine Pizza. Hätte er mich beim Tiramisu gefragt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich mich in ihn verlieben könnte – ich hätte sie als ziemlich hoch eingestuft. Er fragte aber nicht und ich dachte nicht darüber nach. Die Schublade, in die jeder von uns unbewusst seine Mitmenschen steckt, war damit bereits beschriftet. Er landete in der Kategorie „hat was zu sagen, ist sympathisch, mag ich, mehr aber auch nicht“.

Gerne würde ich behaupten, dass mir Schubladendenken fremd ist und ich meine Mitmenschen nicht in bestimmte Kategorien einordne. Leider klappen meine Schubladen erschreckend schnell zu und ich neige dazu mein Umfeld durchaus zu kategorisiere. Ein Freund ist ein Freund. Ein Kollege ist ein Kollege und ein Bekannter kein Date. Punkt. Oder eben kein Punkt, weil die Dinge und allen voran Beziehungen sich entwickeln. Ich hinke hier gerne ein bisschen hinterher.

L gestand mir Jahre später, dass er an mir fast verzweifelt wäre. Während er seine erste Nachricht ironisch, aber nicht unbedingt ernst gemeint hatte, vermutete ich, dass er damit klar abgesteckt hatte was er wollte. Für mich war es damals sogar angenehm. Kein Date – kein Stress. Jedem Treffen, dass er vorschlug, stimmte ich begeistert zu und schlurfte mit alten Jeans und Flipflops um die Ecke.  Seine Kommentare, das zurechtmachen für einen Mann käme bei mir wohl in umgekehrter Reihenfolge und er freue sich darauf, mich in etwa einem Jahr auf hohen Schuhen und perfekt geschminkt auf seinem Sofa sitzen zu sehen, ignorierte ich lachend. Legte er in einer Bar den Arm um meine Schultern, schob ich ihn zur Seite und erklärte, dass er mit mir im Arm keine Frau kennen lernen würde und verschwand aufs Klo. Er, der dachte, er befände sich auf einem Date mit mir, muss mich für völlig bekloppt gehalten haben. Vielleicht mochte er diese Beklopptheit. Anders ist es nicht zu erklären, dass er sich weiter mit mir traf. Irgendwann begann er es wohl doch zu bereuen. Wir verabredeten uns auf dem Münchner Oktoberfest und ich erschien mit einer Freundin im Schlepptau. Bei einem Bekannten kein Problem. Man kann sich ja auch zu dritt unterhalten. L bestritt den Abend souverän und erklärte sich am Ende sogar müde lächelnd bereit meine beschwipste Freundin und nicht mich zur Bushaltestelle zu bugsieren. Ich drückte ihm ein Küsschen auf die Wange, bedankte mich für den netten Abend, ließ ihn mit einer anderen Frau alleine und rief eine Stunde später an um mich zu erkundigen ob er gut nach Hause gekommen sei. An diesem Abend beendet er das Gespräch ungewohnt schnell. Endgültig vor den Kopf gestoßen habe ich ihn wenige Tage später. Wir frühstückten in einem kleinen Café in der Innenstadt und ich fragte ihn ob ich seine Telefonnummer an eine Bekannten weiter geben dürfe. Er zuckte mit den Schultern und sah mir unangenehm lange in die Augen. In diesem Moment dämmerte es mir das erste Mal, dass ich eine dämliche Schublade vorschnell geschlossen hatte. Um zurück zu rudern war es zu spät, er machte bereits einen dämlichen Witz und ich lachte gezwungen. Am Abend gab ich meiner Bekannten, der ich so von L vorgeschwärmt hatte, seine Nummer.

L und meine Bekannte, die Beschenkte, wurden ein Paar. Zwischen Weihnachten und Sylvester luden sie mich und andere zum Essen ein. Es war ein schöner Abend, aber von der Lockerheit, die zwischen mir und L geherrscht hatte, war nichts mehr zu spüren. Er war mir über Nacht fremd geworden und das erste Mal reichte ich L zum Abschied nur die Hand und umarmte ihn nicht. Die neue Schublade – Freund einer anderen – war zu.

L traf ich vor einem Jahr zufällig wieder. Wir verabredeten uns auf einen Kaffee, aus dem am Ende drei wurden. Das ich sein Lachen vermisst hatte, fiel mir schon bei der ersten Tasse auf. Das seine Stimme ausgesprochen schön war, erst bei der Dritten. Als er mir geduldig erklärte, wie ich meinen Rechner neu aufsetzen könnte, war ich still geworden. Das sei ganz leicht erklärte er, sah mich lange an und meinte dann, dass ich aber manchmal zu blöd sei, die einfachsten Dinge zu kapieren. Wenigstens habe ich verstanden, dass er damit nicht meinen Rechner meinte.

20 Gedanken zu “In gute Hände abzugeben

  1. Verflixt, manche Schubladen verhindern den Blick auf eine offen stehende Tür. Und so sehr sie ächzt und quietscht während sie im Begriff ist ins Schloss zu fallen – ein behender Sprung hätte es noch gerettet. Doch sind wir manchmal taub und blind, so schlägt sie zu, während wir noch am Apothekerschrank verweilen. In einem anderen Universum habt Ihr Euch bestimmt gefunden.

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    1. Erst als ich seine Nummer weiter gegeben habe, habe ich gemerkt, dass er mir längst mehr bedeutet.
      Warum ich vorher alles daran gesetzt habe, nicht mehr darin zu sehen….ich weiß es nicht. Als ich den Text gestern schrieb, konnte ich mir die Frage selbst nicht beantworten.

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  2. Vielleicht ist die Antwort ganz einfach? Bei Dir hat es wohl nicht gefunkt. Erst später, als Du ihn besser kanntest… Aber Du schreibst, er sei ja wieder frei -?! Jedenfalls ist es eine sehr gut geschriebene Geschichte, die zum Nachdenken animiert! Hab´ eine schöne Woche, Nessy von den happinessygirls.com

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  3. schöne story. ich habe auch so einen L, den ich zwar nicht verschenkt habe, bei dem ich es aber ähnlich nicht überrissen habe. leider haben wir seit jahren keinen kontakt mehr und ich vermisse ihn – als freund – immer noch.

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      1. passiert mir auch manchmal 😉
        es macht mich immer noch traurig, aber man muss solche entscheidungen halt leider respektieren, für ihn ging das wohl mit kontakt dann einfach nicht 😦

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