Mein genuines Interesse an Käfern

Als X in einer Rotweingeschwängerten Nacht einen Fragebogen zu meiner Person ausfüllte, bat ich ihn, doch einfach Teile von seinem eigenen Profil zu übernehmen. Ich schlug „Sehr begeisterungsfähig und völlig desinteressiert, mit genuinem Interesse am Mitmenschen“ vor. Das klang hübsch. Sein Lachen am anderen Ende der Stadt klang warm durch das Telefon und an dem Geräusch seines Atems hörte ich, wie er den Kopf schüttelte. Er erklärte mir, dass Frauen, die zu blöd wären ein Fremdwort ohne nachzuschlagen zu verstehen, nichts für ihn seien. Ich als Frau, bei Männern jedoch einfachere Worte wählen müsste um mein Postfach zu füllen. Er schlug vor ganz schlicht „begeisterungsfähig“ zu schreiben. Für mich klang das viel zu platt und ich versuchte ihn zu überzeugen, dass mein Interesse an anderen Menschen und den Dingen die sie beschäftigten durchaus genuin sein. Wieder hörte ich ihn lachen und bevor er mich fragen konnte, ob ich mir überhaupt sicher sei, was genuin bedeutete, lieferte ich ihm Beispiele meiner angeblich genuinen Interessen.

Zum Beispiel erzählt ich ihm von meinem ersten Freund. Der zitiere,  als er noch nicht mein Freund war,  Shakespeare und wies mich grinsend darauf hin, dass ich wohl nur die Bücher von Steven King kennen würde. Ich war beleidigt. Und neugierig auf sein Bücherregal. Mit 16 waren mir die meisten seiner favorisierten Schriftsteller ein Begriff, gelesen hatte ich aber nichts von ihnen. Zu kompliziert, zu schwerfällig und zu „groß“ für mich. Sechs Monate später hatte ich alles von Shakespeare verschlungen. Ihm folgten alle Klassiker, die ich in die Finger bekam. Mit manchen konnte ich nichts anfangen, einige waren mir fremd, aber viele habe ich lieben gelernt. Später als mein erster Freund schon lange mein Freund war, lagen in unserer Küche Platon, im Bad Popper und auf dem Bett verteilt ein Querschnitt der gängigen philosophischen Werke. Von uns beiden war er der Kluge. Verstand viel schneller als ich und war geduldig genug mir nächtelang die Zusammenhänge zu erklären. Nietzsche gab uns nichts. Platon und Sokrates fanden wir wunderbar und Freud und Schopenhauer übersprangen wir ignorant und lachend. Der Kluge, verlagerte sein Interesse irgendwann in Bereiche, in die ich ihm nicht folgte. Während er die Wahrscheinlichkeiten im Roulette Spiel berechnete, blieb ich noch eine Weile bei den Philosophen. Ich verliebte mich in Sartre, bevor ich im Keller meiner Eltern über „Krieg und Frieden“ von Tolstoi stolperte und die nächsten Jahre mit dem schriftlichen Nachlass längst verstorbener Russen verbrachte. Meinen Vater lernte ich in dieser Zeit von einer ganz neuen Seite kennen. Er, der praktisch veranlagte Handwerker, der wenig spricht, hatte sie alle vor mir gelesen und wusste so viel mehr geschichtliches als ich.

Ebenso begeistert – oder mit genuinem Interesse – habe ich einen ganzen Herbst lang in den Wäldern vor der Stadt nach einer besonderen Unterart des Hirschkäfers gesucht. Klingt bescheuert? War es auch. Schuld war Alex, den ich im dritten Semester an der Uni kennen lernte. Wir saßen zufällig neben einander und er ging mir schon auf die Nerven, noch bevor er ein einziges Wort gesagt hatte. Während ich verzweifelt und erfolglos versuchte der Statistikvorlesung zu folgen, blätterte er völlig entspannt durch einen Bildband, der etwa doppelt so groß wie ein normaler DIN A4 Block war. Wer einmal in der FH München eingequetscht in der vollbesetzten Aula gesessen hat, der weiß wie rücksichtslos und unverschämt das ist. Alex schien sich nicht daran zu stören und ignorierte, dass die Hälfte seines Buches auf meinem Schoß lag. Er hatte Glück – meine Abneigung gegen Statistik war so groß, dass ich begann mir die Fotographien in seinem Buch anzusehen und ihn fragte, was an Käfern so interessant sei. Rausgeworfen wurden wir, als ich die fünfte Frage zu den darin abgebildeten Exemplaren stellte und er sie ebenso ausführlich wie die vier davor beantwortete. Auf dem Gang erzählte er mir dann vom Paarungsverhalten der Hirschkäfer.
Ich kehrte in der Woche darauf zurück in den Hörsaal. Alex kam nicht mehr. Er schmiss sein BWL Studium um sich im nächsten Semester für Agrar- und Forstwirtschaft einzuschreiben. In Kontakt blieben wir trotzdem. In diesem Herbst verbrachte ich viel Zeit damit mit ihm durch den Wald zu streifen. Patschnass und frierend wühlte ich mit ihm im Laub, auf der Suche nach einem Käfer, dessen Besonderheiten ich längst vergessen habe. Nicht vergessen, habe ich Alex Leidenschaft für alles was im Wald lebt und wächst. Ebenfalls gut in Erinnerung geblieben sind mir die Nudeln mit Pilzsauce, die wir in seiner winzigen Küche gekocht haben. Ich traute mich damals nicht, ihm zu sagen, dass ich sie lieber nicht essen würde. Auch wenn jemand vorgibt sich bestens auszukennen, ist ein gesundes Misstrauen vor dem Verzehr von selbst gesammelten Pilzen von Vorteil. Wir haben es aber überlebt. Klar, ich tippe ja hier.

X sagte: „Klar, du telefonierst ja mit mir.“ Nach der Käfergeschichte war es ziemlich spät geworden und X gab nach. „Schreib meinetwegen genuin, aber gib mir nicht die Schuld, wenn die Freaks sich melden.“ Ich schrieb es und die seltsamen Männer kamen tatsächlich. Ob es an dem einen Wort lag, weiß ich nicht. Ich benutze es nicht mehr. Nach einem Sonntag, an dem ich mir mit einem Date eine vierstündige Dokumentation über den französischen Film (mit Untertitel) angesehen habe, bin ich durchaus bereit, meine Begeisterungsfähigkeit als durchschnittlich zu bewerten.

Und jetzt werde ich genuin nachschlagen. Vielleicht rufe ich danach Dr. X an und erzähl ihm von dem komischen Typen mit der Leidenschaft für französische Filme.

8 Gedanken zu “Mein genuines Interesse an Käfern

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