Nächtliche Energiekrise

Ich gehe jetzt rüber! Mit Schwung schlage ich die Bettdecke zurück und setze mich auf die Bettkante. Wartend. Wenn man nachts um kurz vor drei Uhr ankündigt, zu den Nachbarn auf der ande, der neben einem liegt, davon abhält. Finden Sie nicht auch? Der meiner dreht sich auf die andere Seite und macht gar nichts. Ich gehe jetzt rüber, wiederhole ich und warte. Drei Atemzüge lang. Dann stehe ich auf und höre ein gemurmeltes „bis gleich“. Bis gleich? Ich verkünde ein drittes Mal, dass ich jetzt sofort, im Nachthemd und mit einer Stinkwut im Bauch an ein fremdes Fenster auf der anderen Straßenseite im Erdgeschoss klopfen werde. Der, der neben mir liegt schlägt jetzt endlich ebenfalls die Bettdecke zurück und setzt sich auf. Weiterlesen

Ohne ihn brennt´s nur halb so schön

„Iljana, komm raus“, fordert der alte Säufer mit rauer, noch nachtschwerer Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe des vietnamesischen Schönheitssalons schüttelt lächelnd den Kopf. Sie kennt den Alten seit bald einem Jahr und hat sich daran gewöhnt, dass er morgens vor dem Laden sitzt und nach ihr ruft. Er ist eine treue Seele. Und wie man die meisten treuen Seelen gern hat, so mag man auch ihn. Man hat sich an seine kratzige Stimme und seinen schwankenden Schritt gewöhnt. Nach den ersten Schlucken aus der kleinen Jägermeisterflasche geht er gerader und man versteht ihn besser. Die meisten. Iljana nicht. Sie spricht noch immer kaum Deutsch, braucht es aber auch nicht. Letztes Jahr stand Iliana an der Kasse des vietnamesischen Backshops. Seit er schließen musste arbeitet sie im vietnamesischen Schönheitssalon. Iljana ist eine treue Seele. Ihr ist es egal, ob sie Semmeln abkassiert, oder Geld für frisch manikürte Fingernägel in die Kasse wirft. Ihre Arbeitgeber versteht sie noch schlechter als den Säufer, weil der ihr wenigstens nur einzelne Worte um die Ohren haut. Der vietnamesische Singsang dagegen gleicht einem nicht zu verstehenden Gemurmel. Auch für mich.

„Iljana“, schreit der Alte, „es brennt!“ Solange es draußen brennt, ist es nicht ihr Problem, sagt Iljana – glaube ich – und füllt meinen Becher mit heißer Milch. Weil die Kaffeemaschine aus dem Backshop noch nicht abgebaut ist, gibt es im Schönheitssalon morgens warme Getränke zu erwerben. Warum auch nicht. Der Säufer hat sich selbst etwas mitgebracht und öffnet im Türrahmen stehend den zweiten Jägermeister. Ich stell mich mit meinem Kaffee neben ihn und trinke draußen, weil es drinnen nicht mehr nach Gebäck sondern nach Lacken riecht. Seine Fingernägel sind gepflegter als meine. Es wundert mich, das einer, der so riecht, so schöne, alte Finger hat. „Schau, Iljana“, sagt er und meint mich. Ihm ist es egal,mit wem er spricht. So egal, wie ihm der Laden ist, vor dem er sitz. „Schau, Iljana, es brennt. So schön brennt es.“ Ich nicke und rufe nach Iljana. Auf der anderen Straßenseite steht eine Pappel. Ihre gelben Blätter brennen im Sonnenlicht des Herbstmorgens. Der Baum ist wunderschön. Zu schön um ihn nicht anzusehen.

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Meiers Taschentücher

Braun sei ich geworden, sagt der alte Mann neben mir. Nicht zu mir, sondern zu einem ebenso alten Herren, der auf meiner anderen Seite langsam unter den Bäumen entlang schlurft und auf eine Bank zusteuert. Ja, ziemlich, nickt dieser und mustert mich mit aufmerksamen Blick. Kein Wunder sei es, meinen beide, weil ich ja unbedingt den Sommer noch ein wenig verlängern wollte. Das würde ich ständig machen, murmeln sie und konzentrieren sich auf den Kiesweg, auf dem bereits Herbstlaub liegt. Während ihre Schritte leise knirschen, sage ich nichts und bin dankbar, dass die beiden die Stille unter den Bäumen mit Worten füllen, damit etwas gesagt wird, wo es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. Mir selbst würde nichts einfallen. Im Gegensatz zu ihnen bin ich heute nicht zum Spazierngehen am Friedhof, sondern zum Abschied nehmen. Sie begleiten mich ein Stück und ziehen sich dann zurück.

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Herbst…ganz normal, sagt Herr Mu

Bist traurig, fragt mich Herr Mu und ich schüttle den Kopf. Nein, murmle ich und lasse mich neben ihn plumpsen. Das Holz der Bank ist Sonnenwarm und ich mache es wie Herr Mu. Schlüpfe aus meinen Schuhen und wackle mit den nackten Zehen. Seit einigen Monaten sitzt er wieder an der Bushaltestelle und macht es sich dort fast jeden Tag gemütlich. Herr Mu wartet nicht auf den Bus. Herr Mu wartet auf Menschen aus der Nachbarschaft, mit denen er sich für ein paar Minuten unterhalten kann. Und wenn einer wie ich kommt; einer der eigentlich reden will, aber nichts zu sagen hat, dann ist Herr Mu einfach da und erwartet nichts. Drei Busse fahren vorbei und ich beobachte wie Leute aus- und einsteigen, während ich einfach in der Sonne sitzen bleibe und den abgeblätterten Nagellack an meinem großen Zeh ins Licht halte. Herbstwarm ist es, sage ich nach dem vierten Bus und der alte Mann nickt. Still liest er seine Zeitung und schaut nur kurz auf. Und trotzdem wird´s schon kälter, rede ich weiter, weil ich so gerne etwas sagen möchte aber selbst nicht weiß was. Der Nagellack an den anderen Zehen blättert auch ab merke ich und stelle fest, dass mir das aber heute völlig egal ist. Nicht wirklich kalt, fange ich wieder an. Heut ist es ja richtig warm, aber unter dem Warm, wird´s schon kalt. Es herbstelt und obwohl der Herbst nach dem Sommer so schön ist und ich mich wirklich darauf freue, kommt er doch ein bisschen arg schnell, finden Sie nicht? Herr Mu faltet seine Zeitung zusammen und legt sie neben sich. Ein paar Minuten lang sagt er nichts, grüßt mit einem Nicken einen Nachbarn und lehnt sich dann zurück. Ob ich das Wetter meine, will er wissen und es dauert ein bisschen, bis ich den Kopf schüttle.

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Schwabinger Bombennacht

Als vor zehn Jahren in Schwabing eine alte Fliegerbombe gefunden und später zur Explosion gebracht wurde, stand einer von denen die aus ihren Wohnungen evakuiert wurden, vor meiner Haustür. Es war früher Nachmittag und er trug T-Shirt und Pyjamahose. In den Händen sein Telefon, Schlüsselbund und Geldbeutel. Auf den Lippen ein Grinsen. In der Regel reichte das. Das Grinsen für mich und Schlüssel und Geld für eine kurze Evakuierung. In München werden oft Bomben gefunden und meist können die Bewohner schnell wieder zurück in ihre Wohnungen. Diesmal nicht. Dass es länger dauern könnte hatte man wohl angedeutet und wäre er nicht, dank vorheriger Nachtschicht aus dem Tiefschlaf gerissen worden, hätte er vielleicht eher nach anderen Schuhen und nicht nach einer Flasche Wein gegriffen, als er von Polizei und Feuerwehr begleitet in sein Auto stieg. So stand er zerzaust, in Flipflops und übermüdet vor meiner Türe. Sein Grinsen reichte nicht und meine Tür blieb zu. Sie blieb verschlossen wärend ich abends im Radio von 3.000 evakuierten Personen hörte, die Bilder des abgesperrten Areals in den Nachrichten sah und als es dunkel wurde von Notunterkünften in Schulen las. Erst als klar war, dass in dieser Nacht gar nichts mehr passieren würde ging ich ins Treppenhaus und setzte mich neben dem, der dort noch immer wartete. Nicht weil ich ihn sehen wollte – das ganz sicher nicht. Nein, einzig aus der Sorge, dass er im Laufe der Nacht beginnen würde das Adressbuch seines Telefons zu durchforsten und bei irgendeiner anderen Frau Unterschlupf finden würde. Ohne die Bombe in Schwabing vor zehn Jahren wäre das mit uns wahrscheinlich nichts mehr geworden. Wenigstens wir profitierten. Das wunderbare alte Schwabing rund um die Feilitzstraße nicht. Ein Teil von ihm wurde in dieser Nacht gemeinsam mit der Bombe zerstört.

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Neunuvierzig

Es heißt, sie sind vom Aussterben bedroht. Die Münchner Originale. Wenn man an Rudolph Mosshammer, Karl Valentin und den einen oder anderen berühmt, berüchtigten Wiesnwirt denkt, dann ist das sicher richtig. Der Gedanke an die schwindenen Unikate und ihre deutlich blasseren Nachfolger, stimmt ein wenig traurig und lässt einen fast sentimental auf die vergangenen Jahrzehnte mit all ihren schillernden Persönlichkeiten blicken. Wenn Sie mich fragen, dann ist die Sorge dennoch unbegründet, weil es sie natürlich noch gibt – die Münchner Originale. Jene, die man nicht im Fernsehen sieht, die – etwas moderner – kein Instagram und Twitter haben und all die, denen kaum ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird. Das wirkliche Münchner Original ist unsichtbar und verschwindet solange in der Masse, bis es seinen Auftritt hat. Erst dann breitet der zunächst unscheinbare Paradisvogel seine Schwingen aus, landet – oft unbeabsichtigt – auf der Bühne und kann sich eines aufmerksamen Publikums sicher sein. Geklatscht wird am Ende selten, getratscht schon mehr und geschaut ganz sicher immer. Großes Theater ganz umsonst. Der Spielplan nicht zu erahnen, aber selten enttäuschend. Nur ein wenig Geduld muss man haben und etwas Zeit, die kann man sich bei einem Kaffee und einem Stück Kuchen vertreiben kann.

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Giesing – bin ich!

In regelmäßigen Abständen erzähle ich meinem Vater, welche unserer ehemaligen Nachbarn noch immer im Haus meiner Kindheit leben. Obwohl wir dort schon lange nicht mehr wohnen, ist es noch immer unser Haus. Vor allem meines. Ich wuchs dort auf und kenne den Hof, das Treppenhaus und jeden Winkel im Keller vermutlich besser als meine Eltern. Dennoch ist es auch für sie noch immer „unser Haus“ oder zumindest das Haus, in dem sie vor vielen Jahren eine Familie gründeten. Auch wenn wir behaupten, dass es egal ist – wir freuen uns, dass sich einige Namen auf den Klingelschildern über all die Jahre nicht geändert haben. Es wäre seltsam, wenn in „unserem Haus“ nur noch Fremde wohnen. Und das obwohl uns selbst die vertrauten Gesichter von früher, längst fremd geworden sind. Das Haus ist nicht schön. Schlicht, unspektakulär und mit einem scheußlichen Hof, der während unserer Zeit aus Garagen und Beton bestand und erst lange nach unserem Auszug begrünt wurde. Als Kind war es mir egal. Über die Dächer der flachen Garagen konnte ich in die anderen Höfe klettern und das Grau wurde durch die Menschen, die in ihm lebten bunt genug. Außerdem hatten wir eine Hecke. Für meine Mutter ein Witz, für mich völlig ausreichend, um den Wechsel der Jahreszeiten vom Fenster meines Kinderzimmers aus zu beobachten. Zumal man in Untergiesing die Isar ihre weitläufigen Grünanlagen vor der Nase hatte und jede Gelegenheit nutzte das Blickfeld der Eltern zu verlassen. Wenn ich heute vor dem schmalen Haus stehe und in den Hof blicke, dann ahne ich, dass dieses Viertel mich mehr geprägt hat, als ich mir selbst eingestehen möchte. Mehr als einmal hätte sich die Gelegenheit ergeben, in ein anders Viertel zu ziehen. Eines das schicker, aufregender oder moderner war. Ich bin geblieben. Und war ich doch einmal weg, dann bin ich zurück gekommen. Heute vermute ich, dass das Kind in mir, trotzig gegen neues protestierte und stur auf das Vertraute und Bekannte bestand. Es bekam seinen Willen. Damals wie heute. Das Viertel betreffend. Meine Eltern zogen erst um, als ich meine erste eigene Wohnung mietete.

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Passt schon

Passt schon, sagt man in München gerne, wenn gar nichts passt. Wenn so viel im argen liegt, dass man nicht recht weiß, wo man anfangen soll, dann sagt man „passt schon“. Das ist wie „wird schon“, wenn einem unklar ist, wie überhaupt irgendwas wieder werden kann. Der Sonne am heutigen Sonntag ist das egal. Sie scheint und wenigstens das ist schön. Mehr als schön – es hilft, weil Sonnenstrahlen im Frühjahr nicht nur das Gesicht, sondern auch das Herz erwärmen und es leichter machen die Gedanken zu ordnen. Sie zu beruhigen ist angesichts der Nachrichten nur schwer möglich, aber ein paar Atemzüge mit geschlossenen Augen in der Sonne sind angenehm. Den Menschen in meinem Viertel scheint es ähnlich zu gehen. Sie sitzen auf den Bänken, legen den Kopf in den Nacken, schließen die Augen und strecken die Nasenspitze in die Sonne. Das tut gut, man sieht es ihnen an. Mir wahrscheinlich auch. Das und die Ruhe, die nicht ungewöhnlich ist, da ich nicht in einem Café sondern auf einer Bank auf dem Friedhof sitze. Bei so viel Scheußlichkeit ist hier, trotz des oft traurigen Ortes, viel Schönes zu sehen.

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Frühling jetzt – 2022


12.02.2022. Ein schönes Datum für den Frühjahrsanfang, finden Sie nicht? Und kommen Sie mir bitte nicht mit Erklärungen, dass der Frühling nicht heute beginnt. Heute, am 12.02.2022 hat er begonnen. Vielleicht nicht bei Ihnen, aber ganz sicher bei mir. Also in München. Präzise, nach dem Überqueren der Isar und dem betreten der Viertel, die sich der Durchschnittsmünchner leider kaum noch leisten kann, da ist seit heute Frühling. Und weil das ganz München schon vor dem ersten Kaffee gespürt hat, trifft es sich auch genau dort – in der Innenstadt. Wenn eine ganze Stadt in ihr Zentrum pilgert, kann es freilich schnell ein wenig eng werden. Das stört uns aber nicht. Die Pandemie ist beendet – das ist sie ja jedes Jahr wenn es warm wird. Fünf Grad bei strahlendem Sonnenschein sind grad recht, für einen Münchner, den es nach dem Winter nach draußen treibt. Wir rutschen einfach ein wenig zusammen und sehen die Aufkleber, die um den nötigen Abstand zwischen Stühlen und Tischen bitten, eh nicht, weil die unter Unmengen von Decken verschwinden. Decken, die von Wirten, Cafés und Bars hastig vom Speicher geholt und auf die unglaublich kalten Metallstühle geworfen wurden. Der Münchner sitzt seit heute nämlich wieder draußen und blinzelt unter der Mütze in die Sonne, während er in den behandschuhten Händen den ersten Aperol Spritz des Jahres trinkt. Den ersten unter freiem Himmel und mit einem leicht arroganten Grinsen auf den Lippen, wenn sich italienische Touristen in den Innenräumen der Bars aufwärmen. Keine Ahnung vom Frühling haben die, denkt sich der Münchner und dreht seinen Stuhl in die genau gleiche Richtung wie die restliche Stadt – mit dem Gesicht in Richtung Sonne. Sonst lohnt sich die zuvor neu gekaufte Sonnenbrille ja nicht. In der Innenstadt ist die so unverschämt teuer, dass man sie ab jetzt am besten gar nicht mehr absetzt. Warum auch? Es ist ja Frühling.

Das muss man sich freilich immer vor Augen halten, sonst spürt man die herannahende Blasenentzündung überdeutlich und fragt sich am Ende noch, wie man so blöd sein konnte, sich ein Getränk mit Eiswürfeln zu bestellen. Weg mit den Wintergedanken und ein paar Bilder nach Italien zu den Freuden geschickt. Schon so warm, fragen Sie und wir schwindeln – warm ist schließlich ein nicht genau definierter Begriff – so hemmungslos, dass uns vor Scham gleich ein bisschen wärmer wird. Aber schön ist er schon, der erste Frühlingstag. Leute schauen, das ist schön, nach all den Monaten die man drinnen verbracht hat. Und wichtig. Vor lauter Homeoffice weiß man sonst ja gar nicht mehr, was man im Moment so trägt. Schick, schick. Ich auch. Glaube ich zumindest, den in der Spiegelung der Schaufenster sehe ich mich bei den vielen Leuten natürlich nicht. Heut ist wirklich die ganze Stadt auf den Beinen. Schön ist das! Vielleicht nicht überall, aber in München ist es herrlich. Heut, am ersten Frühlingstag. So schön zu sehen, dass es uns alle noch gibt. Da darf man schon ein bisschen sentimental werden, beim zweiten Spritz, der schon nicht mehr ganz so kalt wie der erste ist. Der Kellner hat die Eiswürfel vergessen, was angesichts des Windes der um die Ecke pfeift auch völlig ok ist. Außerdem rennt er sich die Hacken ab, weil er nicht nur die Sitzenden, sondern auch all die am Rand stehenden bedienen muss. Es ist ja wirklich die ganze Stadt hier. Oder zumindest ein Großteil. Die Haidhauser sind wahrscheinlich in ihrem Viertel geblieben. Das ist so gentrifiziert und hat zugleich noch so hübsche alte Häuser, dass man den Berg eigentlich wirklich nicht runter muss. Und an der Isar werden wahrscheinlich auch recht viele sein. Aber der Rest, der ist hier und blinzelt in die Sonne. Selbst wenn er im Schatten sitzt. Das muss so sein. Wenn man den Frühling Anfang Februar einläutet, dann muss man sich ein bisschen selbst anschwindeln und einreden, dass es auch an der zugigen Ecken schon so warm, wie an den sonnigen und windgeschützten Hauswänden ist. Der durchschnittliche Münchner kann das gut.

Der Nachbarsjung, schiebt die Mütze nach oben, grinst mich an und sagt, dass ich spinne. Ich zucke mit den Schultern, schaue ob mein Schal noch richtig über seinen Schultern liegt und erkundige mich ob die heiße Schokolade und die warme Suppe gut sind. Er nickt und sieht nicht verfroren aus. Ein echter Münchner. Die spinnen alle sagt er und meint die ganze Stadt. Ja, sage ich. Endlich wieder. Pünktlich zum Frühlingsanfang.

Schande hoch 2

Der Mann an sich ist ein wunderbares Wesen. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen, aber alles in allem, sind es doch herrliche Geschöpfe. Ich persönlich bevorzuge jene Exemplare, die deutlich größer als ich sind und gerne auch etwas mehr Kraft als ich selbst besitzen dürfen. Das mag oberflächlich klingen und es wahrscheinlich auch sein, aber ganz ehrlich….andernfalls, kann ich mich auch selbst um die Entsorgung meines Christbaums kümmern. Das ich das kann, steht außer frage und wurde hier in vielen Jahren dokumentiert. Dieses Jahr kann ich es nicht. Mein rechtes Handgelenk ist verknackst, tut weh und der Baum muss weg. Mein Nachbar Paul wird sich darum kümmern. Mein Nachbar Paul ist groß, stark und sehr lieb ist, schrieb ich ihm in einer SMS und erwähnte den Christbaum nicht. Dein Nachbar Paul ist groß, stark, lieb und nicht bescheuert, antwortete er und wusste genau, dass es um das grüne Nadelding geht. Mein Nachbar Paul und ich schreiben uns gerne SMS.

„Dein Nachbar Paul findet es traurig, dass du ihn für so simpel gestrickt hältst.“
„Mein Nachbar Paul sollte wissen, dass ich seine körperlichen Attribute durchaus zu schätzen weiß.“
„Dein Nachbar Paul fragt sich ob sich dieser – grenzwertige – Dialog noch um die Entsorgung des Baumes dreht.“
„Selbstverständlich!“



„Hast du das Ding in den Laubengang geschleppt, damit du mir leid tust?“
„Ja! Funktioniert es?“
„Nein.“
„Mist.“

….
….
„Mitz…im Ernst, was zum Henker machst du da?!?“
„Das kleine Beil von mir ist lose. Ich hab Judiths Hackmesser genommen. Geht fast genauso gut.“



„Scheint nicht zu gehen ;). Lass ihn liegen. Ich hol ihn später ab.“


„Danke. Und sorry – ich bin eine Schande für die Emanzipation!“


„Und ich für die Nachbarschaft 🙂 – siehe Foto.“


Falls Sie sich fragen ob dies das Endstadium der Entsorgung durch Paul war…ja.