Neunuvierzig

Es heißt, sie sind vom Aussterben bedroht. Die Münchner Originale. Wenn man an Rudolph Mosshammer, Karl Valentin und den einen oder anderen berühmt, berüchtigten Wiesnwirt denkt, dann ist das sicher richtig. Der Gedanke an die schwindenen Unikate und ihre deutlich blasseren Nachfolger, stimmt ein wenig traurig und lässt einen fast sentimental auf die vergangenen Jahrzehnte mit all ihren schillernden Persönlichkeiten blicken. Wenn Sie mich fragen, dann ist die Sorge dennoch unbegründet, weil es sie natürlich noch gibt – die Münchner Originale. Jene, die man nicht im Fernsehen sieht, die – etwas moderner – kein Instagram und Twitter haben und all die, denen kaum ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird. Das wirkliche Münchner Original ist unsichtbar und verschwindet solange in der Masse, bis es seinen Auftritt hat. Erst dann breitet der zunächst unscheinbare Paradisvogel seine Schwingen aus, landet – oft unbeabsichtigt – auf der Bühne und kann sich eines aufmerksamen Publikums sicher sein. Geklatscht wird am Ende selten, getratscht schon mehr und geschaut ganz sicher immer. Großes Theater ganz umsonst. Der Spielplan nicht zu erahnen, aber selten enttäuschend. Nur ein wenig Geduld muss man haben und etwas Zeit, die kann man sich bei einem Kaffee und einem Stück Kuchen vertreiben kann.

Freitagnachmittag, kurz vor dem Wochenende sitze ich in einem solchen Münchener Theater, getarnt als Café, und müsste mir die Zeit nicht vertreiben. Meine Unterhaltung sitzt mir gegenüber und gehört zu jenen Menschen, die Fragen stellen, weil sie an der Antwort interessiert sind. Auch das, am Rande, eine vom Aussterben bedrohte Art und daher besonders angenehm. Wir erzählen uns was wir gerade schreiben und ich verstecke mich hinter der für diese Zwecke zu kleinen Kaffeetasse, damit er mir nicht ansieht, dass ich – die eben noch behauptete wahnsinnig gern in den Bergen unterwegs zu sein – nun tatsächlich überlege ob der Watzmann nun in Österreich oder doch noch in Deutschland steht. Zumal ich ihn am Montag erst gesehen habe oder gesehen hätte, wenn die Sicht etwas besser gewesen wäre. Nachfragen verbietet sich und eigentlich ist es auch völlig egal. Mein Vater dem ich später davon erzähle, um mich Rückzuversichern, schüttelt nur traurig den Kopf und droht mit künftiger Missachtung aller meiner Fragen, wenn ich diese eine tatsächlich ernst meinte. In jedem Fall ist er schön und imposant, der Watzmann und natürlich kenne ich das Album von Wolfgang Ambros. Bei dem ich jetzt aber auch nicht wüsste ob der Bayer oder Österreicher ist. Oder war…. Unangenehm, wie wenig ich manchmal weiß, obwohl ich es eigentlich schon weiß und mir nur ein bisschen unsicher bin. Da möcht man sich hinter der Speisekarte verstecken und ist heilfroh, wenn der Fokus plötzlich auf anderen liegt. An diesem Freitag auf der Gitti und der Gaby. Die kenn ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass sie so heißen. Solche Frauen, ein solcher Typ, der heißt vielleicht noch Daggi, aber wahrscheinlich halt doch Gitti und ist ein echtes Münchner Original. Beschreiben ist schwer – leider. Die muss man sehen. Ich versuch es mal.

So eine Gitti und Gaby (zwingend mit y) die sitzen sich am Tisch nicht gegenüber, sondern nebeneinander und müssen unbedingt das ganze Café im Blick haben. Sehen und ein bisschen auch gesehen werden. Das Makeup immer etwas zu stark, ein paar Stufen in den Haaren zu viel und die schwarze Tönung zu schwarz. Gitti und Gaby sehen aus wie Wirtinnen eines Stehausschanks. Wissen Sie wie die aussehen? Wenn nicht, dann wird es schwer zu beschreiben, weil die immer anders, aber halt doch alle gleich aussehen. Gitti und Gaby haben sich am Freitagnachmittag um fünf Uhr eine Flasche Prosecco bestellt. Die steht jetzt geöffnet und leer am Tisch und es geht ans Zahlen. Die Bedienung ist Asiatin, spricht fließend deutsch, hat aber eine charmanten und starken Akzent.

Gitti: Was?!? Neunundvierzig Euro? Ja, spinnst du?
Bedienung: Leicht pikkiert, angesichts des plötzlichen „Du“ (in München in Situationen überraschender Aussagen, völlig normal): Ne, ist der Prosecco.
Gaby: Na, na, na….mir hamma ja extra g´ fragt, was der kostet.
Bedienung: Ja, haben Sie. Und ich habe gesagt Neunuvierzig.
Gitti und Gaby: Ja, genau. Neun vierzig.
Bedienung: Nein. Neunuvierzig.
Gitti: Neun vierzig.
Bedienung: Neunuvierzig.
Gitti: Neun vierzig.
Bedienung: Neunuvierzig.
Gitti: Neun Euro vierzig.
Bedienung, mit leicht schriller Stimmlage: NE! Neunuvierzig. Ganze Flasche und etwas Gutes, gell! Neun Euro vierzig…ne, ne, kein Supermarkt hier. Neunuvierzig!
Gaby: Ja, aber….ah ge, dann müssen´S deutlich sprechen.
Bedienung: Ja, ganz deutlich – Neunuvierzig. Neunuvierzig!!!
Gitti: NeunUNDvierzig heißt das. Des versteht doch keiner….Sie nuscheln und müssen die Aussprache
g´scheit lernen.
Bedienung: ICH SPRECHE SEEEHR DEUTLICH. Neunuvierzig. Ist doch klar, bei einer Flasche….in München.

Gitti und Gaby: ….die ned amoi schmeckt!

Sie hätten es hören müssen und sehen. In einem vergangenen Jahrhundert hätten sich spätestens beim letzten Satz die Adjudanten gerüstet und die Waffen für das unvermeidliche Duell herbei geschafft. So kam leider nur der Geschäftsführer. An meinem Tisch grinsen wir. Lange und breit. Leider wird es keine Zugabe geben und applaudieren dürfen wir auch nicht. Schön war es trotzdem. Zurück zu unserem Gespräch, wo waren wir? Ach ja, meine Erzählungen. Die handeln von…München und den Münchnern. Neunuvierzig zum Beispiel, sage ich und muss nicht mehr erklären.

Wenn Sie Münchner Originale, zu denen im übrigen auch asiatische Bedinungen zählen, sehen wollen, suchen Sie sich ein Café rund ums Sendlinger Tor oder ein Obststandl am Vikualienmarkt, achten Sie auf ein gemischtes Publikum und lehnen Sie sich zurück. Früher oder später fällt dort immer irgendwer aus seiner Rolle.

8 Gedanken zu “Neunuvierzig

  1. Wieder eine sehr schöne Geschichte, liebe Mitzi! 🤩 Die Bedienung hätte “Neinavierzg” sagen sollen. Gaby und Gitti hätten es verstanden, nur der ein oder andere Gast aus Norddeutschland hätte sich gefragt, wie viel denn nun die Flasche kostet. 😄

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