Franziska

Am 31. Dezember wird Franziska 90 Jahre alt. An diesem Tag werde ich ihr, sofern es sein soll, einen Kuchen vorbeibringen und mit ihr gemeinsam ein Gläschen Sekt trinken. 90 Jahre sind ein stolzes Alter und ein Grund zu feiern. Vielleicht werde ich Franziska dieses Jahr Silvester aber auch an einem anderen Ort besuchen müssen. Auch das wäre in Ordnung. Nur nicht mit ihr anzustoßen zu können, das wäre traurig.

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Trampeltier – mittelalt

Ich bin eine mittelalte Frau. Wenn Sie meine Erzählungen und mich schon etwas länger verfolgen und über rudimentäre Kenntnisse der Mathematik verfügen, dann können Sie sich in etwa vorstellen, wie alt ich bin. Nicht alt, aber mit etwas Realismus betrachtet, in der zweiten Lebenshälfte. Das ist okay. Die Alternative wäre, dass ich nicht mehr am Leben bin und das käme mir doch recht ungelegen. Ich hänge nämlich sehr am Leben. Auch an meinem mittelalter Leben. Nur eine Sache, die geht mir wahnsinnig auf die Nerven. Mein mittelalter Körper neigt seit einiger Zeit dazu unkontrolliert zuverfetten. Seine Neigung in kürzester Zeit Fettpölsterchen (alleine schon das Wort…) an den denkbar ungeeigneten Stellen anzulegen, nehme ich meinem Körper wirklich übel. Es ist ja nicht so dass ich kurz nach dem vierzigsten Geburtstag angefangen habe, doppelt so viel zu essen. Ganz im Gegenteil. Ich esse wesentlich kontrollierter (trotzdem natürlich Genuss orientiert, Sie kennen mich) und gesünder. Trotzdem hat mein Körper sich entschieden mir jegliche, minimal über die strenge schlagenden, Exzesse nachzutragen. Das hat er auch früher. Aber da hab ich mich danach drei Tage am Riemen gerissen und hatte danach wieder das auf der Waage, was auch vorher dort stand. Das hat sich im übrigen auch jetzt gar nicht mal so wesentlich geändert, aber diese mir vertrauten Kilos sehen seit einigen Jahren anders aus. Nicht besser, wenn Sie wissen was ich meine. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass ich froh sein soll, dass mich mein Körper gesund ist und mich stabil durchs Leben trägt. Das haben er und ich schon lange ausgehandelt: Ich kümmere mich um ihn und dafür funktioniert er. Nur die Verteilung dieser minimalen kleinen Fettpölsterchen ist eine Unverschämtheit. Weil ich schlau genug bin zu wissen, dass Hungern und Diäten kompletter Schwachsinn sind, haben mein Körper und ich (in erster Linie ich, also der Teil mit dem Verstand) beschlossen, dass wir uns wohl oder übel etwas mehr bewegen müssen. Wir haben jetzt ein paar Monate Diskussionen hinter uns und haben erkannt, dass für unsere Zwecke Yoga und ausgedehnte Spaziergänge alleine nicht mehr ausreichen. Angesichts des nahenden Sommers werden seit einigen Wochen härtere Geschütze aufgefahren.

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Isar?

Isar? schreibt einer, den ich fast schon mein ganzes Leben lang kenne. Unbedingt, antworte ich und schalte die Kaffeemaschiene aus. Wenn man aus einem einzelnen Wort mit Satzzeichen genauso viel Information wie aus einer drei Minuten Sprachnachricht ziehen kann, dann kennt man sich nicht nur lange, sondern auch gut. „Isar?“ ist gleichbedeutend mit: „Meine Neujahrsvorsätze haben auch dieses Jahr nichts gebracht. Ich habe in diesem noch jungen Jahr jeglichen Schrei meines Körpers nach Bewegung so konsequent ignoriert, dass mir mein Rücken jetzt so weh tut, dass ich mich gezwungen sehe, ihm kurzfristig entgegen zu kommen. Alleine habe ich keine Lust und kenne dich gut genug, um zu wissen, dass es dich bei Sonnenschein eh raustreibt. Ich schreibe dir in letzter Zeit so selten, dass ein einziges Wort reichen wird und ich mir sämtliche Floskeln sparen kann, weil du mich sicher gerne sehen willst.“ Aus meinem „Unbedingt“ kann er im Gegenzug herauslesen, dass ich es so schäbig finde mir nur ein Wort und ein Satzzeichen aufs Display zu werfen, dass ich mir das eigentlich angebrachte Satzzeichen in Form eines Ausrufezeichens spare. Wir kennen uns vielleicht ein bisschen zu gut und eine halbe Stunde später, als er vor meiner Türe steht, sage ich ihm, dass wir uns bei noch weniger Worten aufs Gedankenlesen verlegen müssen.

Er sagt ok, und wir gehen an die Isar. Ok ist ein Wort mit nur zwei Buchstaben. Fügt man einem so kurzem Wort für die nächste Viertelstunde kein weiteres hinzu, sollte man sich besser in Gesellschaft einer wirklich guten Freundin befinden, um nicht als mundfaul und verstockt zu gelten. Einer Freundin, die nicht unbedingt Worte braucht, weil der Weg zur Isar auch so genug zu erzählen hat. Wir kommen an der Wohnung vorbei, in der ich aufgewachsen bin und schauen beide automatisch zum Küchenfenster, als würden wir erwarten, dort meine Mutter zu sehen. Erinnern uns wortlos an die Kneipe gegenüber in der wir vor einem halben Leben, im Sommer Eis gekauft haben und wundern uns über einen Zebrastreifen, den es noch nicht gab, als wir todesmutig die große Straße überquerten, die heute eigentlich recht klein und ruhig ist. Erreichen den Park und gehen den kleinen Trampelpfad um den Spielplatz herum um uns zu versichern, dass der kleine Weiher dahinter noch immer da ist. Für so etwas braucht es keine Worte. Wir machen das immer, wenn wir hier sind. Ohne dass es uns sonderlich interessiert, sonder vermutlich nur, weil wir es schon immer so gemacht haben. Alles gut, frage ich ihn und er antwortet mit auf meine Zwei-Wort-Frage mit einem Wort. Selbstverständlich. Also nicht. Wir gehen weiter. An den Tischtennisplatten vorbei. In einem Leben, das schon lange vorbei ist, stellten wir dort fest, dass Tischtennisbälle grüne Flammen schlagen, wenn man sie anzündet. Die Platten sind noch dieselben wie damals.

Auch die Buchen. Warum auch nicht. Buchen bleiben für gewöhnlich dort wo man sie das letzte Mal gesehen hat. Nicht ganz so gewöhnlich ist es, dass man unter ihnen auch dreißig Jahre später noch weiß, welche Sommernachmittage man unter ihnen verbracht hat. Wir setzen uns auf eine Bank in der Sonne. Die Bänke hier haben vielleicht andere Bretter bekommen – aber sie sind noch hier. Genauso wie die Grillplätze. Die Isarbrücken eh und die Kiesel darunter sind genauso warm, wie sie es in der Sonne immer waren. Der Kiosk steht dort wo er schon immer stand und wir setzen uns ans Wasser. Er hat hellbraune Augen und im rechten einen dunkelbraunen Fleck. Schon immer. Ich bitte ihn, nachzusehen ob in meinen Grünen noch der goldene Punkt ist. Er schüttelt den Kopf. Schlammbraun und nicht einer sondern zwei Punkte. Schon immer, sagt er und dass sich für seinen Geschmack gerade zu viele Dinge zu schnell ändern und verschwinden. Diesmal antworte ich mit nur einem Wort: Nein.

Nichts ändert sich. Weder unsere Ein-Wort-Gespräche, wenn es ihm nicht gut geht, noch unser liebster Ort, wenn einem von uns die Worte fehlen. „Isar?“ bedeutet seit über dreißig Jahren nämlich auch, dass gerade alles aus dem Ruder läuft und einer von uns dringend etwas vertrautes braucht.

Frau Wolf zieht ein

Im Schnee liegt zwischen vertrockneten Christbäumen ein Usambaraveilchen. Sie gehören hier nicht hin. Weder die Christbäume noch das lila blühende Veilchen. Die Bäume wurden der Einfachheit halber nicht zur Sammelstelle gebracht, sondern auf die Wiese im Innenhof geworfen. Einer fängt an, ein Zweiter folgt und schon der Dritte vermutet, dass es sich um einen offiziellen Abgabeort handelt. Man kann ihm keinen Vorwurf machen, denkt sich der Vierte, der es besser weiß und seinen Baum deshalb erst im Dunklen auf die Wiese legt. Der Fünfte könnte ich sein, aber mein Baum steht noch auf dem Balkon. Vermutlich bis Mitte März. Bis dahin wird das Usambaraveilchen im Schnee nicht überleben. Bleibt es hier, zwischen den Bäumen, wird es sterben.

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Dezember und Sie ahnen es bestimmt…..

… zum ersten Advent bekommen Sie von mir Schneebilder. Die muss ich posten, da ich ansonsten mit einem Schneeliebe etwas alleine dastehe.

Ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, erkundigt sich meine Kollegin, als ich ihr am Freitag im Büro mitteile, dass es von mir aus jetzt gerne bis Mitte Januar durchschneien könne. Ich antworte nicht, da mir völlig klar ist, dass eine solche Menge an Schnee für sie bzw. ihr Auto, mehr als lästig ist. Da ich aber kein Auto besitze und die Erfahrung zeigt, dass so viel Schnee nicht zu erwarten ist, erlaube ich mir weiter ein bisschen zu träumen.

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Wunsch mit Schleife

Niemand der bei Verstand ist, schenkt sich heutzutage noch etwas zu Weihnachten, erklärt mir eine Bekannt und schüttelt beim Anblick des Regals meines Arbeitszimmers fassungslos den Kopf. Für wen um Gotteswillen soll das alles bitte sein, fragt sie und ich unterdrücke den Impuls ihr auf die Finger zu klopfen, als sie etwas unverpacktes in die Hand nehmen und näher betrachten möchte. Ebenfalls unterdrücke ich das Verlangen, ihr die Hand auf die Schulter zu legen und sie einfach aus dem Raum zu schieben. Stattdessen erkläre ich peinlich berührt, dass all das materielle natürlich nicht Zeit, Zuneigung und Emotionen ersetzt und nur ein kleines Extra sind. Extras die nur so viel wirken, weil ich einem mir sehr am Herzen liegenden Ehepaar (meinen Eltern) einen Adventskalender mit nun mal 24 Päckchen schenke und eine große Familie habe. Ich erkläre mit vor der Brust verschränkten Armen, dass ich es durchaus genauso sehe, dass man nur wenige gute Freunde hat und Freundschaften nicht durch Pakete am Leben gehalten werden. Versuche zu erklären, dass mich noch junge Kinder umgeben und ich denen eine Freude machen möchte und bekomme einen Vortrag, letztendlich nur dem Konsumwahnsinn zu erliegen und zu den bemitleidenswerten Menschen zu gehören, die in der Adventszeit hektisch durch die Fußgängerzonen hasten und das eigentlich besinnliche der Weihnachtszeit dabei völlig aus den Augen zu verlieren.

Ich gebe zu ein Idiot zu sein. Wir lachen über den nicht lustigen Witz und verabschieden uns, nicht ohne, dass sie mir ans Herz legt mich etwas mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren.

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Steckerlfisch für Herrn Mu

Meangs a Guat´l, fragt Herr Mu und hält mir ein zerknautschtes, hosentaschenwarmes Bonbon unter die Nase. Weil er sitzt und ich stehe, muss er sich dafür etwas strecken. Seltsam sieht er aus, wie er da auf der Bank des Bushaltestellenhäuschens sitzt und sich nach oben reckt. Ich weiche zurück. Nicht vor Herrn Mu und auch nicht vor dem Bonbon, aber mich meinem eigenen Alter beugend. Seit etwa zwei Monaten kann ich nichts mehr lesen, was man mir direkt unter die Augen hält und ich möchte vor der Annahme des Guat´l, dem bayerischen Wort für Bonbon, sicher gehen, dass es keines von Ricola ist. Die mag ich nicht. Das in Herrn Mu´s Hand schon – Ingwer-Zitrone, die sind gut. Ich nehme es und sehe meinen Nachbarn eine Weile überrascht, sprachlos und erleichtert zugleich an. Als das Bonbon halb gelutscht ist, setzte ich mich neben ihn und stupse seine Schulter mit der meinen an. Er schmunzelt und stupst zurück. Hast gmoand, dass i g´storm bi, ha? fragt er mich und ich bin uncharmant ehrlich und nicke. Herr Mu war so viele Monate nicht mehr an der Bushaltestelle, dass ich tatsächlich schon geglaubt habe, dass er gestroben ist. Er schüttelt den Kopf. Noch nicht, er hätt noch etwas Zeit. Ich aber nicht, vermutet er und merkt an, dass das Wetter schön ist und ich es ausnutzen soll. Er und ich, wir würden uns jetzt wieder öfter sehen. Der Bus kommt und ich steige ein. Herr Mu winkt mir und ist wahrscheinlich erleichtert, meiner Rührung und meinen feuchten Augen zu entkommen.

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Der Grantler schmunzelt gnädig

Einer der schönsten Gerüche: Holz. Das schönste Licht in einem Raum: Sonne, die durch große Fenster scheint. Beides traf gestern zu und eigentlich hätte der schlaksige, grantige Mann mit dem wirren Haar, alleine schon deshalb lächeln müssen. Tat er nicht. Er macht es nie, wenn ich mit dem Schlüssel in der Hand den langgezogenen Raum im Erdgeschoss seines Geburtshauses betrete. Egal wie fein die Holzdielen duften, egal wie herrlich sich die Frühlingssonne, in der Holzvitrine spiegel…er bleibt grantig und schaut missmutig auf die, die da reinkommen und sich zwischen seinen Fotos und Zitaten an der Wand treffen. Mittlerweile geht mir ein Lächeln von ihm nicht mehr ab. Der Valentin grantelt und ich lächele. Wegen der Sonne, wegen dem Holzgeruch und vor allem, weil ich endlich wieder einmal hier in der Au sein darf. Es wäre mir wurscht gewesen ob ich oder ein anderer liest, aber ehrlich gesagt ist es schon besonder schön, dass ich es sein darf und dass der Robert vom Münchner Theater Südsehen dabei ist. Den mag ich mindestens genauso gern wie Holz und Sonne. Ob er sich über diesen Vergleich (ohne weitere Erklärung) freuen würde weiß ich nicht. Sicher aber ist, dass er sich über das Publikum genauso freut wie ich.

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Eine weniger…

Mein Nachbar, der alte Herr Meier, steht am Gehsteig und schaut. Schaute, als ich zum Einkaufen ging und schaute, als ich eine halbe Stunde später wieder zurück kam. Weil er traurig schaut, stelle ich mich neben ihn und schaue auch ein bisschen. Einen, wie den Meier, darf man nicht fragen ob er traurig ist. Dann würde er doch nur sagen, dass es kein Wunder ist, dass der Wirt schließen muss. Mit so viel gutem Essen auf der Karte und so wenig essenden Gästen, kann eine Kneipe in Giesing nicht funktionieren. Oder doch, das kann sie natürlich schon, nur die Kneipe, die sich in unserem Haus befindet, die wird so nicht funktionieren. Egal welcher Wirt sie betreibt, die Kundschaft ist die gleiche und die isst nun mal nicht jeden Abend außer Haus, findet sich aber gerne jeden Abend auf ein Bier ein.

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Von Stiften, dem Kugeln und Hund

Ich krame, sage ich einem der mich eben anrief und sich erkundigte, was ich gerade mache. Kramen ist ein seltsames Wort. K R A M E N…kennt man es überhaupt oder ist es eines jener Worte, das ich nutze, sonst aber kaum jemand? Google kennt es und erklärt: „In einer Ansammlung mehr oder weniger ungeordneter Dinge herumwühle“. Das trifft es ganz gut, unterschlägt aber die große Freude mit der man in seinen eigenen Dingen, die man kennen sollte, doch immer wieder auf so altes stößt, das man einen Weile nachdenken muss, bevor einem einfällt woher man es hat.

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