Nachverhandelt U-Bahn Gedanken

Da sind zwei, die schauen sich vorsichtig an, weil sie etwas hatten, das sie jetzt nicht mehr haben und noch nicht so recht wissen, was sie jetzt haben. Die Beziehung wollten sie beide nicht mehr und doch ist da immer eine leichte Melancholie, wenn sie sich sehen. Es war ja schön, das was sie hatten, nur eben schon so lange und so gewohnt, dass man sich nicht mehr sicher sein konnte, ob es nicht doch nur noch eine gute Freundschaft war. Wohl nicht, denn jetzt sitzen sie sich gegenüber und verstehen nicht recht,  warum es auf einmal so schwer geworden ist, ungezwungen miteinander zu sprechen. Begreifen nicht, warum sie die Worte des anderen auf die Goldwaage legen und etwas vermissen, das sie doch selbst ohne großen Schmerz aufgegeben haben. Freundschaft ist jetzt kein Zustand, sondern das ist das Ziel und deswegen sitzen sie sich jetzt tapfer in der U-Bahn gegenüber und tun so, als wäre da nie etwas anderes als eben diese Freundschaft gewesen. Sie wollen so tun und sie müssen es auch, denn neben ihm sitzt bereits eine neue Freundin die ihn fragend ansieht. Weiterlesen →

Ein Rätsel U-Bahn Gedanken

Ich komme gerade vom Kurs. Gewaltfreie Kommunikation. Sagt die, die mir beim Hinsetzen ihren Rucksack ins Gesicht rammt.  

Da lernt man Rücksicht, berichtet sie in ihr Handy. Gegenüber anderen und gegen sich selbst. Vor allem letzteres vermute ich, weil sie sich schräg auf den Sitz fallen lässt, ohne den schweren Rucksack abzunehmen. Zwei Drittel der Sitzbank nimmt sie ein und presst ihr knochiges Knie gegen meinen Oberschenkel.

Ich rutsche ein Stück, weil ich Berührungen von Fremden nicht mag und überlasse ihr drei Viertel der Bank. Dankbar und ohne jede Rücksicht, beansprucht sie den gewonnen Platz und referiert telefonierend über die fehlende Rücksicht in Großstädten. Weiterlesen →

Randnotiz #3

Ich war gerade volljährig geworden und arbeitete in einer Bank. An diesem letzten Oktobertag fielen bereits die ersten Schneeflocken. Kalter Wind und rutschiges Laub waren nichts für den wackligen, über achtzigjährigen Kunden, den ich gerade bediente.

Ob er wirklich unbedingt morgen, an Allerheiligen, auf das Grab seiner Frau müsse, fragte ich ihn und deutete auf den Stock, der nur notdürftig für einen sicheren Schritt sorgte. Er lächelte und nickte. Freilich, sagte er. Stell dir vor, sie (seine Frau) sitzt da oben, wartet und keiner kommt.

Ich habe den Satz nie vergessen. Allerheiligen (und immer wenn mir dieser Satz durch den Kopf schießt) muss ich an das Grab meiner Großeltern, meiner Urgroßeltern und meiner Großtante Mitzi. Ich weiß nicht ob ich daran glaube, aber…stell dir vor, sie sitzen da oben, warten und keiner kommt. Ich muss hin. Ich will hin. Ich bin gerne dort.

12 Monate Rosen und Schornsteine – Oktober

Die Beschriftung ist falsch, denke ich als ich fröstelnd im Rosengarten stehe und das Bild für den heutigen Beitrag knipse. Es ist kein Oktoberbild. Heute am 29. Oktober ist der goldene Oktober, den ich in seiner Herrlichkeit und mit seiner Wärme so genossen habe, längst vorbei. Heute ist bereits ein Novembertag, so wie Ende September bereits ein herbstlicher Oktobertag gewesen ist. Das heutige Foto schwindelt. Vielleicht, weil es von gestern ist und es den kurzen Moment zeigt, an dem die Sonne hinter den schweren Wolken zu erahnen ist und sich der kalte, zischende Wind für einen Moment gelegt hat. Die Detailaufnahmen zeigen einzelne tapfere Rosen, die sich mit kräftigen Farben gegen ihr Ende zu wehren scheinen.
Es ist zu spät. Die Pracht des Herbstes ist vorbei. Nur noch wenig Bäume brennen im Sonnenlicht farbenfroh und der trostloseste Monat des Jahres steht bevor. Ein Zwischenmonat, dem die bunte Schönheit des Oktobers fehlt und der die heimelige Ruhe des Dezembers noch nicht erreicht hat. An fast allen seiner dreißig Tage, mag ich diesen Zwischenmonat. Warme Heizungsluft, eine Kanne Tee und tief unter einem Berg von Decken vergraben stundenlanges Lesen, während draußen der Sturm tobt. Schön. Heute ist ein Zwischentag. Noch kann ich den November nicht genießen. Heute an diesem Tag, der kein Oktober- und noch kein Novembertag ist, macht er mich unruhig und bedrückt mich. Weiterlesen →

Erste Nacht

Schon den ganzen Tag über wird in unserem Haus gewütet. Türen knallen scheppernd ins Schloss, Möbel werden knirschend über das Laminat geschoben und Fenster nicht geschlossen, sondern mit solcher Wucht zugeworfen, dass es ein Wunder ist, dass die Scheiben noch im Rahmen sind. Ein Wunder, das Frau Obst von unserem Laubengang aus beobachtet. Jetzt werden die Balkonmöbel nach innen getragen. Nein, sie werden geworfen. Gerade fliegt ein Sonnenschirm durch die Türe in das Wohnzimmer. Mit vor der Brust verschränkten Armen und aufeinander gepressten Lippen steht sie fröstelnd im Freien und beobachtet das Treiben im Hinterhaus. Es muss sie einiges an Selbstbeherrschung kosten, nicht quer über den Hof zu brüllen, dass die Mittagsruhe längst begonnen hat und der Lärm auch sonst jenseits des zu ertragen Pegels ist. Fünf Minuten hält sie es aus. Dann postiert sie sich vor dem Haus, um wenigstens den Briefträger zurechtzuweisen, der die Post seit einigen Wochen nicht ordentlich genug in die Kästen stopft. Weiterlesen →

Randnotiz – kurzer Sturm, dann Stille

Bei Christophrox, Sie wissen schon…den,  dessen Seite und den ich mag…schrieb ich unter seinen Artikel „Blame it on the Weatherman“ dass es ja fast schon schick sei, dieser Tage ein Selfie mit trauriger Schnute und dem Hashtag #metoo in die sozialen Medien zu werfen.

Es ist eine Frechheit so etwas zu schreiben. Das weiß ich. Ich weiß es, weil ich eine Frau bin. Und weil ich eine Frau bin, weiß ich auch, dass fast jede von uns diesen Hashtag posten könnte.  Oft wegen Banalitäten, die einen so banal sie sein mögen trotzdem wütend und nach Luft schnappend zurück lassen. Manchmal wegen Unverschämtheiten, die keine Lappalien sondern anmaßende Grenzüberschreitungen oder gedankenlose Dummheit sind. Und seltener aber viel zu oft wegen dem Unaussprechbaren, das manche von uns für den Rest ihres Lebens mit sich rumschleppen. Ein Hashtag reicht nicht.

Ich schrieb ihm unter seinen Artikel weiter, dass eine jede brüllen sollte. Treten und um sich schlagen. Nicht in einer kurzen Hashtag-Welle sondern immer dann, wenn es vorkommt. Dann würde der kurze Sturm zu einem eisigen Wind werden, der manchem Arschloch unangenehm ins Gesicht bläst. 

Manche können es nicht. Aber all die, die fassungslos vor Wut nach Luft schnappen, die können brüllen und aufschreien. Der Hashtag ist gut. Aber er reicht nicht. Nicht wenn nach dem Sturm wieder die Stille kommt. Brüllen Sie meine Damen (und Herren), brüllen Sie im echten Leben gegen diese Übergriffe an. Laut genug, damit es auch für jene reicht, denen die Stimme versagt.

 

Gefunden Sätze #43

Anfang des Jahres war ich im Krankenhaus und vermutete, dass meine Energie für schwierige und sperrige Bücher nicht reichen würde. Es sollte etwas leichtes und zugleich spannendes sein. Ein Band mit Kurzgeschichten von Stephen King waren perfekt. Ich liebe den ganz besonderen Horrer dieses Mannes seit ich mit neun den Friedhof der Kuscheltiere und ES gelesen habe. Beides sollte mein Vater Probelesen, bevor meine Mutter es für mich frei geben würde. Ich weiß bis heute nicht ob er die Bücher je gelesen hat. Aber ich weiß, dass ich sie vor ihm ausgelesen habe – heimlich am Nachmittag wenn er in der Arbeit war. Ich hüllte die dicken Bücher in den Einband der „Roten Zora“ und versank für Stunden darin. Die Kuscheltiere fand ich langweilig, aber ES und der Clown Pennywise verstörte mich nachhaltig.
Erinnern Sie sich an das Aufkommen der Horroclowns letztes Jahr? Eine Handvoll Irrer, die Menschen erschreckten und in selten Fällen verletzten. Wäre mir ein solcher begegnet dann hätte es zwei Möglichkeiten gegeben. Entweder wäre ich vor Panik starr stehen geblieben und an einem Herzschlag gestorben oder ich hätte den Clown platt gemacht. Wäre ich vor Angst nicht gestorben, dann wäre ich diesem Idioten ins Gesicht gesprungen und hätte ihn so vermöbelt, dass er nie wieder jemanden erschreckt. Sie müssen wissen, ich hasse Clowns. Für mich sind sie nicht lustig sondern der personifizierte Horror – Stephen King sei dank.

In der Einleitung seiner Kurzgeschichten fand ich die heutigen „Gefundenen Sätze“. Sie beinhalten die schönste Beschreibung dieser Gattung, die mir bisher über den Weg gelaufen ist.

„Zu einem Roman hat man eine Beziehung und ist über Wochen mit ihm verheiratet.
Eine Kurzgeschichte ist etwas ganz anderes – eine Kurzgeschichte ist wie ein rascher Kuss von einem Fremden in der Dunkelheit. Das ist selbstverständlich nicht dasselbe wie eine Beziehung oder eine Ehe, aber Küsse können süß sein und gerade ihre Kürze macht ihren Reiz aus.“

Danke, Mr. King. Für jeden einzelnen Kuss unter dem schrecklichen Neonlicht im Klinkzimmer.

Eine Leiche im Hinterhaus

Mit unserem Haus ist es ein wenig so wie mit Italien. Oder um die Himmelsrichtungen korrekt wieder zu geben, unser Haus ist wie Deutschland kurz nach der Wende. Es gibt den Osten, das Vorderhaus, und den Westen, das Hinterhaus. Man kennt sich, man mag sich, aber für die Probleme des anderen fühlt man sich nicht unbedingt zuständig. So ignoriere ich seit Wochen die immer dringlichen Hilferufe einer mir unbekannten Dame aus dem Hinterhaus. Dank der vielen Zettel im Aufzug bin ich bestens darüber informiert, dass einer aus dem zweiten Stock  in seinem Badezimmer Tauben füttert. Aber ganz ehrlich….es ist mir egal. Das spielt sich im Hinterhaus ab und ich wohne im Vorderhaus. Den Westen unseres Hauses betrete ich nur, wenn ich muss.  Heute musste ich. In meinem Flur liegt seit Tagen ein Paket für meinen Nachbarn Paul und ich ahne, dass sich der DHL Bote die Benachrichtigungskarte wieder einmal gespart hat. Mit dem Paket unter dem Arm betrete ich das Hinterhaus und fühle mich darin bestätigt, dass der vordere Teil doch viel schöner ist. Das sehen die meisten aus dem Vorderhaus so und deshalb wundert es mich, direkt neben Pauls Wohnung eine buntgemischte Ansammlung aus beiden Teilen des Hauses anzutreffen. Herr Meier steht in der Mitte und ich sehe meine direkte Nachbarin Judith fragend an. Die haben eine Leiche, informiert sie mich. Ich verschiebe die Paketabgabe und bleibe neugierig stehen. Weiterlesen →

Randnotiz Restauranttoiletten

Am Rande, ärgern Sie sich auch über die Toiletten in Restaurants? 

Manche gleichen Wohnzimmern. Sie sind fast schon gemütlich und so schlecht beleuchtet, dass es unmöglich ist, sich die Petersilie zwischen den Schneidezähnen rauszupfriemeln. 

Schlimmer sind aber die, die gut beleuchtet sind. Eben noch saß man bei Kerzenlicht vor einem Rotweinglas und lächelte sein Gegenüber verführerisch an. Weil man wollte und vor allem weil man es konnte. Man war verführerisch. Hat es genau im Spiegelbild der Weinflasche gesehen. Rosige Wangen, lange seidige Wimpern und ein feiner Glanz in den strahlenden Augen. Auch im Löffel des Gegenübers sah man sich glänzen. 

Wie eine Speckschwarte glänzt man, bemerkt man Stunden später auf der Toilette unter grellem Neonlicht. Oktoberblasse Haut und rosig sind nicht die Wangen sondern die Zähne. Vom Rotwein. 

Restaurants mit Kerzen am Tisch, haben auf der Toilette doch bitte ein eben solches Licht bereit zu stellen. Stumpenkerzen zum Beispiel. Gerade so viele, dass man die Petersilie noch entdeckt, sich den Rest aber schön reden kann.  

Gestern grüßt Sie Mitzi, auf einer Restauranttoilette tippend. 

Ich gehe nicht zurück. Wenn ich schon mitgenommen aussehe, wie mag dann er erst bei Tageslicht aussehen. 

Iljana, es brennt

„Iljana, komm raus“, fordert der alte Säufer mit rauer, noch nachtschwerer Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe des vietnamesischen Schönheitssalons schüttelt lächelnd den Kopf. Sie kennt den Alten seit bald einem Jahr und hat sich daran gewöhnt, dass er morgens vor dem Laden sitzt und nach ihr ruft. Er ist eine treue Seele. Und wie man die meisten treuen Seelen gern hat, so mag man auch ihn. Man hat sich an seine kratzige Stimme und seinen schwankenden Schritt gewöhnt. Nach den ersten Schlucken aus der kleinen Jägermeisterflasche geht er gerader und man versteht ihn besser. Die meisten. Iljana nicht. Sie spricht noch immer kaum Deutsch, braucht es aber auch nicht.

Letztes Jahr stand Iliana an der Kasse des vietnamesischen Backshops. Seit er schließen musste arbeitet sie im vietnamesischen Schönheitssalon. Iljana ist eine treue Seele. Ihr ist es egal, ob sie Semmeln abkassiert, oder Geld für frisch manikürte Fingernägel in die Kasse wirft. Ihre Arbeitgeber versteht sie noch schlechter als den Säufer, weil der ihr wenigstens nur einzelne Worte um die Ohren haut. Der vietnamesische Singsang dagegen gleicht einem nicht zu verstehenden Gemurmel. Auch für mich.

„Iljana“, schreit der Alte, „es brennt!“ Solange es draußen brennt, ist es nicht ihr Problem, sagt Iljana – glaube ich – und füllt meinen Becher mit heißer Milch. Weil die Kaffeemaschine aus dem Backshop noch nicht abgebaut ist, gibt es im Schönheitssalon morgens warme Getränke zu erwerben. Warum auch nicht. Der Säufer hat sich selbst etwas mitgebracht und öffnet im Türrahmen stehend den zweiten Jägermeister. Ich stell mich mit meinem Kaffee neben ihn und trinke draußen, weil es drinnen nicht mehr nach Gebäck sondern nach Lacken riecht. Seine Fingernägel sind gepflegter als meine. Es wundert mich, das einer, der so riecht, so schöne, alte Finger hat.

„Schau, Iljana“, sagt er und meint mich. Ihm ist es egal,mit wem er spricht. So egal, wie ihm der Laden ist, vor dem er sitz. „Schau, Iljana, es brennt. So schön brennt es.“ Ich nicke und rufe nach Iljana. Auf der anderen Straßenseite steht eine Pappel. Ihre gelben Blätter brennen im Sonnenlicht des Herbstmorgens. Der Baum ist wunderschön. Zu schön um ihn nicht anzusehen.