Digitaler Idiot

Als ich meinem Vater vor einigen Jahren mein altes Smartphone vererbte, wusste ich, dass mir keine Gefahr droht. Mein Vater ist pensionierter Schlosser, in vielen Dingen versiert, das Internet und seine vielfältigen Möglichkeiten aber, würde er ignorieren. Ich wusste, dass er in erster Linie an der Kamerafunktion, dem Kompass und der integrierte Taschenlampe interessiert war. Das Telefon würde er natürlich bedienen können und SMS und WhatsApp Nachrichten zumindest erhalten und auch lesen. Mehr aber auch nicht. Als das alte erste alte iPhone das ich im vermacht hatte seinen Geist aufgab, schenke ich ihm deshalb sehr gerne das Nachfolger Modell, weil er Spaß damit hatte und ich ihm bei den wenigen Funktionen die er nutzte gut helfen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte meine Mutter behauptet, dass sie ein Smartphone wieder brauchen noch nutzen würde. Das Telefon meines Vaters überzeugte sie vom Gegenteil und schnell beschäftigte sie sich gerne und viel damit. Es war klar, dass ich nun auch ihr ein iPhone zum Geburtstag schenken würde. Auch wenn sie es nicht zugab, ich wusste dass ich damit eine Freude machen würde. Der Sinn eines Geschenkes und der Beginn meiner Karriere als digitaler Idiot. Meiner Karriere, nicht der meiner Eltern. Die werden langsam zu Experten.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich mich hinter einer Handvoll technisch versierter Freunde verstecken. WLAN funktioniert nicht? Ich lade XY zum Essen ein und während ich koche, kümmert er sich darum. Drucker geht nicht? XY.2.0 macht das während ich ihm die Texte für seine Homepage schreibe. Neuer Rechner? Kauft mir XY2.1 weil er weiß was ich will und brache. Ich selbst lasse die Finger davon. Meistens. Die Domain für meine Homepage habe ich selbst gekauft. Während des Wartens an der Supermarktkasse. In erster Linie nicht um meinen Lesern die Werbung zu ersparen, sondern aus versehen. Ich wollte nur mal schauen, was es so gibt und plötzlich hatte ich eine. Und glauben Sie mir ich habe bis heute keine Ahnung wann und wo ich die 96 € die es im Jahr oder vielleicht doch nur einmalig kosten soll überwiesen habe. Ich bin überzeugt davon dass ich es nicht getan habe, ahne aber dass ich es getan haben muss. Ich nutze die Cloud Funktion zur Übertragung meiner Fotos vom iPhone auf das iPad und umgekehrt und auf den Rechner von dem aus ich sie auf einer externen Festplatte sichere. Wenn mich jemand fragt ob ich diese Funktion jemals aktiviert habe, schüttle ich den Kopf. Denn das habe ich nicht. Es hat nur plötzlich irgendwann funktioniert. An manchen Tagen funktioniert es nicht. An diesen Tagen speichere ich meine Fotos nicht auf einer externen Festplatte. Ich suche auch gar nicht erst nach dem Grund warum es nicht funktionieren könnte, weil ich aus Erfahrung weiß dass ich ihn nicht finden werde. Irgendwann nach irgend einem Update wird es wieder funktionieren. Das hat es bisher immer.

Ich bekomme Schweißausbrüche wenn bei meiner Mutter etwas nicht funktioniert. Ist es ein Fehler den ich bei mir bereits einmal bewusst und nicht zufällig lösen konnte, dann helfe ich ihr sehr gerne. Ist das etwas neues dann öffne ich den Systemordner, schäme mich angesichts der hoffnungsvollen Blicke über meiner Schulter und weiß genau dass ich absolut keine Ahnung habe wonach ich suchen könnte. Meine Mutter glaubt noch immer, dass ich ihr helfen kann. Da wo sie hofft, habe ich längst Gewissheit. Ich kann es nicht. Bald wird auch sie das wissen. Und nach ihr mein Vater. Vor kurzem hat er sich die erste App installiert und das Profilbild unserer WhatsApp Familien Gruppe geändert. Noch behauptet er, es war Zufall. Aber ich ahne, dass er aufholt und genau wie meine Mutter wird er mich bald überholen, da mein Wissen dank der Hilfe von XY stagniert. Wie übrigens das Wissen einer ganzen Generation, die sich bequem darauf ausruht, dass der Nachwuchs oder das andere Geschlecht bei Problemen technischer Art einspringen werden. 

Man sagt das sich Sandwichkinder, die weder die jüngsten noch die ältesten sind, in einer schwierigen Lage befinden. Das ist mir egal, denn ich bin kein Sandwich Kind. Ich bin ein digitales Sandwich und glauben Sie mir das ist um einiges schlimmer. Ich kann mir weder auf die Schulter klopfen wenn ich im Rentenalter ein IT Problem löse oder kann um Hilfe bitten, weil das in meinem Alter völlig normal und selbstverständlich ist. Noch bin ich ein digtal native, der sich selbst helfen kann. Ich bin ein digitaler Vollidiot und befinde mich damit in guter Gesellschaft. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Noch spricht mein Vater davon, dass sein neues Auto eine Steckdose für sein iPhone hat. Ich muss herausfinden, wie das mit dem Freisprechen im Auto funktioniert, bevor ihm meine Mutter die richtige Bezeichnung nennt und die beiden selbst in den nächsten Elektromarkt marschieren und sich das nötige Equipment besorgen. Wenn es um das pure Telefonieren geht, liege ich wissenstechnisch nämlich vorne. Noch.

32 Gedanken zu “Digitaler Idiot

  1. Ich kann eine ganze Menge auf meinem Notebook. Problem: ich weiß nicht, wie das heißt, was ich tue, und so kann ich niemanden fragen, wenn ich nicht weiterkomme. Das einzige, was ich sagen kann: Funktioniert nicht! Und so stümpere ich tagelang, bis z.B. die Maus wieder tut, was ich sage. All die User-Foren sind an mich verschwendet, weil ich die Erklärungen nicht kapiere.

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  2. Liebe Mitzi Irsaj,
    der Beitrag hat unser Frühstück sehr vergnüglich bereichert! Ich kann gerade mal so Sachen, die versehentlich automatisch passieren, oder wo der Stecker nicht richtig drin ist, aber mein Mann, der Andererleuts Mr. XY ist, verzweifelt selbst zunehmend an MEINEM Laptop, Cloud-Funktionen und neuen Begrifflichkeiten. Herzlichen Dank!
    Die Hummel

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  3. Was du so amusant schilderst, liebe Mitzi, ist auch bei mir Alltag. Ich gehöre zu der Generation, „die sich bequem darauf ausruht, dass der Nachwuchs oder das andere Geschlecht bei Problemen technischer Art einspringen werden.“ „Das andere Geschlecht“ stimmt hier auch, denn ich habe mindestens zwei Frauen gut gekannt, die versierter waren und mir geholfen haben, eine sogar in CSS-Programmierung meines Twoday-Blogs. Wenn ich bei Computerproblemen meine Söhne nicht erreichen kann, komme ich meistens sogar selbst zurecht, was zeigt, dass es tatsächlich um Bequemlichkeit geht, um mangelnde Hinwendung, fehlendes Interesse. Andererseits ist das Digitale manchmal grundlos nervig. So hat sich jetzt die Sparkasse für das Online-Banking ein völlig neues Layout machen lassen, dass ich anrufen musste, um zu erfragen, wo ich denn jetzt meine Indentifikationsnummer eingeben muss. Es ist das Feld „Name.“ So kann mans den Nutzern grundlos schwer machen, auch wenn in der Software nach einem Update Funktionen woanders zu finden sind und auch noch neu benannt sind. Die Überdimensionierung von Soft- und Hardware ist ein weiteres Problem. Mein Smartphone kann wesentlich mehr als ich benötige. In letzter Zeit nervt es mich, ich solle es mit meiner Stimme entsperren, weil Google offenbar die Stimmmuster der Nutzer speichern will. Fazit: Digital geht alles schneller, es dauert nur länger, und ich verstehe jeden, dem das zu blöd ist.

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    1. Lieber Jules, die Probleme nach Updates kenne ich auch. Da sitzt man dann vor dem Rechner und zweifelt an sich selbst, weil man anscheinend zu doof ist das richtige Eingabefeld zu finden. Wir werden uns wohl auch künftig damit herumschlagen müssen. Oder eben auch nicht. Dann nicht, wenn wir jemanden haben, der Freude an dem ganzen Zeug hat und uns ab und an weiter hilft. In deinem Beispiel allerdings bleibt wohl nur der Griff zum Telefon. Wie dämlich ist es eine Nummer als Name zu bezeichnen? Sehr ;).

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  4. Liebe Mitzi,
    digital, analog und alles was dazwischen liegt, oder Probleme bereiten kann, ist ja nur eine Übergangsphase. Wenn diese ganzen Gerätschaften in einem Chip vereint und im Menschen implantiert sind, müssen wir nur hin und wieder unseren Akku aufladen, oder acht geben, dass das Solarpanel nicht von der Mütze verdeckt wird.
    Alles wird gut! 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Hihi. Lieber Heinrich, ich hoffe es dauert noch eine Weile bis es soweit ist. Ein wenig gruselig ist die Vorstellung schon.
      Andererseits…Mütze auf und man kann für eine Weile herrlich Abschalten. Auch nicht schlecht.
      Herzliche Grüße

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  5. Da hat ja mein Sohn total richtig reagiert: Wenn ich ihn wegen irgendwelcher Probleme mit dem Smartphone ansprach, meinte er, dass ich das wunderbar allein lösen kann und hat mir bestenfalls noch kleine Tipps gegeben. – Und inzwischen muss ich ihn nur noch selten anrufen.

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  6. „Ich suche auch gar nicht erst nach dem Grund warum es nicht funktionieren könnte, weil ich aus Erfahrung weiß dass ich ihn nicht finden werde. Irgendwann nach irgend einem Update wird es wieder funktionieren.“ HAHAHA, ja, das ist die erfahrung der digitalen sandwichs! nur, dass sich unsere eltern damit so ungern abfinden, weil sie denken, der fehler muss doch gefunden werden können – und mein kind, die eierlegende wollmilchsau, die kann das bestimmt 😉

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  7. Ich denke spätestens, wenn die „Nestlinge“ endgültig ausgeflogen sind stehen die Lieben Eltern vor einem Problem. Denn die Nestlinge haben keine Call Center Ausbildung genoßen und ich habe absolut keine Ahnung wie ich völlig natürliche Vorgänge erklären soll 😉 Ich denke deshalb sterben solche Hotlines wohl nie aus. YouTube ist größtenteils immer noch Neuland, wobei man bei der Startseite auch vermuten kann, dass wir anstatt Menschen uns einer Horde tollwütiger Schimpansen gegenüber sehen.

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      1. Glaub mir, dass Funktioniert nicht mehr nach Suchwörtern. Es gibt mittlerweile einen neuen Algorhythmus der nach triggernden Wörtern in Videos sucht und ganz viel anderem Technikkram. Dabei kommt dann nun ja, das Endergebnis heraus. Schade eig. denn es gibt jede Menge junger Menschen/ Künstler, die dadurch nie wirklich bekannt werden…. 😦

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