Jeden Tag schön hässlich

In meinem Wohnzimmer beginnt die blaue Stunde, der kurze Moment zwischen dem Untergehen der Sonne und dem Einbruch der Nacht, mit einem letzten Aufbäumen goldenen Lichts. Die letzten Sonnstrahlen leuchten über die Hausdächer genau in mein Küchenfenster. Sie tauchen meine hässlichen beigen Hängeschränke in ein strahlendes und funkelndes Licht. Als man irgendwann in den achtziger Jahren die Küche einbaute, hielt man noch nichts von Hochglanz-Flächen. Meine Schränke verzeihen Fingertappser und ihre raue Fläche ist nicht kaputt zu bekommen. Robust und praktisch musste es damals sein. Hässlich beschreiben es nachfolgende Generationen. Weiterlesen

Zu laut

Das Reden fiel mir schon immer leicht. Auch geschwiegen und zugehört habe ich oft und gerne. Dann zu schweigen, wenn es viel zu sagen gibt, habe ich erst mit ihm gelernt. Still zu sein, wenn mein Kopf explodieren, war seine Art den unablässigen Gedankenstrom zu lenken ohne ihn zu beeinflussen. Anfangs hielt ich ihn für arrogant und unsensibel, wenn er mitten im Gespräch verstummte und unseren Dialog zu einem Monolog verkümmern lies. Er lies mich reden, aber es machte mich wahnsinnig, gegen eine Wand anzureden, die mich ansah und zuhörte, aber nicht reagierte, bis er mich bat still zu sein. Erst wenn ich verstummt und wir schweigend neben einander lagen, begann er irgendwann wieder zu sprechen. Stellte Fragen und stellte in Frage. Manchmal erst am nächsten Morgen. Meistens früher, weil er wusste, dass ich darauf wartete. Ein Kompromiss, weil mich sein Schweigen und ihn mein Reden verrückt machten. Ich habe die Stille nur schwer ausgehalten. Er wusstest es, nahm im Verstummen meine Hand  und hat sie gegen seine Lippen gedrückt. Sein Daumen strich über die Innenseite meines Handgelenks und ich wurde ruhiger. Die Intimität dieser beider Gesten beruhigte mich mehr, als jedes gesprochene Wort es gekonnt hätte. Irgendwann begann ich auf den Moment zu warten. Mit meinem Reden und Erklären drehten wir uns im Kreis und ich sehnte den Augenblick herbei, in dem er zu sprechen aufhörte, damit auch ich still sein konnte.

Er ist der Einzige, von dem ich mir den Mund verbieten lasse. Manchmal rufe ich ihn an, rede schnell und atemlos, bis er mich überfordert und einen Hauch genervt bittet, einen Moment still zu sein. Dann höre ich, wie er eine Zigarette raucht und manchmal auch nur das Klicken der Warnblinkanlage, wenn er gerade im Auto sitzt. Rauche manchmal selbst eine, werde ruhig und rede dann über das Wetter, bis er mich fragt was eigentlich wirklich los ist. Nichts, sage ich, es war mir nur gerade alles zu laut.

 

 

 

ENDE 2015

Ohne Happy End geht’s nicht. Flüstert er leise, während er auf meiner Bettkante sitzt und lächelt. Ich nicke und beobachte, wie der Rauch seiner Zigarette langsam zur Decke aufsteigt. Würde er wirklich auf der Bettkannte neben mir sitzen, hätte ich ihn längst gebeten die Zigarette draußen auf dem Balkon zu rauchen. Menschen die nicht real sind, dürfen auch im Schlafzimmer rauchen. Seltsamerweise riecht der nicht existente Rauch genauso wie der echte. Weiterlesen

Nicht erinnern

Früher glaubte ich, dass meine Erinnerungen nur mir gehören. Ich alleine könne bestimmen welche Erlebnisse in den Schubladen meines Gedächtnisses aufbewahrt werden und nur ich würde entscheiden, wann darin gewühlt werden darf. Heute weiß ich, dass das Öffnen einer Penatencreme-Dose reicht, um hilflos von Erinnerungen überflutet zu werden. Ich weiß auch, dass man stundenlang ertrinken und dabei weiter atmen kann. Man kann bis ganz auf den Grund der Schublade sinken, sich im Seegras vergessener Gefühle verstricken und erst durch das Klingeln des Telefons wieder auftauchen. Es ist ganz einfach. Und ganz grässlich. Weiterlesen

Achtung, heulende Frau

Es ist ganz still um mich herum. An die Alltagsgeräusche, die aus den anderen Wohnungen und von der Straße bis zu mir klingen, habe ich mich längst so gewöhnt, dass ich sie kaum noch als Geräusche wahrnehme. Es still, aber viel zu laut. Noch in Mantel und Stiefel laufe ich ins Wohnzimmer, knipse im vorbei gehen das Licht an und lasse mich mit Schal und Mütze auf das Sofa fallen. Meine Finger sind noch viel zu kalt um den Stift anständig zu führen und doch schreibe ich sofort los. Es ist still hier auf meinem Sofa und um mich herum. In meinem Kopf ist es nicht still. Er explodiert und etwas brüllt mich an. Etwas, dass ich eben aus dem Lift mit hier rein geschleppt habe und das nicht hier sein sollte. Weiterlesen

Ich bin ich! Bin ich Ich? Was weiß denn ich!

Mira Lobe schrieb 1972 das Kinderbuch „Das kleine Ich bin ich“. Kennen Sie es? Nein? Das ist schade. Als ich klein war, wuchsen wir mit der Geschichte des kleinen bunten Tierchens auf. Es wollte in keine Gattung so recht passen und fragte sich traurig, wer oder was es denn eigentlich sei. Das Tierchen war glücklich, bis es eines Tages gefragt wurde, wer es denn sei. Weiterlesen

Kopfstürme

Eine strahlende Sonne passt am besten zu mir, sagt einer meiner Freunde und ich lächle über das schöne Kompliment. Ich lächle bis er mich nicht mehr ansieht und ich nicht mehr lächeln muss. Das erloschene Lächeln juckt  in meinen Mundwinkeln und ich schließe die Augen, weil ich lieber an dein Lächeln als an mein eigenes denken möchte. Es gelingt mir nicht. Vielleicht weil du so selten gelächelt hast. Weiterlesen

Ein Schrank in einer Hütte im Wald

Mein Großvater sagte einmal, dass die meisten Menschen zu dumm seien um sich vor den richtigen Dingen zu fürchten. Ihre Furcht sei zu oft unbegründet und fremdgesteuert. Trauen könne man nur der Angst die urplötzlich im Magen zu pochen beginnt und an unsere Instinkte appelliert. Er war kein belesener Mann, mein Großvater. Ihm fehlte die Zeit für Bücher. 1914 geboren gab es in seinem Leben keinen Raum dafür. Weiterlesen

Eine Hütte im Wald

Wenn ich die Herbstsonne vor meinem Fenster auch um neun Uhr noch aussperre und ein Tag auf dem Sofa eine wenig verlockende Vorstellung ist, dann bin ich krank. Dann mag ich keine Bücher, keinen Radio und keine Ablenkung. Dann will ich nur schlafen. Kann ich es nicht, rolle ich mich wie ein kleines trotziges Kind ein und warte schmollend bis es besser wird. Am besten lässt man mich dann in Ruhe. Krank und nicht zu gleich ungeduldig und missmutig sein, kann ich nur an einem Ort. Einer kleinen Hütte in den Bergen. Weiterlesen

Anna Blume

„Ich liebe dich.“ Drei Worte und meistens ein Satzzeichen. Ein kleiner, schüchterner oder auch wild entschlossener Punkt; ein lautes, polterndes Ausrufezeichen oder das unscheinbare Komma, das hinter diesen Worten selten etwas Gutes einleitet. Ich mag den Punkt am liebsten. Ich liebe Dich. Punkt. Ende (oder Anfang). Eine Tatsache, die nicht erklärt werden muss. Ich habe Lieblingssätze. Ich liebe dich, gehört nicht dazu. Weiterlesen