Zu laut

Das Reden fiel mir schon immer leicht. Auch geschwiegen und zugehört habe ich oft und gerne. Dann zu schweigen, wenn es viel zu sagen gibt, habe ich erst mit ihm gelernt. Still zu sein, wenn mein Kopf explodieren, war seine Art den unablässigen Gedankenstrom zu lenken ohne ihn zu beeinflussen. Anfangs hielt ich ihn für arrogant und unsensibel, wenn er mitten im Gespräch verstummte und unseren Dialog zu einem Monolog verkümmern lies. Er lies mich reden, aber es machte mich wahnsinnig, gegen eine Wand anzureden, die mich ansah und zuhörte, aber nicht reagierte, bis er mich bat still zu sein. Erst wenn ich verstummt und wir schweigend neben einander lagen, begann er irgendwann wieder zu sprechen. Stellte Fragen und stellte in Frage. Manchmal erst am nächsten Morgen. Meistens früher, weil er wusste, dass ich darauf wartete. Ein Kompromiss, weil mich sein Schweigen und ihn mein Reden verrückt machten. Ich habe die Stille nur schwer ausgehalten. Er wusstest es, nahm im Verstummen meine Hand  und hat sie gegen seine Lippen gedrückt. Sein Daumen strich über die Innenseite meines Handgelenks und ich wurde ruhiger. Die Intimität dieser beider Gesten beruhigte mich mehr, als jedes gesprochene Wort es gekonnt hätte. Irgendwann begann ich auf den Moment zu warten. Mit meinem Reden und Erklären drehten wir uns im Kreis und ich sehnte den Augenblick herbei, in dem er zu sprechen aufhörte, damit auch ich still sein konnte.

Er ist der Einzige, von dem ich mir den Mund verbieten lasse. Manchmal rufe ich ihn an, rede schnell und atemlos, bis er mich überfordert und einen Hauch genervt bittet, einen Moment still zu sein. Dann höre ich, wie er eine Zigarette raucht und manchmal auch nur das Klicken der Warnblinkanlage, wenn er gerade im Auto sitzt. Rauche manchmal selbst eine, werde ruhig und rede dann über das Wetter, bis er mich fragt was eigentlich wirklich los ist. Nichts, sage ich, es war mir nur gerade alles zu laut.

 

 

 

25 Gedanken zu “Zu laut

  1. Schweigen können, das war auch noch nie meine Stärke. Es gab wohl auch keinen Partner, der die Gesten und die Kunst des Wartens auf den richtigen Moment beherrschte. Wunderschön wenn man so jemanden an seiner Seite hat.
    Nur zur Zeit, da schweige ich bei meinem Partner, aber es ist kein beruhigendes Schweigen, sondern ein endgültiges und hartes.

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  2. Ich bin eher andersherum als du…
    soll heißen: ich bin eher still, verbal,
    (hasse z.B. telefonieren wie die Pest!)

    Manchmal kann ich aber auch reden
    (beruflich MUSS ich ja viel reden),
    ein gutes Mix ist wichtig, finde ich…

    wie immer schön geschrieben,
    liebe Mitzi, beeindruckend,
    und das mit der „Wand“ hat mich
    erinnert an das hier von mir:

    https://finbarsgift.wordpress.com/2013/01/24/knochenharte-wand/

    Hab einen schönen Tag,
    liebe Winterregensturmgrüße
    vom Lu Finbar

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    1. Ein nachdenklich stimmender, harter (in Wort und Inhalt) Text, Lu. Danke für den Link. Er hallte heute lange nach. Die Kommentare dazu streifen eines meiner Lieblingsbücher von Maren Haushofer in Erinnerung gerufen. Ich mag die Mischung auch am liebsten. Reden, aber ab und an auch mal still sein.
      Liebe und sonnige (jetzt nicht mehr) Grüße

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  3. Liebe Mitzi,
    vorerst geschafft, der eigene Text ist eigentlich fertig, lasse ihn aber noch ein paar Tage „abhängen“, vielleicht wird die eine oder andere Formulierung verändert, etwas hinzugefügt, anderes gelöscht.
    Lautes, leises, vorwurfsvolles Schweigen, lautes, leises, vorwurfsvolles, eindringliches Reden, kennt jeder.
    Und jeder, der reden muss/will, um Erlebtes, beklemmendes, empörendes, nettes, schönes, wichtiges, triviales auch selbst verarbeiten zu können und den/die Andere(n) daran teilhaben lassen möchte/will/muss, kann ein plötzliches, dauerhaftes Schweigen seines Gegenübers durchaus als beklemmend empfinden. Vielleicht sogar als Nichtbeachtung auslegen.
    Selbstzweifel mögen hinzu kommen, ist das Gesagte uninteressant, zu trivial, nichtig, unbedeutend, weil den/die ZuhörerIn ganz andere Dinge gerade umtreiben?
    Passierte mir früher viel oft, dann habe ich mich dazu angehalten, weniger zu reden, vor allem, nicht sofort zu reden, auch und gerade, wenn mir etwas als sehr dringlich erschien. Schweigen habe ich mir ebenfalls antrainiert, erst zu verarbeiten, dann zu reden oder zu antworten, allerdings nicht erst Stunden später.
    Sohnemann kann das auch sehr gut, das Schweigen, sein Zuhören gestalten, bei dem ich denke, ich erreiche ihn gar nicht. Später, oftmals viel später wird das Thema dann von ihm wieder angesprochen, wobei ich mich erst wieder erinnern muss, was „Ambach“ war.
    Sohnemann kann auch sehr gut das Wort: „Papa…“ unterschiedlich betonen, ähnlich dem: „Bitte…“ eines Dir gut bekannten Menschen, vor allem bei einen Monolog, der von mir ursprünglich als Dialog angedacht war.
    An den Stellen deines früheren Textes hatte ich gelacht, sehr laut und ausgiebig. Sohnemann guckte da auch sehr irritiert auf und tat mit einem „Papa…“ seine Missbilligung kund, was wiederum noch mehr Lachen hervorrief.
    Mein gelegentliches Schreiben hilft mir, Formulierungen, die ich sofort bei einer gesprochen Antwort gewählt hätte, zu revidieren, zu überdenken.
    Ich habe immer noch oft, bei vielen Gelegenheiten allzu schnell den Mund auf, „kriege dann doch noch die Kurve“, weil die Futterklappe wieder zugeht, ohne das etwas gesagt wurde, für das ich mich auch noch eventuell entschuldigen müsste.
    Und so habe ich bei Dir wieder lachende, lächelnde und nachdenkliche Minuten verbringen dürfen.
    Michael

    Gefällt 1 Person

    1. Einen Text abhängen zu lassen – die Formulierung gefällt mir. Ich kann es leider gar nicht. Auch wenn unsere Themen anders angesiedelt sind und die meinen leichter von der Hand gehen, würde es mir auch nicht schaden mal zu warten.
      Ähnlich dem Schweigen. Da geht es mir wie dir. Es ist zum einen klüger, nicht alles sofort zu sagen und zum anderen wird das Fundament eines Gedanken auch ausgereifter oder fester wenn man ihn mal stehen lässt. Hier schreibe ich eigentlich zu schnell. Neben der Arbeit fehlt mir so viel an Zeit, die ich mir manchmal gönnen möchte. Dabei drängt mich gar niemand. Momentan habe ich das Gefühl, dass ich einfach aus dem Bauch raus schreiben will und das auch alles gleich „raushauen“ möchte.
      Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Monaten noch entwickeln wird. Es ist noch immer ein kleines Experiment.
      Die unterschiedlichen Betonungen eines „Papas“ kann ich mir gut vorstellen. Kinder sind noch um einiges besser darin, ein einzelnes Wort in die Länge zu ziehen oder ihm herrlich Nachdruck zu verleihen.
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

  4. Du hast ein großes Talent. Das Talent so wunderbar zu schreiben! Du fesselst deine Leser, im besonderen mich, schon mit den ersten Zeilen und ich könnte ein ganzes Buch lesen! Toll das du mich gefunden hast und ich somit dich. Danke.
    Liebste Grüße
    Jacki

    Gefällt 1 Person

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