Ein Schrank in einer Hütte im Wald

Mein Großvater sagte einmal, dass die meisten Menschen zu dumm seien um sich vor den richtigen Dingen zu fürchten. Ihre Furcht sei zu oft unbegründet und fremdgesteuert. Trauen könne man nur der Angst die urplötzlich im Magen zu pochen beginnt und an unsere Instinkte appelliert. Er war kein belesener Mann, mein Großvater. Ihm fehlte die Zeit für Bücher. 1914 geboren gab es in seinem Leben keinen Raum dafür. Krieg, Flucht, Flüchtlingslager und wohl auch die zwei Frauen in seinem Leben die – nicht nacheinander sondern sich überschneidend –  für reichlich Konfliktpotential gesorgt haben. Aber er war ein kluger Mann, der gerne und viel nachdachte. Während meine Großmutter Geschichten erzählte, warf er mir nur  ab und an einen Brocken seiner Gedanken zu. Erklärt hat er sie mir nie. Er starb als ich zwölf und zu jung zum nachfragen war. Dass mich ein paar seiner Gedankenbrocken noch heute zum Nachdenken anregen, würde ich ihm nur allzu gerne sagen.

Laut Wikipedia ist Furcht  das Gefühl einer konkret fassbaren Bedrohung, rational begründbar und wirklichkeitsgerecht. Angst dagegen abstrakt und unbestimmt. Wenn ich lese, wovor die Menschen sich heute fürchten und was sie für eine reale Bedrohung halten, neige ich dazu meinem Großvater Recht zu geben.
In Gedanken bin ich auch heute noch auf meiner kleinen Hütte im Wald. Fürchten muss man sich dort eigentlich nur davor, dass man eines Nachts im Sturm tatsächlich von einem Baum erschlagen wird. Oder vor dem Abhang hinter dem Haus. Beides hat mir nie Furcht eingejagt. Wobei es zumindest der Abhang tun sollte, denn es geht tatsächlich etwa zehn Meter senkrecht nach unten. Ich habe es mir angesehen. Bin durch das Gestrüpp geklettert und hab ehrfurchtsvoll mit der Zunge geschnalzt. Da hatten sie recht, meine Eltern. Man kann sich hier gut das Genick brechen. Wenn man denn so dumm ist und es sich aus der Nähe ansieht. Aber man kann es ja vermeiden. Die Dummheit. Nicht vermeiden kann ich es, abends die Treppe nach oben, zu den Betten zu steigen. Denn obwohl die Hütte für mich der Inbegriff der Geborgenheit ist, gibt es einen Ort dort, den ich meide. Es ist keine Furcht, nicht rational und schon gar nicht wirklichkeitsgerecht. Es ist etwas das mir ganz schlicht Angst macht und schon immer gemacht hat. Egal ob ich acht, achtzehn oder achtunddreißig Jahre alt bin… der Schrank am Ende der Treppe macht mir Angst. Ein kleiner, grüner eingebauter Holzschrank, dessen Türen ich noch nie berührt oder geöffnet habe. Ich sehe ihn, wenn ich die Stufen nach oben steige und starre deswegen meistens stur nach unten auf den Boden. Nachts mache ich kein Licht, nur um ihn nicht sehen zu müssen. Was darin ist? Uralte Bettwäsche, die niemand mehr benutzt. Hat man mir gesagt. Ich kann ihn nicht öffnen um nachzusehen. Damit wir uns richtig verstehen – ich kann es nicht. Wenn ich es versuche, beginnt man Herz wild zu schlagen und alles in mir verkrampft sich. In all den Jahren habe ich nie jemanden diesen Schrank öffnen gesehen. Er ist immer zu. Und das ist gut so.

Der Mann, der mir die Geschichte von diesem Schrank erzählte, hieß Fritz. Damals Onkel Fritz, später nur noch Fritz. Der älteste Freund meines Vaters und begnadeter Geschichten-Erzähler. Schauermärchen und Hütten auf Waldlichtungen sind ein gutes Gespann. Als Kinder haben wir die Geschichten von Fritz geliebt. Die, von dem Mann, der durch den Wald streift und seinen Kopf sucht. Auch die von dem armen Tropf, der seine Leber verloren hat und sie noch immer in Vollmondnächten im Schuppen neben dem Haus sucht. Immer hatten sie etwas verloren, die armen Seelen. Angst oder Furcht hatten wir keine. Im Gegenteil. Wir liefen in der Dämmerung durch den Wald beim Haus und erschreckten uns gegenseitig. Oder wir losten aus, wer in der Dunkelheit in den Schuppen gehen musste um nach der verlorenen Leber zu suchen. Wohlige Schauer, aber keine Angst. Nur eine Geschichte war anders. Jene, die vom grünen Schrank am Treppenabsatz handelte. Es war nicht einmal eine Geschichte. Nur ein paar geflüsterte Worte. Noch nie hätte jemand die Türen des Schrankes geöffnet. Als wir eine gruselige Erzählung erwarteten, schüttelte Fritz nur den Kopf. Es sei keine Geschichte und er wisse nicht, was genau im Schrank verborgen sei. Aber es sei so schlimm, dass man keine Worte dafür findet. Keines von uns Kindern hat den Schrank je geöffnet und wir haben nie darüber gesprochen. Ich verabscheue diesen Schrank noch heute. Er macht mir Angst.

Nur mit einem würde es ich es wagen, die Türen zu öffnen. Ich möchte meinen Großvater bitten, dass er mich an die Hand nimmt und mit mir nach oben geht. Nur er dürfte neben mir stehen, wenn ich die Türen öffne und erkenne, dass es sich bei meiner Angst letztendlich doch nur um eine unbegründete Furcht handelt. Dann würde ich mich mit ihm auf die Stufen setzen. Und endlich würde ich ihn fragen können, warum er oft so böse wurde, wenn meine Großmutter mir Geschichten von ihrer Flucht und dem Krieg erzählte. Und spät abends vor dem Ofen sitzend würde ich wissen warum er damals, hinter der Zeitung verborgen, geweint hat. Ich würde verstehen, was ich als kleines Mädchen nicht verstand. Damals als ich ihn  umarmte und in sein Ohr flüsterte, dass ich ganz sicher sei, dass er sich im Krieg vor nichts und niemanden gefürchtet und sich schützend vor jeden gestellt hat. Vielleicht hätten wir die Schranktüren gemeinsam öffnen können.

22 Gedanken zu “Ein Schrank in einer Hütte im Wald

  1. Wie ein kleiner Schrank zum Mysterium werden kann, hast du hier wunderschön erzählt, liebe Mitzi, wobei ich deine gezielte Typografie nicht übersehe. Wo es allgemein über Furcht geht, flattert der Text, in der konkreten Erzählung hat er Blocksatz. Manche glauben ja, das Gruselige ließe sich nur durch die genaue Beschreibung von Scheußlichkeiten erzielen, aber du zeigst hier, dass ein nie geöffnetes Schränkchen gruseliger ist, weil es die Phantasie beflügelt. Sehr gefält mir auch der Kontrast zwischen der heimeligen Hütte und dem unheimlichen Schrank, weil hier das Unwägbare in den vertrauten Bereich ragt und das Romantisch-Verklärende kunstvoll bricht. Ich habe ja schon einige Texte von dir gelobt, aber der scheint mir der beste zu sein.

    Lieben Gruß!

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    1. Ich danke dir von Herzen.
      Es ist eine Berreicherung, dich in die Berge oder (wenn auch ein wenig widerwillig) in den Kiehl’s Store mitnehmen zu dürfen. Das andernorts erwähnte Risiko, durch dein Lob möglicherweise auch Druck aufzubauen, nehme ich gerne in Kauf. Es ermuntert mich, mir Mühe zu geben. Um dich und einige andere weiter mit zu nehmen. Nicht mehr zu Kiehl’s. Ich verspreche es.
      Und ein bisschen schäme ich mich gerade. Die gezielte Typografie entstammt meiner Schludrigkeit. Was mir erst auffällt, nachdem du es erwähnt hast, ist reiner Zufall. Ich lasse es, denn deine Interpretation gefällt mir recht gut.
      Liebe Grüße

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  2. mich hat am meisten angesprochen, dass auch ich die Chance vertan habe in meinem jugendlichen Leichtsinn, meinen Grosseltern mehr zuzuhören. Und die Chance ist für immer vertan. Mich hat die Geschichte traurig gemacht. Aber sie war wunderbar geschrieben. Ich hätte aus lauter Neugier den Schrank eh geöffnet 😉

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      1. ach was, ich finde es wunderbar, dass Du Erinnerungen weckst. Es war ja damals mein Fehler.
        Und falls Du jemanden zum Öffnen brauchst, ich mache das 😉 Liebe Grüße, Ann

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  3. Jetzt hast Du uns aber wirklich neugierig gemacht. Wie gerne würde ich diesen Schrank öffnen! Durch Deine raffinierten Erzählstil schaffst Du es immer wieder, den Leser in den Bann Deiner Geschichten zu ziehen! Wahrscheinlich wären wir aber alle bitter enttäuscht, wenn Du tatsächlich hineinsehen würdest und es wäre tatsächlich „nur“ alte Bettwäsche darinnen… Liebe Grüße, Nessy

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  4. Meine Großmutter hatte ein kleines Nachttischschränkchen, das durften wir auch nie öffnen. Als sie verstarb übergab es mir mein Papa. Er roch immer noch ganz speziell nach alter Medizin und mir fiel sofort ein, wie er mich damals faszinierte und immer neugierig gemacht hat.

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  5. Erinnerungsreich hast Du das geschrieben aus Deinem Leben und sicherlich alles noch einmal Revue passieren lassen.. Das ist so schön beschrieben das sich beim lesen meine eigenen Erinnerungen hervortun. Sie vermischen sich ein wenig mit den Deinen, obwohl wir uns nicht kennen oder das selbe erlebt hätten.Desweiteren bin ich etwas verwundert über die vielen Jahre die diese Schranktüren stramm beieinanderstanden.Sie nicht zu öffnen hast Du Dir auferlegt und die Verbindung an Onkel Fritz´s Geschichten schwingt sofort herein wenn Du diesen Schrank siehst. Aber der Tag wird kommen und die Türen werden offen sein. Du wirst so oder so bestimmt sehr überrascht sein.Und wir hoffentlich auch.Danke für Deine gut beschriebene Erinnerung..

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    1. Es freut mich, wenn sich unsere Erinnerungen beim lesen vermischen.
      Einen rationalen Grund, diese Türen nicht zu öffnen gibt es nicht wirklich. Vielleicht weiß ich eigentlich, dass nichts wirkliche interessantes dort drin ist und ich will mir den Grusel bewahren und stellvertretend anderes dort einzusperren.
      Ich lasse es dich wissen, wenn die Neugier siegt. 🙂

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  6. dazu fällt mir „großvater“ von s.t.s. ein. ja, das vergessene nachfragen. meine oma starb, als ich 19 war und ich hatte bis zum schluss verdrängt, dass irgendwann keine zeit mehr sein würde, sie zu fragen.

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