Ein Pfirsich für Annette

„Schreib weiter.“ Steht in ihrer SMS und ich sehe das Ausrufezeichen dort, wo der Punkt  am Ende des Satzes steht. Ein Fragezeichen wäre angebracht gewesen. Und überhaupt eine Frage und nicht eine Aufforderung. Mein Einwand, dass ich die letzten beide Tage schon etwas geschrieben habe, wird mit einem „Na und? Schreib weiter!“ weggewischt. Sie musste es genauso wenig tippen, wie ich meinen Einwand anbringen musste. Ungeschrieben und ungesagt, hängt es in der Luft und hat seinen Weg zum Empfänger gefunden. Unverschämt ist diese Aufforderung und ich möchte motzen, dass es ganz so einfach ja nun doch nicht ist. (Obwohl es das eigentlich doch ist) Ein bisschen denken muss ich dabei schon. (Nicht unbedingt) Und einfallen muss mir schließlich auch etwas. (Pah! Immer fällt mir am Ende etwas ein)  Zeit habe ich auch keine. (Das allerdings stimmt) Ich stehe im Kaufhaus zwischen Kaschmirjacken, die ich mir nicht leisten kann und Bergen von Sockenpaaren, die ich brauche, aber nicht will. Denn Kühlschrank muss ich auch noch füllen.

Minuten später hängt ein hübsches schwarzes Kleid, das ich weder brauchte noch suchte, über meinem Arm und ich stehe an der Kasse. Das Kleid ist so schön, wie ihre Nachricht am gestrigen Abend. „Bitte bleibe morgen auch noch zu Hause und schreib weiter diese wunderbaren Texte!“ Wie bezaubernd dieses Ausrufezeichen doch ist. Sie bittet mich um das, was ich am liebsten mache. Und ich? Ich zerlege das Kompliment bis es keines mehr ist. Wie unhöflich ich doch bin. Ich bezahle noch schnell, meine liebe Annette und dann laufe ich nach Hause und schreibe dir deinen Text. Er kann nur von dir handeln. Und von der unfassbaren Dummheit mit der wir Frauen auf Komplimente reagieren. Er wird ein wenig holpern. Denn während ich über den Marienplatz renne, kommen mir Gedanken, die mir gerade noch sehr passend erscheinen, geschrieben aber seltsam anmuten werden. Heute soll es mir egal sein. Es ist ja dein Text und er darf so holprig und sprunghaft sein, wie unsere Gespräche morgens an der Kaffeemaschine. Die genießen wir schließlich auch.

In der U-Bahn sitzend dachte ich darüber nach, dass man uns fast täglich Komplimente macht. Man hält sie uns hin, wie einen perfekten Pfirsich. Wir müssen ihn nur nehmen und uns bedanken. Bedanken, reinbeißen und uns freuen. Selbst wenn er ein wenig zu süßlich ist, wird er schmecken. Machen wir aber nicht. Wir lassen ihn von einer Hand in die Andere gleiten, drücken und zupfen so lange an ihm herum. Bis er matschig und nicht mehr besonders ansehnlich ist. Wie dumm! Wir sagen ein solider Apfel wäre uns lieber gewesen. Lass uns Pfirsiche essen, Annette. So gierig, als es gäbe es bald keine mehr.

Ich werfe dir einen zu. Einen Pfirsich. Ein Kompliment. Ach, nicht eines – duzende. Dir fantastischen Frau, die in den morgendlichen Kaffeeminuten zu meinem lebenden Tagebuch geworden ist. Sämtliche Höflichkeitsfloskeln haben wir längst über Bord geworfen und grunzen uns täglich um 07:45 Uhr nur ein kurzes „Kaffee!“ zu. Ich höre deine Absätze über den Teppich stampfen und frage mich ein ums andere Mal, wie ein so zierliches Persönchen so laut trampeln kann. Der Klang deiner Schritte entspricht deinem Wesen. Vorwärts! Es muss gemacht werden. Alles. Der Job, das Leben und all die Herausforderungen die es mit sich bringt. Ob er bricht, der Absatz, ist dir egal. Du rappelst dich schon wieder nach oben. Nicht weil es leicht ist, sondern weil du musst und willst. Wie sehr ich deinen Elan bewundere und wie sehr ich mich freue, dass du mich hinter das laute Trampeln blicken lässt. Dort wo es stiller ist. Die Stellen, die wir streifen wenn wir leise reden, während der Milchschaum in unsere Gläser läuft. Oft lache ich mit dir vor dieser Kaffeemaschine während ich eigentlich weine. Du spürst es immer.  Wir sind verschieden und gleichen uns am Ende doch so sehr. Vielleicht stellst du mir deshalb immer hellsichtig die Fragen, auf die ich noch keine Antwort habe. Mach es weiter, es zwingt mich darüber nachzudenken.

Ich mag es nicht, wie du mit Komplimenten umgehst. Du bist ein fantastisches Wesen und ein wundervolles Weib! Rotblonde Haare, Sommersprossen (Still, jetzt! Sie sind herrlich!) so filigran und so viel Energie. Und schön! Ja, du bist eine der schönsten Frauen die ich kenne! Wenn man es dir aber sagt, dann versaust du es ein ums andere Mal. Hier, in dem Text für dich, musst du es hinnehmen. Mach mit diesem Pfirsich was du willst. Lass ihn dir auf der Zunge zergehen. Schlag die Zähne ins saftige Fleisch oder schleck dir die Finger ab. Mir egal. Aber wenn du ihn ausspuckst….es täte mir leid.

Und damit es dir leichter fällt, ihn zu schlucken gebe ich dir mit auf den Weg, dass ich gerade mit dem Gedanken spiele den Beitrag mit „Der rothaarige Trampel“ zu betiteln.

Bis Montag. Zum Kaffee. Ich zieh das Kleid an.

16 Gedanken zu “Ein Pfirsich für Annette

  1. „Annette“ hat Wohlklang für mich, denn so hieß meine Jugendliebe. Diese besondere Annette unterstützt dich in deinem Schreiben? Das weist sie selbst als besondere Frau aus und wird ja auch von dir bestätigt. Zwei Sachen sind mir aufgefallen: 1. Nebenher bestätigst du, was ich schon mal vermutet habe, dass alle Münchner und Münchnerinnen einmal täglich über den Marienplatz laufen müssen, 2. die Sache mit den lauten Schritten. Darüber habe ich heute nämlich nachgedacht: Es gibt hinsichtlich des Auftretens zwei Sorten Menschen, Hackenläufer und Ballenläufer bzw. Spitzentänzer. Alle Frauen, die ich je gekannt habe, waren Hackenläufer, und je mehr Gewicht sie auf die Fersen verlagern, desto lauter gehen sie, unabhängig vom Körpergewicht. Ballenläufer sehe ich täglich beim Mittagstisch, eine Verkäuferin, einen Verkäufer im Biosupermarkt, wo ich esse. Ihr Gang wirkt irgendwie unintelligent, wenn sie bei jedem Schritt nach oben wippen wie zu schnell gewachsene Kinder, die noch nichts wissen von der Erdenschwere. Deshalb glaube nicht, dass „trampeln“ das rechte Wort ist für tatkräftiges und festes Auftreten. Ich habe gerade keinen Pfirsich zur Hand, liebe Mitzi. Würdest du auch einen prächtig roten Apfel als Zeichen meiner Wertschätzung nehmen? Ich hätte auch eine Apfelsine, aber die wollte ich eigentlich auspressen. Schreib nur einfach drauf los, es kommt immer was Lesenswertes dabei raus, was man von meinem Kommentar jetzt nicht sagen kann. Eigentlich wollte ich dich nämlich nur loben und dir sagen, das mein Herz jedesmal ein bisschen hüpft, wenn ein neuer Text von dir in meinem Reader erscheint.

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  2. Das Untergeschoss des Marienplatzes ist seit dem Umbau zu etwas grausamen mutiert. Wir Münchner Frauen rennen nun unter grellem orangerotem Licht unter dem Platz durch und gleichen dabei Hühnern unter einer Wärmelampe. Auf den Hacken natürlich. Alles andere sollte Tänzerinnen vorbehalten sein.
    Annette war eine der ersten, der ich von diesem Blog erzählt habe. Zuvor habe ich längere Texte geschrieben und diese nur in einem kleinen geschlossen Forum online gestellt. Es waren immer die gleichen etwa zwanzig Personen darin. Irgendwann wollte ich raus aus der kleinen, gemütlichen Ecke. Und jetzt bin ich hier. Bekomme einen prächtigen Apfel und genieße es in den Kommentaren und Texten anderer neue Denkanstöße zu bekommen und kleine Gespräche zu führen.
    Ich danke dir für diesen herrlichen Apfel, lieber Jules.

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  3. wenn Annette einen Pfirsich bekommt, was bekommen dann wir 😉

    Ich stimme Jules zu, ich freue mich auch auf Deine Texte und geniesse sie, auch wenn mir nicht immer etwas Intelligentes dazu einfällt.(s.o.)

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    1. Ich bitte weiterhin um Kommentare aus dem Bauch raus. 😉
      Noch immer im Büro sitzend kann ich kein Obst anbieten. Aber ich teile gerne meine Paprika mit dir und abseits der Vitamine hätte ich noch: „Mensch, was freu ich mich über die vielen Kommentare von, Ann. Da weiß ich, warum ich hier schreibe und nicht in´s Tagebuch.“

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      1. 😉 danke….einen Teil der Paprika Ganz lieben Dank,nehme ich gern, irgendwie teilen wir hier ja die ganze Zeit 😉
        Es war nur witzig gemeint 😉 und übrigens wäre es schade, wenn ich nie die Möglichkeit bekäme, Deine Texte zu lesen!

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  4. Diesen Text finde ich wie all deine Texte super, wunderschön … ach ich weiß nicht, so etwas schreibe ich doch immer. Ich will mir neue Worte für deine Geschichten einfallen lassen. Du schreibst … sprudelnd, wie ein Fluss, berauschend wie ein Glas Wein, bunt wie eine Blumenwiese im Sommer, duftend wie Nelken und Vergissmeinnicht, wehmütig wie ein Liebesfilm ohne Happy End, warm wie eine Kuscheldecke, zart und schillernd wie Perlmutt und das Schönste, du schreibst!
    Außerdem regst du mit deinen Beiträgen wirklich zum Nachdenken an. Ich habe gerade darüber nachgedacht, warum wir Erwachsenen es uns eigentlich so schwer machen Komplimente anzunehmen, einfach so, wie sie sind, reinsetzen und wohlfühlen, wie in eine heiße Wanne an einem kalten Wintertag. Wir brauchen sie doch so dringend, zum Aufmuntern und Mut machen, zum Wachsen und breitere Schultern bekommen, aber ach was schreibe ich da, das wissen wir doch alle selbst, und dennoch wollen wir sie nicht annehmen diese wunderbare aromatische Frucht.
    Wow! So einen langen Kommentar, habe glaube ich, noch nie geschrieben, da siehst du mal was alles passiert wen man deine Texte liest. 😉

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    1. Viele, vielen, lieben Dank!
      Das schreibe ich immer und es wird den fantastischen Kommentaren so gar nicht gerecht.
      Ich bin überwältigt über diese Resonanz und freue mich wie ein kleines Kind.
      Mit Pfirsich und Apfel im der Hand oder in einer heißen Wanne liegend und glücklich lächelnd.
      Deine Zeilen sind wunderschön. Ich freue mich, dass sie hier stehen!

      Am Rande…ich finde das Kommentieren viel schwerer als das schreiben. 😉

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  5. Oh ja, das hat mir sehr gefallen zu lesen.Ich hatte dadurch die Erinnerung an „meine „Annette“.Sie ist 20 Jahre jünger als ich.Blond und schlank und hat einen eleganten Geschmack.Ich lernte sie kennen durch meine Nachbarin.Annette hatte eine Persianerjäckchen oder gar einen Paletot von der Oma und den hätte sie gerne umgearbeitet. Ob ich denn bereit wäre.Als gelernte Kürschnerin war mir das möglich.Es wurde eine Weste und eine Jacke und ein Schiffchen–so ein Käppi wie es Karsai trug.Aber als ich Annette das erste mal sah-war ich so verzaubert,ich kann das garnicht verstehen ,,na ja nicht so recht. Habe ich etwa eine lesbische Ader—vielleicht ja–aber nur eine ,weil ich schon seit 1977 verheiratet bin und zwei prächtige Söhne habe.Sie,Annette, hat ein schönes lächeln-strahlende helle Augen-sie duftet gut und zart–und ist jedesmal wenn wir uns sahen auch nervös, aber sicherlich nur weil wir uns lange nicht sahen.So hoffe ich.Denn ich glaube wenn sie nur ein Fitzelchen—ja –nur ein Fitzelchen vom Fitzelchen signalisieren würde das sie auch eine Ader hätte—so eine……ich wär verloren. Und es wäre undenkbar—undenkbar—undenkbar.Sie hat einen flotten Gang und Schühchen an die man auch ein wenig hört.
    Will nochmal auf die erste Begegnung zurückkommen.Sie hatte sich an dem Tag als sie Omas Mantel zur Nachbarin mitbrachte eigene flauschige Schläppchen mitgebracht und stand edel gekleidet in diesen niedlichen Schläppchen da imgroßen Wohnzimmer. Zuerst tat es meinem Auge weh , aber ich erkannte darin einen gewissen Anstand oder einen Respekt oder ?—ich weis es eigentlich nicht. Ich stand nun in Nachbarins Wohnzimmer und Annette hatte ihrer Riesentüte mit dem Pelzmantel im Flur stehen gelassen. So mußte sie zur Tüte laufen um sie ins Wohnzimmer zu bringen und mir meine zukünftige Schwarzarbeit zu zeigen. Aber sie lief nicht dorthin —sie hüpfte- sie sprang–als wolle sie mich nicht so lange warten lassen–und hüpfte wieder herein. Außer Eile, hüpfte da irgendetwas anderes mit vielleicht auch Nervosität?.Wir wurden uns dann bald einig mit dem Pelz und sie kam zu mir nach Hause zur Anprobe und fragte mich ob ich auch ein paar Nähte an anderen Kleidungsstücken machen könne. Nachthemd hatte eine offene Naht–Handtasche war der Reisverschluß locker—Kleine Weste etwas erweitern– und —und —zwei Unterhosen mit ausgerissenem Gummi. Das süße Nachthemd gab mir schon einen Blutdruck…aber die Unterhosen.?? Nee–wie kann man denn so was machen.Mir mit der neu entdeckten Ader so was zum reparieren geben.War das eine Prüfung?Und sie empfand wie ich ??. Ich musste das angestaute loslassen –sonst wär ich geplatzt.Ich säuselte ein Gedicht auf einer Mail.Ich packte es in eine neue Terminvergabe und sie schrieb zurück das ich so schön reimen könne. Ich packte mich am Schlawittchen und mußte mal wieder klar werden.Bei meinen Söhnen wurde das bekannt das ich für jemand nähe.Und der eine Sohn fragte öfters mal nach ihr. Und über die Jahre hat er sie auch etwas in ihr Herz geschlossen obwohl er 10 Jahre jünger ist als sie.Weiter als schwärmen tat sich nichts.Bin ich froh so und auch so…..zur Zeit haben wir Pause,Annette und ich…..Bin ich froh.

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