Ohne Worte um dem Garten Raum zu lassen.
Januar


Für mich unverständlich.
Traurig.
Er sagt man müsse sich entscheiden. In unserem Alter ist es verlorene Zeit, sich immer und immer wieder auf ein Glas Wein zu treffen, Ausstellungen zu besuchen oder an der Isar spazieren zu gehen. Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, haben wir die Mitte unseres Lebens erreicht, d.h. Halbzeit, d.h. sich nun zu beeilen. In unserem Alter, da verbringt man nicht mehr einen Abend in der Bar, nur weil es dort den besten Gin Tonic der Stadt gibt. Den kann man sich auch zu Hause machen, während man sich über seine Zukunft Gedanken macht und sich vielleicht, wie in meinem Fall auch einmal fragt, warum man denn alleine wohnen würde. Meinen Einwurf, dass alleine wohnen unter Umständen nicht eine Frage der Verzweiflung, sondern eine ganz bewusste Wahl und ein ganz besonderes Vergnügen ist, wischt er mit einer Handbewegung zur Seite. Während er ohne sichtlichen Genuss seinen Gin Tonic trinkt, unterstellt er mir eine große Traurigkeit, die man in meinen Augen sehen würde. Weiterlesen
Ich schreibe hier dauernd über Italien. Das ist doch so, oder? Hier geht es doch ständig um den mutigsten meiner Freund, mein Herzensland und die Erlebnisse die ich dort hatte. Das empfinden Sie doch auch so, nicht wahr? Sie wissen doch alles über mein Leben dort unten, meinen Job und meine Freunde. Selbst vom Bürohund in Verona habe ich Ihnen schon berichten.
Soll ich Ihnen etwas verraten? Dieser Eindruck ist komplett falsch. Hier geht es anscheinend überhaupt nicht um Italien. Maximal eine kurze Randnotiz ist mir die Information, dass ich jahrelang in diesem Land gelebt habe, wert gewesen. Fünfzehn Randnotizen, um genau zu sein. Fünfzehn kleine Erzählungen, von denen eine nur halb so lang wie der Durchschnitt ist. Sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass diese Zahl doch egal ist, weil ich es anscheinend auch mit nur fünfzehn kleinen Texten geschafft habe eine ganze Unterseite dieses Blogs zu füllen. Eigentlich haben Sie, wenn Sie das anmerken wollten, recht und es ist völlig egal. Ist es aber nicht. Um genau zu sein, ist das jetzt richtig blöd. Saublöd sogar, weil ich ganz bequem so vierzig oder fünfzig Italienerzählungen aus den Tiefen dieser Seite auswählen und veröffentlich wollte.
Das war letztes Jahr unheimlich praktisch. Man darf´s ja keinem erzählen, aber ein Buch schreibt sich schon deutlich leichter, wenn man die Texte dazu schon fertig hat und unter etwa hundert Stück kritisch und gut durchdacht wählen kann.
Jetzt hab ich fünfzehn Erzählungen und drei davon haben eigentlich nicht viel mit Italien zu tun. Verstehen Sie wie blöd das ist? Ich will ein Buch veröffentlichen und merke jetzt, dass ich es erst noch schreiben muss. Grad im Moment kommt mir das äußerst ungelegen. Ich hab ja auch noch Sie hier und einen Job in dem man erwartet, dass ich anwesend bin.
Der einzige Vorteil ist, dass ich dann kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich es Ihnen im Sommer ans Herz lege. Diesmal kennen Sie den Inhalt dann noch nicht. Aber trotzdem…..ich muss das jetzt alles schreiben ohne das Sie mir vorher in den Kommentaren den Hinweis geben, ob´s gut ist.
Hilft ja nichts, aber blöd ist das schon.
Frauen, die sich einen deutlich jüngeren Liebhaber zulegen, verstehe ich nicht. Zum einen käme ich mir mit so einem älter vor als ich bin, zum anderen bin ich mir sehr sicher, dass ein Mann ein gewisses Alter erreicht haben muss, bevor er erkennt, wann es besser ist, den Mund zu halten. Mein Nachbar Paul hat ein gewisses Alter erreicht. Ohne zu wissen, wie alt genau er ist, erkenne ich das gewisse Alter heute an seinem Schweigen. Er grüßt mich im Waschkeller nur mit einem Kopfnicken und schließt seinen Mund, nachdem er mir in die Augen gesehen hat, sofort und fest. Paul ist ein kluger Mann. Nur ein Wort, egal welches, und ich hätte zu schreien begonnen. Ihn an, das Haus zusammen undüberhaupt. Nur ein Wort und ich hätte geschrien. Weiterlesen
Wenn Sie aus München sind, dann wissen Sie um meine Schummelei. Ich war am 30.12 im Rosengarten. Wegen des Schnees. Heute am 31.12 ist er bereits in der Sonne geschmolzen.

Details mit Wunder – ein Rosenbusch gibt selbst im Schnee nicht auf.

Bevor Sie alle ins neue Jahr stolpern, fallen, taumeln und sinken….
….DANKE. Ist schön mit Ihnen.
Mustafa, der Inhaber des kleinen Kiosk an der Kreuzung, grüßt mich heute morgen mit einem „Guten Morgen“. Das ist ein Wort mehr als sonst, aber deutlich weniger Herzlichkeit, die sonst in seiner Begrüßung mitschwingt. Normalerweise werde ich mit einem „Schatzi“ und drei Ausrufezeichen begrüßt. Bei Mustafa sind alle Frauen zwischen 15 und 75 Schatzi. Besucherinnen die dieses Alter deutlich sichtbar überschritten haben, sind Omi. Die Kundenansprache in Form von Koseworten ist ein kluger Schachzug. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich begriffen habe, dass ich nicht das einzige Schatzi bin und Mustafa vermutlich einfach keine Ahnung von meinem wirklichen Namen hat. Mir ist es egal. Wenn mich einer morgens so freundlich anstrahlt, dann darf er mich auch gerne Schatzi nennen. Dass ich es heute nach zwei Jahren, das erste Mal nicht bin, fällt daher auf. Ich frage ihn ob er schöne Weihnachten hatte und ernte ein Stirnrunzeln. Nein, hatte er nicht. Wie mir sicher aufgefallen sei, ist er Türke, klärt er mich auf. Um seinen Hals baumelt kein Kreuz und ich könne daraus schließen, dass er Muslime ist und Weihnachten etwas sei, das ihn weder interessierte noch betreffe.
Alles gut, Musti, frage ich ihn und verkneife mir den Hinweis, dass um meinen Hals auch kein Kreuz baumeln würde und er die letzten vier Wochen fast täglich betonte, dass er sich dieses Jahr ganz besonders auf Weihnachten freuen würde, weil er es das erste Mal in seinem Leben feiern würde. So richtig. In einer christlichen Familie. Als Muslime in Bayern könne man den Advent und Weihnachten eh feiern, verkündete er. Nicht unbedingt wegen Christi Geburt, eher wegen der schönen Lichterketten, dem Baum und der heimeligen Stimmung – ganz so wie auch 75 % der getauften, aber längst gleichgültigen Katholiken. Er hatte sich darauf gefreut, das weiß ich. Musti? Ich schaue ihn lange an und gebe den Geldschein für meine Zeitung nicht aus der Hand, bis er sich auf den Tresen lehnt und mit der Sprache rausrückt.
Das dann auch mit Nachdruck. Ersten sei sein Name Mustafa und nicht Musti. Und zweitens würde er Weihnachten ab sofort aus seinem Wort- und Gedankenschatz verbannen. Die drei Feiertage hätten ihn um zehn Jahre altern lassen und in dieses Minenfeld würde er sich nie wieder begeben. Die spinnen doch, die Christen. Er nimmt mir den Schein aus der Hand und streicht ihn glatt. Nicht alle Christen, korrigiert er sich, um mich nicht ungewollt zu beleidigen, aber die in der Familie seiner Freundin. Die würden wirklich spinnen. Weil Musti, den ich heute Mustafa nennen muss, so in Fahrt ist, nehme ich den Pappbecher den er mir reicht, ohne ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich weder die Filterkaffee noch den Müll in Form von Pappbechern sonderlich mag. Manchmal muss man den Mund halten. Dann, wenn einem einer vordergründig wütend, etwas sehr trauriges erzählt. Musti erzählt, dass er sich auf alles eingelassen hatte. Sogar in die Christmette war er mitgegangen und hatte gefallen daran gefunden, weil das was Religionen verbindet am Ende mehr zählt als das was sie trennt. Und musste feststellen, dass Eltern und Großeltern seiner Freundin dort nur hingingen, damit die Nachbarn sich nicht das Maul zerrissen. Beim Essen nannte er die Neunzigjährige Großmutter „Omi“ und erntete entsetzte Blicke, die nur von denen übertroffen wurden, als er die Schwester der Freundin „Schatzi“ nannte. Wer Musti kennt, weiß, dass er sich keine Namen merken kann und wer sich ein bisschen Zeit nimmt, sieht an seinem warmen und herzlichen Lächeln, dass er alle seine Omis und Schatzis sehr wohl auseinander halten kann. Nur eben nicht namentlich. Besinnlich sei außer den Kerzen am Tisch nichts gewesen. Die Kinder wollten nur Geschenke und bekamen so viele, dass sie kaum Zeit hatten sich darüber zu freuen. Gestritten hatten sich seine Gastgeber schon bei der Vorspeise und noch vor dem Dessert musste er mit seiner Freundin die Wohnung der Eltern verlassen, weil die Generationen sich so in die Haare bekamen, dass eine Versöhnung an diesem Abend ausgeschlossen war.
Noch immer streicht er meinen Geldschein glatt. Als er ihn endlich in die Kasse schiebt, lacht er leise und schüttelt dann traurig den Kopf. All das gäbe es in seiner Familie auch. Man tappt in Fettnäpfchen, benimmt sich daneben, streitet und versöhnt sich oder versöhnt sich auch nicht. Die Familie macht es einem manchmal nicht leicht, aber von seiner Freundin, von der ist er sehr enttäuscht. Das von ihm überreichte Geschenk hat ihr nicht gefallen. Er sah es an ihrem Blick, als sie das Papier und die Schleifen löste und bekam die Bestätigung, als sie ihn am nächsten Morgen um den Kassenzettel bat, um es umzutauschen. So ist das, sagt er und lächelt tapfer. Geschenke müssen ja gefallen und es ist gut, dass sie so ehrlich war. Und jetzt raus mit mir, er müsse weiter arbeiten.
Draußen trinke ich den scheußlichen Kaffee. Nein, es ist nicht gut, dass sie ehrlich war. Ich und viele andere Schatzis haben in den letzten Wochen das zarte, filigrane Goldkettchen gesehen, dass er für sie schon im November gekauft hat und es aufgeregt wie ein kleines Kind den Stammkunden zeigte. Es ist wunderschön. Und selbst wenn man es nicht wunderschön findet. Wenn Mustis Augen nur halb so sehr geleuchtet haben, wie an dem Tag als er es mir zeigte, dann verstehe ich nicht, wie man sich nicht darüber gefreut haben kann. Es gibt Geschenke, die lieblos und herzlos ausgesucht werden. Ob man sie umtauschen darf, will ich gar nicht beurteilen. Etwas, das aber mit so viel Liebe ausgesucht wurde, das darf man nie, nie, nie einfach umtauschen. Selbst wenn man es scheußlich findet. Und nie, nie, nie, darf man einem Schatz wie Musi so vor den Kopf stoßen.
Ihnen allen Frohe Weihnachten. Eigentlich, ja eigentlich, wollte ich noch antworten und schreiben und und und….jetzt stoße ich beim traditionellen Champagner Brunch auf Ihr Wohl an!
Fühlen Sie sich umarmt!

Gjjn
Ich bin die Tochter eines Handwerkers. Das erkennen Sie, wenn Sie einen Blick in meine Werkzeug-Blechkiste werfen, sofort. Nur die Tochter eines Handwerkers hat gleich drei Wasserwaagen und nur bei der Tochter eines Handwerkers sind diese sechseckigen, L-förmigen Geräte in acht Größen vorhanden. Sie wissen schon, diese Dinger, die man für etwas braucht, das mir gerade nicht einfällt. Die, die in jedem guten Werkzeugkasten zu finden sind und die immer in so einen Stofffetzen eingeschlagen sind. Sie wissen schon. Obwohl es sich um einen Lumpen handelt und das Päckchen mit einem schäbigen Gummiband zusammen gehalten wird, schnalzen die Männer meines Freundeskreises immer mit der Zunge wenn sie es sehen und sind erstaunt, dass ich diese sechseckigen Dinger in allen Größen besitze. Als Tochter meines Vaters weiß ich natürlich auch was eine Hilti ist. Nicht weil ich eine besitze, sondern weil einer mal ein Auto hatte, von dem es hieß, es wäre Hilti-rot. Ich habe den Farbton damals nachgeschlagen. Richtig scharfe Teppichmesser besitze ich auch. Weil ich keinen Teppich in der Wohnung habe, schneide ich damit Chillischoten. Überhaupt bin ich der Meinung, dass man sein Werkzeug regelmäßig benutzen sollte. Zumindest das, von dem man weiß, wozu es nötig ist. Mit dem kleinen Beil, das mir der beste Freund meines Vater überließ um den Stamm des Christbaumes zurecht zu schnitzen, zerhacke ich zum Beispiel besonders gerne Hokaidokürbisse und mit einem meiner vier Hammer hacke ich die Walnüsse von Herrn Meier. Den Stamm des Christbaums habe ich damit natürlich auch zerhackt und weiß seit dem, dass man da leicht abrutschen kann und ein handelsüblicher Laminatboden wirklich nichts verzeiht. So gefährliche Arbeiten verrichte ich seit dem auf dem Balkon. Dort hört und sieht man mich und die Nachbarn können notfalls den Krankenwagen rufen. Weiterlesen