Am Samstag habe ich eine Lesung. Ich soll lesen und muss noch wirklich sehr, sehr viel vorbereiten. Samstag ist schon übermorgen.
Aber heute fühle ich mich nicht gut und werde daher sehr, sehr vieles auf morgen verschieben.
Es ist ja immer wieder erstaunlich wie produktiv man werden kann, wenn man nur noch 24 Stunden zur Verfügung hat.
Und deshalb, um die morgige Produktivität nicht zu gefährden, beantworte ich Ihnen jetzt sehr, sehr viele Fragen, die Sie mir nicht gestellt haben. Das war Nessy und warum erzähle ich Ihnen später. Haben Sie Zeit? Weiterlesen
Autor: Mitzi Irsaj
Stalker wider Willen
Gäbe es einen Preis für unfreiwillig blödes Verhalten in sozialen Medien, dann hätte ich ihn längst. Nicht einen, sondern alle die regional erhältlich sind, ein paar der nationalen und mindestens einen internationalen. Zu den nationalen gehört zum Beispiel der vor einigen Tagen, als ich mich lautstark über einen nicht funktionierenden Link auf einem befreundeten Blog beschwerte und erst nach Aufklärung kapierte, dass ich zu scrollen übersehen hatte. Auf dem gleichen Blog lies ich mich auch darüber aus, dass eine fehlerfreie Grammatik bei der Kürze der Beiträge, keine Kunst sei und schaffte es, in meinem – sehr kurzem – Satz selbst einen Buchstaben zu vergessen. Ohne Probleme wischte ich in meiner kurzen Tinder-Laufbahn regelmäßig auf die falsche Seite und schaffte es auf einer Datingseite ein Blinddate mit meinem besten Freund zu vereinbaren. Auf seinen Bildern war er nur von hinten zu sehen und ich interpretierte die Vertrautheit, die das Betrachten dieses Rückens bei mir auslöste, als gutes Zeichen. Unseren Chatverlauf nutzt er, der mich auf den Bildern von vorne sah, noch heute regelmäßig als Druckmittel. Weiterlesen
Annas Fäden – U-Bahn Gedanken
Fast wäre sie zerbrochen. Unsere Freundschaft. Es fehlte nur ein kleines Stück, vielleicht ein halbes Jahr und die Reste dessen, was sie zusammen hielt, wären uns durch die Finger gerutscht. Ohne dass wir etwas dagegen getan hätten. Anfangs hätten wir es vermutlich gar nicht gemerkt. Einer so langen Freundschaft wie der unseren unterstellt man, dass sie ewig anhält. Man erinnert sich an den Anfang und kann den Zeitpunkt an dem man sich näher kam noch ganz gut benennen, vermag aber nicht mehr zu sagen, wann man so nah zusammen rückte, dass eine Trennung unvorstellbar wurde. Seltsamer Weise sind es oft die besonders tiefen Freundschaften, die sich leise verabschieden. Sie sind ein so starkes Seil, dass es nicht auffällt, wenn die ersten Fäden sich lösen. Es gibt so viele von ihnen, fest ineinander geschlungen, dass man den einen nicht vermisst und sich leichtsinnig auf die vielen anderen verlässt. Weiterlesen
Setzen Sie sich zu mir
Manche der Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, würde ich zu gerne einmal „in echt“ erleben. Aus Neugier. Weil ich sie mag. Oder weil ich wissen will, ob sein Blog den Menschen spiegelt oder reine Fiktion ist. Es gibt viele Gründe jemanden kennen lernen zu wollen und ein paar gute, sich am Ende doch nicht zu treffen, weil vielleicht gerade das sich „nur über die Blogs kennen“ seinen ganz besonderen Reiz hat.
Mir fällt aber kein einziger Grund ein, Sie nicht herzlich nach München zu einer Lesung von mir einzuladen. Für viele zu weit, wer aber in der Nähe ist und Zeit und Lust hat. Kommen Sie vorbei und setzen Sie sich neben mich. Ich nehme Sie mit in die Tram und wir fahren ein bisschen durch München.
Nächsten Samstag um 18:00 Uhr unter dem charmanten (nicht) Titel: Stehn´S doch nicht so deppert im Weg rum. Details hier:

Polyamo…was? II
Draußen schneit es und ein kalter Wind weht. Hier drinnen ist es warm und es gefällt mir, das muntere Treiben der Flocken zu beobachten während ich meine Hände einer großen Tasse Milchkaffee aufwärmen kann. Heute und hier braucht es etwas warmes, weil mich die Gespräche am Tisch kalt lassen. Es fällt mir schwer, die Begeisterung dieses Paares, das ich nicht kenne, zu teilen und schon jetzt nach nur einer halben Stunde, wäre ich lieber zu Hause geblieben. Drinnen bei mir, auf dem Sofa, eine Tasse Milchkaffee in der Hand und das Treiben der Schneeflocken beobachtend. Ich mag es, dass man in dem Dorf München, beim Frühstücken überdurchschnittlich oft Bekannte und Freunde trifft, weil wir doch immer die gleichen Orte aufsuchen. Es ist schön, sich mit Menschen zu unterhalten von denen man zuvor noch nichts wusste und die man jetzt nur kennen lernt, weil sie die Begleitung von jemanden sind, den man kennt. Es birgt das Risiko, sein Frühstück mit Menschen einzunehmen, die man nicht versteht und nach dem letzten Bissen seines Müslis auch gar nicht unbedingt verstehen möchte. Sitzt man erst einmal gemeinsam am Tisch, ist es schwierig diesen wieder zu verlassen ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Weiterlesen
Und doch…
Gestern hatte Robbie Williams Geburtstag. Am 13.2. hat er das immer. Schon so oft, dass es nichts besonderes mehr ist. Für mich. Für ihn ist es das vermutlich noch immer. Auch heute, am 14.02. gratuliere ich nicht nachträglich. Robbie und ich haben uns auseinander gelebt.
Heute hat eine frühere Kollegin Geburtstag. Wir haben keinen Kontakt mehr und nur XING erinnert mich daran. Jedes Jahr, ohne dass ich mich zu einer Handlung verpflichtet fühlen würde, tut es das. Genauso wenig wie das ergoogelte Wissen, dass am 14.02.1349 während der Pest-Pandemie in Europa bei einem Pogrom mehr als 2.000 jüdische Bürger der Stadt Straßburg getötet wurden. Hier aber, frage ich mich kurz, ob wohl noch Nachfahren leben, die sich nach all der Zeit an einen oder mehrere Namen zur puren Zahl gehörend erinnern können. Weiterlesen
Gefundene Sätze #44

„Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.“
Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett 12/1994
Böser, alter Mann. Viele seiner Aussagen gefielen mir nicht. Die literarische Kritiker-Keule die er schwang, war mir oft zu garstig. Seine Meinung zu oft zur Doktrin erhoben. Und doch….ich mag ihn. Auch für Sätze wie diesen.
Brüste und Kaschmir
Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass ich mich einem guten Glas Wein selten verweigere, überwiegen die Abende an denen ich kein gefülltes Glas in der Hand halte. Ich trinke selten. Noch seltener kommt es vor, dass ich die Flasche Rotwein, die ich als Gastgeschenk zu überreichen gedachte, gar nicht erst aus den Händen gebe, sondern mich nach Bussi rechts und Bussi links, direkt in eine fremde Küche schleiche um dort selbst nach dem Korkenzieher zu suchen, weil es mir zu lange dauert, bis die Gastgeberin meinen Mantel aufgehängt hat. So etwas kommt wirklich nur dann vor, wenn man mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einem Treffen unter Freunden lockt und mir, wenn ich schon in der U-Bahn sitze, mitteilt, dass man gedenke sich – ganz wie in alten Zeiten – gemeinsam den Staffelauftakt von Germanys next Topmodel anzusehen. Wenn man mir so etwas an einem Donnerstagabend um halb acht mitteilt, dann muss man damit rechnen, dass ich a) bereue, mich nach über zehn Jahren wieder mit einer alten Freundin zu treffen; mich b) frage von welcher alten Zeit sie um Himmels Willen spricht und c) beschließe, dass dies einer der wenigen Abende sein wird, die ich nüchtern sicher nicht bestreiten werde. Weiterlesen
Du Depp, Sie Depp, die Deppen
Herr Mu und ich sind jetzt per Du. In Bayern geht das manchmal ganz schnell und ohne, dass es einer dem anderen anbietet. Auf dem Berg zum Beispiel. Oder beim zufälligen Feststellen gleicher Interessen oder spontaner Sympathie. Noch häufiger auch bei ausgeprägter Antipathie. So ist eine Betitelung von „Sie Rindvieh“ selten und das „ess (3. Person Plural) Deppen“ weit geläufiger. Bei Herrn Mu und mir war es ähnlich.
Seit heute Nachmittag erleben wir hier in München einen, für die Jahreszeit nicht ungewöhnlichen Wintereinbruch mit dicken Flocken und einer auf den Gehwegen geschlossenen Schneedecke. Auf einer solchen rutschte eben Herr Mu aus. Ihm hat´s richtig die Füße weggezogen und ich hätte mir Sorgen gemacht, wenn sein Schimpfen nicht augenblicklich eingesetzt und reichlich derb erklungen hätte. Der Inhalt seiner Einkaufstaschen verteilte sich auf der weißen Pracht und ich dachte mir: „Du alter Depp!“ Ich dachte diese unfreundliche Formulierung, weil ich sah, dass er Birkenstock Schlappen trug und weil ich natürlich doch erschrocken bin und mir um den alten Herren Sorgen machte.
Erst als Herr Mu: „Du, gäh! Vorsicht! I gib da glei an oiden Deppen!“ rief, bemerkte ich, dass ich wohl laut gedacht hatte. Weil Herr Mu aber grinste, grinste ich auch und schimpfte ihn, seine Einkäufe einsammelnd, noch ein bisschen weiter aus, bevor ich ihm meinen Arm hinhielt und darauf bestand ihn nach Hause zu bringen. Mit den Schuhen im Schnee….recht intelligent sei das nicht, murmelte ich und schlenderte mit ihm gemeinsam zu seiner Wohnung. Dass Herr Mu, fast genau mir gegenüber wohnte, war mir neu und wir unterhielten uns so nett, dass ich nicht mehr auf den Schnee achtete und kurz vor seiner Haustür, fast der Länge nach hinfiel. Nur fast, denn Herr Mu, der sich bei mir untergehakt hatte, riss mich gerade noch nach oben. Jetzt war er mit dem Schimpfen an der Reihe. Er hätte nicht viel Ahnung von Schuhen, teilte er mir mit, aber dass das da an meinen Füßen nicht für Schnee geeignet war, würde auch er erkennen. „Aber sie g´falln da, oder?“ zog er mich feixend auf und bestand darauf, mich nun seinerseits, über die Straße bis zu meiner Wohnung zu begleiten, was ich rigoros ablehnte, indem ich mehrfach auf seine windigen Schlappen deutete.
Mein etwa achtzig Jähriger Nachbar, Herr Meier, kam vom Einkaufen und blieb neben uns stehen. Er sah uns kurz von oben bis unten an, blieb mit den Blick an unseren Schuhen hängen und murmelte: „Oana bläda wia da andere.“* Herr Meier geht die „Du“ oder „Sie“ Frage übrigens fast immer, indem er die Menschen einfach gar nicht direkt anspricht, sondern – direkt neben ihnen stehend – über sie spricht. Auch das ist in Bayern sehr beliebt.
*Einer dümmer als der andere
U-Bahn Gedanken – Tragödie oder Komödie
Im Bus sitze ich immer ganz hinten. Damit ich hinten einen Platz finde, steige ich immer schon eine Station früher ein. Besonders in der Linie 54 muss man hinten sitzen. Während man vorne ordentlich in Zweiersitzen Platz nimmt und brav nach geradeaus blickt, sitzt man im hinteren Viertel etwas erhöht und sich zu viert gegenüber. Die letzte Reihe, die wichtigste, ist einem dabei ganz nah. Dort in der letzten Reihe spielen sich die zwischenmenschlichen Dramen ab. Eigentlich nur eines. Aber dieses spitzt sich seit Mitte August zu und sorgt dafür, dass vorne kaum noch einer sitzen möchte. Niemand möchte verpassen, mit wem Lilly am Vorabend geschlafen hat. Weiterlesen
