Brüste und Kaschmir

Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass ich mich einem guten Glas Wein selten verweigere, überwiegen die Abende an denen ich kein gefülltes Glas in der Hand halte. Ich trinke selten. Noch seltener kommt es vor, dass ich die Flasche Rotwein, die ich als Gastgeschenk zu überreichen gedachte, gar nicht erst aus den Händen gebe, sondern mich nach Bussi rechts und Bussi links, direkt in eine fremde Küche schleiche um dort selbst nach dem Korkenzieher zu suchen, weil es mir zu lange dauert, bis die Gastgeberin meinen Mantel aufgehängt hat. So etwas kommt wirklich nur dann vor, wenn man mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einem Treffen unter Freunden lockt und mir, wenn ich schon in der U-Bahn sitze, mitteilt, dass man gedenke sich – ganz wie in alten Zeiten – gemeinsam den Staffelauftakt von Germanys next Topmodel anzusehen. Wenn man mir so etwas an einem Donnerstagabend um halb acht mitteilt, dann muss man damit rechnen, dass ich a) bereue, mich nach über zehn Jahren wieder mit einer alten Freundin zu treffen; mich b) frage von welcher alten Zeit sie um Himmels Willen spricht und c) beschließe, dass dies einer der wenigen Abende sein wird, die ich nüchtern sicher nicht bestreiten werde.

Als ich mich, wenige Minuten später, zwischen vier erwachsenen Frauen auf einem Sofa eingezwängt wieder finde, erkenne ich, dass Wein alleine nicht reichen wird. Ich schlage vor, bei jedem übertriebenen Kussgeräusch von Heidi Klum, einen Kurzen zu kippen. Die habe ich auf dem Weg noch schnell besorgt. Dank unseres Werkstudenten weiß ich, dass Pfeffi, der Pfefferminzlikör meiner Jugend, wieder stark im kommen ist. Wenn die Mädels einsteigen, stelle ich damit sicher, dass ich spätestens um halb Neun das richtige Niveau für die restlichen zweieinhalb Stunden erreicht habe. Sie wollen nicht, sehen mich seltsam an und erklären, das sie vor dem Kind sicher keine Trinkspiele initiieren würden. Das Kind sehe ich erst jetzt. Es hockt auf einer Decke am Boden und strahlt mich  aufgeregt an. Obwohl ich mich eigentlich mehr für die Decke interessiere, von der ich glaube, dass sie aus Kaschmir ist, frage ich es, ob es sich diesen Mist tatsächlich ansehen darf. Klar! Weißt du warum, erkundigt es sich und ich hätte eine Antwort bereit. Weil deine Mutter ihr Hirn irgendwann im letzten Jahr beim Kaschmir-Super-Sale liegen gelassen hat? Ich sage es nicht und erfahre, dass alle, aber auch wirklich alle in der Klasse diese Sendung schauen und sie mit nun zwölf Jahren der Zielgruppe und der FSK Freigabe entspricht. Na dann, ich proste der Kleinen mit meinem Glas zu. Wenn sie diesen Mist ansehen kann, dann kann sie auch eine erwachsene Frau beim Trinken beobachten.

In den kommenden Stunden rutsche ich vom Sofa auf den Boden neben das Kind. In erster Linie um festzustellen ob man in diesem Haushalt über genügend Geld verfügt, eine Zwölfjährige mit Schokoladenfingern in eine Kaschmirdecke zu hüllen (ja, hat man) und um mich mit der einzigen weiblichen Person zu unterhalten, die noch über etwas Restverstand verfügt. Die Kandidatinnen sind hübsch. Natürlich sind sie das. Endloslange Beine, schöne Haare und eine Haut die…..die eben erst ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Dass meine noch fast genauso schön ist, zeige ich dem Kind und lasse es über meinen Unterarm streichen. Es nickt und ich empfehle ihn, sich immer schön nach dem Duschen einzucremen. Spinnst du, höre ich von oben und schüttle den Kopf. Nein, aber um eine Haut wie meine zu haben, darf man mit Bodylotion nicht sparsam sein. Ich erwähne das nur, damit das Kind hier heute Abend wenigstens eine sinnvolle Sache fürs Leben lernt. Das in der Show ist fragwürdig. Da ist eine, die hat sich FAME auf die Finger geschrieben um ihr Lebensziel auch immer vor Augen zu haben. Ist das blöd, erkundigt sich das Kind mit dem ich mir eine Decke teile und ich schüttle energisch den Kopf. Überhaupt nicht. Diese junge Frau zitiert gerade, ohne es zu wissenWarhol, der schon vor Jahrzehnten prophezeite, dass künftig jeder seine  fünfzehn Minuten Ruhm haben würde. Die mit FAME auf den Fingern müsse sich nun aber nach einem neuen Traum umsehen, da ihr Lebensziel sich gerade erfüllt hat und das mit gerade einmal siebzehn Jahren auch blöd ist.

Was diversity ist, will das Kind wissen. Seine Mutter beurteilt gerade den Erfolg operierter Brüste und kann nicht antworten. Ich erkläre, dass es sich um einen Gegenbegriff der Diskriminierung handelt und fasse es in erstaunlich kindgerechte Worte, was bei dem Gelache und Gegrölle hinter uns nicht leicht ist. Auch das Kopfschütteln fällt mir schwer, aber ich muss. Nein, die Kandidatin mit Hut, ist kein Zeichen von viel diversity im Team weiß. Auch nicht die Kandidatinnen mit dunkler Hautfarbe. Nicht solange selbst die dicken Kandidatinnen eigentlich recht schlank sind und am Ende alle Mädchen doch den gleichen Schönheitsidealen entsprechen. Aber Charakter müssen sie haben, sagt die Kleine. Ich nicke und erspare es uns die Begrifflichkeit an dieser Stelle zu hinterfragen. Auch meine Kommentare werden zunehmend bissiger und es wundert mich nicht, dass man dies oben auf dem Sofa auch langsam feststellt. Was ich eigentlich hier will, wenn ich das alles scheiße finde, werde ich gefragt. Es sei schon etwas unangebracht, dass ich seit fast zwei Stunden den gemütlichen Abend mit meinen Kommentaren torpedieren würde. Als Antwort deute ich auf die Weinflasche unter meinem Arm. Ich bin hier um den Wein zu schützen, sage ich und ernte böse Blicke. Nur die Kleine grinst mich an.

Unter der Decke sitzend sind wir beide uns längst einig, dass Germanys Next Topmodel ziemlich doof ist, weil uns Heidis Stimme auf den Geist geht und wir es sehr schade finden, wie garstig die Mädchen untereinander sind. Hübsch finden wir die meisten, aber hübsch ist irgendwie zu wenig und mehr werden wir von den Kandidatinnen kaum erfahren. Die Kleine ist vermutlich auch die einzige, die gemerkt hat, dass ich noch immer am ersten Glas Wein nuckle. Ich muss mich nicht betrinken. Lina, die neben mir sitzt, ist eine erstaunlich kluge Gesprächspartnerin. Sie möchte gerne den Hintern eines Topmodels haben und mit diesem später Tierärztin werden. Ein guter Plan.

Als ich gehe, bekundet man sein Bedauern, dass es mir so gar nicht gefallen hätte. Ich winke ab und versichere, dass wir uns sicher ganz bald wieder sehen werden. Vor Gericht. Ich werde dieses Kind adoptieren. Notfalls auch entführen – nach diesem Abend könnte es mir niemand übel nehmen.

Im Glashaus sitzend darf ich nicht mit Steinen werfen. Aber wenn eine meiner Kolleginnen, Freundinnen oder Bekannte mir erzählt, dass sie GNTM schaut und zugleich den Hashtag metoo verwendet, dann springe ich ihr ins Gesicht.

39 Gedanken zu “Brüste und Kaschmir

  1. Es ist nicht das Schlechteste, die Gesellschaft und Essenz eines ungebleichten Kinderverstandes zu kosten. Schmeckt köstlicher als jeder Wein, duftet so rein nach Selbstverwirklichung. Ach, die Armen (V)Erwachsenen. Sie warfen mit Begriffen wie Erfolg um sich eine andere mit ollen Kamellen an Karneval. Heidi Klum würde ich gerne mit deutschen Kartoffeln aus solidem Ackerbau assoziieren. Aber ungekochte oder ziemlich fest kochende. Beinhart wie Deutschlands Zucht und Ordnung, Original made in Germany.
    Wie hieß die Sendung noch gleich? Ich habe doch gar kein Färnseher…:-)

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  2. lach mich schlapp….ich kann es mir bildlich vorstellen, so gut hast du die Szenerie beschrieben 🙂

    Du könntest die Bande wegen Körperverletzung verklagen, denn das ist es, wenn man sich sowas anschauen muss.

    Ich habe nur einen kurzen Blick beim Durchzappen erwischt und dachte, hübsch sind sie alle, aber wirklich schön fand ich keine, auch Heidi nicht.

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    1. Um die Kleine mache ich mir weniger Sorgen – die steht schon jetzt ganz gut auf beiden Beinen im Leben und ist innen wie außen ausgesprochen hübsch.
      Ich fand die Mädchen wunderschön. Eigentlich alle. Nur schade, dass sie in der Show waren. Selbst Heidi würde mir rein optisch gefallen, wenn ich es nicht so lächerlich fände, dass es mir scheint, dass sie versucht ihre Mädchen auszustechen. Dafür ist sie eigentlich zu alt und sollte darüber stehen.

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  3. Hab grad sehr laut gelacht und die Bäckereigäste schauten etwas irritiert (nicht, dass es irgendetwas verzehrbares ohne Tier hier geben würde, aber ich hatte keinen Kaffee im Haus). Und nicht nur Deinen ersten Satz hätte ich unterschrieben mit metoo, ich wäre wohl mehr als bissig geworden und hätte das Kind schon in der ersten Werbepause entführt 😝 – den Wein hätte ich wieder mitgenommen. Paradox sein kann ich auch. Wenn Du also seelische Unterstützung bei der Adoption brauchst, sag Bescheid 😘

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      1. Das ist das Gute an so manchen unerquicklichen Erlebnissen. Hat man sie überstanden, liefern sie oft mehr und anhaltenderen Frohsinn, als ein gelungener Abend oder ein perfekter Urlaub.

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  4. Es ist immer wieder erschütternd, wer sich diesen Mist reinzieht und das auch noch als gute Unterhaltung empfindet. Leider ist ein Großteil der Gesellschaft mittlerweile völlig degeneriert, was diese Indoktrination angeht. Mich macht es schon seit Jahren fassungslos, wie gut das Prinzip Brot und Spiele in einer Gesellschaft angenommen wird, die eigentlich die Möglichkeit hat, sich umfassend zu informieren und aus diesen Informationen Schlüsse ziehen zu können. Hoffnung macht das kaum! Adoptiere die Kleine und schütze sie!!!

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  5. Bevor ich damit beginne zu antworten….ich bin noch einmal über den Text gegangen. Diesmal waren sogar für mich zu viele Fehler drin. Reichlich angepisst hatte ich diesen Beitrag so schnell getippt, dass das Hirn nicht hinterher kam. Entschuldigung – fehlende Wörter im zweistellen Bereich haben Sie nicht verdient.

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      1. ORF 3 gibt es auch? Wir haben und hatten immer nur 1 und 2 in Bayern empfangen. Ich bin jedenfalls genug vertraut mit den Sendern, um dein Angebot dankend anzunehmen.
        Schade das die kleine zu alt für AmDamDes ist 😉

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  6. Mitzi, ich weiß gar nicht, an welcher Stelle ich am meisten gelacht habe. Du hast ja wirklich ein wenig seltsame Bekannte oder Freundinnen aus der Vergangenheit, denn das mit der zuletzt Beschriebenen war ja auch schon ein kleines Fiasko.
    Vielleicht ein guter Rat für die Zukunft: Wie die Männer immer einen Flaschenöffner bei sich haben, solltest du vielleicht einen Korkenzieher bei dir haben, um in Situationen mit GNTM (oder wie das heißt) den Umweg über die Küche einzusparen.
    Die Sätze sind spitze: „Sie möchte gerne den Hintern eines Topmodels haben und mit diesem später Tierärztin werden. Ein guter Plan.“ Warum, verlieben sich dann Hengste, Ochsen, Eber und andere Männertiere in ihre Tierärztin? 🙂
    Schön, dass du Heidis Stimme auch doof fandest – über Stimmen sprach ich ja gerade.
    Und darauf einen Kurzen!

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      1. Wahrscheinlich bin ich deswegen so unwissend und schiete nur klug, weil ich gar keinen Wein trinke. Nicht aus moralischen Gründen, auch bin ich keine „Getrocknete“ (nur im Gesicht habe ich Falten), aber er schmeckt mir nicht, Sekt dagegen sehr und vor allem ALSTERWASSER, bei euch RADLER genannt.

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  7. Ich denke du hast es geschafft GNTP an diesem Arbeit (zumindest für die Kleine) in einer Art Bildungsfernsehen zu verwandeln. Große Klasse, mich würde nur interessieren wie man Schokoflecken aus Kaschmir heraus bekommt 😳

    Ps: Pfeffi ist wirklich total angesagt… Seit Jahren, und seit Jahren nehme ich dann reisaus wenn er ausgepackt wird ;D

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