Grüezi vom Bernhard

Ich bin dem mutigsten meiner Freunde für viele Dinge dankbar, besonders aber dafür, dass er manchmal keine Fragen stellt. So sagte er zum Beispiel vor einigen Wochen, nur „schön“, als ich ihm mitteilte dass ich ihn für genau 6 Stunden an einem Schweizer Ort in der Nähe zu Italien besuchen würde und leider nicht mehr Zeit hätte, weil ich mich einer Reisegruppe besteht aus 50 Rentnern (inklusive meiner Eltern) angeschlossen habe und Tags darauf das Jungfraujoch zwischen Mönch und Eiger besichtigen würde. Mit keinem Wort fragte er mich, ob es nicht sinnvoller sei, ihn für etwas mehr als 6 Stunden dann eben einfach einige Tage später zu besuchen. Die Frage wäre durchaus berechtigt gewesen. Selbst für ein Organisationstalent wie mich, handelt es sich bei 48 Rentnern (exklusive meiner Eltern) um unbekannte Variablen, die einen gut durchdachten Plan binnen kürzester Zeit zunichte machen können. Weiterlesen

Peinlich oder irgendwie charmant

Ob das nun peinlich oder irgendwie charmant ist, fragt mich meine Nachbarin Judith und hält mir die andere Hälfte ihrer Honigsemmel hin. Ich nehme sie gerne, weil ich vergessen habe Brot einzukaufen und überlege kauend. Irgendwie charmant passt. Mit Betonung auf irgendwie. Wir lehnen uns mit den Unterarmen auf die Brüstung unseres Laubenganges und beobachten wie Paul, der Nachbar aus dem Hinterhaus, sich auf die Zehenspitzen stellt, um an die wenigen noch nicht verblühten Äste des Fliederbusches zu gelangen.

Muttertag, murmelt Judith und zieht den Morgenmantel enger vor der Brust zusammen und ich nicke. Wegen des Muttertags hängt Paul im Fliederbusch und wegen eben diesem steht Judith hier draußen. Ihre Kinder richten das Frühstück und wollen die Mama überraschen. Dass das klappt indem man sie einfach aus der Wohnung bugsiert, davon sind sie mit vier und sechs Jahren noch überzeugt. Zum Glück hat sie sich ein wenig Proviant mitgenommen. In ihrer Wohnung scheppert und rumort es schon seit gut einer halben Stunde. Weiterlesen

Bitte einen Sonnenplatz

Am Münchner Westfriedhof besitzen wir drei Gräber, die nicht weit auseinander liegen. Wenn sich früher die Karawane, bestehend aus meiner Großmutter, einer wechselnden Anzahl ihrer drei Schwestern, meinem Großvater und mir im Schlepptau in Bewegung setzet, dann hatten wir eine festgestellte Route.  Da ging es vom Grab meiner Großeltern, das zu diesem Zeitpunkt einen kurz nach dem Krieg verstorbenen Onkel beheimatete, zu dem vom ersten Mann von Mitzi, meiner Namensvetterin, und dann weiter zu einer Reihe mir unbekannte Menschen und schließlich zu dem Grab meiner Urgroßeltern. Ich hab sie nicht mehr alle eine Erinnerung, aber ich weiß, dass der Weg zu den Gräbern, die wir besuchten, nicht unbedingt nur über die Wege ging, sondern wir uns häufig durch Büsche und zwischen Grabsteinen hindurch schlängelten.  In Erinnerung an diese Tage trampelt ich heute auch von Oma und Opa, zu Mitzi und Mischko, zu dem von Alexandra und weiter zu Väterchen Timofei, bis ich bei meinen Urgroßeltern ankomme und eine kleine Pause mache. Weiterlesen

Schönes, schönes Leben

An manchen Tagen ist mir die Welt zu groß und zu unübersichtlich um sie zu verstehen. Es ist leichter, sich auf den Mikrokosmos zu konzentrieren, der das direkte Umfeld bildet. Er unterscheidet sich nicht viel vom großen. Auch in meinem Haus ist all das zu finden, komprimiert und übersichtlich, das die komplette Stadt repräsentiert und wahrscheinlich noch mehr. An manchen Tagen überfordert mich auch das.
Neben mir zerbricht eine Welt, während über mir ein neues Leben eingezogen ist. Unten stirbt einer und einer, der ihn vermisst, bleibt übrig, während im Hinterhaus so heftig gestritten wird, dass man den Laubengang meidet und sein Paket lieber auf der Post abholt. Rechts neben mir hoffen sie, während sie ganz oben längst damit aufgehört haben.
Weiterlesen

Geht immer

Ob ich diese Jacke wirklich tragen möchte, fragt mich der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, und wirft einen kritischen Blick auf das kleine, fast unsichtbare Brandloch am Kragen. Ja, sage ich und ziehe mir das Band aus den Haaren, während ich mich wundere, dass ihm so kleine Löcher auffallen, wo er doch sonst das Offensichtliche so oft nicht bemerkt. Meine Haare fallen über den Kragen und er nickt, nun sei es besser. Weiterlesen

Freinacht

Heute Nacht dürfen wir die Briefkästen nicht in die Luft jagen, sage ich zu meinem Nachbarn Paul, als wir beide im Treppenhaus auf den Lift warten. Schade, sagt er und fragt mich ob das endgültig sei. Ich nicke und deutet auf das weiße Brett gegenüber der Briefkästen, deren Sprengung uns heute Nacht verboten wurde – dort hat unser Hausmeister eine Liste angebracht welche detailliert aufzählt, was heute Nacht alles verboten ist.

In der heutigen Freinacht ist Ihnen folgendes nicht erlaubt, liest Paul vor und ich stelle mich neben ihn weil es nie schaden kann, zu wissen was man darf und was nicht.  

  • Das Beschmieren von Autos mit Mehl, Rasierschaum oder Ketchup.
    Mach ich eh nicht. Wenn ich etwas zu sagen habe, verwende ich Lippenstift.

  • Das Werfen von rohen Eiern an Hauswände oder Autos.
    Das Eierwerfen nun auch schon verboten ist, wundert mich.

  • Das Ausleeren von Mülltonnen oder Altglas-Containern.
    Hier sehe ich Paul schmunzeln und frage nicht weiter nach.

  • Das Einwerfen von Fenstern.
    Ich bezweifle, dass dieses Verbot nur für die Freinacht gilt.

  • Das Anbringen von Fallen (Schnüre, Wäscheleinen oder Drähte, die auf Kopfhöhe über eine Straße oder einen Weg gespannt werden). Sie könnten hier versehentlich jemanden töten!!!!
    Paul und ich sehen uns nach diesem Punkt eine Weile schweigend an und denken das Gleiche. Unser Hausmeister kommt aus der Ukraine und dort scheint die Freinacht um einiges Härter als in Bayern zu sein.

  • Das Sprengen von Briefkästen oder das Anzünden von Mülltonnen.
    Hätten wir eh nicht gemacht. Erstens sind Paul und ich zu alt für die Freinacht und zweitens macht das auch sonst keiner, weil beides noch gebraucht wird.

Wie gut, dass wir an die bevorstehende Freinacht erinnert wurden. Paul und ich gehen noch einmal nach draußen. Er um sein Auto in die Garage zu fahren und ich um mein Rad heute lieber in den Keller zu bringen. Weiterlesen

Verdrehn´S jetzt bitte nicht die Augen

Zwischen den Münchner Stadtgeschichten, Bally Prell, Stadtteilführern und König Ludwig zu liegen, ist nicht das Schlechteste. Im Gegenteil – da liegt es sich hervorragend.

Wenn Sie aus München kommen, dann schaun Sie unbedingt auf der Dult vorbei. Hosenträger, Zuckerwatte, neue Pfannen, eine Fischsemmel, Lederreiniger, Bier, Bücher, Mieder und ein neues Sonntagsgeschirr können Sie im vorbei gehen kaufen. Schauen Sie nur, dass Sie am Ende noch eine Hand frei haben (kluge Frauen haben einen Träger dabei und gescheite Männer einen großen Rucksack).
Weil ganz zum Schluss, da sollten Sie noch unbedingt am Standl „München in Büchern“ von der Frau Kurth vorbei schauen und sich mit Lesestoff eindecken. Grad so viel, dass mein Büchlein auch noch in Ihre Tasche passt (verdrehn`S jetzt nicht die Augen – a bisserl Werbung muss sein). Sie finden den Stand in der Ahorngasse 20b und verlaufen können Sie sich nicht. Die Gassen der Dult haben sinnvolle Namen und eine Allee von Ahornbäumen, erkennen Sie sicher. Grad jetzt wo die Blätter so schön hellgrün sind.

Und (immer noch kein Augenverdrehen bitte) wenn Sie nicht in München wohnen, dann können Sie mich auch im Buchhandel stationär und auch bei Amazon kaufen. Und jetzt viel Spaß auf der Dult, in einem Biergarten oder an Nord- und Ostsee – was für Sie am besten gelegen ist.

Herzlichst Ihre
Mitzi

Xxx

Giesing? Um Gottes Willen!

Ob ich nicht ein bisschen freundlicher lächeln möchte, fragt mich Herr Meier mit einem boshaften Grinsen im Treppenhaus und ich schüttle den Kopf. Nein, will ich nicht. Mir ist gerade nach einem neutralen Gesichtsausdruck und den werde ich bestimmt nicht durch ein Kieferschmerzendes, erzwungenes Lächeln ersetzen. Muss ich auch nicht. Herr Meier kennt mich, weiß dass ich ihn mag und erwartet kein künstliches Lächeln. Bis in den Januar hinein lächelten wir grundsätzlich nur spontan, wenn uns danach war. Aber damit ist es jetzt vorbei. Seit Anfang Februar lächeln wir immer, wenn uns jemand im Hausflur oder in der Einfahrt begegnet. Ein etwas verkrampftes Lächeln, das wir aufsetzen, seit man uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir ein reichlich unfreundlicher Haufen sind. Eigentlich ist uns so etwas egal. Aber wenn man so deutlich unter die Nase gerieben bekommt, dass man unfreundlich ist, dann strengt man sich doch ein bisschen an. Alle samt würden wir im Treppenhaus mit muffligem Gesicht herum laufen und im Aufzug sei es kaum auszuhalten, weil ein jeder, den man da antrifft, mit verbissenem Gesicht und hängenden Mundwinkeln in der Ecke steht und vor sich hin starrt. Schlimm sei das Haus Nr. 42. So schlimm, dass die Verfasserin dieses harten Urteils viel lieber in der Nummer 44 wohnen würde. Von dort hört man nur gutes. Leider sind dort aber aktuell keine Wohnungen zu mieten und so würde sie, die Wertende, weiter im Hinterhaus der Nr. 42 sitzen und sich grämen müssen. Die Zeit vertreibt sie sich im Internet, auf einem noch recht neuen Portal, das es ermöglicht seine Nachbarn, die Straße in dem man wohnt und auch gleich das ganze Viertel zu bewerten. Sie tut das mit Hingabe. Hat sich die Kassiererin im Supermarkt bei der Rückgabe des Wechselgeldes verzählt, findet sich am nächsten Tag auf dem Portal eine Bewertung von Frau A. , in welchem sie Betrug unterstellt. Ist das Treppenhaus aufgrund von tagelangem Schneematsch dreckiger als sonst, bekommt unser Hausmeister öffentliche Minuspunkte und lächelt ein Nachbar nicht freundlich genug, wird ihm Desinteresse an der Hausgemeinschaft unterstellt. Weiterlesen

Frühlingslachsfarbener Nagellack

Die feinen Härchen an meinen Unterarmen sind so hellblond, dass sie fast weiß sind. Eine Woche Frühlingssommersonne reicht um sie zu bleichen. Das passt ganz wunderbar zu der schon leicht braunen Haut. Auch dafür reicht eine Woche, was für eine Blondine erstaunlich ist und mir wahrscheinlich von meinem Vater vererbt wurde. Der Lack an meinen Zehennägeln ist Frühlingslachsfarben. Ich wies Paul eben im Lift darauf hin. Nicht das es ihn interessiert hätte, aber ich wollte es aussprechen. Wenn ich Frühlingslachsfarbenen Nagellack trage, dann ist Sommer im Frühling. Solche Tage sind selten und machen glücklich. Paul blickte so grummelig, dass ich empfahl unbedingt die Schuhe auszuziehen. Das erste mal Barfuß zu laufen, hilft gegen schlechte Laune. Grillkäse auch, sagt er und lädt sich selbst zum Grillen in unseren Laubengang ein.

Müsste ich nicht die Kohle anheizen, hätte ich ihnen vom Frühling im Vorderhaus erzählt. So aber hoffe ich, dass Sie eh keine Zeit zum Lesen haben.