Bitte einen Sonnenplatz

Am Münchner Westfriedhof besitzen wir drei Gräber, die nicht weit auseinander liegen. Wenn sich früher die Karawane, bestehend aus meiner Großmutter, einer wechselnden Anzahl ihrer drei Schwestern, meinem Großvater und mir im Schlepptau in Bewegung setzet, dann hatten wir eine festgestellte Route.  Da ging es vom Grab meiner Großeltern, das zu diesem Zeitpunkt einen kurz nach dem Krieg verstorbenen Onkel beheimatete, zu dem vom ersten Mann von Mitzi, meiner Namensvetterin, und dann weiter zu einer Reihe mir unbekannte Menschen und schließlich zu dem Grab meiner Urgroßeltern. Ich hab sie nicht mehr alle eine Erinnerung, aber ich weiß, dass der Weg zu den Gräbern, die wir besuchten, nicht unbedingt nur über die Wege ging, sondern wir uns häufig durch Büsche und zwischen Grabsteinen hindurch schlängelten.  In Erinnerung an diese Tage trampelt ich heute auch von Oma und Opa, zu Mitzi und Mischko, zu dem von Alexandra und weiter zu Väterchen Timofei, bis ich bei meinen Urgroßeltern ankomme und eine kleine Pause mache. An den Familiengräbern gibt es nicht viel zu tun. Ab und zu eine Kanne Wasser oder ein paar verwelkte Blätter entfernen – um den Rest kümmert sich mein Vater. Dass er drei Gräber zu pflegen hat, verdankt er mir. Vor Jahren kaufte ich das meiner Tante Mitzi, das eigentlich aufgegeben werden sollte. Ein Blödsinn. In einem anderen Leben studierte ich BWL und kann in lichten Momenten Kosten und Nutzen erstaunlich rational abwägen. Wenn es hier ein Grab und einen Stein gibt auf dem „Mitzi Irsaj“ steht, dann sollte man ihn unbedingt behalten. In ein paar Jahrzehnten muss man nur noch meine Geburts- und Sterbedaten ergänzen und spart sich die sauteuren Schriftzeichen auf dem Stein. Grabsteine sind Investitionen fürs Leben. Naja, eigentlich genau das nicht, aber….Sie wissen was ich meine. Jedenfalls kümmert sich mein Vater nun auch um dieses Grab und es ist wirklich hübsch. Es liegt in der prallen Sonne, was mir besonders gefällt, da ich wenig Lust verspüre in der Ewigkeit mit kalten Füßen rumzuliegen. Ich vermute, das Fleischlose Zehen leicht frieren. Verzeihen Sie bitte, falls Ihnen das makaber vorkommt, aber ich bin diese Dinge betreffend schon als Kind durch eine harte Schule gegangen. Auf dem Weg durch die Gräberreihen unterhielten sich meine Großtanten- und eltern und erzählten mit Hingabe Geschichten über Todesursachen und scheuten sich auch nicht, den körperlichen Verfall nach einer Beerdigung sehr anschaulich zu beschreiben. Es waren Randnotizen, wie die des Mannes den man Aufgebahrt in der Totenkapelle vergessen hatte. Gruselig fand ich das eigentlich nicht, aber ich beschloss schon von meiner Einschulung vor, dass man mich doch bitte nach meinem Tod verbrennen möchte. So eine Sauerei wollte ich meinem Körper nicht ausgeliefert wissen. In meinem Notfallordner liegt noch heute das Testament, das ich mit 9 Jahren schrieb: „Verbrennt mich. Und wer meine Tagebücher nach meinem Tode liest soll in der Hölle schmoren und ganz viele Pickel kriegen.“ Das ist etwas pathetisch, aber da ich die Aussage noch heute unterschreiben würde, habe ich mein Testament so gelassen und nur ein paar handschriftliche Anmerkungen hinzugefügt. Zum Beispiel „Keine Pickel, aber Potenzstörungen und Hängebrüste.“ Ich würde ja zu gerne dabei sein, wenn man das einmal findet. Wenn es die richtige meiner Schwestern in die Hände bekommt, dann wird sie schallend lachen. Ein letzter Wille auf rosa Hello Kitty Papier mit Zeichnungen von Alf und dem Wusel von der Venus und eine Drohung in Kinderhandschrift. Vielleicht sollte ich noch ein Post it dran kleben mit: „Das meine ich ernst. Das Grundstück an XY und Finger weg von meinen Tagebüchern.“

Am Westfriedhof bin ich nicht die Einzige, die neben den Gräbern der Verwandtschaft noch einige mehr besucht. Schräg hinter meinen Urgroßeltern gibt es ein Grab, für das irgendjemand seit vielen Jahrzehnte bezahlt, es aber nicht pflegt. Neben mir gibt es bestimmt noch ein halbes Duzend anderer Menschen, die auf das von Gras überwucherte Grab regelmäßig Blumen legen oder ein Töpfchen Erika einpflanzen, wenn es am eigenen übrig geblieben ist. Auch Alexandras Grab wird von ihren Fans noch heute gepflegt. Es handelt sich um die Sängerin von „Zigeunerjunge“ und „Mein Freund der Baum“. Auch wenn mir diese Lieder nichts sagen, wenn man nur ein bisschen an diesem Grab steht, dann ist die Chance hoch, dass sich einer daneben stellt und von ihrem mysteriösen Leben und Sterben erzählt. Leider nicht so gut, wie es meine Großtante Erna konnte.

Bevor ich heim gehe, gieße ich das Grab von Väterchen Timofei. Ich mache es, seit mich vor fünfzehn Jahren eine Frau gebeten hat, das bei warmen Wetter zu tun, weil sie nicht wissen würde, wie lange sie es selbst noch konnte. Die Frau hieß Anna und während wir an diesem Tag gemeinsam zum Brunnen gingen um eine Kanne Wasser zu holen hat sie mir vom Warschauer Getto erzählt. Entschuldigen Sie diesen harten Sprung, aber so war es auch an diesem Sommertag. Da plaudert eine fremde Frau am Friedhof mit mir und plötzlich nimmer sie meine Hand, zieht mich auf eine Bank und erzählt eine Stunde lang vom Krieg. Eigentlich ist es nicht verwunderlich. Auf einem Friedhof, liegen so viele Geschichten begraben und so viele Menschen mit Geschichten besuchen die Gräber, dass es ganz normal ist binnen einer Stunde etwas sehr lustiges und etwas von wortlosem Grauen zu hören. Ebenso plötzlich wie sie zu erzählen angefangen hat, hörte sie wieder auf, schenkte mir ein hartgekochtes Ei und machte sich auf dem Heimweg. Gesehen habe ich sie nicht mehr, aber ich gieße an warmen Tagen noch immer das Grab von Väterchen Timofei dem Erbauer der Ost-West-Friedenskirche auf dem späteren Olympia-Gelände.

Ich mag den Friedhof. Wenn ich gehe höre ich ganz leise hinter mir das Schnattern von meiner Großmutter und ihren Schwestern. Verrückt ist das nicht. Nicht verrückter als mit neuen Jahren sein Testament zu verfassen.

21 Gedanken zu “Bitte einen Sonnenplatz

  1. das ist wieder so ne wundersame Erzählung, die ich sehr gerne las. Ich wandere immer noch herum auf der Suche nach einer geeigneten Grabstätte. Sehr gerne hätte ich eine weite Sicht über Land und Meer, und wenige Tote neben mir. Vor allem möchte ich nicht in einem Zementgrab modern, sondern lieber Erde riechen. Doch da ich konfessionslos bin – wird man mir ein geweihtes Plätzchen einräumen, irgendwo auf einem halb vergessenen Friedhof mit eingesunkenen Gräbern?

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    1. Liebe Gerda, es freut mich, dass ich dich ein wenig mitnehmen konnte auch meinem Spaziergang.
      Es klingt schön – die Weite und das Land und das Meer. Zement ist nichts für die Ewigkeit. Im Tod spätestens sollte die Konfession keine große Rolle mehr spielen. Die Kirchen werden das anders sehen, aber du wirst deinen Platz finden. Letztendlich hat er wahrscheinlich weit weniger mit einem Stück Boden zu tun, als wir jetzt vermuten.

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  2. Herrlich sprunghaft wahrhaftig erzählt! Pickel kriege ich jetzt nicht, die andern Sachen habe ich schon. Und all meine Tagebücher verschrottet, weil die echt niemanden was angehen. Nun schreibe ich auf Papier lediglich noch Einkaufszettel, Postkarten und Briefe.-
    Gruß von Sonja

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    1. Guten Morgen Sonja, es ist wahrscheinlich nicht schlecht, dass was man nie gelesen sehen möchte, gar nicht erst aufzuheben. Ich lasse es im Schrank, denn irgendwann wird es mir auch egal sein. Falls nicht, hoffe ich, dass die Drohung einer Neunjährigen ihre abschreckende Wirkung entfaltet.
      Liebe Grüße

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  3. Ach, Friedhöfe! Ich bin ja Nachbarin der Toten, weil ich am Südfriedhof wohne. Manchmal pflanze ich heimlich Blumen auf verwahrloste Gräber. Gerne mag ich auch den Ostfriedhof. Mein Lieblingsgrab dort ist das der Gräfin Larisch. Irgendjemand pflegt es und schmückt es ganz fürchterlich kitschig. Den Westfriedhof kenne ich noch nicht, den muss ich auf meinen Friedhofsrunden versäumt haben.

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    1. Der Ostfriedhof ist nicht weit von mir und dort bin ich öfter unterwegs. Das Grab der Gräfin Larisch kenne ich allerdings nicht, oder nur unbewusst – ich werde die Augen offen halten.

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  4. Liebe Mitzi,
    wenn ich Ihre Geschichten lese, kommen viele Gedanken, Erinnerungen und Ideen in meinen Kopf. Ein Friedhof gehört ja zu den Orten, wo sich Menschen begrüßen, die sich gar nicht kennen. Selbst an Supermarktkassen, wo sie ja auch Gemeinsamkeiten haben, stehen sie grußlos hintereinander. Oder an vielen anderen Orten rennen sie grußlos aneinander vorbei.
    Ich habe aber oft erlebt, dass ich an einem sehr einsamen Ort in der Natur Menschen treffe und da grüßt man sich auch. Einen fremden Menschen zu grüßen lindert also Einsamkeit. So kann man das wohl erklären?!
    Apropo Grab. Als gkazakou schrieb, sie sucht noch nach einer geeigneten Grabstätte, kam mir die Idee, dass ich mit 107 einen Flug zum Mars buche und das letzte Jahr dort verbringe. 😉
    (Vielleicht kann man dann auch schon zur Venus fliegen?!?!?)
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich,
      Sie haben sehr gut beschrieben warum man sich auf einem Friedhof wohl sehr schnell näher kommen kann. Die Einsamkeit, die Traurigkeit oder vielleicht nur die Gemeinsamkeit, dass es sich an einem solchen stillen Ort gut spazieren gehen und nachdenken lässt, verbindet.
      Ihre Idee gefällt mir. Da aber, wie man sagt Männer vom Mars und Frauen von der Venus (oder umgekehrt) kommen, werden wir uns dann wohl nicht sehen. Wenn Sie mir aber versprechen, dass wir auch in 107 Jahren noch in Kontakt sind, dann ist das in Ordnung und ich winke Ihnen auch dann noch zu.
      An dem heutigen Sonntag winke ich erst einmal so.
      Herzliche Grüße

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  5. Irgendwie bin ich bei den sauteuren Schriftzeichen auf dem Grabstein hängen geblieben.
    Ist das nicht voriges Jahrhundert? Der Grabstein von heute sollte mit einem Display inklusive Touchscreen ausgerüstet sein. Man scrollt sich durch das Leben der oder des Verblichenen, holt sich Fotos und Anekdoten von Ihr/ihm auf den Schirm und entzündet, gegen Gebühr versteht sich, ein virtuelles Lichtlein, das auch der heftigste Herbststurm nicht auszublasen vermag …

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    1. Das kommt, Herr Ösi.
      Die virtuellen Kerzen gibt es ja schon. Nicht auf den Grabsteinen aber doch schon im Internet. Noch ist es ein befremdlicher Gedanke, aber ich bin sicher, dass so etwas nicht mehr lange auf sich warten lässt.

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  6. Liebe Mitzi,
    Du wirst Deinen Sonnenplatz bekommen später mal und findest ihn jetzt schon immer wieder. Danke für Deine Schilderung der Grabpflege, familiär und bürgerschaftlich-nachbarschaftlich. Alexandra und Timofei hast Du adoptiert.
    Kürzlich kam unsere 84-jährige Tante angereist, wir besuchten das Familiengrab und verbrachten gärtnernd und gedenkend eine Stunde.
    Beste Wünsche und herzliche Grüße
    Bernd

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    1. Danke, Bernd. Obwohl es natürlich überall möglich ist, sich an seine Lieben zu erinnern, finde ich solche Momente wie du sie beschreibst, sehr schön. Man fühlt sich denen, die gegangen sind, an einem Grab einfach ein Stück näher.
      Herzliche Grüße und einen sonnigen Tag
      Mitzi

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  7. Liebe Mitzi, ich kenne Familien, mit denen ich irgendwie auch verwandt bin, da werden Grabpflege, Grabbesuche und sonstige Kontakte zu Verstorbenen sehr wichtig genommen und auch eifrig praktiziert.
    Aber der Teil, mit dem ich in direkter Linie nach oben und unten und auf einer Ebene verwandt bin, nimmt das so absolut gar nicht ins Programm auf.
    Und das hat mit auch auf die Idee gebracht, micht absolut anonym auf einer großen Wiese beerdigen zu lassen. – Wenn ich es nicht schaffe, in den Gedanken zu bleiben, dann muss es kein Einzelgrab und kein Stein und keine Wasserkanne zum Gießen sein.
    Und tschüss!

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    1. Die letzten Ruhestätten sind ja eigentlich in erster Linie wichtig für die, die übrig bleiben. Manchmal auch für jene die gehen und die schon im Vorfeld alles ganz genau klären. Ich selbst finde den Gedanken an eine Wiese sehr schön und mir wäre es fast egal wo ich denn nun einmal begraben werde. Meine Liebsten, die ich überlebe dagegen, die möchte ich besuchen können. Wo das dann aber ist – das ist auch wieder egal, weil sich das meiste eh in im Kopf und den Erinnerungen abspielt.
      Liebe Grüße

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