Geht immer

Ob ich diese Jacke wirklich tragen möchte, fragt mich der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, und wirft einen kritischen Blick auf das kleine, fast unsichtbare Brandloch am Kragen. Ja, sage ich und ziehe mir das Band aus den Haaren, während ich mich wundere, dass ihm so kleine Löcher auffallen, wo er doch sonst das Offensichtliche so oft nicht bemerkt. Meine Haare fallen über den Kragen und er nickt, nun sei es besser.

Natürlich ist nun alles besser. Es ist immer alles gut, wenn ich diese Jacke trage. Auch an dem Abend, als das kleine Loch in den Kragen der Jacke gebrannt wurde, war alles gut. Es war in einer Sommernacht mit Feuerwerk, als noch alles gut war. Als keiner eine dumme Diagnose bekommen hatte und keiner sein Leben in Frage stellte. Ich liebe meine alte Jeansjacke, weil sie das einzige Kleidungsstück ist, das mir seit bald 25 Jahren immer passt und noch immer so schön wie am ersten Tag ist. Bis auf das Brandloch, meint der, der neben mir steht und zwingt mich garstig zu sein. Ich schiebe meine Hand in den Bund seiner Hose und zerre den Stoff seiner Unterwäsche ein Stück hinaus. Ob wir wirklich über kleine Makel sprechen wollen, frage ich ihn und lege den Kopf in den Nacken, was ich tun muss, weil der seine über 30 Zentimenter von dem meinen entfernt ist und ich nicht mit seiner Brust sprechen möchte. Auch das ist nicht schön. Das sage ich aber nicht, sondern erkläre ihm, dass meine wunderbare Jeansjacke womöglich ein wenig Patina angelegt hat, aber – das würde man sehen – ein ganz herrliches Kleidungsstück ist. Etwas das man, und damit begründe ich meinen Griff in seinen Hosenbund, von dieser, seiner Boxershort nun wirklich nicht behaupten könne. Überhaupt sei die Funktion dieses Kleidungsstückes nicht eindeutig. Zum Sonnen an der Isar war es wohl nicht geschaffen, das sieht man am Stoff und das war ihm vorhin aber noch egal. Zum vorzeigen einer von ihm wertgeschätzten Frau, aber wohl noch viel weniger. Wenn wir also über Makel die Kleidung betreffend sprechen wollen, dann ganz sicher nicht über die meinen.

Ich schlüpfe in meine Schuhe und entspanne den Nacken. Das ist angenehm und mit Schuhen kann ich immerhin mit seinen Schultern sprechen. Die sind wirklich schön und ich kenne sie schon so gut, dass ich mich ab und an sogar daran anlehne.
Ob man wieder Jeansjacken trägt, erkundigt er sich und ich hoffe mein Griff in den Bund der Hose hat zu dieser thematischen Verirrung geführt. Anderenfalls müsste ich mich damit anfreunden von einem Mann zum Essen ausgeführt zu werden, der tatsächlich über Mode sprechen möchte. Ein Thema das mich schon bei Freundinnen langweilt. Dennoch antworte ich. Nicht wieder, sondern immer noch. Überhaupt immer. Wenn er es genau wissen möchte, dann ist eine schmal geschnittene Jeansjacke in mittelblau überhaupt das einzige Kleidungsstück, das man über einem Abendkleid genauso wie über Shorts und Top tragen kann. Zu hohen und zu flachen Schuhen, zu offenen und zu hochgesteckten Haaren und die mit jeder Farbe kombinierbar ist. Was aber nun wirklich scheißegal ist, weil doch viel wichtiger und offensichtlicher ist, dass diese Jacke mir mehr bedeutet, als er noch vor gar nicht allzu langer Zeit.
Ich trug sie, als ich mich immatrikulierte, als ich am Straßenrand heulte, als ich im Baum lachte und als ich Wasser fluchte, weil mich einer hinein geschubst hatte. Aus ihr wusch ich die Grasflecken von 25 Sommern, die Zitroneneisspucke meines Neffen, den Sand Riminis, den Staub Neapels und ich hätte das Blut auf der Innenseite am rechten Ärmel auch herausgewaschen, wenn ich es gleich bemerkt hätte. Jetzt geht es nicht raus und erinnert mich an die Blutsbrüderschaft die ich mit einer geschlossen habe, als wir schon dreißig und stockbesoffen waren. Wenn er mag, kann er heute Abend in den anderen Ärmel heulen. Er wäre nicht der erste. Er kann aber auch, was ich bevorzugen würde, etwas vom Duft seines After Shaves am Kragen in der Nähe des Brandloches zurücklassen, wenn er nach dem Essen den Arm um mich legt. Und jetzt sollten wir aufbrechen, weil ich unglaublichen Hunger habe.

Ich hab dich wirklich gerne, sagt er mir, als würde ihn diese Erkenntnis wundern. Dann kauf dir bitte neue Shorts, sage ich weil ich weiß, dass man einen Mann darum nur in Momenten innigster Zuneigung bitten darf.

34 Gedanken zu “Geht immer

    1. Mit dir unterhalte ich mich sogar über Mode. Also gut…Cargohosen, ok. Aber dann nicht in schwarz. Und ich darf dazu die Heels anziehen. Außer zum Tanzen. Oder einkaufen. Oder rennen. Dann Sneakers. Aber nie Gummistiefel. Außer auf einem Festival. Sind wir mitbedenkt Cargohosen jetzt durch? 😗

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  1. Ich finde ja schon immer/ Boxershorts geht gar nicht…nie..niemals.
    Jeans Jacke geht immer und vor allem nur mit Patina.
    Manche Kleidungsstücke trägt man wie die Haut. Aufrecht und mit allen Erinnerungen der Jahre.
    Ach….Nur Menschen die der Meinung sind Kleidung hätte keine Seele mockieren sich ungefragt über die Dellen Schrunden und ihre Jahresringe.
    Was mit Verlaub/ bei Boxershorts niemalsniemals sein kann.
    Derweil ich mich in meinen Urururalt löchrigen Kaschmir Pullovern händle und es bedaure meine alte Jeans Jacke verloren zu haben.
    Es lebe die Seelenkleidung mit Narben & Schrunden.

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    1. Ein schöner letzter Satz.
      Und schön zu lesen, dass auch andere ihre Kaschmirpullover bis zum Ende tragen. Es ist mir unverständlich, diese auszusortieren, nur weil sich erste Knötchen bilden. Die Wärme und das gemütliche, geborgene Gefühl bleibt.

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  2. Will scho ca. 10 Jahre lang wieder eine Jeansjacke! Je länger ich warte, desto jünger wird sie mich kleiden! Aber ohne Brandlöcher. Die hab ich schon in meinem Balkon-Leseschlafsack. Plus eine zweite Sorte Löcher, wo meine (allweil freilaufende) Ratte damals herumgenagt und sich Isolationsmaterial für den Nistbau herausgekruschtelt hat.

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  3. Als Mann glaubt man: Wenn wir soweit sind, das frau meine Unterhose sieht, ist es egal, wie sie ausssieht, da ich sie sowieso so schnell wie möglich ausziehe. Welch ein Irrtum! Wenn die männliche Unterwäsche unsexy aussieht, kann das den weiteren Verlauf des Abends in eine ungünstige Richtung lenken. Meine Mutter sagte immer, daß wir, für den Fall eines Unfalls, immer Socken ohne Löcher tragen sollten. Männer, vergeßt das: Viel wichtiger ist ein Slip, der zeigt, daß man auf sich achtet – wenn ihr eure Auserwählte nicht abtörnen wollt!

    An welchen Kleinigkeiten sowas hängen kann …;-)

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    1. Das sagte meine auch.
      Und trotz grausamer Unterwäsche – am Ende ist es auch egal. Und wenn es nicht egal ist, dann läuft etwas falsch ;). Wenn sich aber die Gelegenheit bietet, dann kann man ja vorsichtig darauf hinweisen.

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  4. Liebe Mitzi! Wieder einmal eine wunderschöne Geschichte, die mich super unterhalten hat, wo ich doch eigentlich noch unbedingt diese Tabelle auf PowerPoint basteln muss… Und umso dankbarer bin ich Dir auch deshalb, weil ich ja manchmal doch eine kleine fashionista bin und Du meinen Blog trotzdem dann und wann beehrst ! In tiefer Dankbarkeit und einesonnige Woche, Nessy … 😉

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    1. Liebe Nessy, du bist viel mehr als eine kleine Fashionista :). Wenn ich schreibe, dass mich Gespräche über Mode langweilen, dann stimmt das zwar, aber geht in eine ganz bestimmte eben langweilige Richtung. Wenn jemand mit Leidenschaft und eingebettet in eine Erzählung und mit schönen Bildern davon berichtet, dann bin ich ganz Frau, ganz Mädchen und vor allem ganz begeistert dabei. 😉
      Liebe Grüße und viel Erfolg mit PowerPoint – ich hasse es!!!

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  5. Jeansjacken sind genial, vor allem wenn sie mit Patches zu gepflastet sind und natürlich Ansteckern. Wenn ich sie anziehe, sehe ich vermutlich aus wie ein wandelndes Demonstartionsschild.

    Diesbzeüglich der Unterwäche… Ich habe die Hälftei dem isländsichen Müll überlasssen, da sie schon wortwörtlich außeinanderfiel. Dauereinsatz geht eben an niemandem spurlos vorrüber.

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      1. das stimmt. umso mehr freue ich mich, dass mein altes auto nach langer zeit wieder einen liebhabenden besitzer gefunden hat, der es quasi restauriert hat und mich hoffentlich in den nächsten wochen besuchen kommen wird ❤

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