Wurfsendung und Weinschorle

Den besten meiner Freunde erkenne ich immer. In rauchgeschwängerten, dampfigen und unübersichtlichen Clubs; mitten in einem Rapsfeld stehend; im Fasching mit eine tief ins Gesicht gezogenen Hutkrempe und am Marienplatz zwischen tausenden von Touristen. Selbst wenn er gestern nicht alleine vor dem Kino am Sendlinger Tor gestanden wäre, hätte ich ihn trotz Sonnenbrille und Mundschutz erkannt. Seine 193 Zentimeter sind mir vertraut und es braucht mehr als zehn Corona-Wochen um sich fremd zu werden. Am 15. März lag er auf meinem Sofa als ich spät abends eine E-Mail las, die von Kollegen zu Kollegen geschickt wurde und deren Inhalt uns an diesem Sonntag vor zehn Wochen noch erstaunte. Der beste meiner Freunde lümmelte neben mir, als wir überraschend und sehr konsequent ins Home Office geschickt wurden. Passend und stimmig, dass ich die erste Weinschorle „draußen“ mit ihm trinke. In den vergangenen 25 Jahren haben wir uns schon öfter zehn Wochen lang nicht gesehen. Das Leben kam dazwischen, das kann passieren. Dass wir uns zwei Monate lang nicht sehen konnten und durften, war neu. Neu auch, dass wir uns zur Begrüßung nicht umarmten. Auch wenn es bei ihm und mir vermutlich ungefährlich ist. Meine Wange (mit Sommerflachen Schuhen) wäre bei ihm gerade mal auf Brusthöhe und wenn man kurz die Luft anhält, dann…..wir haben es gelassen. 

Manches muss man mit Humor nehmen. Nach zehn Wochen geht das gut. Das Lachen. Über die Masken, die wir für die drei Meter zu unserem Tisch brav aufgesetzt haben. Es ist wie es ist, da kann man lachen, muss es aber nicht ins Lächerliche ziehen. Nicht, wenn der, der uns die Getränke bringt sie stundenlang trägt und dennoch mit den Augen lächelt und gute Laune hat. Es ist schon ok. Mehr als ok, wenn es etwas bringt. Außerdem sitzen wir an einem der schönsten Plätze in München in der Nachmittagssonne und sehen uns endlich wieder in die Augen, während wir uns unterhalten. Wie schön das ist, weiß man erst, wenn man es ein paar Wochen nicht hatte. Belangloses Plaudern das geht auch am Telefon. Eine Biene auf seinen Finger krabbeln lassen und sie dem anderen unter die Nase halten, damit er sieht wie hübsch sie ist, das geht nur, wenn man nebeneinander sitzt. Wir sollen doch bitte noch einchecken, bittet uns der Kellner, bevor er die Getränke bringt und ich schmunzle bei der Vorstellung, dass diese Bitte an meinen Vater herangetragen wird. QR Code scannen, persönliche Daten eintragen und beim Verlassen des Tisches  wieder auschecken. Wir verteilen unsere Daten Tag für Tag sinnloser und gedankenloser beim Verwenden diverser Apps. Die Weinschorle schmeckt nach Sommer und die Sonnenstrahlen auf der Nase versprechen einen schönen Abend. Es ist frisch an diesem Nachmittag und doch ist es einer der schönsten Tage seit langem. Sommer in der Stadt…noch nicht ganz, aber man spürt es schon. In einer Woche wäre ich wieder nach Italien gefahren. Zwei Wochen Ligurien, Meer, Sonne, Wärme und Wein. Es werden zwei Wochen München, Isar, Sonne, Wärme und Wein werden. Nicht mit dem mutigsten meiner Freunde, den ich wahnsinnig vermisse. Aber mit dem besten meiner Freunde, der ganz sicher nicht die zweite Wahl ist. So wie ich mich an die Masken gewöhne, gewöhne ich mich an die Stornierungen diverser Zugtickets die mich über den Brenner gebracht hätten. Scheiße, murmle ich leise als mir einfällt, dass ich zwischen Isar, Sonne und Sommer zu Hause wohl auf keine Ausrede für das Ausräumen des Kellers und die Steuerklärung haben werde. 

Auf dem Heimweg sehe ich meinen Nachbarn Herrn Meier im Biergarten sitzen und mache mir um meinen Vater und mögliche QR Codes keine Sorgen mehr. Herr Meier raunzt den Kellner an, dass er so einen Schmarrn weder verstehen noch bedienen könne. Kurz darauf bekommt er einen Zettel und einen Stift gereicht. Zufrieden nickt er und beginnt ihn konzentriert auszufüllen. Erst danach nimmt er die frisch eingeschenkte Mass und lässt den ersten Schluck Bier mit verklärtem Blick die zehn Wochen lang ausgetrocknete Kehle runterlaufen. Herr Meier fühlt sich wie ich, eine Stunde zuvor. Endlich wieder ein Stück Normalität mehr. Die Zettel und Codes schmälern das Vergnügen nicht. Auch Herr Mu hat seinen Platz an der Bushaltestelle wieder eingenommen. Er hat nun etwas mehr Platz und man versteht seine Geschichten durch die Maske vor dem Mund etwas schlechter. Auch das macht nichts, denn dafür ist die Luft besser, seit er im Wartehäuschen nicht mehr seine Zigarillos rauchen kann. Schritt für Schritt kehren wir zu unserem Alltag zurück. Nur Frau Obst und Frau Angermeier haben beschlossen, die Coronaregelungen weiter zu beachten und mich künftig auch weiter als Einkaufshilfe in Anspruch zu nehmen. Ich mach das gerne, nur über die Auftragserteilung müssen wir noch mal sprechen. Während mir Frau Angermeier die benötigten Dinge freundlich am Telefon mitteilt, ist Frau Obst dazu übergangen mir ihre Liste über den Balkon zu reichen. Genauer gesagt wird der Zettel in Alufolie eingewickelt, zu einem kompakten Ball geformt und zu mir rüber geschmissen. Die vielen Ausrufezeichen und die fehlenden Höflichkeitsfloskeln würden mir sauer aufstoßen, wenn nicht auch das ein Zeichen der beginnenden Normalität ist. Frau Obst ist wieder ganz die Alte. Imperativ statt Konjunktiv und bitte alles schnell und genauso wie sie es haben möchte. Gestern habe ich trotzdem einen Alufolienball zurück geschmissen. „Bitte und Danke wäre ganz nett“ stand darauf. Heute morgen waren die letzten zwei Worte auf der Einkaufsliste. „Heute! Danke!“ 

 

 

6 Gedanken zu “Wurfsendung und Weinschorle

  1. wir hatten am donnerstag unser erstes hexentreffen seit corona. ohne zoom, real, nicht virtuell, mit spritzer und pizza. und wir haben uns schon phasenweise viel viel länger nicht gesehen als diese zeit, aber wie du sagst – nicht, weil wir nicht konnten und durften, sondern weil eben das leben dazwischengekommen war. und es war so anders, weil wir zu 5. nicht in die pizzeria konnten (max. 4 erwachsene pro tisch) also waren wir bei einer freundin zuhause und haben pizza geholt… und sind am balkon gesessen, während 2-3 von uns geraucht haben und haben über dinge geredet, die wir sonst in der hektik des alltags und der oberlfächlichkeit dersich manchmal zu schnell drehenden welt nicht angekratzt haben. das war sehr intensiv und sehr speziell und irgendwie ganz anders und trotzdem so vertraut.

    auch wenn heuer nichts läuft wie wir uns das dachten, lassen sich mittlerweile zumindest alternativen finden, die zwar anders sind, aber nicht schlechter, obwohl das „nicht können/dürfen“ halt trotzdem immer (noch) einen komisch-schalen beigeschmack hat, aber das ist wohl normal.

    ich habe denke ich auch ein paar dinge wie frühlingsrituale, die ich nach und nach so gut sie möglich sind nachholen will, einfach, damit mein ganzes ich nicht so verwirrt ist, dass wir schon frühsommer haben.

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    1. Ach, das klingt schön. Pizza, Balkon und Freunde. Ratschen und eben auch reden und zuhören. Wie du sagst, das bleibt im Alltag oft auf der Strecke. Hier bei uns lassen wir es noch langsam angehen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir auch etwas den Überblick verloren haben, was in welchem Bundesland gerade erlaubt ist. Der Föderalismus führt dazu, dass Nachrichten aus Berlin ja interessant sind, das aber noch lange nicht heißt, dass Bayern oder ein anderes Bundesland nicht doch noch strenger ist. Bayer in Moment ganz sicher. Aber auch schon gelockert. Ich beginne meine Freunde einen nach dem anderen auch wieder zu sehen und genieße die Gespräche, die doch anders als Telefonate sind. Frühlingsrituale klingt gut. Ein paar hatte ich auch schon nachgeholt. In den Rosengarten kann ich leider noch nicht. Da stand ich heute ganz sehnsüchtig vor dem Zaun….nächstes Jahr wieder. Liebe Grüße

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