Nur der Mai

Schönen Urlaub, wünschen die Kollegen Montagmorgen im Firmenchat und erinnern mich daran, dass ich meinen Rechner gleich wieder runter fahren kann. Urlaub, ja richtig, da war was. Ich habe Urlaub. Muss ihn genommen haben, als noch dachte wegfahren zu können und habe ihn in den letzten Wochen komplett vergessen. Eine Antwort an mein Team: Danke, ihr könnt euch vorstellen, wie nötig ich eine Woche zu Hause in den eigenen vier Wänden und der näheren Umgebung habe – da war ich in den letzten Monaten viel zu selten. Schief grinsender Smiley und ein letzter Gruß, bevor ich das Notebook runter fahre und in den Schrank stelle. Urlaub also. Unschlüssig stehe ich  um sieben Uhr morgens auf dem Balkon und nippe am Milchkaffee. Einzelne Margeriten sind verblüht und gehören abgezupft. Die Tomaten müssen nach oben gebunden werden. Aber sonst….nein, hier gibt es nichts zu tun. Im Schlafzimmer auch nicht und im Flur war noch nie etwas zu tun gewesen. Aber der Kaffee schmeckt gut. Auch noch in der Küche, wo ich vor dem Fenster stehe und mir die Balkone im Hinterhof ansehe. Pauls Sonnenschirm ist in der Nacht umgekippt. Sonst hat sich seit gestern nicht viel verändert. Meine Nachbarin geht am Fenster vorbei und hält eine Tüte vom Bäcker nach oben. Ich antworte mit einem nach oben gestreckten Daumen. Ja, ein Croissant wäre heute tatsächlich nett. Das gibt es sonst nicht, aber ich habe ja Urlaub.

Ich esse es auf der Küchenanrichte sitzend bei einer zweiten Tasse Milchkaffee. Paul hat den Sonnenschirm wieder aufgestellt und neben mir steht eine Schüssel mit verwelkten Margeritenköpfchen. Achtunddreißig sind es. Ich mache ein Foto von ihnen und verschicke das Bild. Rate, wie viele es sind, schreibe ich und winke meiner Nachbarin, die ihren Sohn in die Kita bringt. Er, der das Bild bekommen hat, lag fast richtig. Als ich ihm die Anzahl der nicht verwelkten, sondern wunderschön blühenden Köpfchen schreibe, erkundigt er sich ob bei mir alles in Ordnung sei. Kurz überlege ich, dann nicke ich und antworte. Doch, ja. Heute habe ich Zeit vom Schnittlauch im Laubengang die dürren Halme einzeln zu entfernen. Ob er wusste, dass auch die noch immer ganz wunderbar duften, frage ich und setzte mich auf den Balkon. Dieser Urlaub kam etwas unterwartet. Ich könnte ein Buch lesen oder durch mein Viertel schlendern, aber beides reizt mich nicht. Es ist die viele Zeit, die mich ein wenig überfordert, aber nicht überfordern darf, weil Zeit doch schön und wertvoll ist. 

Noch eine Tasse Milchkaffee und mir wird schlecht. Lieber Espresso mit drei Löffel Zucker. Die kleine Moka macht gleich drei Tassen und wenn er schon mal da ist, dann trinke ich ihn eben vor dem Küchenfenster stehend. Der Sonnenschirm ist schon wieder umgekippt. Entweder der Ständer ist kaputt oder Paul zu blöd ihn aufzustellen. So schepps wie er da hängt, weht es ihn heute vielleicht noch über die Balkonbrüstung. Der Schirm macht mich nervös. Er oder die insgesamt sieben Espressi die sich in meinem Magen befinden. Kein Wunder das er rumort und sich unangenehm zusammen zieht. Mit Herzklopfen und Magenschmerzen lege ich mich auf den Balkon zu den Margeriten und beobachte die winzige pochende Ader an meinem Handgelenk. Dieses Äderchen habe ich noch nie gesehen und es hat ganz sicher noch nie so gepocht. Außerdem kann ich nicht gut Schlucken. Das Croissant hängt mir noch im Hals. Vielleicht aber wollte ich mit ihm auch irgendwas anderes hinunter schlucken, denn eigentlich mag ich Croissants überhaupt nicht und kann mich nicht erinnern warum ich es überhaupt gegessen habe. Den blauen Himmel mag ich schon, aber wenn man genau hinsieht, dann ist er eher grau. Und die Margeriten riechen so intensiv, dass sie eigentlich schon fast stinken. Kein Wunder dass man bei dem Gestank Herzklopfen bekommt. Ich spür das dumme Klopfen sogar am Hals und der ist mir heute eh so eng. Wegen des Croissants.

Ich bin am Balkon liegen geblieben. Wenn ein Herz so stark klopft, dann kann man nicht aufstehen. Dann kann man nur einen Käfer auf den Margarethen beobachten und zusehen wie die Sonne hinter den Dächern der Häuser auf der anderen Straßenseite  versinkt. Dann kann man sich kein Pullover holen obwohl man friert. Bei solchen Herzrasen hilft er eh nicht. Da friert man sogar in der Sonne. Man bleibt liegen bis der kleine Solarlampion zwischen den Margaretenbüsche zu leuchten beginnt. Irgendwann klopft das Herz weniger wild. Vielleicht muss man noch 200 Mal ein- und ausatmen bevor es besser wird, aber irgendwann hören die Herzklopfen auf. Ein Herz schafft es nicht so lange so wild zu schlagen, früher oder später beruhigt es sich. Man muss einfach abwarten. So war es bis jetzt jedes Mal. Nicht in jedem Urlaub sondern immer Ende Mai. Ich hatte es vergessen, mein Herz nicht. Es ist Mai. Im Mai wurde ich mal allein gelassen. Ich denk nicht gerne daran. Mein Herz auch nicht. Vielleicht noch dreißig Atemzüge, dann geht es wieder. Morgen habe ich Urlaub und die Sonne wird scheinen.

 

28 Gedanken zu “Nur der Mai

  1. du beschreibst wunderbar, wie und warum alte Leute spleenig werden. Solch unerwarteter Urlaub ist eine ausgezeichnete Vorübung aufs Alter, wo man sooo vel schöne freie Zeit hat. Und wenn einem dann auch noch die liebe Regierung, um einen am Leben zu erhalten, Hausarrest verschreibt, kann man komplett verrückt werden.
    Du bist freilich nicht alt, und du bist gesund und auch nicht ohne finanzielle Mittel, also wird es schon noch ein ordentlicher Urlaub werden, liebe Mitzi. Lass dich nicht kirre machen. Liebe Grüße!

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    1. Ein Übermaß an Zeit und wenig Möglichkeiten – das war in den letzten Monaten für viele ältere Menschen bestimmt eine Herausforderung (und das ist wohl noch untertrieben). Bei mir ist es nur der Mai, der mir manchmal zu schaffen macht. Ansonsten geht es mir wirklich gut. Und das sehe ich auch schon wieder und genieße die Tage mit Buch und Wassermelone. LIebe Grüße

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  2. Manche Erinnerungen bleiben für immer. Auch wenn sie tief vergraben sind, kommen sie doch ab und zu zum Vorschein. Regelmäßig, spontan, getriggert,.. Verschieden.
    Vielleicht wäre es einfacher sich auf das Koffein herausreden zu können. Aber besser? Wohl eher nicht.
    Fühl‘ Dich gedrückt!

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  3. Ich habe Anfang Mai 1996 traurig gesungen: „Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang …“
    Und genau am 30. Mai traf das ein, was ich befürchtet habe, nur das „wir“ stimmte in dem Lied nicht.
    Liebe Grüße zu dir

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  4. wieder mal einer der mitzi-texte, die am schluss recht unerwartet kalte gänsehaut laufen lassen. stimmt, mitzi und der mai, da war was. ich schick dir virtuell eine stille und feste umarmung nach münchen und freundliche wiener frühsommersonne, die im gegensatz dazu mit ganz vielen luftigen erinnerungsgefühlen von mir aufgeladen ist. ❤

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    1. Die Umarmung ist angekommen. :-* Die Frühsommersonne ist jetzt auch in München. Ich war gesten und vorgestern an so schönen Orten. Grün in allen Schattierungen. Da kann man nur gleich wieder bessere Laune haben.

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    1. Hallo Emma. Jetzt steh ich auf dem Schlauch? Oder ich muss dich enttäuschen, weil da gar nicht mehr eine Auflösung kommt. Wenn ich dir nur sage, dass mein Urlaub mittlerweile sehr schön ist, dann ist es eine eher unspektakuläre Info ;).
      Ich würde übrigens wahnsinnig gerne einen Krimi schreiben. Glaube aber dass ich das gar nicht kann.

      Liebe Grüße
      Mitzi

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      1. Hallo Mitzi
        Natürlich gönn ich dir einen schönen Urlaub in heimatlichen Gefilden, das steht ausser Frage.

        Doch ich finde dieser Absatz (vgl. unten) ist ein Cliffhanger. Du baust Spannung auf. Etwas liegt in der Luft. Unheil liegt in der Luft.
        In einem Roman wäre es die perfekte Einleitung für eine Rückblende zu z.B. einer unglücklichen Liebesgeschichte oder Geschichte eines verlassenen/verwaisten Kindes. Das Ereignis Ende Mai hat zu einem ungewöhnlichen Lebensweg der Protagonistin geführt, das schrittweise enthüllt wird.

        „… So war es bis jetzt jedes Mal. Nicht in jedem Urlaub sondern immer Ende Mai. Ich hatte es vergessen, mein Herz nicht. Es ist Mai. Im Mai wurde ich mal allein gelassen. Ich denk nicht gerne daran. Mein Herz auch nicht. …“

        Krimi schreiben? Du bist eine sehr gute Beobachterin und weisst wie man Charakteren und (Gefühls-)Situationen beschreibt. Da wird sich dir der eine oder andere Abgrund schon auftun. Und wenn nicht – es werden eh unheimlich viele Krimis geschrieben. Über Hinterhäuser wird weniger berichtet 😄
        Gute Nacht – Emma

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      2. Guten Morgen Emma, du hast schon recht…der Spannungsbogen klingt nach mehr, das da noch kommen könnte.
        Ich habe vollste Bewunderung für Krimischreiber und fürchte mir würde mein „plappern“ dazwischen kommen. Wahrscheinlich würde ich schon in der Mitte erzählen wer der Mörder ist und den Leser bitten, es aber nicht weiterzusagen ;).

        Schöne Pfingsten.

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  5. Das ist ein trauriger und wunderschöner Text. Ich hoffe, Dein Urlaub wird gut.
    Bald ist Pfingsten. Ich bin an Pfingsten verlassen worden. Ach, eigentlich früher. Aber ich hab es erst an Pfingsten sicher gewusst.
    Keep it up:) Alles Liebe

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    1. Das ist er bereits. Als Ausgleich zum doch recht traurigen Mai Beitrag hab ich gerade das Gegenstück hochgeladen.
      Es schon zu wissen….die Zeit ist richtig scheiße. Wir haben es überlebt ;). Liebe Grüße und schöne Frühlingstage!

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  6. Schöne Impressionen vom Tag vor dem Urlaub, liebe Mitzi. Ja, die freie Zeit will verbracht werden. Zum Gklück kannst du schreiben, und da gewinnen auch die kleinen Dinge wie die Margerittenköpfe poetische Bedeutung. Ich glaube zu erinnern, warum dein Herz sich im Mai meldet. Eine dir bedeutsame Zeit.
    Doch vielleicht einfach zuviel Kaffee? 😉

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    1. Danke, lieber Jules. Vielleicht war es wirklich einfach nur zu viel Kaffee ;). Die Urlaubswoche konnte ich dann in vollen Zügen genießen. Das Wetter hat mitgespielt und ich war jeden Tag draußen. Bewegung trägt ja auch zu einer ausgeglichenen Stimmung bei. Das viele Grün auf jeden Fall 🙂 Schöne Pfingsten

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