Kleben statt reden U-Bahn Gedanken

Das wird nicht funktionieren, möchte man ihr sagen und weiß, dass es sinnlos ist, weil die, die da steht, bereits verloren hat. Wenn sich eine, direkt vor der S-Bahn Tür stehen, erst aus dem Mantel schlüpft, sich dann den Schal vom Hals wickelt, beides zu einem Häufchen zu ihren Füßen drapiert und dann beginnt ein Buch der Dicke und Schwere von „Krieg und Frieden“ zu lesen, dann weiß man als erprobter MVG Fahrgast, dass das spätestens an der nächsten Haltestelle gehörig schief gehen wird. Morgens um sieben zwischen Isartor und Marienplatz ist es das selbe wie sich bäuchlings auf dem Boden vor die einzige funktioniere Rolltreppe zu legen. Kann man machen, ist aber keine gute Idee. Der lesenden Frau, fiel am Marienplatz das Buch aus der Hand, als sich 42 Pendler an ihr vorbei schoben; ihr Schal verfing sich am Stachus in den Rädern eines Kinderwagens und am Hauptbahnhof wurde sie von der aussteigenden Masse, samt Kleiderhaufen einfach aus der S-Bahn geschoben. Vielleicht ganz gut so, ihre Nerven lagen eh schon blank und spätestens an der Hackerbrücke hätte sie zu Brüllen begonnen. Das sah man schon an der pulsierenden Ader an ihrem schalfreien Hals.

Eigentlich müsste man den regelmäßigen MVG Nutzern kostenfrei ein  Kontingent an handtellergroßen und knallroten Aufklebern zur Verfügung stellen. Aufschrift: „Das geht schief“. Meinetwegen auch mit: „Echt jetzt?!?“ für die Jüngeren. Das könnte man im Vorbei gehen auf die Gefahrengüter kleben und die Besitzer auf die idiotische Handhabung von diesen aufmerksam machen. Mir würde es zum Beispiel ein großes Vergnügen bereiten, den Lesern der Süddeutschen oder der FAZ einen solchen Aufkleber auf den Wirtschaftsteil zu pappen. Am besten ganz locker im vorbeigehen. Das geht natürlich nicht, weil man an den Lesern der Süddeutschen nicht einfach vorbei gehen kann, da sie seitlich auf den Sitzen hocken und mit ihren Zeitungsblättern den Durchgang versperren. Man ist gezwungen ein paar Sekunden vor ihnen stehen zu bleiben und zu warten, bis sie mit leidendem Gesichtsausdruck die Zeitung falten und einen durchlassen. Eine Zumutung für den gebildeten Leser. Was will der Pöbel in der Bahn auch zum Ausgang? Auf deren Aufkleber sollte einfach nur „Nein!“ stehen. Mit etwas Glück würden sie so lange über das kleine Wort nachdenken, dass zwanzig Fahrgäste an ihnen vorbei gehen könnten. Also 1,5 Minuten etwa.
Besonder leichte, könnte man die Aufkleber auf all den Rollkoffer in U- und S-Bahn anbringen. Dazu müsste man sich nicht mal bewegen, weil die Koffer früher oder später eh an einem vorbei rollen. Ohne dass an ihrem Griff die Hand des Besitzers ist, versteht sich. Der liest ja gerade ein Buch oder eine Zeitung oder schält sich aus Jacke und Mantel, während sich sein Gepäckstück auf den Weg macht. Besonders schön, wenn es auf dem Weg einen Hund oder einen Kinderwagen streift, dann kommt Leben ins Abteil. Hier bräuchte man unbedingt aufklärende Sticker. So schwer kann es nicht sein, die Senioren schaffen es schließlich auch, ihre Rollatoren im Griff zu haben.

Und dann gibt es noch die Kandidaten, denen man den Aufkleber einfach ans Hirn pappen möchte. Im vorbeigehen und mit Schwung. Zack! Noch schöner aber ist es, wenn das in diesen Fällen ein Busfahrer übernimmt. Dieser ganz besondere Schlag Münchner Menschen, der keine Aufkleber braucht, der sich mit einem Grunzen artikulieren kann und dessen Geduld an einem so dünnen, seidenen Faden hängt, dass man das Reißen unbedingt genießen sollte, wenn man nicht gerade selbst betroffen ist. Damit Sie das können, beschreibe ich Ihnen den Moment:

 

Werktag, acht Uhr morgens. Im Bus befinden sich bereits zwei Kinderwägen, ein Rollstuhl, 15 grimmige Rentner, 8 zu spät kommende Schulkinder, zwei Rollkoffer und eine kaum zu beziffernde Anzahl längst resignierter 0815 Menschen von denen drei mit Ihren Zeitungen den eh schon knappen Platz noch verringern. Und dann das sperrige Eisenteil, bei dem man sofort erkennt, dass es unmöglich funktionieren kann zugleich aber am entschlossenen Blick der Besitzerin erkennt, dass ein Versuch gestartet werden wird. Das erkennt auch der Busfahrer, der bereits beim Einrollen in die Parkbucht durch den Außenlautsprecher grunzt. Ergänzt von einem deutliche, bayerischen „Naaaa, wirkli ned“ in dem Moment, in dem das Ungetüm angehoben wird. Bei so verhärteten Fronten und zum Schutz seiner restlichen Fahrgäste, steigt ein Münchner Busfahrer sogar einmal aus. In Zeitlupe öffnet er seinen Verschlag, beschimpft dabei ein Schulkind, an dem er vorbei muss und einen Rollkoffer, dessen Besitzer drei Meter entfernt rumsteht. Richtet sich auf, zieht die Hose mit einem Ruck nach oben und fährt sich über Nacken und Stirn, um sich die richtigen Worte zurecht zu legen. Die findet er natürlich nicht, weil Münchner Busfahrer seit den automatischen Bandansagen nur noch wenig zu sagen haben und bleibt deshalb erst einmal still an der mittleren Türe stehen, aus der noch immer vier Fünftel des Gestells herausragen und schaut die schiebende Frau kopfschüttelnd an. Ich schwöre Ihnen, hätte unser Busfahrer  einen der von mir beschriebenen Aufkleber gehabt, er hätte ihn ihr mit Schwung und kommentarlos ans Hirn gepappt. Zack und gut ist! Da er keinen hatte, sagte er leise….sehr leise:  „Ganz sauber san Sie aber ahh ned, ha?“ Und das, genau das, wäre der passende und universale Satz für die Aufkleber, die ich mir wünsche. 

 

30 Gedanken zu “Kleben statt reden U-Bahn Gedanken

  1. Ich mag auch die Radfahrer, die ins falsche Abteil unserer Regionalbahn einsteigen, es gibt nämlich nur einen gekennzeichneten Fahrradbereich pro Wagen. Dann stehen sie entweder ratlos im Weg oder versuchen, mit dem Rad durch den überfüllten Wagen in den für sie vorgesehenen Sektor zu gelangen. Das alles erübrigt sich natürlich, wenn statt der üblichen zwei Wagenteile nur eines kommt. Dann passt gerade noch eine Luftgitarre.

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  2. Ein bisschen mehr Duldsamkeit würde uns allen gut zu Gesicht stehen. Ich ermahne mich jedenfalls oft, wenn sich Mitmenschen unbeholfen verhalten und denke: Es gibt Schlimmeres als Ungeschick. Und natürlich merke ich auch, dass ich als junger Mensch deutlich behänder und geschickter mich durchs Leben laviert habe. Falls dich jemand regelmäßig mit seiner ausgefalteten SZ nervt, liebe Mitzi, dann drucke dir das hier aus und verteile es, reicht schon ohne Einleitung:
    https://trittenheim.wordpress.com/2017/05/20/die-kunst-zeitungen-handlich-zu-falten/

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    1. Wenn jemand wacklig oder unsicher auf den Beinen ist oder einfach ein bisschen länger braucht, dann geht er mir ja nicht gleich auf die Nerven. Es ist eher die Unverschämtheit und Rücksichtslosigkeit die mich stört. Lachen kann ich dennoch meist darüber und deinen Hinweis wie man deine Zeitung faltet, der ist großartig, lieber Jules.

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  3. Mich haben vor Jahren die Münchner genau auf der Strecke fasziniert. Bepackt mit 4 Riesen Koffern versuchten mein Mann und ich Reste eines Umzugs für meinen Sohn zum Olympiaturm zu befördern. Mit einer stoischen Gelassenheit kletterte man drum herum. Ich schätze der Beitrag ist über mich.😁

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      1. Du warst doch auf meinem Blog…..Pack diese URL in Deine Leseliste….wenn das nicht funktioniert, weiss ich leider auch nicht. Bei den anderen funktioniert es so. 😟

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  4. Ich glaube deshalb hat unsere Stadt mal eingeführt, dass zwischen 8-10 Uhr morgens und ich glaube 16-18 Uhr nachmittags quasi nur Personen transportiert werden dürfen. Desweiteren hatten wir schon diverse Werbekampagnen à la „Iss den Döner draußen“, „Pack deinen Rucksack unter den Sitz und nicht auf den Platz neben dir“ etc. Funktioniert ganz gut, wobei die -Bahn ein wesentlich härteres Pflaster ist. Aber das Alkoholverbot war ein Geschenk des Himmels. Unsere neuen Bahnen haben auch keine Wagons mehr sondern sind von vorne bis hinten eine Tube. Erleichtert das durchgehen erheblich… Wie wäre es statt Stickern mit Post-Its? Sind günstiger, farbig variable und vor allem auch text technisch sehr vielseitig einsetzbar. 😀

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    1. Joa…das gilt in München auch. Kinderwagen und Rollatoren aber ausgenommen – aber das heißt ja nicht, dass man es nicht probieren könnte.
      Die Post-It Idee ist gut. Vielleicht probier ich es (sofern ich jemals mutig oder betrunken genug bin) aus.

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  5. Liebe Mitzi, als erstes bemerke ich, dass Münchener und Berliner Busfahrer sehr eng blutsverwandt miteinander sein müssen, denn hier würde ähnliches vor sich gehen.
    Die junge Frau mit dem eisernen Ungetüm hätte vielleicht bessere Chancen gehabt, wenn sie das Ding umgedreht hätte und das dicke Unterteil über den Köpfen balanciert hätte, was aber auch lebensgefährlich wäre – also lieber doch nicht.
    Frau hat’s nicht leicht – wie so oft beobachtet.
    Lieben Gruß zu dir!

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  6. In Frankfurter Bahnen fallen viele unregelmäßig fahrende Fahrgäste nach dem Einsteigen um, wenn die Bahn wieder anfährt. Sie scheinen sehr überrascht darüber zu sein, dass die Bahn weiterfährt. Ich bin immer versucht festhalten zu rufen und hab schon den ein oder anderen auffangen mussen.

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