Frühling – jetzt!

Als ich gestern Vormittag vor das Haus trat, war er da. Der Frühling. Wenn Sie in und um München wohnen, dann wissen Sie, dass wir gestern den ersten Frühlingstag hatten. Obwohl es schon ein paar wenige milde und sonnige Tage gegeben hat – der Frühling begann gestern. Ich gehörte zu den glücklichen Menschen, die es noch im Bett liegend mitbekommen haben. Dank der Ostseite strahlt mir die Sonne am ersten echten Frühlingstag schon um 07:30 Uhr ins Gesicht und ich muss mich nicht fragen, wie das Wetter ist. Das ist wunderbar, vor allem wenn man am Vorabend erst um drei Uhr nachts nach Hause kommt. Noch vor zwei Wochen waren die Temperaturen im zweistelligen negativen Bereich, aber jetzt ist er da – der Frühling. Das Wetter alleine macht noch keinen Frühling. Damit ein Tag als erster Tag dieser herrlichen Jahreszeit gelten kann, braucht es mehr. Es muss diese besondere Stimmung in der Luft liegen, dieses leise Knistern, das nach Aufbruch und Neubeginn riecht und zugleich vertraut und sanft schmeckt.

Schon im Bett habe ich es gerochen, geschmeckt und gespürt, und bin genau mit jenem Elan aufgesprungen, der mir irgendwann letztes Jahr Anfang November abhanden gekommen ist. Jetzt ist er wieder da. Während ich mir noch die Zähne putzte, hörte ich bereits meine Nachbarin Judith. Durch das Badezimmerfenster rief sie mir zu, dass sie mir frische Semmeln mitgebracht hat. Sie liegen vor der Tür. Und ob wir nachher gemeinsam unseren Laubengang putzen möchten. Heute sei Frühling und sie hätte Lust auf einen ersten Nachmittagskaffee in der Sonne. Ich auch. Mit Zahnpastaschaum im Mund rief ich eine knappe Bestätigung und sprang unter die Dusche. Ich musste mich beeilen, wenn ich noch vor acht Uhr im Supermarkt an der Ecke sein wollte. Gestern sah ich dort noch unzählige Töpfchen mit Primeln, Narzissen und frühen Veilchen stehen. Heute würden sie schnell ausverkauft sein. Im Winter kaufte sie keiner und niemand interessierte sich für den kalendarischen Frühlingsanfang. Heute aber, heute war Frühling und heute würden sie wie warme Semmeln weggehen, die schönen zarten Blümchen. Natürlich kann man solch schöne Blumen nicht auf einen vom Winter gebeutelten Balkon stellen. Ich schrubbte. Auf allen Vieren. Mit Hingabe und schmerzenden Rücken. Aber in der Frühlingssonne. Ich pflanzte. Ich kehrte und saß am Nachmittag in der Sonne und trank ohne Jacke einen Kaffee in der Sonne. Um mich herum das Zwitschern der Vögel, die ebenfalls begriffen hatten, das heute der Frühling begann. Das war das echtes Glück. Flüchtig, aber wunderschön.

Frühling ist ansteckend. Einer fängt an, springt morgens aus dem Bett, spürt es und infiziert im Laufe des Tages alle anderen. Unser Haus hatte es gegen zehn Uhr morgens erwischt. Auf allen Balkonen wurde geschruppt und gefegt. In den Fahrradkellern gepumpt und geölt und selbst die Gemeinschaftsräume wurden mit vereinten Kräften auf Vordermann gebracht. Frau Eder aus dem Hinterhaus putzte die Fenster im Treppenhaus, Paul schraubte das Gitter am Lüftungsschacht im Müllhäuschen wieder an und Herr Iwanow machte sich am Sicherungskasten im Waschkeller zu schaffen. Auch ich gab mein bestes und begann mit einer Packung Wattestäbchen bewaffnet die Ritzen in unserem Treppengeländer zu reinigen. Die kleinen Staubflusen, die sich dort gefangen haben, regten mich schon seit Dezember auf. Nur unser Hausmeister war irritiert.

Verständnislos beobachtete er das quirlige Treiben und lief, seinen Aufgaben entledigt, durch das Treppenhaus. Man sah ihm an, dass er es als persönliche Beleidigung empfand, dass wir ihn an diesem Samstag unterstützen. Immer wieder hörte man ihn sagen, dass er dies oder das schon noch gemacht hätte. Er bat darum, den Schmutzfänger nicht auszuklopfen – das würde man sinnvollerweise erst machen, wenn der Split von den Gehwegen gekehrt wurde. Bitte, so hörte man ihn rufen, die Balkone nur fegen und keinesfalls unter Verwendung größerer Mengen Wasser schrubben. Die Abläufe sind seit der Renovierung noch nicht fertig installiert und die dreckige Brühe der oberen Etagen landet bei den Mietern im ersten Stock. Es stimmt, hörte man Herrn Krüger leise murmeln und ignorierte es doch. Der Dreck musste weg. Wir konnten nicht noch ein Jahr warten. So sein sie doch vernünftig flehte unser Hausmeister Herrn Iwanow an und verwies, sich die Haare raufend, auf Vorschriften, die den Einbau von re-importierten ukrainischen Sicherungen nicht gestatten. Herr Iwanow, der jahrelang schwarz auf dem Bau gearbeitet hat, lächelte nur müde. Vorschriften hätten wir in Deutschland viel zu viele. Kurzzeitig fiel der Strom aus und unser Hausmeister wurde blas. Aber Herr Iwanow hatte die Sache im Griff und da ein Teil der Hauseigenen Putzkolone kurzfristig im Lift feststeckte, wurde auch dieser auf Hochglanz poliert.

Unser Hausmeister kapitulierte und als die Kneipe im Erdgeschoss des Hauses die Bierbänke nach draußen stellte, setzte er sich in die Sonne. Man hörte ihn nur noch leise etwas von Irrenhaus murmeln, bevor er den Kopf in den Nacken legte, die Augen schloss und sich ein Bier bestellte. Man kann es ihm nicht verübeln. Wahrscheinlich ist es wirklich nicht erlaubt die Eiben und Kirschbäume im Innenhof auf eigene Faust zu stutzen. Wir taten es trotzdem. Alleine schon, damit Frau Lukaseder, die im Rollstuhl sitzt, sich nicht ausgeschlossen fühlte. Von ihrem Balkon aus überwachte sie die Holzarbeiten. Vor dem Krieg, als Kind, hatte sie ihren Vater oft dabei beobachtet und weiß worauf man zu achten hat. Meine Nachbarin Frau Obst war erstaunlich ruhig. Dank einer akuten Halsentzündung war es ihr unmöglich den Frühjahrsputz lautstark zu kommentieren. Sie behalf sich indem sie alle, gegen die Hausordnung verstoßenden Tätigkeiten, detailliert notierte um sie bei der nächsten Eigentümerversammlung vorzutragen.

Kommen Sie gut durch den Frühling und lassen Sie die Finger vom Sicherungskasten. Herr Iwanow hat sich da doch etwas übernommen. Zum Glück ist es jetzt schon lange hell draußen.

19 Gedanken zu “Frühling – jetzt!

  1. „Frühling – jetzt!“, erinnerte mich ein bisschen an die Bundeswehrzeit, wo Sommer befohlen wurde, was bedeutete, dass Kurzärmelhemden getragen werden durften. Da lass ich mir doch lieber von dir Frühling befehlen, liebe Mitzi, nur die Sache mit den Wattestäbchen erspare ich mir. Und der Balkon wird auch nicht geschrubbt. Ich habe nämlich gar keinen. Aber sonst …

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  2. wir hatten den ersten frühlingstag irgendwann mitte letzter woche. das ist in wien eindeutig erkennbar, wenn der wind das erste mal aus der wachau kommt und den feldergeruch mitbringt, mit dem frischen mist, mit dem sie gedüngt wurden 🙂

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  3. Nicht erschrecken – am Wochenende soll es wieder Minustemperaturen geben und in München sogar schneien. Aber ein so kurzes Aufbäumen des Winters kennen wir ja schon, mit um so mehr Macht bricht der Frühling durch, alles kein Problem, solange man das gute Wetter nicht mit Sandalen an den Füßen herbeizwingen will.;-)

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    1. Umso wichtiger ist es zu erwähnen, dass ich den Morgenkaffee gerade auf dem Balkon in der Sonne trinke. Es soll kalt und ungemütlich werden, aber wie durch ein Nachsehen der Natur wurde den Münchnern noch ein milder Morgen geschenkt. Die Sandalen lasse ich dennoch noch im Keller 😉

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