Ein Ziel braucht es. U-Bahn Gedanken

München mag ein Dorf sein, aber für Einsame kann es der gleiche grausame Ort sein, wie jede andere Grossstadt auch. Einsame sollten sich möglichst in der Einsamkeit vergraben. Da fällt es ihnen weniger auf, dass kein anderer da ist. In mitten der tiefsten Einsamkeit lässt es sich gut behaupten, dass ein jeder an so einem Ort mit sich selbst zurecht kommen müsste. Meister der Einsamkeit, können die ungewollte Stille, dann zu etwas Schönem erhöhen und sind nach einer Weile nicht mehr einsam sondern in eine angenehme Stille gebettet, in der sie niemand stört. In einer Stadt ist das fast unmöglich. Da steht und geht an jeder Ecke einer mit dem man gleich nicht mehr einsam sondern zweisam wäre. Der, der da geht, weiß das aber nicht und lässt einen vorbei eilend alleine und einsamer als zuvor stehen. 

Wenn man alleine ist und die Grenze zur Einsamkeit schon erkennbar ist, dann muss man ein Ziel haben um sich in all den Menschen nicht zu verlieren. An die Wichtigkeit eins Zieles glaube ich unbedingt. So sehr wie an die Schönheit der Ziellosigkeit. Ziellos schlendern ist ein Genuss der Einsamen verwehrt bleibt. Alleine kann man wohl schlendern, aber einsam wird es doch recht schnell ein trauriger Spaziergang. Der Mann, der mir in der der Tram gegenüber sitzt, weiß das ganz genau. Als ich einstieg, sah er traurig aus dem Fenster in das Novembergraue München. Novembergraue Tage im Oktober sind für Einsame besonders grausam. Da lächelt und wärmt nicht mal die Sonne und die Stadt wird hässlich. Die Tram ist voller Menschen und doch ist es unmöglich, mit einem von ihnen Kontakt aufzunehmen. Der alte Mann es versucht. Die schönen, faltigen Hände fest auf den Knauf seine Stockes gepresst, hat er sich mehr als einmal umgeschaut. Den einen, der ihm gegenüber Platz genommen hat angelächelt und der, die mehr Platz als er braucht freundlich zugenickt und noch ein Stück zur Seite gerutscht damit sie neben ihm Platz findet. Beide waren alleine aber nicht einsam. Alleine hatte sie keine Lust zu reden. Nicht mal lächeln wollten sie und der alte Herr musste wieder aus dem Fenster schauen, damit seine Versuche nicht gar so traurig in der Luft hingen. Die Fahrgäste in dieser Linie wechseln schnell. Sie fährt quer durch die Stadt und die Begegnungen sind kurz und ohne Nachhall. Wenn die Tram ruckelt dann rutscht man auf den alten Holzbänken hin und her und rempelt den, der neben einem sitzt, an. Der alte Mann hat kein Glück, niemand reagiert auf sein Schmunzeln, nicht mal die, die in der Kurve gegen seine Schulter geworfen wurde.

Ganz vorne sitzt einer, der es richtig gemacht hat. Auch er mit Stock, Mantel und Hut und zurecht gemacht für diesen November Ausflug im Oktober. Die einsamsten alten Herren der Stadt sind immer ordentlich angezogen. Genauso wie die alten Damen, deren Schmuck sorgfältig ausgesucht ist und deren Schuhe immer ordentlich geputzt sind. Man weiß ja nicht mit wem man ins Gespräch kommt, in einer so vollbesetzten U-Bahn oder eben in einer ruckeligen Tram. Man sieht ihnen an, dass sie es gerne würde. Ein bisschen reden. Etwas plaudern. Womöglich nur über das Wetter. Vielleicht aber auch über all das was in der Welt passiert. Nur weil man niemanden mehr zum reden hat, heißt das ja noch lange nicht, dass man nichts mehr zu sagen hätte. Es braucht Glück um einen zu finden, der reden möchte. Ein Glück auf das sie warten ohne sich aufzudrängen. Und während sie warten, haben die, die sich mit der Einsamkeit bereits auskennen einen Weg gefunden, es ein bisschen weniger zu sein. Die, die Glück haben, sitzen ganz vorne beim Schaffner und schimpfen mit ihm gemeinsam über den Verkehr. Der ältere Herr, den ich beobachte, sitzt in der Mitte. Er lächelt plötzlich ein Kind an. Es hält eine Tüte heiße Maronen in der Hand und wärmt sich die Hände. Ein kaum sichtbarer Ruck geht durch seinen Körper und er lehnt sich zufrieden zurück. Zuvor hat er noch laut gesagt, dass es die besten Maronen am Sendlinger Tor gibt. Dort fährt er jetzt hin. Brauchen würde er sie nicht unbedingt. Und so kalt, dass man sich die Finger an der Tüte wärmen muss, ist es noch nicht. Aber ein Ziel, das braucht er. Denn jetzt sitzt er nicht mehr einsam in der Tram und sitzt da nur, weil es daheim zu langweilig ist. Jetzt hat er ein Ziel. Ein Ziel und einen Grund wie jeder andere auch.

Man kann für die besten Maronen ruhig quer durch die Stadt fahren, wenn man Zeit hat. Man kann auch nach einem Gewitter am Vorabend am nächsten Tag prüfen ob die Blumen auf dem Grab wirklich genug Wasser abbekommen haben. Und man kann für fünf Pralinen von Elly Seidl einen Weg von einer Stunde in Kauf nehmen, wenn man sonst nichts vor hat. Die Damen bei Elly Seidl wissen das. Da kommen viele für nur wenige Stück. Auch die Friedhöfe sind voll mit Menschen, die nur ein Ziel brauchten. Und die Biergärten sowieso. Wer weiß wo er hin will, dem steht die Einsamkeit nicht mehr ins Gesicht geschrieben.

 

23 Gedanken zu “Ein Ziel braucht es. U-Bahn Gedanken

  1. Irgendwie ist es tröstlich, dass die Einsamen einer Großstadt von empfindsamen Seelen wie dir wenigstens gesehen werden, liebe Mitzi. Den Sätzen: „Ziellos schlendern ist ein Genuss der Einsamen verwehrt bleibt. Alleine kann man wohl schlendern, aber einsam wird es doch recht schnell ein trauriger Spaziergang.“ hätte ich beinah widersprechen wollen, weil da Alleinsein und Einsamkeit zusammenfließen. Dem entgegen steht die literarische Figur des Flaneurs wie auch eine Erzählhaltung des literarischen Realismus. In den Anfängen meines Bloggens habe ich fast täglich das Format „Abendbummel online“ geschrieben. „online“ war der Kunstgriff, dabei allein, aber nicht einsam zu sein, indem ich die Leserinnen und Leser an meiner Seite wusste, quasi für sie geschaut habe,

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    1. Dein Abendbummel online, lieber Jules, ist für mich ein gutes Beispiel, für ein Ziel. Ohne dir Einsamkeit andichten zu wollen, wäre es für einen einsamen Menschen eine wunderbare Methode ungewolltes allein sein in etwas schöpferisches und produktives zu verwandeln.

      Liebe Grüße aus einem München, das heute kaum an November und viel mehr an September erinnert.

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  2. Als älterer Herr gedenke ich unbedingt einmal dereinst mit Stock & Silberknauf unterwegs zu sein. Als Student mal fast einen gekauft, um nicht zu sagen verwendet. Dann doch nicht getraut. Aber immerhin eine Taschenuhr in der Weste und einen Panama-Strohhut (mei, lange Geschichten wären das).

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    1. Geschichten, die zumindest ich gerne hören würde.
      Warten Sie noch ein wenig mit dem Silberknauf. Ich glaube der Besitzer braucht ein gewisses Alter um ihn tragen zu können. Taschenuhren und Panama-Strohhüte erfordern nur einen der es tragen kann. Ohne Sie zu kennen….ich könnt es mir vorstellen.

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  3. Das wovor wir alle irgendwie Angst haben. Ich habe es in New York gesehen. In Moskau. Im hohen Norden…. Über alle Grenzen hinweg verbindet uns diese Sehnsucht nach Sinn und Gesehenwerden… Danke für den schönen Text!

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    1. Ich denke das ist eine Ur-Angst, die wir nie ganz loswerden. Es schadet wohl nicht, mit ihr konfrontiert zu sein. Im besten Fall kann man sich ein wenig dagegen wappnen und sie an der einen oder anderen Stelle vertreiben.

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  4. „Ziellos schlendern ist ein Genuss der Einsamen verwehrt bleibt. Alleine kann man wohl schlendern, aber einsam wird es doch recht schnell ein trauriger Spaziergang.“ – nur eines von vielen schmuckstücken in diesem text. ein ganz besonderer diesmal, danke dafür. wien ist münchen glaube ich in vielen punkten sehr ähnlich, all das kommt mir sehr, sehr bekannt vor.

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