Herr Meier muss gar nichts

„Ich muss gar nix!“, sagte Herr Meier Anfang der Woche und ließ sich mit einem Schnauben zurück auf die Bank vor der Kneipe meines Hauses fallen. Er wiederholte noch einige Male, dass er gar nix müsse und schnaubte unterstützend vor jedem Schluck Bier. Unser Hausmeister hätte sich denken können, dass Herr Meier auf ein „Sie müssen“ nicht reagieren würde. Er kennt ihn lange genug, um zu wissen, dass man einen alten Grantler, wie Herrn Meier nur mit psychologischer Finesse zu etwas bewegen kann. Leider interessiert sich unser Hausmeister nicht für Psychologie und steht Herrn Meier an schlechter Laune in nichts nach.

Er würde dem Meier gleich zeigen was er alles müsse, schimpfte er und ich vermutete es ging mal wieder um das alte Rad meines Nachbarn. Seit unser Haus eingerüstet ist, ist kein Platz mehr für die Räder und alle Mieter schleppen sie in die Wohnungen oder stopfen sie in die überfüllten Keller. Alle, außer Herrn Meier. Der kettet sein Rad direkt an das Gerüst. Das hätte er mit dem rumänischen Vorarbeiter so besprochen. Besprochen bedeutet bei Herrn Meier, dass er dem Rumänen ein Bier in die Hand drückte und etwas wie „das bleibt da“ murmelte.

Das Rad ist jetzt seit fast vier Wochen direkt am Aufgang des Gerüstes angekettet. Damit auch alle Bewohner etwas davon haben, ragt das Hinterrad ein bisschen vor die Haustür, so dass man sein eigenes Rad nur mit mehrfachen rangieren durch die Türe bekommt. Wir nehmen das gern in Kauf und nutzen dafür den Fahrradkorb von Herrn Meier als Entsorgungsstelle für unliebsame Werbesendungen. Ich finde das recht praktisch. Es entlastet die Altpapiertone und schult mein räumliches Denken, wenn ich mein Rad durch die Tür bugsieren möchte. Unser Hausmeister scheint eine leere Tonne und bereits ausreichend räumliches Denken zu besitzen. Er verflucht das Fahrrad. Und Herrn Meier.  Meine Nachbarin Judith ist geschickter im Umgang mit Männern. Sie ist in etwa so alt wie ich und hat reichlich Erfahrung in Männerpsychologie. Nicht weil sie sich dafür interessiert, sondern weil es ohne schlicht nicht geht. Wir haben früh gelernt unsere Väter um den Finger zu wickeln, haben uns an unseren Lehrern ausprobiert und die erste Prüfung mit dem ersten Freund abgelegt. Ab etwa 35 sind wir Expertinnen im Umgang mit Männern. Als Münchnerinnen besitzen wir die Zusatzqualifikation „Umgang mit schlecht gelaunten, grantigen und lautstark schimpfenden Männern“. Judith kam erst letzte Woche aus dem Urlaub zurück und blieb mit ihren Koffern mehrfach am Hinterrad von Herrn Meier hängen. Schimpfen kann auch sie. Der alte Depp, soll sein Vorkriegs-Radl gefälligst wegschaffen, hörte ich sie im Treppenhaus zu einer anderen Nachbarin sagen. Viel Glück wünschte diese und ich ahnte, dass es hier nicht um Glück sondern psychologische Finesse ging. Die hat Judith. Gestern früh packte sie ihre Tochter in ein Dirndl, steckte den Sohn in die Lederhosen und machte sich auf um eine Runde über die Wiesn zu schlendern. Auf dem Rückweg setzte sie sich samt Kinder vor die Kneipe und neben Herrn Meier. Der bekam eine Tüte frische gebrannte Mandeln und ein Lebkuchenherz auf dem „alter Grantler“ stand. Sie erzählte mir, dass er da schon feuchte Augen hatte. Ein sanfter Stups in die alten Rippen, ein Lächeln und die Bitte ihr mit dem Kinderwagen zu helfen. Der würde immer am Fahrrad hängen bleiben. Natürlich bat sie Herrn Meier nicht, das Rad wegzustellen.

Das Rad steht jetzt auf der anderen Seite. Direkt vor der Tür zum Backshop, der auch sonntags geöffnet hat. Ich blieb heute früh daran hängen, als ich mich zwischen den Tischen durchquetschte. Im Backshop arbeitet ein sehr freundlicher Vietnamese. Heute lächelte er nicht. Das Rad müsse weg, forderte er. Er hätte eh kaum Platz wegen des Gerüsts. Ich empfahl ihm bis Mittag zu warten und Herrn Meier, der gegen elf sein erstes Bier vor der Kneipe trinken würde, dann eine Butterbreze vorbei zu bringen. Einfach so. Dann ein bisschen über das schöne Wetter reden und am Rande erwähnen, dass sich der Inhaber vom Elektrogeschäft über das alte Rad lustig gemacht hätte. Ihm, dem Vietnamesen, gefiele aber eine solche alte deutsche Wertarbeit. Der Elektromensch hätte halt keine Ahnung. Ich bin überzeugt, dass Herrn Meiers Rad, ab Montag den Eingang zum Elektroladen blockieren wird.

Und das ist gut so. Hätten die Inhaber letzte Woche mein Päckchen angenommen, anstatt mich darauf hinzuweisen, dass sie keine Postfiliale sind, hätte ich Herrn Nguyen etwas anderes empfohlen. Zum Beispiel, den Hinweis auf die zunehmenden Fahrrad Diebstähle und den freien Platz auf der Terrasse der Kneipe zu geben. Vielleicht nächste Woche. Bis dahin grinsen uns Judith und ich im Treppenhaus an und freuen uns darüber, wie leicht es doch ist. Mit den alten, grantigen Männern.

 

44 Gedanken zu “Herr Meier muss gar nichts

  1. Wie schön! Manchmal ist es halt gar nicht so notwendig (oder überhaupt zielführend) die hysterisch schimpfende Holzhammermethode anzuwenden. Menschen durch Nettigkeiten zum Nachdenken oder Verhaltensänderungen oder einfach nur zu Aktionen zu bewegen, ist auch einfach schön. Für eine Butterbreze und gebrannte Mandeln tu ich aber auch viel 😉

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  2. woeder mal ein herz für diesen text ❤ ja, genao so gehts 🙂 bei "Als Münchnerinnen besitzen wir die Zusatzqualifikation „Umgang mit schlecht gelaunten, grantigen und lautstark schimpfenden Männern“." musste ich besonders schmunzeln. das kenne ich aus wien nur allzu gut 🙂

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  3. Das ist eine sehr wahre, sehr weise und vor allem lehrreiche Geschichte, die in verblüffender Weise durch das Beispiel über den ,,richtigen“ Umgang mit Herrn Meier meine Lebensphilosphie beinhaltet, ohne , dass sie direkt ausgesprochen wird… Eine tolle Woche, Nessy von Salutary Style

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    1. Wir müssen es uns ja nicht immer unnötig schwer machen und endlos diskutieren. Ich schaffe das selbst leider oft nicht, aber eigentlich in der Theorie, wäre es gar nicht so schwer.

      Liebe Grüße und auch dir schöne Tage

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  4. Du breitest hier ein amüsantes Münchener Panoptikum aus, liebe MItzi. Schön, dass du uns an der Skurrilität deines Alltags teilhaben lässt. Froh bin ich allerdings, dass ich als Lehrer nicht von dir um den Finger gewickelt wurde. Wer sich als Lehrer von Schülerinnen um den Finger wickeln lässt, verliert die Achtung aller. Ungerecht ist’s auch, weil Schüler die Möglichkeit nicht haben. Also dem normalen Charme erblühender Weiblichkeit konnte ich widerstehen, aber ich weiß nicht, wie es mit den „Münchener Zusatzqualifikationen“ ausgegangen wäre.

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    1. Lieber Jules, ich freue mich immer wieder Dich nach München entführen zu können. Lehrer sollten sich wirklich nicht um den Finger wickeln lassen. Aus Gründen der Ungerechtigkeit und auch weil es Mädchen gar nicht schadet zu erkennen, dass es so leicht nicht immer sein darf.
      Frauen dagegen dürfen sich in der Kunst ruhig üben – es gibt genug Exemplare an denen man sich die Zähne ausbeißt. Meist die interessanteren ;).

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      1. In meinem Alter, liebe Mitzi, mag man sich keine Zähne mehr ausbeißen, einmal der Zähne wegen und zum Zweiten, um sich die Ataraxie zu erhalten. 😉 Aber du hast Recht, es ist ja oft so, dass im Wert steigt, was schwer nur zu erlangen ist.

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    2. Auch und gerade Lehrer sind nicht vor schlauen Schülerinnen gefeit ;-). Vor Mitzis schon gar nicht! Sie glauben mir nicht? Dann bleiben Sie bitte, in diesem Glauben! Die Kunst ist ja die, dass sie das niemals merken dürfen! Ich spreche da, als doppeltes Lehrerstöchterchen aus Erfahrung! Wie das geht? Die Anwort habe ich jüngst in meinem Artikel (Dein Wille geschehe, wenn ich es will…) gegeben! Einen wunderschönen Herbst, Nessy von Salutary Style

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      1. Ich bezweifle nicht Mitzis Charme, aber „kenne“ sie als Frau, soweit man im Internet von „kennen“ reden kann. Ohne den Text zu kennen, gestatte ich mir zu widersprechen, denn ich weiß es anders von mir und kann es durch eine Außensicht belegen: Ich bin 14 Jahre in Folge von der Schülerschaft meines Gymnasiums zum SV-Lehrer gewählt worden. Das wäre gewiss nicht geschehen, wenn Schüler oder Schülerinnen den Eindruck gewonnen hätten, man könnte mich auf irgendeine Weise um den Finger wickeln.
        Danke für die Wünsche zu einem schönen Herbst und beste Grüße zurück, Jules

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  5. Hmmm… ich und Herr Meier würden uns vermutlich eher nicht verstehen. Ich bin ein grantelntes Nordlicht schlecht hin, eines der Dinge die ich am Besten kann ist Aufregen über alles und jeden… 🙂
    Vielen Dank für die Vorstellung einer Umgangsmöglichkeit für Menschen wie Herrn Meier oder eben mir.

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