Koa G´schau* (*Schauen Sie doch nicht so) – U-Bahn Gedanken

Da sitzt er mir gegenüber und grinst blöd. Der blöde Papa von Laura. Grinst und wirkt recht fröhlich in seiner Tracht und seiner Wiesn Vorfreude. Er kann gut grinsen, Lauras Papa. Es geht ja raus. Raus, auf die Wiesn. Und er weiß nicht, dass er in der vollbesetzten S-Bahn einer gegenüber sitzt, die ihm schon lange etwas sagen möchte. Etwas, das zu seinem depperten Grinsen passt. Und weil er nicht weiß, dass ich ihn kenne und daher gar nicht erwartet, dass ich ihn freundlich grüße, fang ich ohne lange Umschweife an.

Ob er eigentlich weiß, dass er mir seit bald zwei Jahren jeden Morgen auf die Nerven geht, frage ich ihn  und warte keine Antwort ab. Er täte sich auch schwer zu antworten, schließlich habe ich ihn wortlos gefragt. Trotzdem finde ich, dass er mich erkennen müsste und funkle ihn fragend an. Es kann doch nicht sein, dass er nicht merkt, dass er mir jeden einzelnen Morgen von Montag bis Freitag im Weg steht. So was muss man doch merken. Man muss doch merken, wenn man am Bahnsteig so saublöd im Weg steht. Den ganzen Bahnsteig hat er für sich, wenn er seine Tochter zur S-Bahn bringt. Aber er muss genau da stehen wo alle, die aussteigen an ihm vorbei müssen. Laura ist vor zwei Jahren eingeschult wurden. Am Tag nach der Einschulung hat er sie das erste Mal zur S-Bahn gebracht und Laura-Maus Sonne im Herzen gewünscht. Das macht er jetzt jeden Tag. Er ruft es, wenn die Türen sich bereits geschlossen haben und etwa 1.389 Berufstätige und doppelt so viele Schüler aus der S-Bahn gestolpert sind und sich vor der Schranke drängen. Laura-Maus Papa steht mitten im Rückstau und grinst dämlich. Eigentlich grinst er stolz, weil Laura schon alleine fährt. Und eigentlich ist das schön. Wenn er nur nicht so saublöd an der deppertsten Stelle rumstehen würde.

Ich hole Luft. Muss man doch mal sagen können, wenn´s einer gar nicht von alleine merkt, oder? Ich schaue ihn herausfordernd an und funkle noch ein bisschen grantig, damit er merkt, was sich da seit zwei Jahren angestaut hat. Er merkt gar nichts, aber ich spüre wie es der, der schon lange nicht mehr da ist, tut. Er funkelt nicht,verdreht aber die Augen . Er mag´s nicht wenn ich böse funkle. Sag was los ist, oder schau freundlich, hat er früher verlangt und mein Funkeln ignoriert. Jetzt ignoriert er es nicht und ich trau mich nicht mehr funkeln. Alle um mich rum, sind gut gelaunt. Heut regnet es nicht. Heut geht´s auf die Wiesn. Heut haben sie gute Laune und so eine grantig Funklerin stört die schönen Stadt-Stimmung. Ich funkle das Spiegelbild, das nur ich sehe, noch einmal intensiv an und lasse es dann. Es hat ja schon früher nicht geholfen. Was ich so grantig schau, wollte er schon wissen. Ohne vernünftigen Grund, hat´s ihn aber nicht mehr interessiert. Laura-Maus Papa interessiert es auch nicht und ich schäm mich fast schon, weil ich gar so gefunkelt habe.
Als ich aussteige, steigen sie mit mir aus. Der Maus Papa und der, den mein Funkeln störte. Zicke, flüstert der eine und der andere, wünscht einen schönen Abend, man kenne sich ja vom Bahnsteig. Lächeln, verlangt der eine und der andere freut sich, dass es mir gelingt. So deppert ist er gar nicht, der Laura Papa. Er steht halt nur blöd im Weg rum und weiß es nicht. Dass er es nicht weiß, ist schon a bisserl blöd, aber nicht blöd genug um zu funkeln.

Jetzt sind sie alle schon auf der Hackerbrücke auf den Weg zur Wiesn und nur ich steh noch blöd rum. Dem einen oder anderen wahrscheinlich ein bisserl im Weg. Ich gewöhn mich besser dran. Auf der Wiesn steht eh ein jeder dem andern im Weg. Es ist ja so wenig Platz und alle haben das selbe Ziel. Klo, Bier, Fischsemmel oder Zuckerapfel. Nur gehen´s alle ihren eigenen Weg und steigen sich dabei auf die Füße. Das ist egal, weil eilig darf man es ja eh nicht haben. Langsam treiben lassen. Irgendwann spült es einen schon an die richtige Stelle. Das passiert auch auf dem Bahnsteig. Gerade wollte ich es dem, der eben noch neben mir stand sagen, aber ich spür ihn nicht mehr. Wahrscheinlich lässt er sich mit den anderen zur Wiesn treiben. Am Wochenende werd ich ihn sehen. Im Biergarten vom Augustiner wird er sitzen. Zigarette zwischen den Fingern und Bier in der Hand. Grinsen wird er und mich fragen wo ich so lange geblieben bin. Ich musste noch den Grant des Schulanfang loswerden sag ich ihm dann und er wird nicken. Er war ja dabei.

Aber deppert ist er schon, der Papa von Laura. A grad an der dümmsten Stelle. Sie merken es. Ich muss auf die Wiesn um mich an den Schulanfangvollen Bahnsteig zu gewöhnen. Auf der Wiesn stehn´s alle deppert rum und ich bin eine von ihnen. Funkeln´s mich bloß nicht an, wenn ich ihnen im Weg steh – des geht gar nicht anders. Des muss so sein. Des is a Zeichen von Gemütlichkeit, wenn ma alle gleichzeitig aufs Klo rennen oder a Fischsemmel wolln.

31 Gedanken zu “Koa G´schau* (*Schauen Sie doch nicht so) – U-Bahn Gedanken

  1. ich glaube wir (städter) stehen uns immer alle gegenseitig im weg, die frage ist nur, wers zuerst merkt, auf_merkt, und aufmerksam zuckt. wenn das gegenüber zuckt, zuckt man ja gern mit. zuckts nicht, merkts nichts, ruckt man selber auch ungern. (die frag wär dann eigentlich: wann zucken wir zuerst + warum?) (ruck_zuck jetzt eingebaut wegen der obligatorischen wiesnschunkelei, wir wünschen auf jeden fall 1 freude!)

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  2. In Australien habe ich die unglaublich große persönliche Distanz kennen gelernt. Den großen Raum, den jeder Mensch einnehmen darf, weil in dem Land, auf dieser riesigen Insel mitten im Pazifik so unglaublich viel Platz ist, dass sich das Distanzbedürfnis auch auf’s Ubahn-/Trambahnfahren erstreckt und jeder sich pflichttschuldigst sofort entschuldigt, wenn ein anderer ihm auf den Fuß steigt. Man stand ja da rum. Also muss man sich entschuldigen. Was haben wir dieses Verhalten belächelt, bis uns an einem Nachmittag in Deutschland aufgefallen ist, dass wir es genauso machen…

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    1. Die Weite steckt sicher an. Auf die Füße steigt man sich bei uns ja auch nicht, aber eigene Bereiche oder Mindestabstand wird in Deutschland kaum eingehalten. Zum Beispiel an der supermarktkasse, wenn man fremden Atem im Nachthemd spürt. 😏
      Australien….ach, toll! Irgendwann möchte ich dieses Land auch kennen lernen.

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      1. Genau das ist es, was den Reiz des Textes ausmacht. Wenn Mundart nicht beherrscht und gekünstelt daherkommt, finde ich sie unpassend. Aber wenn sie thematisch stimmig ist und ganz natürlich einfließt, dann erhöht sie die Authentizität des Textes.

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  3. Das kenne ich. Ich ärgere mich auch immer, wenn zwei Leute, wirklich nur zwei, sich so saudämlich mitten in die Tür oder auf die Treppe stellen, dass niemand mehr vorbeikommt.
    Oder gestern, beim Schwimmen. 3 von 5 Bahnen sind für Sportler abgesperrt. Müssen dann 2 Damen genau in der Mitte der 2 verbleibenden Bahnen wie eine Wand in Zeitlupe schwimmen und allen anderen den Weg versperren? Rücksichtnahme?
    Ich denke mir dann immer, dass das sicher eigentlich ganz nette und schlaue Leute sind, und manchmal bekomme ich ja auch was nicht mit. Aber ärgern tut’s mich trotzdem.

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    1. Man kommt nicht drum herum, sich zu ärgern. Sicher merken es manche nicht und meinen es nicht böse, aber ein bisschen dämlich.
      Die Situation im Schwimmbad kenne ich auch. Bei älteren Damen, darf man auch keinesfalls etwas sagen. Das wäre ein Eklat. 😀
      Nehmen wir sie mit Humor.

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  4. Witzig! Seit Jahren geht mir bei Gelegenheit eine Überschrift durch den Kopf „Männer, die im Weg rum stehen.“ Jetzt hast du über einen konkreten Fall geschrieben, liebe Mitz. Es ist ein Großstadtphänomen. Manche Leute sind so mit sich beschäftigt, dass sie völlig gedankenlos die Laufwege zustellen, auch wo drangvoille Enge herrscht, auf Bahnsteigen oder generell in Bahnhöfen. Natürlich passierts jedem mal, dass man im Weg steht, Ärgerlich ist’s, wenn es andere tun.

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  5. Ja, natürlich saublöd, bei so vielen Leuten, dass immer einer oder mindestens einer immer im Weg steht. Und noch blöder, wie mir schon passiert, dass da einer im Weg steht, obwohl gar keine anderen Leute da sind, die auch im Weg stehen könnten … 🙂

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  6. Hallo! Wieder eine sehr schöne, ,,plastisch“ geschriebene Geschichte. Ja, an genau dieses Gefühl in München erinnere ich mich auch nochgut! Wenn man das liest, ist es, als würde man den Typ hilflos zwischen der vorbeiströmenden Menge auf dem Bahnsteig sehen…Einen schönen Herbst, Nessy von Salutary Style

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