Brechendes Eis. U-Bahn Gedanken

Ich muss noch klein gewesen sein, als ich den Klang von zerbrechendem Eis das erste Mal gehört habe. Alt genug um alleine mit meinen Freunden auf dem zugefrorenen Weiher Schlittschuh zu laufen und klein genug, um im Blickfeld meiner Mutter bleiben zu müssen. Ich war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, als ich hörte wie das Eis mit einem lauten Knacken einen Sprung bekam. Wir standen an der einzigen tiefen Stelle des kleinen Weihers, dort wo das Eis in der Nähe des Wehres dünn wurde. Es ist nichts passiert an diesem Nachmittag. Die Erinnerung daran ist längst verblasst. Nur das Geräusch brechenden Eises ist mir im Gedächtnis geblieben.

Man kann es nicht mit anderen Geräuschen verwechseln, wenn man es einmal gehört hat. Eis bricht anders als Glas. Erst ist es nur ein leises Kratzen, das man leicht überhören kann. Ein winziger, für das Auge unsichtbarer Sprung, der sich langsam über die Eisfläche ausbreitet, bevor er zu einem Riss wird und urplötzlich und überraschend laut mit einem klaren, dunklen Klirren das Eis brechen lässt. Ich habe nie wieder gehört wie Eis bricht. Das Geräusch aber, das habe ich in all den Jahren mehr als einmal gehört. Der Moment, in dem eine Beziehung zerbricht, klingt ganz genauso. Überhaupt. Beziehungen zerbrechen wie das Eis auf einem gefrorenen See. Vielleicht weil denen, die für das Eis verantwortlich sind, der Atem fehlt um auf das Frühjahr und den Tau zu warten. Vielleicht auch weil sie im Winter feststecken und längst nicht mehr warten. So ein Beziehungssee verträgt schon mal eine Eisschicht. Sie kann ruhig ein paar Zentimeter dick sein. Dann trägt es wenigstens die, die darauf herumtrampeln. Sie können ruhig schreien und stampfen – solange sie  nicht mit allzu scharfen Gegenständen auf das Eis einschlagen. Nur wenn es leise kratzt und knarrt, dann ist meistens schon zu spät. Häufig säuft dann mindestens einer erst einmal ab.

Gerade eben hörte ich es. Das leise Knacksen. Die beiden auf dem Eis, hörten es nicht. Sie saßen  im warmen Wagon einer S-Bahn und wirkten auf mich, wie ein einbrechendes Paar. Das Knacken im Getriebe wurde schnell so laut, dass es auch die ältere Frau mir gegenüber hörte. Sie und ich hatten unsere Bücher auf dem Schoß liegen und blickten aus dem Fenster. Wohlwissend, dass man nicht lauschen darf, taten wir es trotzdem und hatten in der dunklen Scheibe einen guten Spiegel.  Ich blickte auf ihre Hände. Wie hilflos Frauenhände wirken, wenn sie mit den Fingern eines Mannes spielen und diese nur unwillig zucken. Da kratzt eine am Eis, wird ganz wahnsinnig auf der Suche nach ein bisschen Wärme und scheitert am harschen „Was ist?“ von dem, der seine Hände in den Manteltaschen in Sicherheit bringt. Sie sitzen schon eine Weile in meinem Abteil. Sie spricht, er starrt aus dem Fenster der anderen Seite. Ab und zu nickt er. Aber nur dann, wenn er zu einem Nicken gezwungen wird. Ich kann mich nicht auf den Inhalt ihrer Worte konzentrieren, weil mein Blick an seinem abweisenden Hinterkopf festhängt. Ohne die beiden zu kennen, bin ich sicher, dass dieser Mann nicht nur einen schlechten Tag hat. Mit den Händen in den Manteltaschen, wirkt er als würde er frieren. Ich glaube er tut es wirklich. Erzwungene Nähe, wärmt nur schlecht. Sie redet und er schweigt. Ich denke, dass sie doch mal den Mund halten sollte. Vielleicht würde sie dann in seinem Schweigen hören, woran er krankt. Aber ich kenne es ja. Wenn das Eis bereits brüchig wird, dann fällt es einem schwer still zu stehen. Hilflos wirft man sich auf den Bauch und beginnt wild zu zappeln. Klammert sich an ein Hosenbein oder greift nach Händen, die in Taschen vergraben sind.

Sie stehen auf und gehen zur Tür. Als sie aussteigen, sehen die alte Dame und ich ihnen nach. An der Hackerbrücke hält die S-Bahn für einige Minuten und wir beobachten das Paar jetzt unverhohlen. Sie sind draußen, wird sind drin und behalten sie im Blick. Jetzt spricht er. Was er sagt höre ich nicht mehr. Ich sehe nur das krampfhafte Lächeln auf ihrem Gesicht, das langsam erlischt. Das Eis bricht in dem Moment, als er ihr den Rücken zudreht und langsam über den Bahnsteig aus meinem Blickfeld verschwindet. Sie bleibt zurück. Im letzten Moment springt sie wieder in die S-Bahn und setzt sich. Es wird still in unserem Abteil. Die alte Frau riskiert ein vorsichtiges Lächeln. Es wird erwidert. Auch von mir. Es ist ein ungeplantes vielleicht auch ungewolltes Lächeln, das wir uns im Feierabend Chaos einer S-Bahn schenken. Wir kennen uns nicht. Und doch lächeln wir uns still an. Die eine, weil sie gerade absäuft und nicht losheulen möchte. Die anderen beiden, weil sie  oft genug selbst eingebrochen sind und wissen, dass ein Lächeln jetzt wichtig ist. Auf brüchigem Eis steht man am Ende meist alleine. Aber es tut gut, wenn die am Ufer wenigstens für einen Moment stehen bleiben und die Hände aus den Taschen nehmen.

 

 

35 Gedanken zu “Brechendes Eis. U-Bahn Gedanken

  1. Ich befürchte fast – weil ich das bei manchen Pärchen, die mir so im Alltag über den Weg laufen, beobachte – dass einige ihre Beziehung auf einer sehr instablien Grundlage aufgebaut haben. Manche scheinen voneinander gelangweilt zu sein, aber sehen sich in einer intakten und völlig normalen Beziehung.

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  2. Das passt wunderbar zu meiner Erfahrung letztens an einem zugefrorenen See. Er sprach, ächzte und rülpste, schoss… so etwas habe ich zuvor nie gehört. Ich suchte immer nach der Stelle, an der das Eis nun bersten musss, aber das Stöhnen, Seufzen setzte sich fort und die obere Schicht veränderte sich nicht.
    So könnte es sein, auch im übertragenen Sinne, wie du es beschreibst.

    Liebe Grüße aus der Eis freien Silbenkemenate,
    Silbia

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  3. Schön beschrieben. Ich habe viel über die Geräusche von Eis gehört. Leider hatte ich noch nie die Gelegenheit, dass arbeitende Eis einmal zu hören. (Nur den Moment, kurz vor dem Brechen). Du hast es so schön beschrieben, dass der Wunsch danach groß wird.
    Liebe Grüße

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      1. Ah…du hast es mir sogar verlinkt! Vielen lieben Dank – ich überseh leider so häufig schöne Beiträge. Diesen hier habe gerade gefunden und mich schon sehr gefreut. 🙂

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  4. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, ja es knistert, es knirscht und dann kracht es. Das Eintauchen ins eiskalte Wasser ist dann der Schock, der dich erstarren läßt. Wie schön, wenn dann jemand da ist der einem ein Lächeln schenkt und sein Mitgefühl zart ausdrückt. Wieder berührend und tiefsinnig geschrieben. Vielen Dank.

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  5. Du liebe Zeit, liebe Mitzi, da ist dir aber wieder ein wundervoller Text gelungen, beginnend mit der Erinnerung einer realen Erfahrung von zerbrechendem Eis, das langsam zur Metapher wird und uns in eine einfühlsam beobachtete S-Bahn-Szenerie führt, in ein stilles Beziehungsdrama. Die einfühlsame Interpretation winziger Gesten hat etwas überindividuell Wahres, ohne in der real beobachteten Szene wahr sein zu müssen. Ich bin wirklich beeindruckt, Und mich freut, dass du mich immer wieder erneut beeindrucken kannst, du überaus kluge Frau.

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  6. … wieder hast du mich abgeholt und mitgenommen in diese Bahn und den Moment beschrieben in Wort, Ton und Bild gemahlt wie es ist, wenn man erkennt es gibt keine gemeinsame Zukunft mehr… ziehen große Risse durch das Eis geht dies mit einem peitschenden Geräusch einher, das sich entfernt… liebe Grüsse vom Blumenmädchen 😀

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  7. Danke für die Erinnerung an brechendes Eis, liebe Mitzi. Ich muss ähnlich alt gewesen sein und das Geräusch ist wirklich sehr …speziell, inklusive Rückenschauer auch heute noch. Deine Metapher mag ich sehr, der gesamte Text ist wunderbar. Danke und ein schönes Wochenende 😃

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  8. Wunderbar und für jeden nachvollziehbar. Ich kenne so viele Paare, die dieses Knistern ueberhoert haben. Sie stehen im eiskalten Wasser und traeumen vom längst vergangenen Sommer. Es
    ist halt schwer wirklich
    den richtigen Zeitpunkt zu
    erkennen bzw das Knistern
    zu hoeren. Kleine Risse muss man wohl immer akzeptieren. Aber schön Deine mit so viel Empathie geschriebene Beobachtung.

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    1. Sie stehen längst im eiskalten Wasser…. Ein guter und wahrer Satz. Ein paar Risse, vertragen Beziehungen sicher, da geb ich dir recht. Ohne wäre es vielleicht auch zu harmonisch und man würde das was man hat nicht mehr schätzen. Danke für deinen schönen Kommentar.

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  9. Liebe Mitzi, ich muss dich dazu mit worten belästigen, die ich vor vielen, vielen jahren dazu geschrieben habe:
    „Bei diesen Gesprächen, da gibt es diesen Moment.
    Diesen Moment, in dem man plötzlich begreift, dass es nicht mehr zu ändern ist. Man redet noch über Probleme und über Krisen, aber es ist anders. Es ist endgültig.
    Und genau in diesem Moment, wenn man still ist und genau aufpasst, dann kann man es hören.
    Es ist ein kleines Geräusch. Ein ganz zartes. Ganz leise. Aber es ist da. Wenn sich der Brustkorb hebt und neuerdings senkt. Und man diesen Moment erkennt. Dann klirrt etwas. Wie dünnes Glas klirrt es.
    Es springt in tausend Scherben und zerschneidet den letzten Rest Watte, in den die sensiblen Organe gepackt waren, als du sie noch beschützt hast.“

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