Kalte Kastanien

Es ist schwer, das Gefühl von Einsamkeit einem zu beschreiben, der es nie war, sagtest du. Man könne ihn bitten, sich vorzustellen er stünde in der schönsten Herbstsonne und würde trotzdem frieren. Kein Frösteln, würde der Einsame empfinden, sondern jene Kälte, die sich in den Knochen festgesetzt hat und sich nicht vertreiben liese. Um zu frieren müsse man nicht einsam sein, entgegnete dein Bruder, es würde reichen binnen weniger Monate zwanzig Kilo an Gewicht zu verlieren, weil man sich wochenlang die Seele aus dem Leib kotzte. An manchen Tagen war es eine unbeschreibliche Freude den Tag mit euch zu verbringen. Vergleichbar mit Windpocken als Erwachsener, die einen just an den letzten sommerlich warmen Tagen des Jahres heimsuchten. Ich weiß nicht mehr ob mich eure Worte juckten oder ob es die letzten tapferen Ameisen waren, die durch das Laub auf der Wiese krochen. Weil letztere vermutlich unschuldig waren, bat ich euch, den Mund zu halten und still zu frieren. Ich fror nicht und wenn bei dreien einer zu frieren hatte, dann die Frau oder mit den Männern stimmte etwas nicht. Ruhe. Es ist September, fast noch Sommer. Niemand hat zu frieren. Amen, hast du gemurmelt, die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen geschlossen. Es ist warm sage ich, verschränke die Arme vor der Brust und schließe die Augen nicht. Es wäre eine Schande die Schönheit dieses Tages nicht zu betrachten. Weiterlesen

Montags Einhorn

Heute hatte er keine Chance. Der Montag. Nicht den Hauch einer Chance gönnte ich ihm, als er gerade einmal sechs Stunden alt war. Unter normalen Umständen hätten wir – der Montag und ich – ein paar Minuten miteinander gerungen und uns dann damit abgefunden, den Rest des Tages miteinander zu verbringen. Die besten Freunde werden wir bis zur Rente nicht mehr, aber er steht mir näher als zum Beispiel der Dienstag. Der Dienstag ist ein unmöglicher Tag. Weiterlesen

Brechendes Eis. U-Bahn Gedanken

Ich muss noch klein gewesen sein, als ich den Klang von zerbrechendem Eis das erste Mal gehört habe. Alt genug um alleine mit meinen Freunden auf dem zugefrorenen Weiher Schlittschuh zu laufen und klein genug, um im Blickfeld meiner Mutter bleiben zu müssen. Ich war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, als ich hörte wie das Eis mit einem lauten Knacken einen Sprung bekam. Wir standen an der einzigen tiefen Stelle des kleinen Weihers, dort wo das Eis in der Nähe des Wehres dünn wurde. Es ist nichts passiert an diesem Nachmittag. Die Erinnerung daran ist längst verblasst. Nur das Geräusch brechenden Eises ist mir im Gedächtnis geblieben. Weiterlesen

16 Tage

Heute morgen ist es still bei mir. Kein Radio und keine Musik läuft. Nur ein bisschen Straßenlärm schwappt durch das gekippte Schlafzimmer-fenster. Ich schließe die Augen und rutsche tiefer unter die Decke. Heute ist Samstag und mein zweiwöchiger Urlaub beginnt.  Wenn man das Wochenende mitzählt sind es ganze sechzehn Tage. Natürlich zähle ich das Wochenende dazu. Zwei Wochen Urlaub über Weihnachten, das haben viele. Sechzehn Tage dagegen,  sind schon fast unverschämt lange.  Unter meiner Bettdecke ist es herrlich warm. Nur die Nasenspitze, die an der Luft ist, friert. Das mag ich. Nur warm wäre mir zu langweilig. Um die Wärme zu genießen und zu schätzen, muss ein kleiner Teil – zum Beispiel die Nase – kühl sein. Weiterlesen