16 Tage

Heute morgen ist es still bei mir. Kein Radio und keine Musik läuft. Nur ein bisschen Straßenlärm schwappt durch das gekippte Schlafzimmer-fenster. Ich schließe die Augen und rutsche tiefer unter die Decke. Heute ist Samstag und mein zweiwöchiger Urlaub beginnt.  Wenn man das Wochenende mitzählt sind es ganze sechzehn Tage. Natürlich zähle ich das Wochenende dazu. Zwei Wochen Urlaub über Weihnachten, das haben viele. Sechzehn Tage dagegen,  sind schon fast unverschämt lange.  Unter meiner Bettdecke ist es herrlich warm. Nur die Nasenspitze, die an der Luft ist, friert. Das mag ich. Nur warm wäre mir zu langweilig. Um die Wärme zu genießen und zu schätzen, muss ein kleiner Teil – zum Beispiel die Nase – kühl sein.

Sechzehn Tage ohne eine Reise anzutreten und ohne einen Plan, nur für mich zu haben, ist fein. Ich werde gar nichts machen, nur unter meiner warmen Decke liegen und die Nase in die kalte Luft meines Schlafzimmers halten. Wenn ich etwas mache, dann nur das worauf ich Lust habe. Ich werde zum Beispiel ausmisten, das liebe ich. Jeden Tag einen Schrank und eine Schublade durchwühlen. Mich an dem was ich habe freuen, in Erinnerungen schwelgen und das was ich nicht brauche verschenken oder wegwerfen. Platz für den Kopf schaffen. Und für neues Zeug, das ich nicht brauche, aber haben möchte – bis es nächstes Jahr wieder rausfliegt. Überhaupt, Ordnung schaffen. Das ist bitter nötig. In meinem Notizbuch finde ich schon lange nichts mehr. Nein, das ist ungerecht. Ich finde viel zu viel darin. Sogar Dinge, die ich nicht hineingeschrieben habe. Zwischen den Zeilen stehen Wörter, Sätze und Gedanken, die so hübsch und klug sind, dass sie nicht von mir stammen können. Es ist dringend nötig sie ihrem ursprünglichen Besitzer zuzuordnen, um sie sich dann bei Bedarf auszuleihen.
Und diese Seite hier. Die muss auch aufgeräumt werden. Ich dachte sie würde ein kleines Durchgangszimmer werden. Eine Diele, die es verzeiht, wenn etwas Gerümpel in der Ecke liegt und sich die Kartons neben der Tür stapeln. Für einen, der nur schnell durchläuft, ist das in Ordnung – er wird nicht so genau hinsehen. Jetzt ist die Seite zu einem gemütlichen Wohnzimmer geworden. Ein Ort, an dem sich immer wieder jemand zu mir setzt und eine Weile bleibt. Ganze Abende verbringe ich hier mit liebgewonnen Personen und bemühe mich dabei das Licht so schummrig zu halten, dass sie gar nicht erst auf die Idee kommen in den Kisten der Kategorien zu wühlen. Schade eigentlich, es wäre viel netter einen Besucher aufzufordern die einzelnen Schubladen aufzuziehen und nach Herzenslust darin herum zu wühlen.

Auch die ganzen vollgeschriebenen Zettel in meiner Handtasche müsste ich einmal wegwerfen oder abschreiben. Unzählige Gedankensplitter, von denen die meisten großer Mist sind. Mist, denn ich monatelang mit mir herumschleppe. Wenn ich die Tasche ausleere, dann vielleicht auch gleich die Schublade im Kopf, die schon klemmt, weil sie so voll ist. Ich könnte sie dem Verursacher vor die Tür kippen. Oder ich werfe die Zettel einfach ins Altpapier, dann kann man auf eine Widerauferstehung in Form eines Apfelsaftkartons hoffen. Klebriger, viel zu süßer Sirup würde besser passen, aber man kann sich nicht aussuchen was aus veralteten Gedanken und Gefühlen einmal wird.

Morgen vielleicht. Fünfzehn Tage reichen auch zum Ausmisten. Heute bleibe ich im Bett und wer sich hier her verirrt muss über das Chaos steigen und sich durchwühlen.

 

33 Gedanken zu “16 Tage

  1. Die Wiederauferstehung als Recycling, ein sehr interessantes Bild. Auch die Idee von der Seite, die als Durchgangszimmer gedacht war… aber wenn es dich tröstet: die meisten Räume neigen dazu, sich zu Rumpelkammern zu entwickeln. Das scheint eine Art Naturgesetz zu sein. Aufräumen hilft nicht, macht aber manchmal Spaß, weil man Dinge entdeckt, an die man sich nicht mehr erinnern konnte – oder an die man sich nicht mehr erinnern will. Nur vergißt man dabei das weitere Aufräumen. Schönen Urlaub
    Manfred

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  2. Meinst du unsere Kommentare unter den Texten? Die genieße ich sehr. Die Anmerkungen von Jules und auch die von allen anderen. Es sind kleine Gespräche und mit der Zeit lernt man einen Teil der Person vor dem Rechner kennen und tauscht sich aus. Fremde Gedanken, manches Neue und manches wo man nicht zustimmt – interessant alle mal und ich und mein schreiben oder denken entwickle mich hier tatsächlich weiter.

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      1. Mein Geschmiere mit den sauber und ordentlichen Einträgen und schöner Handschrift zu vergleichen, ist mir etwas unangenehm ;). Aber ich weiß was du meinst und ich greife schon mal Ideen auf und lasse mich gerne inspirieren. Schön, dass du so einen wachen Blick für die Feinheiten hast.

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  3. Das Foto zeigt zwar Gedanken von mir, die ich aufgeschrieben habe, aber es sind nicht die Dinge, die mir selbst durch den Kopf gehen. Es sind alte Notizen zu einer Erzählung an der ich schon lange schreibe und das was eine Person darin denkt und sagt.
    Mein Tagebuch wäre in der tat zu intim.

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  4. Bleib ruhig liegen Mitzi, keine Umstände ich hole mir nur schnell einen Kaffe aus deiner Küche, setze mich gemütlich auf einen Stapel von irgendwas und folge den zaubervollen, raumbelegenden Gedanken ein weiteres Mal und dann bin ich auch schon weg… aber ich komme gerne wieder wenn ich darf… liebe Grüße vom Blumenmädchen 😉

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  5. Es ist toll, dass du hast, was man Muße nennt und es auch weißt zu genießen, liebe Mitzi. Schön, dass du uns daran teilhaben lässt und sogar einen Blick in deine Aufzeichnungen gestattest.. Als ich noch Lehrer war, hatte ich für die Stimmung, die hier schilderst, nur den Sonntagvormittag und natürlich einen Teil der Weihnachtsferien, wenn es mir gelang, die Stapel von Klassenarbeiten und Klausuren für ein paar Tage zu ignorieren. Wenn man Muße hat, könnte man soviel machen oder aber auch gar nichts, denn bei allen schönen Tätigkeiten kann man in Flow geraten, und schon fließt die Zeit links und rechts vorbei – man selbst aber ist zeitlos glücklich. Die Uhr und der Kalender sagen aber was anderes. Ich bedauere, dass du Zettel wegwerfen willst, damit Tetrapack für Sirup daraus werden kann. Die Selbstkritik hier ist sicher unangemessen. Kleb die Zettel doch in ein Heft, denn sie sind im digitalen Zeitalter schon was Besonderes und spätestens in zehn Jahren eine Rarität. Ich wüpnsche dir von Herzen einen schönen und erholsamen Urlaub!
    Lieben Gruß,
    Jules

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    1. Warten wir ab, wie lange ich es schaffe die Muße zu genießen.
      Den Lehrern dichtet man ja immer grenzenlose Freizeit an. Von Freunden habe ich aber mitbekommen, dass es viel nicht ist. Es wundert mich also nicht, dass du das Gefühl, nur selten Zeit für Müßiggang zu haben, kennst. Eine nette Idee, die Zettel in ein Heft zu kleben und dann für ein paar Jahre wegzustecken.
      Liebe Grüße

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      1. Danke, dass du eine Lanze für Lehrer brichst. Wer als Lehrer Korrekturfächer unterichtet, hat gewiss nicht viel Freizeit. Ich habe überwiegend Deutsch unterrichtet, da stapelten sich bei mir immerzu Hefte.
        Vergiss nicht, deine Zettel zu datieren, wo du das Datum hast oder rekonstruieren kannst, das erleichtert späteren Archivaren die Arbeit 😉

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  6. Wunderbar, liebe Mitzi!
    Da reihe ich mich sogleich ein. Auch ich habe nun frei und mir überlegt,
    dass ich wieder, wie letztes Jahr, einiges Materielle sortieren und abgeben werde.
    Ich rutschte auch wieder in die Federn und genoss die Stille.
    Dann blieb ich aber doch nicht den ganzen Tag liegen,
    wenn ich es mir auch immer vornehme. Die Sonne lockte mich hervor
    und Gedanken wollten unbedingt auf das virtuelle Papier.
    Deine Zettel, die machen sich vielleicht gut als Collage oder jeweils zwei oder drei
    zusammengefasst. Es ist immer spannend in die eigenen Notizen wieder einzutauchen.
    Wie immer – möge es dir gelingen, die freie Zeit zu genießen!
    Ich tu es auch und komme gern zum Lesen in deine Räumlichkeiten hier,
    auch dann, wenn die gefühlte ganze Welt unterm Tannenbaum sitzt. 😉

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Danke, Silbia. Ich habe es auch nicht im Bett ausgehalten. Es reicht ja die Gewissheit, dass man es könnte, um sich schön treiben zu lassen.
      Ich freue mich, wenn du hier vorbei schaust.
      Liebe Grüße und eine schöne freie Zeit!

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  7. Liebende Urlauberin Mitzi Irsaj

    Was ein schöner Nachnahme
    Woher stammt er
    Lädst Du Mich ein bei Dir eine oder zwei Deiner Schubladen zu durchstöbern
    Ich bin auch verpflichtungslos
    Und was die Gedanken betrifft die nicht von Uns stammen können
    Das sind die Musen und Genien die inspirieren Uns meist mit einem Musenkuss
    Ja die alten Gedankenworte
    Suchen sich die Orte
    Da Sie wesen und verwesen
    Einst gedacht und einst gelesen
    Finden binden Sich zu einem Wesen
    Das so dann und wann
    Ein seltsam Eigenleben führt
    Ich als Öko kompostiere
    Sie im großen Garten
    Der Geschichte düngen Sie
    So künftges Leben
    Wenn Ich Sie versteh vergebe
    Tun Sie niemanden mehr weh

    Danke für Deine Gastfreundschaft
    Im Wohnzimmer Deines Herzens

    Dir Joachim

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    1. Komm nur wieder vorbei, Joachim. Ich teile gerne – Gedanken besonders gerne.
      Ich heiße wie die Schwester meiner Großmutter. Der Name kommt aus Serbien – Tante Mitzi hat sich dort verliebt.

      Schöne Tage zwischen den Jahren wünscht dir Mitzi

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  8. Liebende Mitzi

    danke der Einladung
    Ich bin kein Globalisierungsblogger vielmehr ein wirklicher Mensch
    und Ich lade Dich zu einem Cafe Tee in Haidhausen ein jetzt da die Zeit Sich endlos dehnt
    und Schubladen auf den Kopf gestellt alles an den Tag bringen spannend gruselig lichtvoll schön

    danke
    Dir Joachim von Herzen

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