Weihnachten ist Weihnachten ist Weihnachten

Weihnachten ist mir heilig. Da bin ich kompromisslos. Es ist mir schnuppe ob sich die ganze Welt über den Konsumrausch oder den fehlenden Schnee echauffiert. Ab dem ersten Advent bin ich in Weihnachtsstimmung. Keinen Tag eher und keinen Tag später. Weihnachten ist mir heilig. Der Wahnsinn drum herum ist mir egal. Von meinem Weihnachten habe ich eine klare Vorstellung. Keine Geschenke – egal. Kein Baum – undenkbar. Weihnachten ist angesichts des Elends der Welt scheinheilig? Ist es. Aber dann soll man nicht lamentieren sondern im Kleinen etwas gegen die Schlechtigkeit tun. Konsumrausch und zu hohe Erwartungen? Dann soll man seine Erwartungen eben runter schrauben.  Einsam an Weihnachten? Undenkbar. Wer ungewollt alleine ist, kommt zu mir. Ein fester Plan? Unnötig, es kommt eh anders. Ein paar fixe unumstößliche Termine? Ja, weil Weihnachten auch Tradition ist. Wem es nicht gefällt, der möge sich gefällige Traditionen schaffen und diese bei Bedarf jährlich ändern.

Mein Weihnachten ist jedes Jahr anders und doch immer gleich. Es gibt vier Fixpunkte: Der Baum – die Kirche – der Brunch mit Freunden und der eine Freund aus Italien – der familiäre Wahnsinn. Diese vier Dinge müssen sein. Alles andere zu planen wäre sinnlos. Die Katastrophen, das Schöne und das Schlimme im Leben fragen nicht nach Weihnachten. Sie kommen einfach. Springen einen hinterrücks an und werfen einen zu Boden. Man muss sie dann um diese vier Punkte herum drapieren. Ähnlich wie die scheußlichen Christbaumkugeln, die man nicht aufhängen will, die aber dazu gehören. Ich kann das gut. Egal was passiert, ich stelle einen Baum auf. Ich schleppe ein 1,80 großes Teil durch die Stadt und schmücke ihn. Heulend vielleicht. Oder wütend. Meistens aber glücklich. Gegen emotionale Ausnahmezustände wirkt die Konstante eines Christbaumes wie eine Umarmung. Emotional gefestigt, riecht das Monstrum einfach nur gut und macht ein schönes Licht.

Ich gehe in die Kirche. Nicht in irgendeine. In die eine oder in gar keine. Nicht immer. Manchmal müssen die Fixpunkte flexibel variiert werden. Zum Beispiel dann, wenn man am Brenner im Schneechaos feststeckt. In den meisten Jahren habe ich es aber geschafft. Genauso wie meine beiden Freundinnen. Egal was das vergangene Jahr uns um die Ohren gehauen hat, am hl. Abend stehen wir um fünf Uhr nachmittags vor der Kirche, in der wir getauft wurden und fallen uns in die Arme. Abgehetzt alle drei. Wenn das Vorläuten beginnt, weiß ich, dass auch sie gerade zur Kirche laufen. Jede aus einer anderen Richtung und ich bin mir sicher, dass auch sie laufen und nicht gehen. Wir laufen unter den dröhnenden Glockenschlägen, die mir an Weihnachten lauter, feierlicher und vertrauter als sonst erscheinen. Wenn am vierundzwanzigsten die Glocken schlagen fühle ich mich, wie das Kind vor dreißig Jahren. Nur hatte das Kind von damals keinen Kloß im Magen und keine Tränen vor Rührung in den Augen, wenn es endlich vor den Stufen stand und fröstelnd auf die anderen wartete. Die Rührung ist schnell vorbei, wenn wir uns sehen.
Wir werden uns wie jedes Jahr in die Bank quetschen und die Kinder, die dazu gekommen sind auf unseren Schößen verteilen. Die Männer müssen sehen wo sie bleiben, wir müssen Plätze für die Eltern frei halten. Warum wir das tun, wissen wir nicht. Sie kommen ja eh zu spät. Seit dreißig Jahren schon und sie werden auch dieses Jahr zunächst im Gang stehen müssen, weil sie uns nicht finden. Wir sehen sie erst wenn wir zur Kommunion an den Altar gehen. Dann wird sich schnell umarmt, die Sitzordnung in den Bänken über den Haufen geworfen und hastig erklärt, warum die eine Mutter fehlt – sie kocht seit dreißig Jahren um diese Zeit – und warum meine Eltern fehlen – sie kommen seit dreißig Jahren nicht mehr. Alles ist wie immer, aber man kann den Festakt der heiligen Kommunion an Weihnachten schon mal stören um das Offensichtlich noch einmal zu erklären. Da ich diejenige ohne Eltern im Schlepptau bin und wider Erwarten auch diese Jahr kein eigenes Kind auf dem Schoß sitzen habe, genieße ich den Vorzug den Gottesdienst beschwipst genießen zu können. Nicht dass ich mir auf dem Weg zur Kirche einen genehmige – das sicher nicht. Aber seit einigen Jahren hat sich ein Weihnachtsbrunch unter Freunden etabliert und der besteht in erster Linie aus Champagner. Weihnachten ist schließlich das Fest der Freude und in unserem Fall, neben der Familie auch das Fest der Freunde. Und auf diese muss man anstoßen. Sie sind das was einem durch das Leben trägt. Wenn man zu diesem Zweck, etwa fünfzig Personen in eine kleine Schwabinger Altbauwohnung zwängt, entsteht die Nähe ganz ohne sentimentalen weihnachtlichen Kitsch. Dass gegen Mittag lauthals aus fünfzig Kehlen etwas falsch und völlig aus dem Takt „Last Christmas“ erschallt, mag am Champagner liegen. Vielleicht aber auch an der unbändigen Freude solche Freunde zu haben, die sich irgendein Ventil schaffen muss.

Am Ende des Gottesdienstes wird die Kirche dunkel und nur die Christbäume am Altar brennen. Rund um das Kirchenschiff stehen alle Kinder mit einer Kerze in der Hand. Sie umkreisen die Bänke, während des letzten Liedes -stille Nacht, heilige Nacht. Wir heulen ein bisschen. Weil wir glücklich sind, dass sich an diesem Moment nichts geändert hat. Wir wischen uns die Tränen spätestens dann aus den Augen, wenn wir uns daran erinnern, dass ich vor 35 Jahren mit der Kerze die Haare meiner Freundin in Brand gesteckt habe. Dann lachen wir – im Singen hört es ja keiner. Danach rennen wir nach Hause. Ich glaube nicht, dass die beiden anderen gehen. Ich glaube, sie rennen ähnlich beschwingt zu sich nach Hause wie ich. Zu den Eltern, den Schwiegereltern, dem Freund und dem Rest der Familie. Das Rennen tut nach all der Besinnlichkeit gut. Außerdem vertreibt es den Rest des Champagners. Ich muss nüchtern sein, wenn Papa den guten Rotwein öffnet.

Auf dem Balkon hat er ein oder zwei Bier kalt gestellt. Die sind für meinen Freund aus Italien, der mich  gegen neun Uhr abholt. Er trinkt es noch, dann fahren wir zu mir. Zu meinem Baum unter dem wir bis spät in die Nacht sitzen. Ich weiß nicht ob dieses Jahr jemand alleine ist und spontan dazu kommt. Es wäre nicht das erste Mal. Meistens sind es die, die Weihnachten grauenvoll finden. Die mir erzählen, wie dumm und überflüssig Weihnachten ist. Spätestens wenn ich sie an den Feiertagen noch mit zu meiner Familie nehme und sie sich im völligen und undurchdringbaren Chaos zwischen unzähligen Kindern und reichlich Tieren befinden attestieren sie mir, dass ich spinne, weil ich diesen Wahnsinn liebe. Wahrscheinlich haben sie recht. Sie bekommen einen Schnaps oder eine Katze auf den Schoß und werden gebeten die Klappe zu halten.

Schöne Weihnachten! Ruhige oder chaotische. Und wenn sie ungewollt alleine sind, kommen Sie vorbei. Sie würden nicht auffallen. Sie würden untergehen und still in einer Ecke sitzen können, wenn Sie das wollen. Oder Sie singen mit und rennen mit mir in die Kirche. Andernfalls trinken Sie mit meinem Vater ein Bier bis ich wieder komme. Er wird sie nicht fragen warum Sie hier sind. Wer stellt an Weihnachten schon eine so dumme Frage.

 

 

36 Gedanken zu “Weihnachten ist Weihnachten ist Weihnachten

  1. So herrlich bayrisch handfest kommt dein Text daher. Was du schreibst, kommt mir bodenständig im besten Sinne vor, was eben ein lebenskluge Frau aus einer Tradition macht. Vor allem überzeugt mich die Selbstverständlichkeit, mit der du voraussetzt, dass es gut ist, wenn der Mensch Traditionen hat. Wem Weihnachten „nicht gefällt, der möge sich gefällige Traditionen schaffen.“ Das ist einfach klasse. Der Mensch braucht Traditionen oder wenigstens Rituale, warum ganz neue erfinden, wenn es welche gibt, die sich nach eigenem Gusto ummodeln lassen. Aber wichtig ist der soziale Akt, die Geselligkeit, zu der du sogar großmütig einladen kannst, weil ein Gast im Gewusel nicht auffällt. Du wirkst in allem aufgehoben und bist selbst wohl ein wichtiges Element dieser intakten Sozialstruktur. Entschuldige das häßliche Wort „Struktur“ in dem Zusammenhang. Denn alles ist ein schönes Beispiel von freundschaftlicher und familiärer MItmenschlichkeit, zu dem ich dich nur beglückwünschen kann, liebe Mitzi.

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    1. Handfest und bodenständig, trifft es sehr gut. Auch die Struktur ist hier kein hässliches Wort – ich strukturiere mir die Tage ja wirklich. Oder ich versuche es, bis sie über den Haufen geworfen werden und am Ende nur die Essenz übrig bleibt.
      Einen schönen Sonntag und vierten Advent, lieber Jules.

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  2. Liebe Mitzi, dieses Mal hast du auch mir aus dem Herzen geschrieben. Weihnachten ist auch mir im aller positivsten Sinne heilig. Dabei bin ich gar nicht katholisch. Ganz früher trafen wir uns bei meinen Großeltern, dann bei meinen Eltern, dann im Wechsel bei mir oder meinen Geschwistern und nun bereits im dritten Jahr bei meiner Tochter.

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    1. Das freut mich.
      Eigentlich ist es egal wo man ist, Hauptsache das Gefühl stimmt. Mein Vater lässt sich Weihnachten nur schlecht „verpflanzen“ und fühlt sich daheim am wohlsten. Ansonsten würde es mir auch Spaß machen, ihn einmal bei mir zu haben.

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  3. Bis auf den Kirchenbesuch hast du alles so beschrieben, wie ich es auch gerne habe. Freunde oder Alleinige sind mir auch immer willkommen, es ist bereichend und lebendig wenn nicht nur der Familienclan zusammen kommt. Frohe Weihnachten für Alle, ohne Konsumrausch aber mit viel Menschlichkeit und Wärme. Das hast du wunderschön beschrieben.

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  4. Sehr schön diese „Das macht man so“ Lektüre!
    Die Flexibilität der geschaffenen Tradition – gefällt mir gut! 🙂
    Ich lebe wohl genau das Gegenteil: Weihnachten ist nichts für mich, da bin ich kompromisslos. Ich habe mich gründlich entpflichtet.Tage wie immer eben. Dennoch kann ich das alles gut nachvollziehen und wünsche eine ganz feine Zeit! 🙂

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Wenn das Gegenteil, das ist, was sich für dich richtig anfühlt, dann ist es auch schön.
      Wer die Feiertage an Weihnachten ganz normal verbringen will, sollte das auch machen und sich zu nichts verpflichtet fühlen. 🙂
      Schöne Tage und liebe Grüße
      Mitzi

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  5. Guten Morgen, Frau Urlaub 😉
    Wie schön es ist den Morgen mit deinem Text zu begehen. Der ist wieder mal ganz wundervoll geschrieben und sprudelt nur so über vor Lebendigkeit. Herrlich das Bild, wie ihr alle drei, aus verschiedenen Richtungen auf die Kirche zu rennt.
    Ich gestehe, dass ich diesmal ein wenig sehnsuchtsvoll auf deine Worte blicke. Beim lesen dachte ich: Ach. So herrlich beschwipste Weihnachten im großen Kreise hätte ich auch mal wieder gern. Wuseliges Treiben ist’s bei dir. Die Frage, wer setzt dieses Mal den Teppich in Flammen, weil er den Baum umgeschmissen hat…Zu schön 😀
    Das liegt wohl behütet in der Vergangenheit.
    Die Familie hat sich mittlerweile in alle Winde verstreut, auch an Weihnachten. Dass wir Heilig Abend noch arbeiten tut wohl sein übriges dazu. Nun sitzen wir dann meist im kleinen Kreis zusammen, kochen gemeinsam etwas schönes, erzählen uns alte Geschichten. Das sind unsere Rituale. Ich mag die Besinnlichkeit die darin liegt.
    Trotzdem würde ich ja jederzeit mal auf diese Rituale pfeifen, mich frech auf der Arbeit krank melden, in den Zug steigen
    und mit einer guten Flasche Hirschhof secco bei dir einfallen 😉
    Das wäre sicherlich unvergesslich…
    Ich bin ganz vernarrt in deine Texte.
    Guten Morgen, liebe Mitzi.

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    1. Ganz ehrlich…an manchen Weihnachten – so sehr ich meine Familie und meine Freunde liebe – wäre es mir ganz lieb, wenn nur halb so viele rumhampeln würden. Ich will mich nicht beschweren, am Ende ist ja genau das was mir gut tut, aber die Besinnlichkeit geht im Chaos oft den Bach runter. Dein kleines Weihnachten klingt für mich auch sehr schön. Ruhiger und vielleicht genau deswegen schön.
      Wenn du pfeifst, dann gibt bescheid. Ich hol dich vom Bahnhof ab 🙂
      Eine Umarmung und liebe Grüße

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