Die perfekt erste Nachricht

Noch heute, fast fünf Jahre später, nickt mein Umfeld verständnisvoll, wenn ich den Namen von Dr. X erwähne. Ich rechne es ihm hoch an, dass es nicht die Augen verdreht oder an meinem Verstand zweifelt. Weder meine Freunde, noch meine Kollegen haben X je zu Gesicht bekommen und doch gibt es keinen, der nicht mindestens einmal die ganze Geschichte von mir erzählt bekommen hat. Die meisten mehrfach und immer mit der nötigen Portion Pathos um die innewohnende Dramatik gebührend zu unterstreichen. Eine Dramatik, die sich wohl nur mir selbst erschließt. Objektiv betrachtet waren es nur zweieinhalb Treffen. Aber wer ist schon objektiv, wenn es um den EINEN geht, den EINEN den man ohne nachzudenken heiraten würde und von dem man weiß, dass er das perfekte Gegenstück zu einem selbst ist. Wie man das nach nur zweieinhalb Treffen zu wissen glaubt? Ganz einfach. Man kneift die Augen zu und schaltet den Verstand aus. Der Mann hat später absolut alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Keine kleinen Patzer, er hat so richtig in die Vollen gegriffen und mir verbal eins über geknüppelt. Aber ich fand ihn immer noch toll. Schuld war die perfekte erste Nachricht und ein sehr klug ausgefülltes Profil auf dem Dating Portal.

„Hey, hilfst du mir die Tauben auf dem Dach mit Toppas zu bewerfen? Du bist klein genug, um durch die Dachluke zu passen.“ Was bescheuert klingt, war die perfekte erste Nachricht.
Wenn wir ehrlich sind, dienen erste Nachrichten auf einem Dating-Portal nur dazu, dass der Empfänger einen Blick in das absendende Profil wirft. Und genau das tut er – er wirft einen Blick. Einen einzigen und der landet in 99,9 % der Fälle auf dem Profilbild. Entspricht das Bild nicht den Erwartungen, dann kann die erste Nachricht oder der Profiltext noch so charmant oder witzig sein – sie werden gar nicht erst gelesen. Traurig, aber wahr. Auf Dating-Seiten, sind wir alle weit oberflächlicher, als wir es im realen Leben sind. Wir klicken uns durch die Bilder und erst wenn uns eines anspricht, beginnen wir zu lesen. Die Nachricht und der Profiltext von Dr. X gehörten zu den 0,1 % der Profile, die aufmerksam gelesen wurden. Zumindest von mir. Die Arroganz und der Sarkasmus, mit dem er sich über das Online-Dating lustig machte, ließen vergessen, dass auch er die Seite nutzte. Im Glashaus sitzend, warf er fröhlich mit Steinen um sich und schien sich dabei köstlich zu amüsieren. Seine Nachrichten waren wie Telefonate. „Bleib mal kurz da, ich muss die Wäsche rausholen“ leitete eine Pause in unserem Chat ein und „Ich ess ne Pizza, sorry wenn ich mit vollem Mund schreibe“ erklärte verzögerte Antworten. Ich schwöre, dass ich mir erst vier Stunden später, als er sich verabschiedete, um wieder Jagd auf die Tauben auf seinem Balkon zu machen, die Bilder in seinem Profil ansah.

Wahrscheinlich hätten mich die Fotos ohne die vorherigen Nachrichten irritiert. So aber waren sie nur die Ergänzung eines Bildes, das ich bereits im Kopf hatte. Ein Foto seiner Küche – Chaos in Perfektion. Er von hinten in einem Café, die Menschen beobachtend. Ein Dach auf dem hoch über Sendling ein duzend fette Tauben hockten. Und ganz hinten in der Galerie, das Foto eines Typen, den ich mir genau so vorgestellt hatte. Verstrubelte, dunkle Locken; leicht verschlafenes Lächeln; T-Shirt und Strickjacke; die Hände tief in den Hosentaschen und die Schultern angezogen. Während die meisten anderen Profile mit perfekten Bildern zu punkten versuchten, schien X wahllos ein nicht mal besonders gutes genommen zu haben. Musste er auch nicht. Egal wie beiläufig der Schnappschuss zu sein schien, er zeigte einen überdurchschnittlich gut aussehenden Mann.

Seine Taubenjagd dauerte nicht allzu lange und wir verließen die Dating Seite um es uns auf Facebook gemütlich zu machen. Meine Seite dort musste ich nicht erst um peinliche Bilder bereinigen. Die gibt´s da nicht. Wer mein Facebookprofil aufruft steht unter dem Eindruck, dass ich einigermaßen sinnvolle Dinge schreibe, annehmlich hübsch bin und sozialkompatibel mit beiden Beinen im Leben stehe. Die Wahrheit bei letzterem verhält sich wohl eher so, dass ich panisch auf einem Bein durchs Leben springe oder tiefenentspannt auf dem Bauch liegend durch selbiges schlittere.
Dr. X und ich schrieben uns den ganzen Tag und die halbe Nacht. Ich lernte ihn kennen. Er arbeitete als Arzt in einer Klinik und seine bitterböse, vor Sarkasmus triefende Sicht der Dinge, relativierte er mit charmanten und lustigen Erzählungen aus seinem Leben. Wir bestellten synchron Pizza, bröselten die Tastatur voll und stiegen am nächsten Abend auf das Telefon um. Manchmal verstand ich ihn schlecht, wenn er sich zum Beispiel die Zähne putzte oder die Waschmaschine während des Schleudergangs festhalten musste. Meistens aber, verstand ich ihn gut und mir gefiel, was er zu sagen hatte. Nach zwei weiteren Tagen war es klar, dass wir uns treffen würden. Mit der Logik einer Frau, die gerne zuvor noch 5 Kilo abgenommen hätte, schlug ich den übernächsten Donnerstag vor und lieferte als Begründung eine hartnäckige Erkältung. Da man von der am Telefon nichts hörte und X mir nicht ganz glaubte, gab er mir zwei Tage. Das würde im übrigen gut passen, da er vorher selbst nicht ganz fit sei. Er habe in der Klinik, den Nudelsalat einer Krankenschwester aus dem Kühlschrank geklaut und sich gründlich daran überfressen. Bis zum kommenden Samstag, meinte er, würden Husti und Kotzi schon wieder fit sein. Falls nicht, würde er mir großzügig Schleimlöser und Aspirin zur Verfügung stellen.

Ich hatte also zwei Tage um fünf Kilo abzunehmen und nahm stattdessen eines zu, weil ich meinen Speiseplan vor lauter Nervosität auf Schokolade umstellte

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