Ein bisschen begraben

Zwölf Monate mit dir. Ich mache das letzte Foto und setze mich trotz des Nieselregens unter den Nussbaum. Es regnet, höre ich dich leise sagen und schüttele den Kopf, obwohl ich bereits nass und durchgefroren bin. In letzter Zeit höre ich dich seltener und dieses letzte Foto im Rosengarten fühlt sich wie ein Abschied an, für den ich noch nicht bereit bin. Ich sehe dich durch die Beete streifen. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und die Schultern im Wind und Regen leicht nach oben gezogen. So stehst du immer, wenn dir kalt ist oder du dich nicht wohl fühlst. Standest, korrigierst du mich. So stand ich, wenn mir kalt war. Benutze endlich die richtige Zeitform, bittest du mich und weiter, mich doch bitte korrekt zu erinnern, dass du meist so im Regen oder Schnee standest, weil ich deinen Pullover oder deine Jacke in Besitz genommen hatte. Mir ist zu kalt um zu streiten und ich wiederhole brav, dass er so stand und streite doch, indem ich dich nicht mehr anspreche, sondern in der dritten Person von dir erzähle. Es gefällt dir nicht und doch nickst du, um dir nicht selbst zu widersprechen. Weiterlesen

Weil ich dich mag

Es ist so schön, dich wieder zu sehen, sagst du. Es ist so schön, hier in der Stadt unserer Jugend eine Konstante zu haben, auf die man sich verlassen kann. Ich nicke und hoffe, dass du mich nicht fragst, ob ich dich in den letzten zehn Jahren vermisst habe. Ich habe es nicht. Zum Glück fragst du mich nicht, denn dann müsste ich ehrlich sein, dann müsste ich dir sagen, dass ich überrascht war, dass du dich überhaupt wieder gemeldet hast. Die alten Freundschaften, erklärst du sentimental und mit einem Lächeln auf den Lippen, sein am Ende doch die besten und jene auf die man sich verlassen kann. Jetzt wieder hier zu sein, war nicht deine freie Entscheidung, aber jetzt wo du mich siehst spürst du ein Stück Heimat. Betreten kaue ich auf dem Keks, den man uns zu dem Kaffee gereicht hat, und sage nichts. Heimat ist für mich vieles, du bist es nie gewesen. Zu meiner Heimat hast du nie gehört, aber wie könnte ich dir das sagen, während du auf dem Weg zu den Toiletten kurz meine Schulter streifst und mich anlächelst. Weiterlesen

Bis zum nächsten Morgen

Als die letzten gingen, schloss ich die Tür hinter ihnen im Halbschlaf. Es war spät geworden. Das wird es immer, wenn ich sie einmal im Jahr alle einlade und sie in wechselnder Zusammenstellung um den großen Tisch in meinem Wohnzimmer sitzen. Die, die Platz finden, sitzen. Der Rest steht. Auf dem Balkon, in der Küche oder irgendwo im Weg. Unübersichtlich ist es dann. Bis weit nach zehn kommen die, mit denen keiner mehr gerechnet hat und die, von denen man glaubte sie würden kommen, schreiben, dass sie doch keine Zeit haben, im Urlaub sind oder die Kinder krank sind. Es ist egal. Sie kommen im nächsten Jahr und es gab eh keine Gabeln und Gläser mehr. In manchen Jahren sitzen wir zu acht am Tisch, in anderen drängen sich über fünfzig Personen auf den wenigen Quadratmetern meiner Wohnung. Man könnte es planen, dann würden die Getränke nicht entweder ausgehen und für das restliche Jahr reichen, höre ich dich schmunzeln als du einen Blick in den überquellenden Kühlschrank wirfst. Vielleicht irgendwann. Bis dahin schreiben ich jedes Jahr eine kurze Nachricht an fast alle die ich mag und lasse mich überraschen. So mache ich es schon immer. Nur in den Jahren mit dir, lud ich sie nicht ein. Sie mussten warten, weil die wenige Zeit die wir hatten zu kostbar war, als das ich sie mit anderen Menschen geteilt hätte. Nicht einmal mit den Liebsten von ihnen. Du lernst sie jetzt kennen. Mit jedem Jahr besser und jedes Jahr noch einen, der es die Jahre zuvor nicht geschafft hatte. Weiterlesen

Eine goldene Glocke und ein Esel

In meinem Keller steht ein Karton, der mir wichtiger und wertvoller ist als die meisten meiner Besitztümer. Obwohl er groß ist, wirkt er auf den ersten Blick unscheinbar und niemand weiß, dass er so kostbares beinhaltet. Die schönsten Dinge werden ja oft in unscheinbaren Behältnissen aufbewahrt. Früher war er weiß. Heute ist er grau und die Ecken des festen Kartons sind abgewetzt und der Deckel schließt nicht mehr richtig. Er muss nicht schön sein. Er steht ja das ganze Jahr im Keller. Solange er den Inhalt fest umschließt und die Schnüre, die als Griffe dienen, noch halten, ist es mir gleichgültig wie er aussieht. In ein paar Jahren werde ich ihn austauschen. Noch aber darf er bleiben, weil ich an ihm hänge und es mag zu wissen, dass dieser Karton an jedem Ort an dem ich lebte im Keller stand. Weiterlesen

Der letzte Erste

Ich mag Dinge die zusammen gehören. Anfang und Ende zum Beispiel. Oder das Erste und das Letzte. Die erste und letzte Seite eines Buches oder die erste und letzte Praline aus einer Schachtel. Das was dazwischen liegt kann durchaus genussvolle Freude sein, aber nie Premiere oder Abschluss. Besonders gerne mag ich den ersten Christbaum des Jahres. Den ersten echten Baum. Nicht die Dekoration in den Schaufenstern. Der erste Baum steht plötzlich an einer Kreuzung, bei einem Nachbarn auf dem Balkon oder wie heute vor dem Eingang zu meiner Firma. Mit meiner Freude über diesen ersten Christbaum habe ich meine Kollegen heute in den Wahnsinn getrieben. Weiterlesen

Nicht nichts

Heute mache ich nichts. Darin bin ich gut. Ich bin die Meisterin im Nichtstun. Hier reicht mir keiner so leicht das Wasser. Es ist nämlich gar nicht so leicht, nichts zu tun und sich dabei nicht zu langweilen oder sich zu fragen ob niemand etwas mit einem machen möchte. Wer nichts tun kann oder nichts tun darf, kann das Nichtstun nicht genießen. Und wer nichts tun möchte, der muss das Nichts vehement verteidigen. Regen und ein Temperatursturz sind dabei unglaublich hilfreich. Weiterlesen

Until I wake up tomorrow…

Eisberge müssen nie weinen, flüstere ich leise in der Dunkelheit meines Schlafzimmers und warte auf dein Lachen. Nach all den Jahren kommt es noch immer. Wenn ich diesen Satz sage, dann höre ich dich lachen. Vor vielen Jahren summte ich das Lied auf einer nächtlichen Fahrt quer durch die Stadt. An der Ampel hörte ich dich lachen. Eisberge müssen nie weinen, fragtest du. Ja, Eisberge müssen nie weinen, meinte ich und fügte an, dass es ein seltsames Lied sei, mir aber gefallen würde. Du hast mich nie korrigiert und erst sehr viel später hörte ich heraus, dass es die Eisbären waren, die im kalten Polar nicht weinten. Weiterlesen

Danzt hob i für mei Lebn gern

Meine Großmutter tanzte für ihr Leben gern. Das tat sie bis ins hohe Alter. Selten freilich, weil die Beine nicht mehr so wollten, aber manchmal hat es sie noch gepackt. Um genau zu sein packte sie ihr Enkel. Ein Brackel von einem Kerl. Kräftig genug um die winzige Frau in seinen Armen über das Parkett zu heben und ein so guter Tänzer, dass meine Großmutter nicht widerstehen konnte. Dann staunten die Urenkel und wenn sie erschöpft zurück auf den Stuhl sank. Verlegen hob sie dann die Hände und meinte, dass sie nun wirklich zu alt dafür sei. Aber sie strahlte und in ihren Augen spiegelte sich eine Jugend, die ich nur von Erzählungen kannte. Weiterlesen

Misstrauen Sie Wikipedia (und mir…denn dieser Text hat eigentlich nichts mit Wikipedia zu tun)

Halleluja, endlich Juni! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin! Der Mai steckt mir noch in den Knochen und ich bin noch etwas wacklig auf den Beinen. Aber es geht aufwärts. 01.06.2016 – sagt der Kalender und  erfahrungsgemäß habe ich jetzt für 11 Monate meine Ruhe. Sie sehen schon, ich habe es nicht so mit dem Mai. Frühling hin oder her, blaues Band, Fliederbusch-Duftattacken – alles schön und gut, aber als Gesamtpacket mag ich den Mai nicht. Mehr noch, er ist mir zutiefst zuwider. Statistisch gesehen passieren gut drei Viertel aller Dramen in meinem Leben im Mai. Weiterlesen

Ostsonne

Hätte man mich gefragt ob ich den Sturz der Mauer oder einen Kuss von Hörbie wählen würde, dann hätte ich die Wiedervereinigung verhindert. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich die Teilung Deutschlands akzeptiert und wäre mit 14 Jahren zum am meist bewundertsten Mädchen der Klasse 8b aufgestiegen. Meine politisch engagierte Mutter hätte die Hände über den Kopf zusammen geschlagen und mein Vater hätte, wie damals häufig, an meinem Verstand gezweifelt. Heute bin ich froh, dass ich weder die Wiedervereinigung verhindert habe, noch sonst mit meinem Teenager-Ich den Lauf der Geschichte beeinflussen konnte. Es war ja nur eine hypothetische Frage.  Weiterlesen