Bis zum nächsten Morgen

Als die letzten gingen, schloss ich die Tür hinter ihnen im Halbschlaf. Es war spät geworden. Das wird es immer, wenn ich sie einmal im Jahr alle einlade und sie in wechselnder Zusammenstellung um den großen Tisch in meinem Wohnzimmer sitzen. Die, die Platz finden, sitzen. Der Rest steht. Auf dem Balkon, in der Küche oder irgendwo im Weg. Unübersichtlich ist es dann. Bis weit nach zehn kommen die, mit denen keiner mehr gerechnet hat und die, von denen man glaubte sie würden kommen, schreiben, dass sie doch keine Zeit haben, im Urlaub sind oder die Kinder krank sind. Es ist egal. Sie kommen im nächsten Jahr und es gab eh keine Gabeln und Gläser mehr. In manchen Jahren sitzen wir zu acht am Tisch, in anderen drängen sich über fünfzig Personen auf den wenigen Quadratmetern meiner Wohnung. Man könnte es planen, dann würden die Getränke nicht entweder ausgehen und für das restliche Jahr reichen, höre ich dich schmunzeln als du einen Blick in den überquellenden Kühlschrank wirfst. Vielleicht irgendwann. Bis dahin schreiben ich jedes Jahr eine kurze Nachricht an fast alle die ich mag und lasse mich überraschen. So mache ich es schon immer. Nur in den Jahren mit dir, lud ich sie nicht ein. Sie mussten warten, weil die wenige Zeit die wir hatten zu kostbar war, als das ich sie mit anderen Menschen geteilt hätte. Nicht einmal mit den Liebsten von ihnen. Du lernst sie jetzt kennen. Mit jedem Jahr besser und jedes Jahr noch einen, der es die Jahre zuvor nicht geschafft hatte.

Der Letzte ist gegangen. Es wäre still, wenn nicht das Lachen der letzten Stunden noch in der Luft hängen würde und keine Satzfetzen an den Gläsern kleben würde. Es wäre leer, wenn nicht noch all die Umarmungen auf dem Boden liegen würden und nicht jeder ein kleines Stück von sich in einer Ecke liegen gelassen hätte. Du magst es. Das sehe ich, weil du genüsslich durch die randvolle Leere streifst und der Stille lauscht. Es wird verfliegen. Schon morgen früh, hört man kaum noch etwas von all dem Lachen und wir werden uns sehr konzentrieren müssen, um die Umarmungen noch zu spüren. Du schüttelst den Kopf. Etwas bleibt immer, sagst du, und deutest auf eines der Geschenke, die man mir mitbrachte. Eine leuchtendes Kästchen, dessen Oberfläche mit Buchstaben beschriftet werde kann. An manchen Dingen haftet es gut, das Lachen, das Gefühl der Geborgenheit und die feinen Glücksmomente. Du hast recht, schon jetzt kleben die Erinnerungen eines ganzen Abends an den Buchstaben. Happie to you, steht dort und es ist der Satz derer, die es mir schenkten. Kein Schreibfehler und kein fehlendes Wort. Es machte Sinn und obwohl ich die Worte noch in der Nacht änderte, bleiben die ursprünglichen bestehen. Es sind nicht meine, sie gehören anderen, aber ich werde mich an sie erinnern, denn etwas bleibt immer.

Der kleine Kasten leuchtet nun mit unseren Worten. Fünf Worte, aus einem Frage und Antwort Spiel, das wir jeden Abend spielten. Wie lange hältst du es noch aus, fragte ich dich und deine Antwort war immer, bis morgen früh. Das war nicht lange, aber lange genug um beruhigt einzuschlafen. Als du nicht mehr antworten konntest, gab es niemanden der mir die Frage stellte. Wortlos stellte ich sie mir selbst vor dem einschlafen und zwang mich deine Antwort zu wiederholen. So lange bis aus dem „morgen früh“ ein „noch eine Weile“ wurde. Heute weiß ich, wie dumm die Frage ist. Wer es nicht mehr aushält, der lügt am Ende und wer noch nicht am Ende ist, der stellt solche Fragen nicht. Trotzdem hängt unsere Antwort seit gestern an meiner Wand. Sie erinnert mich an eine Nähe, die so eng und vertraut war, dass ich sogar vergaß, dass es außer dir noch andere Menschen gab.

Gestern, kurz vor dem Einschlafen, war die Frage lag letztes Mal zwischen uns. Wie ich es ausgehalten habe wolltest du wissen und mich damit zum Lachen gebracht. Als ob man eine Wahl hätte. Dass ich ein Jahr lang über keine einzige Brücke gehen konnte und Bahnsteige erst betrat nachdem die Züge eingefahren waren erzählte ich dir nicht. Auch nicht, dass es kein Rezept gibt. Hört einer auf zu atmen, atmet der andere trotzdem weiter. Ob er will oder nicht. Ein Atemzug nach dem anderen. Hätte mir anfangs jemand gesagt, ich müsse nur bis zum nächsten Morgen durchhalten…ich hätte ihm ins Gesicht geschlagen. Meine Zeitrechnung waren Atemzüge. Nach dreiundzwanzig waren zweieinhalb Minuten vergangen. Aber das erzähle ich dir nicht. Ich antworte auf deine Frage mit einem Lachen und erzähle dir lieber etwas von meinen Freunden. Die stellen mir solche Frage nicht. Sie stolpern wie ich durch das Leben. Mal aufrecht und mal gebückt. Wir atmen und wir leben. Bis zum nächsten Morgen. Und dann zum nächsten. Immer weiter. Nur wenn wir jemanden wie dich treffen, dann bleibt uns kurz die Luft weg.

 

 

23 Gedanken zu “Bis zum nächsten Morgen

  1. Liebe Mitzi,
    das „riecht“ nach Geburtstag.
    Herzlich Glückwunsch nachträglich! Ich wünsche Ihnen alles Glück dieser Welt!
    Bleiben Sie immer gesund und munter!

    Gruß Heinrich

    P.S. und sollte mein Riecher mich getäuscht haben, gelten die Wünsche trotzdem!

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  2. liebe mitzi, es gibt wieder einen grund zu schmunzeln. ich halte es mit meinem geburtstag seit jahren gleich. ich lade ein, wen ich mag und wer kommt, der kommt. ich liebe diese abende, die mal kurz und mal lange dauern, bei mir allerdings im winter, mit glühwein und kalter luft von draußen. von herzen alles gute. für den rest gibt es das obligatorische sternchen, es hat ganz schön gedrückt und gezogen in der herz- und magengegend. *

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  3. Auch ich möchte gratulieren und ein gutes kommendes Jahr wünschen.
    Ansonsten hat es mich sehr an eine Zeit im Mai 1996 erinnert. wo ich resp. wir etwas ähnliches erlebt und gelebt haben, bis ich dann mit dem Leben allein war.

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