Ostsonne

Hätte man mich gefragt ob ich den Sturz der Mauer oder einen Kuss von Hörbie wählen würde, dann hätte ich die Wiedervereinigung verhindert. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich die Teilung Deutschlands akzeptiert und wäre mit 14 Jahren zum am meist bewundertsten Mädchen der Klasse 8b aufgestiegen. Meine politisch engagierte Mutter hätte die Hände über den Kopf zusammen geschlagen und mein Vater hätte, wie damals häufig, an meinem Verstand gezweifelt. Heute bin ich froh, dass ich weder die Wiedervereinigung verhindert habe, noch sonst mit meinem Teenager-Ich den Lauf der Geschichte beeinflussen konnte. Es war ja nur eine hypothetische Frage. 

Können Sie sich noch an das „Wähle eine Sache“ Spiel aus der Kindheit erinnern? Man wird mit einer Auswahl konfrontiert und muss sich schnell und spontan für eine Alternative entscheiden. Zum Beispiel: „Entweder eine Eins in Bio oder wie Claudia mit dem Rad gegen den Baum fahren.“ Da musste man abwägen. Denn Claudia hatte sich nur den Arm gebrochen und eigentlich waren wir auf diesen Gips neidisch, weil all die tollen Jungs darauf unterschrieben hatten. Andererseits war es Sommer und Claudia musste im Freibad am Beckenrand sitzen. Trotzdem wollte kaum eine die Eins in Bio wählen. Die Frage der Wiedervereinigung war nicht so klar und ich musste lange erklären, warum ich mich so entschieden hätte. Mit 14 dämmert einem schon, dass sich die Welt nicht nur um einen selbst dreht. Man ahnt es, kann sich aber noch nicht ganz damit abfinden.Zunächst einmal wählte ich den Kuss, weil Hörbie toll war. Er war erst 16 hatte aber schon ein Auto mit verdunkelten Scheiben in der Garage stehen, das er mit 18 fahren würde. Das Auto war mir egal. Seinen Charakter kannte ich nicht, aber ich hatte sein Lächeln gesehen. Es galt zwar nicht mir, aber es war das schönste von allen. Mit 14 reicht ein Lächeln um sich unsterblich zu verlieben. Mit 40 auch, aber das wusste ich damals noch nicht. Die DDR dagegen erschien mir kein schlechter Ort zu sein. Das hätte ich damals schon nicht mehr einfach so gesagt, aber tief in meinem Bauch empfand ich es noch immer so. Meine Vorstellung war durch meine Kindheit und die Verwandten in der Nähe von Dresden geprägt. Da war zum Beispiel Kathrin, die meine Brieffreudin war. Kathrin und ich waren acht oder neun Jahre alt als wir uns das erste Mal trafen. Wir wären nicht im Traum darauf gekommen uns über Grenzen oder Politik Gedanken zu machen. Wir hatten Spaß und wir mochten uns. Die Schokolade bei ihr schmeckte besser und ich verstand nicht, warum meine Großeltern aus München Pakete mit Kaffee zu ihnen schickten. Der Kaffee in der Küche meiner Tante doch ebenso gut roch wie der zu Hause. Auch die Nervosität meiner Eltern an der Grenze konnte ich nicht nachvollziehen. Die griechischen Zollbeamten guckten schließlich genauso grimmig und ein Trabant war nun wirklich hübscher als Eder Opel Kadett meines Vaters.  Meine Mutter gab sich Mühe mir die Zusammenhänge zu erklären, aber bei einer Neunjährigen ist das schwierig, wenn sie alles was sie sah, toll und schön fand. Teile der Familie kamen alle paar Jahre zu Besuch nach München und ich sah sie öfter als jene die im Ruhrgebiet wohnten. Mit welchen Problemen das verbunden war, bekam ich nicht mit. Ich sah nur die vielen Pakete, die meine Großeltern schnürten und an die Ostsonne adressierten. Ein wunderschönes Wort. Mein Onkel und Kathrin lebten in der Ostsonne. Das klang schön.

Erst Jahre nach dem Mauerfall, wurde mir klar, dass meine Familie ziemlich nuschelte wenn es um die Adresse der Pakete ging. Niemand außer mir sagte je „Ostsonne“. Es war die Ostzone und für Teile meiner Familie kein besonders schönes Wort. Für mich gibt es heute beides. Die ehemalige Ostzone, deren Bedeutung mir bewusst wurde als ich meinen Eltern zuhörte und mich für Nachrichten zu interessierten begann. Die Ostsonne war etwas völlig anderes. Das waren spannende Reisen zu Kathrin. Schokolade und das unglaublich große Schwein der Nachbarn. Es war das holprige Kopfsteinpflaster, das dort vor dem Haus war und sich auch in unserer Straße in München wiederfand. Es war das Elbsandstein Gebirge und ein Kakao der besonders gut schmeckte. Die Ostsonne war kleiner und entsprang den Vorstellungen eines Kindes. Die Frage „Kuss oder Wiedervereinigung“ war wahrscheinlich das letzte Mal, dass die Ostsonne aus rein kindlicher Sicht gesehen wurde. Zum Glück überlies man die Entscheidung nicht mir. Ich musste mich auch nicht entscheiden, den letztendlich trat beides ein. Ich wurde für eine Woche zum bewandertsten Mädchen der – mittlerweile – 10b und die Grenzen waren offen. Sie blieben es und ich wurde wieder zum normalen Teenager als Hörbie die nächste küsste und der Beliebtheitspokal weiter wanderte. Heute gibt es die Ostsonne nur noch morgens auf meinem Balkon. Dann denke ich ab und zu an Kathrin und an Hörbie. Ich habe beide seit Jahren nicht mehr gesehen. Den einen vermisse ich nicht. Ihn heute zu sehen wäre wahrscheinlich enttäuschend. Aber Kathrin muss ich unbedingt schreiben. Wenn es eine Person gibt, die früher auch Ostsonne sagte, dann bestimmt sie.

30 Gedanken zu “Ostsonne

  1. Bei uns wurden auch Päckchen verschickt und ab und zu kamen mal fremde Leute zu Oma zu Besuch, die wir alle „Tante“ und „Onkel“ zu nennen hatten – hat mich alles nicht so wahnsinnig interessiert. Umd dann verliebte ich mich mit 18 in einen Jungen aus Wismar… darüber bin ich heute noch nicht hinweg 😉

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      1. Weil man mit einer Grenze dazwischen keine Zeit hatte, sich auseinander zu leben. Für mich ist er immer mein Traummann geblieben, weil ich nie gesehen habe, wie er seine Socken rumliegen ließ, die Zahnpastatube offen ließ oder Hunde nicht mochte…

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  2. Selbst heute noch finde ich es schoen, wenn ich daran denke, wie ich die Welt als Kind und Teenie gesehen habe….ich kannte keine Ostsonne, haette es aber sicher aehnlich empfunden…. ein wunderbarer Beitrag..

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  3. Ich bin hin und weg, liebe Mitzi. Mit „Ostsonne“ gibst du ein herrliches Beispiel, wie sich kindliche Weltsicht durch ein Missverstehen prägt. Sie knüpft sich im Beispiel an etwas Konkretes aus dem unmittelbaren Erfahrungsbereich, denn „Zone“ ist doch ein ganz abstrakter Begriff, noch konstruierter als Osten. Leider hatten wir nicht die Wahl zwischen dem Fall der Mauer und dem Hörbie-Kuss für dich. Ich hätte für den Kuss plädiert, obwohl ich leichte Bedenken hätte, was die Eignung von Hörbie betrifft. Immerhin das ist ja gut gegangen, und indem sich Teile der ehemaligen Ostzone wieder eine Mauer wünschen, käme das auch in Ordnung.
    Ex oriente lux.
    Lieben Gruß,
    Jules

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    1. Deine Bedenken Hörbie betreffend, waren vermutlich richtig, lieber Jules. Jetzt ist er eine schöne Erinnerung und das ist gut so.
      Das Wort Zone mag ich auch heute nicht besonders. Vielleicht, weil es wie du anmerkst, ein sehr abstrakter Begriff ist.
      Liebe Grüße

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  4. Meine Tanten und Onkel lebten auch in der Ostzone. Nur einmal war ich zu Besuch in der Nähe von Dresden, ich war ca. 14 Jahre alt und auf der Zugfahrt wurde mir sehr bewußt was diese Grenze bedeutet. Ab Hof wurde es totenstill im Zug. Beklemmend waren die Kontrollen und das Absuchen der Hunde an den Zügen entlang an der Grenze. Erst im Familienkreis entspannte sich meine Mutter wieder und da war es so wie du es beschreibst. Die Leberwurst schmeckte würziger, es war fröhlich und gemütlich bei den Tanten und die Witze meiner Cousinen über Ulbricht waren köstlich.

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  5. Ostsonne ist ein schönes Wort, vor allem, weil es letztlich verschiedene Dinge zum Ausdruck bringt. Es passt zu den aus deiner damaligen Perspektive sonnigen Seiten – auf der anderen Seite schwingt bei ‚Sonne‘ auch der Schatten irgendwie mit. Die Schattenseite ist also nicht völlig ausgeblendet, auch wenn sie nicht sichtbar ist.

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  6. Ach *mich schäm* warum bin ich denn nicht selbst irgendwann mal auf dieses wundersam schöne Wort gekommen, da es doch irgendwie sooo nahe liegt…OSTSONNE…die Sonne, die immer im Osten aufgeht…und uns das Leben erhält…
    Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

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    1. Lieber Lu, du kannst das Wort doch einfach ab jetzt benutzen. In Gedanken wenn von Nahostkonflikten oder anderem die Rede ist. Die Ostsonne, ist ja immer da….jeden Morgen. Und irgendwo ist es unter ihr dann auch gerade schön.
      Liebe Grüße

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  7. Wie hätten wir Ösis wohl reagiert, stelle ich mir gerade vor, hätte man um Wien eine Mauer gebaut?
    Als NiederÖsi muss jetzt echt vorsichtig sein, nix falsches zu sagen und behalte die Gedanken sicherheitshalber für mich …

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    1. Das ist wohl besser, Herr Ösi. Man tritt den Menschen so schnell auf die Füße. Ich habe eine bitterböse E-Mail erhalten in der man mir mitteilte, dass ich eine Schande für das vereinigte Deutschland bin. Sicher auch gleich für Österreich mit. Selten hat man einen „solchen Scheiß über die ehemalige DDR“ gelesen.
      Denken sie also lieber leise, für diese Woche bin ich schon das schwarze Schaf, wenn es um Mauern geht 😉

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  8. Ostsonne, wie schön! Ich hab in der Hinsicht auch etwas als Kind missverstanden: als meine Eltern mir erklärten, dass Deutschland früher mal geteilt war, habe ich es so verstanden, dass man früher in Deutschland alles miteinander geteilt hat. Ich erinnere mich noch, wie schade ich es fand, dass jetzt nicht mehr alles geteilt wird.
    Wenn Kinder etwas nicht ganz verstehen, reimen sie sich eben etwas zusammen, das ihnen gefällt.

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