Randnotiz

Wenn ich meinen Nachbarn Herrn Meier treffe, während er gerade grantelt, mache ich in der Regel einen mittelgroßen Bogen um ihn. Grantelnde alte Münchner neigen nämlich dazu ihren Grant so lange zu wiederholen, bis ihnen mindestens eine weitere Person zugestimmt hat. Dabei machen sie sich häufig nicht einmal die Mühe zu erklären, worum es eigentlich geht.
Der Meier zum Beispiel steht oft mitten auf der Straße und murmelt „Deppen“ vor sich hin. Wenn man sich dann neben ihm stellt, dann wiederholt er es so oft, bis man nickt und ebenfalls „Deppen“ sagt. Um welchen Deppen oder um welche idiotische, von einem oder mehreren Deppen verursachte Angelegenheit es sich handelt, erklärt der Meier dabei so gut wie nie. Er geht davon aus, dass jedem klar ist, was er meint. Ich komm meistens nicht mit.

Gestern allerdings blieb ich neben ihm stehen und nach nur einem Blick nickte ich. Schauen Sie selbst:

Acht (eines ist nicht mehr mit drauf) neue Parkschilder um den jeweiligen Anfang und das jeweilige Ende der Parkzone für Autos, Lasträder, normale Räder und Roller und Mofas zu kennzeichnen. Zusätzlich mit Bildern auf dem Asphalt.

Deppen! Wir sind hier in München Giesing. Wir hätten anhand der grellgrünen Zeichnungen schon verstanden, dass hier beim Parken künftig Ordnung herrscht. 75 % der Giesinger finden es jetzt erst recht lustig, ihr Lastrad bei den Mofas und ihr Mofa bei den Fahrrädern zu parken. Die restlichen 25 % stellen alles was keine vier Räder hat, weiter direkt vor ihre Haustür.

Laut gedacht

Nette Frau. Sehr nette Frau, denke ich und merke am Blick eines mir nahe stehenden Menschen, dass ich es wohl doch nicht gedacht, sondern laut gesagt habe. Sei’s drum die Frau, die mir in der U-Bahn gegenüber sitzt, scheint wirklich eine sehr nette Frau zu sein. Dann weiß sie eben jetzt – ob es sie interessiert oder nicht – dass ich sie für eine nette Frau halte. Der, der neben mir sitzt, weiß mit jedem Monat, der vergeht ja auch einiges von mir, das er nicht wissen wollte. Zum Beispiel, dass seine Freundin mit jedem neuen Lebensjahr etwas verschrobener wird. Ein Kennzeichen: sie spricht manches laut aus, dass sie sich lieber nur gedacht hätte.

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Schmetterlinge im Regen

Wo sind Schmetterlinge wenn es regnet? Wissen Sie das? Wir stellten uns gestern die Frage als wir bei über dreißig Grad träge unter dem Sonnenschirm unserer Hütte in den Bergen saßen und das wilde Flattern am Schmetterlingsflieder beobachteten. Neben Schmetterlingen summten und brummten auch reichlich Bienen und Hummeln. Die einzige Bewegung, in der schweren, heißen Luft. Ich hielt es mit den Blättern des Apfelbaums und den Kronen der Baumen, die sich genauso wenig regten wie ich. In der früh bin ich den Berg raufgelaufen und würde ihn am Abend wieder runter laufen. Mittags aber, döste ich im Schatten und atmete Hochsommerluft. Hochsommerbergluft – mit die Beste. Heute regnet es und ich frage mich, wo die Schmetterlinge von gestern wohl gerade sitzen. Wissen Sie es? Haben Sie schon einmal einen bei Regen gesehen?

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Franziska

Am 31. Dezember wird Franziska 90 Jahre alt. An diesem Tag werde ich ihr, sofern es sein soll, einen Kuchen vorbeibringen und mit ihr gemeinsam ein Gläschen Sekt trinken. 90 Jahre sind ein stolzes Alter und ein Grund zu feiern. Vielleicht werde ich Franziska dieses Jahr Silvester aber auch an einem anderen Ort besuchen müssen. Auch das wäre in Ordnung. Nur nicht mit ihr anzustoßen zu können, das wäre traurig.

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Trampeltier – mittelalt

Ich bin eine mittelalte Frau. Wenn Sie meine Erzählungen und mich schon etwas länger verfolgen und über rudimentäre Kenntnisse der Mathematik verfügen, dann können Sie sich in etwa vorstellen, wie alt ich bin. Nicht alt, aber mit etwas Realismus betrachtet, in der zweiten Lebenshälfte. Das ist okay. Die Alternative wäre, dass ich nicht mehr am Leben bin und das käme mir doch recht ungelegen. Ich hänge nämlich sehr am Leben. Auch an meinem mittelalter Leben. Nur eine Sache, die geht mir wahnsinnig auf die Nerven. Mein mittelalter Körper neigt seit einiger Zeit dazu unkontrolliert zuverfetten. Seine Neigung in kürzester Zeit Fettpölsterchen (alleine schon das Wort…) an den denkbar ungeeigneten Stellen anzulegen, nehme ich meinem Körper wirklich übel. Es ist ja nicht so dass ich kurz nach dem vierzigsten Geburtstag angefangen habe, doppelt so viel zu essen. Ganz im Gegenteil. Ich esse wesentlich kontrollierter (trotzdem natürlich Genuss orientiert, Sie kennen mich) und gesünder. Trotzdem hat mein Körper sich entschieden mir jegliche, minimal über die strenge schlagenden, Exzesse nachzutragen. Das hat er auch früher. Aber da hab ich mich danach drei Tage am Riemen gerissen und hatte danach wieder das auf der Waage, was auch vorher dort stand. Das hat sich im übrigen auch jetzt gar nicht mal so wesentlich geändert, aber diese mir vertrauten Kilos sehen seit einigen Jahren anders aus. Nicht besser, wenn Sie wissen was ich meine. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass ich froh sein soll, dass mich mein Körper gesund ist und mich stabil durchs Leben trägt. Das haben er und ich schon lange ausgehandelt: Ich kümmere mich um ihn und dafür funktioniert er. Nur die Verteilung dieser minimalen kleinen Fettpölsterchen ist eine Unverschämtheit. Weil ich schlau genug bin zu wissen, dass Hungern und Diäten kompletter Schwachsinn sind, haben mein Körper und ich (in erster Linie ich, also der Teil mit dem Verstand) beschlossen, dass wir uns wohl oder übel etwas mehr bewegen müssen. Wir haben jetzt ein paar Monate Diskussionen hinter uns und haben erkannt, dass für unsere Zwecke Yoga und ausgedehnte Spaziergänge alleine nicht mehr ausreichen. Angesichts des nahenden Sommers werden seit einigen Wochen härtere Geschütze aufgefahren.

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Herr Mu und der Frühling

Schön, sagt eine Freundin und lächelt, als sie die Tulpen auf meinem Tisch sieht. Ich nicke und wir schauen sie bestimmt eine Minute lang an ohne mehr als „schön“ zu sagen. Sie sind so schön, dass einem die Worte fehlen. Es liegt in der Natur des Frühlings, dass wir uns nach all der Dunkelheit und dem Grau nach Farben sehnen und jeden bunkten Klecks willkommen heißen. Diese Tulpen aber, sind trotz unserer ausgehungerten Sinne, die schönsten, die je in meiner Vase standen. So kräftig lila und gelb, mit fast Pfingstrosen großen Blüten und so herrlich welkend…..schön. Ich hätte sie dir gerne gezeigt.

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1:0 für Paul

Ich bin ein höflicher Mensch. Da können Sie wirklich jeden Fragen. Ob man meine Macken und Eigenarten charmant oder schrecklich findet, darüber kann man streiten. Über meine guten Umgangsformen aber nicht. Dachte ich, bis mir mein Nachbar Paul vorwarf, dass meine vermeintliche Höflichkeit an Dummheit nicht zu überbieten ist. Ich sehe das anders.
Was würden Sie denn denken, wenn Sie Samstagmorgen bei strahlendem Sonnenschein, zwei älter Damen vor der Haustüre antreffen, die konzentriert die Namen der Klingelschilder betrachten? Dass sie einen Raubüberfall planen? Dass sie gleich zu randalieren beginnen und das Treppenhaus zerlegen? Vermutlich nicht. Und genau deshalb habe ich die beiden Frauen auch ins Haus gelassen ohne mich nach dem Grund zu erkundigen. Wenn man halbwegs höflich ist, dann hält man anderen die Türe auf, auch wenn man sie nicht persönlich kennt. Und auch was meine angebliche Dummheit betrifft liegt Paul falsch. Nachdem die beiden reizenden Damen mich nämlich ohne Einleitung fragten ob ich glücklich bin (Antwort ja) und ob ich an Gott glaube (Antwort verweigert) war ich schlau genug mich ganz schnell aus der Affaire zu ziehen.

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10.000 Dinge #4

Es heißt, der durchschnittliche Deutsche besitzt etwa 10.000 Dinge. 2014 als ich über die Studie gestolpert bin erschien mir diese Zahl unglaublich hoch. Nachdem ich im darauffolgenden Jahr feststellte, dass sich in meiner Wohnung 1.018 Bücher (Stand Oktober 2011) befanden, relativierte sich die Zahl. Und seitdem ich älter und neugieriger werde und ab und an vom Fenster aus Umzüge beobachte, halte ich die Zahl für durchaus realistisch. Jedes Jahr erhöht sich unser Besitz und wenn man nicht ab und an mit kritischem Blick vor Schränken und Kellerabteilen steht, dann wachsem einem die Dinge schnell über den Kopf. Der Zuwachs meiner Dinge über all die Jahre ist unter anderem den Ausmisten meiner Eltern geschuldet. Wenn die Platz brauchen, wird es bei mir schnell eng. Es handelt sich hierbei um eine Art Generationenvertrag. Die Verantwortung für die Dinge, die man nicht mehr will, aber unmöglich wegwerfen kann, wird dem Nachwuchs übergeben. Ich vermute, dass dies seit Generationen wunderbar funktioniert. Leider haben Generationsverträge die vertrackte Klausel, dass sie nur funktionieren, wenn eine nächste Generation vorhanden ist. Nichten und Neffen zählen hier leider nicht, da diese per Definition nur bei direkten Eltern zu Erfüllung verpflichtet werden können/wollen. (Ich habe es versucht, glauben Sie mir).

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Il ballo del qua qua o lasciatemi dormire!

„No! Basta! Mi sono addormentata due ore fa e me ne frega niente chi ha fatto il ballo del qua, qua. Sono tedesca e per farmi vergognare per il TV ho gia Thomas Gottschalk con Wetten dass.“

Schluss! Aus! Es reicht. Halb zwei in der Nacht unter der Woche und meine Handy piepst nahezu ununterbrochen, weil ich vergaß eine WhatsApp Gruppe italienischer Verrückter lautlos zu stellen. Vampire…ihr seid Vampire, schreibe ich ihnen und schiebe ein „Pipistrelli“ hinterher, weil mir in dieser späten Stunde nur noch das Wort für Fledermäuse einfällt, was in etwa gleichbedeutend ist. In beiden Fällen handelt es sich um Geschöpfe der Nacht. Während ich mir die Zähne putze piepst es munter weiter und ich bereue zutiefst Mitglied der „Sanremo 2024“ Gruppe zu sein. Ich schimpfe mit dem Mund voll Zahnpaste und tippe gleichzeitig „John Travolta“ und „Ballo del qua qua“ in das Suchfeld bei Google ein. Ach du mein Gott! Die nächste halbe Stunde verbringe ich auf der Bettkante sitzend mit wilden Diskussionen ob und wenn ja, wie peinlich, dieser Auftritt gewesen ist. Um es für Sie abzukürzen: Thomas Gottschalk hat seinen Gästen viele Peinlichkeiten aufgebürdet. Amadeus hat mit dem Ententanz aber mächtig aufgeholt. Ich meine….John Travolta! John Travolta und der Ententanz?! Unangenehm und ich hätte es fast verpasst. Verpasst wegen einer Lapalie wie Schlaf.

Sie haben keine Ahnung wovon ich spreche, oder? Also….

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Frau Wolf zieht ein

Im Schnee liegt zwischen vertrockneten Christbäumen ein Usambaraveilchen. Sie gehören hier nicht hin. Weder die Christbäume noch das lila blühende Veilchen. Die Bäume wurden der Einfachheit halber nicht zur Sammelstelle gebracht, sondern auf die Wiese im Innenhof geworfen. Einer fängt an, ein Zweiter folgt und schon der Dritte vermutet, dass es sich um einen offiziellen Abgabeort handelt. Man kann ihm keinen Vorwurf machen, denkt sich der Vierte, der es besser weiß und seinen Baum deshalb erst im Dunklen auf die Wiese legt. Der Fünfte könnte ich sein, aber mein Baum steht noch auf dem Balkon. Vermutlich bis Mitte März. Bis dahin wird das Usambaraveilchen im Schnee nicht überleben. Bleibt es hier, zwischen den Bäumen, wird es sterben.

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