Wir sehen uns im Juli

Als man mich früher, ganz zu beginn meiner Zeit in Italien fragte, was ich beruflich mache, gab ich immer an, Architektur zu studieren. Das war schlichtweg gelogen. Nicht vorsätzlich, sondern einer Notlüge gleichend, weil mein begrenzter Wortschatz Sätze mit „BWL, Marketing und Nebenjob in einem Callcenter“ noch nicht enthielt. Gestern dagegen konnte ich wunderbar erklären was ich beruflich mache: Ich schreibe. Wenn man es ganz genau nimmt, was hier mitlesende Kollegen unter Umständen tun, dann ist das natürlich auch gelogen. Ich bestreite meinen Lebensunterhalt nicht durch das Schreiben. Aber…und das ist nun überhaupt nicht gelogen…es ist eine Berufung. So hochtrabend das auch klingt, ich liebe es schreibend Geschichten zu erzählen. Meist über das was ich sehe, denke und selbst erlebe. Mir etwas auszudenken dagegen, fällt mir schwer. Da warte ich lieber, bis ich wieder etwas erlebe. Kleinigkeiten. Kleine Dinge, die das Leben zu dem machen was es ist. Und genau die kommen jetzt zurück. Alleine diese Woche könnte ich Ihnen erzählen

  • wie unglaublich schön es war zum mutigsten meiner Freunde „bis nächste Woche“ zu sagen
  • wie dämlich ich war, es geschafft zu haben x Formulare auszufüllen, PCR Tests und Fahrkarten zu organisieren um dann am Abend eine Woche vor Abreise festzustellen, dass ich auch ein Airbnb Apartment brauche
  • wie panisch, leicht hysterisch und unglaublich angefressen ich das dem mutigsten meiner Freunde mitteilte und einen der wenigen (wirklich, so bin ich eigentlich nicht) zickigen Momente hatte und feststellte, dass er, wenn ich ausflippe, ruhig und gelassen wird und wir damit ein perfektes Gespann abgeben
  • wie ich mich einem halbstündigen Verhör mit der Airbnb Vermieterin stellen musste, die ganz genau wissen wollte woher ich eigentlich komme und wie man so naiv sein kann zu glauben, dass am Meer spontan noch Unterkünfte frei wären
  • aber auch, wie ich ihr erklärte, dass Naivität gepaart mit Optimismus einem hervorragend durchs Leben bringt
  • und wie Frau Obst die Maskenpflicht im Aufzug beendete und uns alle als „Corona verfettet“ schimpfte und die Nutzung der Treppen anordnete
  • wie ich erschrocken bin, als ich merkte, dass ich direkt nach meiner Rückkehr eine Lesung habe, die ich unmöglich vorher noch nachher vorbereiten kann und mich dann erinnerte, dass ich ja einfach von Italien erzählen kann und das sicher wunderbar klappt, wenn ich noch etwas Sand zwischen Zehen habe. 

Ach so vieles, könnte ich alleine schon diese Woche wieder erzählen. Es geht aufwärts. Wir sehen uns am 07.07.2021 wieder. Falls ich W-LAN finde schick ich Ihnen einen Postkarten Eintrag. Falls nicht, stellen Sie sich das einfach vor….blaues Meer, Wärme und eine Frau die nix weiter braucht als ihren liebsten, tollsten und mutigsten Freund. Und eine Flasche Wein vielleicht. Obwohl, Wasser reicht auch. Naja, Wein ist besser. Sie sehen…ich bin gedanklich schon weg. Lassen Sie es sich gutgehen. Ich gehe jetzt etwas erleben. Kleinigkeiten und Alltägliches, von denen ich Ihnen dann erzählen kann.

 

Liebe Grüße
Mitzi, die vor lauter Herzklopfen endlich zu Ihren Freunden zu können nicht mehr ganz rund läuft. 

 

Unspektakulär

Falls Sie sich fragen, warum es hier so still ist… Das Hinterhaus wird noch immer renoviert und ich bin geflüchtet.

Dank des Corona bedingten Resturlaub des letzten Jahres, war ich wieder auf der kleinen Hütte in den Bergen. Irgend jemand muss dort die Wiese voller Vergiss-mein-nicht genießen, das monumentale Spinnennetz auf der Toilette bewundern und die Siebenschläfer nach ihrem Winterschlaf begrüßen. All das und vieles mehr habe ich in den letzten Tagen gemacht. Unspektakulär. Aber das Schöne ist ja ganz oft ganz leise.

Is ja gut….

….ich geh nicht über die Brücke, über die ich sonst immer gehe, wenn ich von unsere Hütte ins Dorf laufe und dort am Inn spazieren gehe. Heute nicht zu den Nachbarn nach Tirol. Auch wenn es nicht so aussieht, die Mitte der Brücke ist eine Landesgrenze.

Mein Handy scheint aber einen Ausflug nach Österreich gemacht zu haben 😊 Das Telefonnetz sieht das mit den Grenzen nicht so eng und begrüßte mich abwechselnd in Österreich und Deutschland. Mit neuem Text…

Schöne Ostern

Obwohl der klügste meiner Freunde die schönsten Augen aller meiner Freunde hat, gibt es Momente, in denen ich seinem Blick ausweiche – ausweichen muss. Er kennt mich gut genug, um in meinen Augen zu lesen, was ich denke. Besonders leicht scheint es zu sein, wenn ich „Scheiße“ denke. Ein „Scheiße“, das schöner ausgedrückt gleichbedeutend mit „bitte nicht, bitte frag nicht mich!“ ist. In meinem Blick scheint sich dann leichte Panik (angesichts einer in den Raum geworfenen Frage), trotziger Unwillen (resultierend aus dem Empfinden, dass ich eine solche Frage als respektlos empfinde) und Resignation (ahnend, dass ich der gestellten Frage chancenlos gegenüber stehen werde) spiegeln. Neulich im Deutschen Museum zum Beispiel, musste ich aus Gründen des Selbstschutzes mehrere lange Sekunden lang den Zustand meiner Fingernägel überprüfen, um ihm nur ja nicht versehentlich ins Gesicht zu sehen. Als das nicht mehr länger unauffällig möglich ist, beobachte ich intensiv den Scheitel des vor mir stehenden siebenjährigen Mädchens. Es stellt eine Frage von der ich finde, dass man sie ausnahmslos seinem Vater und nicht einer zufällig anwesenden Freundin der Familie stellen sollte. Eine Frage die man Außenstehenden schlicht und einfach nicht stellt. Außer man ist so eine miese Kröte wie der klügste meiner Freunde, dann reicht man genau so eine Frage an die Frau weiter, die man vor Jahren durch das Abi geschliffen hat. Na, Mitz, grinst er mich an, kinetische Energie und Impluls sind doch genau deine Themen. Das Kind erwartet keine Antwort und läuft weiter. Der Vater hinter her. Nur ich stehe noch vor dem Modell des Newton Pendel und lese leise murmelnd: „Es fliegen so viele Kugeln weg, wie auftreffen.“ Da ist „Warum?“ dann doch eine berechtigte Frage. Scheiße! Warum? Das müsste ich wissen. Weiterlesen →

Randnotiz

Der Nachbarsjunge ist in der ersten Klasse und für meinem Geschmack lernen die viel zu schnell lesen. Seit er alles, aber auch wirklich alles in meiner Wohnung entziffern kann, komme ich zunehmend in Erklärungsnot. Ginge es nach mir, sollten die mit Bruchrechnen beginnen. Das zu erklären ist leichter als die Geschichte hinter dieser Postkarte.

Februarort

Wäre ich jetzt an meinem Feburarort, dem echten, dann würde ich hören was ich auch jetzt höre. Drei Radiosender im Wechsel. Drei Sender, die ich zu Hause in München wenig hörte. Überhaupt hörte ich wenig Radio und wenn, dann nebenbei und nur selten bewusst. Seit letztem Jahr ist er mein ständiger Begleiter – der Radio, weil er in Bayern ein „er“ ist. Der Radio und der Butter, das müssen Sie so hinnehmen, alles andere klingt für mich so falsch, wie für Sie richtig. Der Radio läuft seit dem Lockdown vor bald einem Jahr. Anfangs auch nur um ein schönes Wochenende akustisch zu verlängern, denn oben auf unserer Hütte gehört er zur Geräuschkulisse und ist nicht wegzudenken. Draußen auf der Lichtung vor dem Haus hört man das Rauschen des Waldes, das Brummen und Summen der Insekten, das Knacken der Äste oder die lähmende, flirrende Stille eins Hochsommertages. Drinnen aber läuft der Radio. Das tat er schon immer. Wir alle, die wir oft oben sind, haben unsere Lieblingssender.  Ich zum Beispiel höre zum Aufstehen Bayern 1. Aktuelle Musik mit einem Hang zu den Achtzigern – angenehm vertraut, wenig überraschend und eine beruhigende Konstante bei Sommergewittern, beim Frösteln bis das Feuer im Ofen brennt oder beim Kochen, das dort oben viel länger dauert, weil nichts schnell gehen muss. Irgendwann dann Bayern 5, den Nachrichtensender, dem man nicht zu lange zuhören kann, weil sich die Neuigkeiten des Tages ständig wiederholen und recht schnell nicht mehr neu sondern abgehört sind. In Coronazeiten reicht eine Viertelstunde und man kennt die Neuinfektionen, weiß wie viele es in den Nachbarländern gab und seit einiger Zeit welches Land wie viele seiner Bewohner schon geimpft hat. Interessant, aber zu lange darf man sich nicht damit befassen, sonst schlägt es auf s Gemüt. Dazwischen Bayern 2 den Kultursender. Hier ein Hörspiel von Kafka, da eine Reportage über die Antarktis, dort ein aktueller Podcast und immer wieder Musik, aber meist nur ein einzelnes Stück.  Im Wald braucht man nicht viel und hat die Muse zuzuhören. Mit der Erinnerung an die drei Radiosender fuhr ich im Frühjahr zurück nach München. Der Lockdown begann und weil er sich unheimlich anfühlte, war es heimelig mit dem Radio, der hier wie dort klang. Morgens zum ersten Kaffee Bayern 1, kurz – nur ganz kurz – Bayern 5 und wenn es zu still wurde Bayern 2, das Geschichten erzählte. Grenzen schlossen sich und öffneten wieder, Normalität kam im Sommer zurück und verabschiedete sich im Winter – der Radio blieb und jetzt gehört er so zu mir, dass er mein Februarort geworden ist und ich mit geschlossenen Augen problemlos im Wald und zugleich auf meinem Sofa sein kann. Weiterlesen →

Abgesagt :(

Lesungen betreffend beginnt das neue Jahr wie das alte endete….still. 
Der 15.03. ist zu knapp und zu unsicher, deshalb haben wir uns entschieden die Lesung zu verschieben. Ich freue mich schon heute auf die wunderbaren Gastgeber und das Publikum, das letztes Jahr fantastisch war. 

Drücken Sie mir die Daumen für den April. Neufahrn, Staffelsee, Bad Kohlgrub….es wäre so schön, wenn es wieder losgehen könnte. 

Corona Homeoffice XXVII

Was ich so blöd grinse, erkundigte sich mein Nachbar Paul als er vorhin bei mir vor der Tür stand. Ich korrigierte ihn, indem ich ihm mitteilte, dass ich nicht blöd, sondern selig grinsen würde. Mein Grinsen ist eines, das einer so tief empfundenen Zufriedenheit entspringt, dass es eigentlich vielmehr einem sanften und zärtlichem Lächeln gleichen müsste. Einem Lächeln das weder meinem Nachbarn gilt, noch der ausgesprochen guten Essenslieferung die wir uns teilten. Mein Lächeln ist einzig und alleine der Tatsache geschuldet, dass es seit mehreren Tagen durchschneit und ich zu Hause bleiben darf. Homeoffice…für S-Bahnfahrer im Winter klingt dieses Wort nach einem warmen Kaminfeuer und schmeckt nach heißer Schokolade (mit Karamell!)

Mit einer Tasse Milchkaffee in der Hand lese ich um sechs Uhr morgens auf dem Sofa lümmelnd, dass die S-Bahnen auch heute Verspätungen haben werden. 

Um sieben Uhr stehe ich am Fenster und beobachte während des Zähneputzens wie Paul seit gut 10 Minuten sein verschneites Auto freischaufelt. 

Um halb neun höre ich von Kollegen, dass sie später zu arbeiten beginnen, weil die S-Bahn nicht später sondern gar nicht kommt. 

Während ich um zehn Uhr die erste Kaffeepause in meiner warmen Küche mache und mir das Schneegestöber durch das Fenster ansehe, beantworte ich geduldig eine SMS nach der anderen und informiere Freunde und Bekannte wo in München die Schienenersatzverkehr Haltestellen sind. 

Um zwölf Uhr bestätigt sich meine Vermutung, die ich aus Gründen des von mir stets verbreiteten Optimismus bisher nicht laut geäußert habe – die Busse des Schienenersatzverkehrs kamen a) gar nicht oder b) ein kleiner Bus, für drei ausgefallene Bahnen. 

Um eins teile ich mir mit meinem Nachbarn Paul eine Falafel Bowl während erste Freunde auf Facebook mitteilen, dass sie mittlerweile in ihren jeweiligen Büros angekommen sind. 

Um zwei Uhr schreibe ich diesen Text und lächle versonnen. Ich bin im Homeoffice. Die Tatsache dass es in München – im Voralpenland – schneit, hat den öffentlichen Nahverkehr wieder einmal völlig zum Stillstand gebracht. Nix geht und mir…mir ist es einfach nur egal. Weder stehe ich frierend am Gleis, noch frage ich mich wie Schnee in München im Winter etwas überraschendes sein kann. Die Welt draußen dreht sich weiter und nichts ändert sich, solange Schnee in Bayern zu Verkehrschaos führt. Das ist beruhigend. 

Randnotiz für meine Vorgesetzten: Selbstverständlich ist dieser Text nicht heute um zwei entstanden. Da war ich ja arbeitend im Homeoffice. Und wenn er heute entstanden wäre, dann wäre die Kaffeepause um zehn nur ganz kurz gewesen. Großes Homeoffice-Winter-Ehrenwort!