Schöne Ostern

Obwohl der klügste meiner Freunde die schönsten Augen aller meiner Freunde hat, gibt es Momente, in denen ich seinem Blick ausweiche – ausweichen muss. Er kennt mich gut genug, um in meinen Augen zu lesen, was ich denke. Besonders leicht scheint es zu sein, wenn ich „Scheiße“ denke. Ein „Scheiße“, das schöner ausgedrückt gleichbedeutend mit „bitte nicht, bitte frag nicht mich!“ ist. In meinem Blick scheint sich dann leichte Panik (angesichts einer in den Raum geworfenen Frage), trotziger Unwillen (resultierend aus dem Empfinden, dass ich eine solche Frage als respektlos empfinde) und Resignation (ahnend, dass ich der gestellten Frage chancenlos gegenüber stehen werde) spiegeln. Neulich im Deutschen Museum zum Beispiel, musste ich aus Gründen des Selbstschutzes mehrere lange Sekunden lang den Zustand meiner Fingernägel überprüfen, um ihm nur ja nicht versehentlich ins Gesicht zu sehen. Als das nicht mehr länger unauffällig möglich ist, beobachte ich intensiv den Scheitel des vor mir stehenden siebenjährigen Mädchens. Es stellt eine Frage von der ich finde, dass man sie ausnahmslos seinem Vater und nicht einer zufällig anwesenden Freundin der Familie stellen sollte. Eine Frage die man Außenstehenden schlicht und einfach nicht stellt. Außer man ist so eine miese Kröte wie der klügste meiner Freunde, dann reicht man genau so eine Frage an die Frau weiter, die man vor Jahren durch das Abi geschliffen hat. Na, Mitz, grinst er mich an, kinetische Energie und Impluls sind doch genau deine Themen. Das Kind erwartet keine Antwort und läuft weiter. Der Vater hinter her. Nur ich stehe noch vor dem Modell des Newton Pendel und lese leise murmelnd: „Es fliegen so viele Kugeln weg, wie auftreffen.“ Da ist „Warum?“ dann doch eine berechtigte Frage. Scheiße! Warum? Das müsste ich wissen.

Am Abend durchwühle ich meinen Keller. In weiser Voraussicht, dass irgendwann der Tag kommen wird, habe ich Teile meine alten Schulbücher nach dem Abitur nicht entsorgt. Physik, Chemie und Biologie. Dass ich von diesen Themen keine Ahnung habe, war mir vor und nach den Prüfungen bewusst. Seit etwa zwanzig Jahren nehme ich mir deswegen vor, all das was ich damals vom klügsten meiner Freunde gelernt habe, noch einmal zu vertiefen, falls ich es einmal brauche. Zum Beispiel im Museum mit einer Siebenjährigen. Drei Stunden später sitze ich auf dem Boden und habe eine ähnliche Laune, wie am Vorabend meiner Abiturprüfungen – eine Mischung aus Unverständnis (wie man so blöd wie ich sein kann) der Suche nach einem Schuldigen (z.B. Gendefekt, der mir den Zugang zu Naturwissenschaften verwehrt) und hochgradiger Genervtheit, weil nichts aber auch gar nichts hängen geblieben ist. Nur manchmal, leuchtet ganz hinten in meinem Hirn ein kleines Lämpchen und signalisiert mir, dass ich das eine oder andere schon einmal verstanden hatte. Diese Lämpchen führt dazu, dass ich mich widerwillig, aber neugierig mit Algebra zu beschäftigen beginne. Eine Gleichung nach t auflösen, das sollte machbar sein. Ist es auch, aber erst nachdem ich mir dazu ein Youtube Video angesehen habe. Egal, das kann ich wieder und das macht sogar Spaß. Besonders, als ich feststellte, dass mein Lösungsweg noch immer mindestens drei Rechenschritte mehr beinhaltet, als in der Musterlösung angegeben. Trigonometrie…ja, das mochte und mag ich sogar. Gut, die Ankathete hätte ich jetzt mit einer der anderen beiden verwechselt, aber zu streng mit mir selbst muss ich auch nicht sein. Bei den Vektoren allerdings, da stellen sich mir die Nackenhaare auf. In erster Line deswegen . Das ist dünnes Eis. Sehr dünnes Eis und ich ahne, dass es nicht halten wird, egal wie vorsichtig ich mich diesen vermaledeiten Pfeilen nähern werde. 

Versuchen muss man es dennoch. Im Moment nämlich erscheint es mir weit einfacher die Grundlagen elementarer Mathematik und Physik noch einmal in meinen Kopf zu bekommen, als den aktuellen Auswirkungen der steigenden Inzidenzwerten zu folgen. München liegt bei 97,6 % was das heißt, wenn wir wieder auf drei aneinander folgenden Tagen bei 100 % sind? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe den Überblick verloren und für den Moment werde ich mir diesen auch nicht verschaffen.
Bis Ende April muss ich meinen Resturlaub nehmen. Urlaub der sich dank stornierter Lesungen und verschobener Italienbesuche angesammelt hat und den ich mittlerweile dringend nötig habe. In einer kleinen, einsamen Hütte in den Bergen stehen die Chancen gut, dass ich gegen keine noch so sinnvolle oder noch so abstruse Coronavorschrift der nächsten zwei Wochen verstoßen werde. Mit entsprechenden Vorräten und einem Lieblingsmenschen im Gepäck, werde ich 14 Tage lang, nur einmal am Tag Nachrichten hören, Gleichungen umstellen, offline Schreiben, nach Österreich winken und italienische Bücher lesen. Ich werde an einem meiner Lieblingsorte den Urlaub machen auf den ich seit einem Jahr warte. Ihnen wünsche ich, dass Sie gut durch die nächsten Wochen kommen und schöne Ostern haben. Falls Ihnen alles (warum auch immer) zu viel wird – stellen Sie ein paar Gleichungen um, das entspannt. Unterstützend schicke ich Ihnen virtuelle Postkarten schönsten sozialen Isolation, die ich mir vorstellen kann. Und aus der einzigen, denn eigentlich ist Isolation ein extrem hässliches und unschönes Wort. 

Herzliche Grüße 
Mitzi

16 Gedanken zu “Schöne Ostern

  1. Ich lege lieber Schnipsel um, das beruhigt mich mehr als Gleichungen umstellen, Was die Sehnsucht nach Bergeinsamkeit und offline anbetrifft, da triffst du bei mir eine Seite, die heftig vibriert. Grad heute wieder, als ich jenseits aller Behausungen spazierte und nur noch die Hunde fürchtete, dachte ich, ich würde nun einfach mal Schluss machen mit dem internet. Aber schon sitze ich wieder dran, schon lese und diskutiere ich wieder. Es klappt einfach nicht, ich zapple im großen Netz.
    Dir wünsche ich, dass es bei dir besser klappt, liebe Mitzi. Dass du dich dem Irrsinn der Zeit ein Weilchen entziehen und endlich wieder normal leben kannst..Frohe Ostern! ( Wir haben hier noch lange kein Ostern),

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    1. Liebe Gerda, auch wenn in Griechenland noch kein Ostern ist, wünsche ich dir schöne ruhige Tage. Vielleicht den einen oder anderen ohne Netz oder mit weniger Netz. Und wenn schon mit Netz, dann mit einem positiven beziehungsweise auch schönen Nachrichten. Auch hier oben bringt das Radio die Nachrichten. Allerdings sind diese viel dosierter als das Internet. Sei herzlich gegrüßt und bis bald.

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  2. ich glaube nicht, dass der tag kommen wird, an dem ich mich diesen themen wieder annähern werde. aber toll, dass du das machst. irgendwie wärs eh interessant wie es einem jahre später ohne die pubertärdemotivierte einstellung damit ginge, aber… naja. ich überlasse es dir und wünsche dir ein paar wirklich erholsame tage zum durchschnaufen und abstand gewinnen ❤

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    1. Danke dir. Wie lange ich da dran bleibe, steht in den Sternen. Ich vermute, dass es ein letztes Aufflackern ist, bevor ich mich wieder dem zuwende was mich dauerhaft interessiert.
      Ich wünsche dir schöne Tage und liebe Grüße. 😘

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  3. Oje Oje, und ich rechne oft mit den Fingern. Aber nur, wenn ich mich unbeobachtet fühle. Addieren, na ja, geht so. Die 3 andern brauch in kaum. Und wenn, hab ich das Smartphone dabei. Ich bewundere Menschen, die mehr als die Grundrechnungsarten beherrschen. Okay, ich bewundere sie nicht wirklich. Aber geben muss es sie schon. Weil ohne Technik wär’s ziemlich blöd. Wären alle Rechenkünstler wie ich einer bin… wir lebten noch in der Steinzeit… 😉
    Liebe Mitzi, ich wünsche dir frohe und entspannte Ostern

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  4. Liebe Mitzi, ich muss mir doch nicht etwa ernsthafte Sorgen um dich machen? – Wer kommt schon auf die Idee, alte Schulbücher aus dem Keller zu kramen und – vor allem – auch noch hinein zu schauen. – Aber ich denke, dieser Anfall geht schnell wieder vorbei – sagt
    Clara

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