Lernen Sie zu erzählen, oder schweigen Sie! U-Bahn Gedanken

Jeden morgen steigt sie mit mir in den Bus. Die Frau, die gerne telefoniert, wenn andere zuhören. Die letzte Reihe ist ihre Bühne. Dort ist sie die Königin. Eine etwas zerrupfte Monarchin, die ihrem Volk gerne im vorbei gehen den Schal oder die langen Haare ins Gesicht schleudert. Sie schleudert gerne. Erst die Haare, dann die Worte. Letztere brüllt sie in ihr Telefon und verdammt das Volk ihr zuzuhören. Man kommt ihr nicht aus. Jeden morgen ist sie es, die den ganzen Bus unterhält und einem gesichtslosen Zuhörer von ihren Amouresken  berichtet. Leider gleichen ihre Erzählungen, ihrem Äußern. Eigentlich ganz hübsch, aber man darf nicht zu genau hinsehen oder -hören. Die dunkelbraunen Strähnen wirken unter dem Neonlicht des Busses etwas stumpf und ein paar Bürstenstriche mehr hätten ihnen gut getan. Auch ihr Schal, der einmal weich und flauschig war, sieht aus als würde er jeden Abend achtlos auf einem nicht ganz sauberen Boden landen. Ihre Geschichten wirken ganz ähnlich auf mich. Sie wären hübsch anzuhören, wenn sie nur ein wenig gepflegter erzählt werden würden. Vielleicht würde es schon reichen, wenn sie jemanden erzählt werden würden, der sie hören möchte. Weiterlesen

Herr Mu sorgt vor, die Kollegin zerknüllt

Mit einem achtlosen Blick reißt meine Lieblingskollegin das gestrige Blatt von ihrem doofen Sprüchekalender und schimpft über den Schrott der da geschrieben steht. Oft schaue ich über ihre Schulter und empfinde die Sprüche auch als Zumutung. Möchtegern tiefgängiger Schrott. Weiß der Henker, warum sie das Ding trotzdem seit über zehn Monaten auf dem Schreibtisch stehen hat. Wahrscheinlich weil es uns amüsiert und wir beide wissen, dass die echten Weisheiten nicht im Kalender, sondern vor der Türe zu finden sind. „Und auf den Fluren laß die Winde los…“, zitiert sie und zerknüllt das Blatt. Sie hat Rilke zerknüllt. Die Wahnsinnige hat Rilke zerknüllt! Schande über sie! Fassungslos höre ich sie etwas über  Flatulenzen auf dem Büroflur murmeln und erwäge, sie mit dem Locher nieder zu schlagen. Rilkes Herbsttag ist es wert, dass man zu drastischen Mitteln greift. Weiterlesen

Berni verteilt Herzen

Gehören Sie zu den Menschen, die bei der „Merci“ Werbung zum heulen anfangen? Müssen Sie nicht zugeben. Ich gehöre natürlich auch nicht zu jenen seltsamen Exemplaren. Aber an manchen Tagen (die Herren, sparen sich bitte unbedingt jegliche Witze) da bin ich nah am Wasser gebaut und denk mir, dass das eigentlich ziemlich schön ist. Einfach mal danke sagen. Die Packung Billig-Pralinen kann dabei allerdings gerne weggelassen werden.

Noch schöner ist es aber, etwas liebes zu sagen, wenn es gar keinen Grund gibt. Und die Königsdisziplin ist es etwas Schönes in einem ganz fremden Menschen zu sehen und ihm das dann auch zu sagen.

Wenn Sie gerade einen Moment Zeit haben, dann schauen Sie doch mal hier bei  Berni´s Rummel. Es gibt so viel dämliche Hashtags. Das ist ein schöner. Ein ganz besonders schöner und ich werde mir ein paar der Herzen, die unter #DuBistSchön ins Leben gerufen wurden  in die Tasche stecken. Drücken Sie mir die Daumen, dass der Hashtag bis dahin bekannt ist.

Ein Ziel braucht es. U-Bahn Gedanken

München mag ein Dorf sein, aber für Einsame kann es der gleiche grausame Ort sein, wie jede andere Grossstadt auch. Einsame sollten sich möglichst in der Einsamkeit vergraben. Da fällt es ihnen weniger auf, dass kein anderer da ist. In mitten der tiefsten Einsamkeit lässt es sich gut behaupten, dass ein jeder an so einem Ort mit sich selbst zurecht kommen müsste. Meister der Einsamkeit, können die ungewollte Stille, dann zu etwas Schönem erhöhen und sind nach einer Weile nicht mehr einsam sondern in eine angenehme Stille gebettet, in der sie niemand stört. In einer Stadt ist das fast unmöglich. Da steht und geht an jeder Ecke einer mit dem man gleich nicht mehr einsam sondern zweisam wäre. Der, der da geht, weiß das aber nicht und lässt einen vorbei eilend alleine und einsamer als zuvor stehen.  Weiterlesen

Milchschnitten Heißhunger und der Liebste Award

Kennen Sie Veronika? Falls nicht, dann sollten Sie unbedingt einmal bei ihr vorbei schauen. Vro jongliert . Nicht mit Bällen sondern mit Kindern, Alltag, Familie, Haushalt und Job. Und am virtuosesten mit Worten. Vros Blog gehört zu den wenigsten, deren neue Artikel ich mir auf das Handy schicken lasse. Heute mag ich Veronika besonders, weil ihre Nominierung zum liebsten Award genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen ist. Ihr Blog hat es verdient und mich hält es davon ab einen gehässigen Artikel über eine Münchner Arztpraxis zu schreiben. Ich warte seit 30 Minuten und habe die dumpfe Ahnung, dass ich die Fragen des Awards beantwortet haben werde, bevor man mich aufruft. Danke, Veronika. Weiterlesen

Gar nicht profane Wurzel

Was ist das unerotischste Wort, das Ihnen einfällt? Nein, sagen Sie es mir bitte nicht. Ich mag unerotische Wörter nicht. Natürlich haben sie ihre Daseinsberechtigung. Alles was existiert, muss benannt werden können. Aber manches nur im äußersten Notfall. Ich mag seinen Schleimlöser nicht, sage ich dem, der vor meiner Tür steht und erkläre ihm, dass dieses Wort schrecklich unerotisch ist. So unerotisch, wie meine röchelnde Stimme, erwidert er und schiebt sich an mir vorbei in die Wohnung. Weiterlesen

Lächeln? Das sagen Sie so einfach.

Heute ist der internationale Tag des Lächelns. Das interessiert hier aber keinen. Meine Nachbarn und ich haben heute beschlossen, dass der regionale Tag der schlechten Laune ist. Ein Tag dessen Ursprung in meinem Haus zu finden ist. Wir sind jetzt nämlich Gerüstfrei. Sämtliche Bauarbeiten sind abgeschlossen und wir können unsere Balkone wieder nutzen. Sogar die Fenster haben wir nach Abschluss der Fasadenrenovierung noch geputzt bekommen. Bei so einem Service nimmt man es auch gerne in Kauf, dass das Gerüst an einem Samstag um 06:50 Uhr mit lautem Geschepper abgebaut wird. Die Handwerke wollen ja auch noch etwas vom Wochenende haben. Dachten wir. Weiterlesen

Herr Mu gibt einen Sprachkurs

Langsam wird es kalt. Morgens an der Bushaltestelle spürt man den Herbst schon deutlich und bald werde ich wieder auf die U-Bahn umsteigen. Dann, wenn Herr Mu morgens nicht mehr auf der Bank sitzt und sich einen anderen Ort sucht, um den Tag mit einem Gespräch zu beginnen. Noch sitzt er aber da und der Wind scheint ihm nichts anzuhaben. Die dünne Jacke ist offen und seine Hand ruhig still auf dem Griff des abgenutzten Einkaufswagens. Ob er ein Gutzel mag, fragte er heute morgen den  Jungen, der neu an der Bushaltestelle ist. Weiterlesen