Furchtlos, wachsam und ein wenig verschroben (Archiv 2016)

Wenn man mich fragt ob ich ein ängstlicher Mensch bin, schüttele ich vehement den Kopf. Mich kann man getrost im Wald aussetzen. Ich komme schon wieder zurück. Man könnte mich auch nachts über einen Friedhof laufen lassen. Dort  fühle ich mich sicherer als an einer ausgestorbenen, dunklen Bushaltestelle. In beiden Fällen gehe ich ganz rational und logisch an die Sache ran. Welcher potentielle Massenmörder ist denn so blöd und hockt sich auf einen Friedhof oder mitten in den Wald um auf ein Opfer zu warten? Womöglich kommt da monate- oder gar jahrelang nächtens niemand vorbei. Das Risiko in Aktenzeichen XY eine unfreiwillige Rolle zu bekommen, erscheint mir recht gering. Auf unserer Hütte in den Bergen gehe ich nachts ohne Furcht hinter das Haus um Holz zu holen oder laufe durch den Wald zu einer Lichtung um mir die Sterne anzusehen. Angst habe ich dort nie. Tagsüber schlafe ich auf der Bank vor dem Haus und es ist mir völlig egal ob der nächste Nachbar zu Fuß eine gute Viertel Stunde entfernt ist. Die Chance, dass ein irrer Wanderer mehr  als ein Glas Wasser von mir will, ist so verschwindend gering, dass ich gut und tief in der Sonne schlafe. Reales schreckt mich nicht. Ich lausche den Knacken und Knacksen des Waldes gerne. Wenn man lange genug hin hört, klingt es immer so, als würde jemand durch das Unterholz streifen. Das ist ja auch der Fall. Katze, Fuchs oder Siebenschläfer sind hier keine Seltenheit. Alle drei wollen mir nichts böses.

Leider habe ich 1993 begonnen die Serie Akte X zu schauen. Seit dem ist meine Furchtlosigkeit etwas eingeschränkt. Dort wo ich den Massenmörder schulterzuckend ausschließe, ängstigt mich der Gedanke von Außerirdischen entführt zu werden. Nicht allzu sehr. Aber wenn ich ein wenig darüber nachdenke – und in einer einsamen Hütte kann man hervorragen nachdenken – dann erscheint mir dieser Platz als  der wahrscheinlichste, um auf etwas unerklärbares zu stoßen. Es fängt ja schon mit dem seltsamen Schrank am Treppenabsatz an. Der ist in der Tat sehr unheimlich und könnte wunderbar eine Hauptrolle bei den Ermittlungen von Mulder und Scully spielen. Wenn ich mit dem Nachdenken erst einmal angefangen habe, dann denke ich auch an die vielen Episoden (der gleichen Serie) in denen Menschen urplötzlich durchdrehten und wahllos ihre Mitmenschen abschlachten. Wenn ich in Gedanken an dieser Stelle ankomme, gehe ich in der Dämmerung noch einmal raus  und sperre die Axt lieber im Schuppen ein – man möchte ja niemanden auf dumme Gedanken bringen. Kettensägen mag ich übrigens nie. Ich habe da als Kind mal einen Film gesehen. Seit dem beäuge ich sogar meinen Vater misstrauisch, wenn er mit dem Ding hantiert. Gerne behaupte ich dann, es läge daran, dass er Blutverdünner schluckt. Das ist aber geschwindelt. Er kann damit umgehen, aber seit Akte X weiß man ja nie, wann die Dinge außer Kontrolle geraten.

Obwohl ich so furchtlos bin, habe ich vor Strom und Feuer schon immer Angst. Irgendwas in meiner Erziehung muss da schief gelaufen sein. Als Kind der 70iger erzählte man mir noch recht drastisch, dass ich beim Griff in die Steckdose einen Stromschlag erhalten und tot umfallen würde. Hat gewirkt – ich traute mich als Kind nur mit Überwindung meinen Kassettenrekorders einzustecken. Schlimm wurde es, nachdem wir in der Grundschule einen Ausflug zur örtlichen Feuerwehr machten. Leider sind mir nicht imposanten Löschfahrzeuge in Erinnerung geblieben, sondern die vielen Fotographien verkohlter Leichen, die man uns zeigte. Ein ganzer Raum, mit Bilder von ausgebrannten Wohnungen, Autos und Häusern – inklusive Leichen. Herrlich, für ein achtjähriges Kind. Meine Eltern bezweifeln bis heute, dass man uns das zeigte, aber ich kann es beschwören. Es sollte wohl dazu dienen Kinder vom zündeln abzuhalten. Bei diesem Ausflug hörte ich auch das erste mal von einem Kabelbrand. Es hatte zur Folge, dass ich jahrelang wach im Bett wartete, bis meine Eltern eingeschlafen waren. Dann stand ich auf und zog jeden einzelnen Stecker in der Wohnung. Hinter den Kühlschrank kam ich nicht, aber selbst den Fernseher im Wohnzimmer, verschob ich jede Nacht um ihn auszustecken. Auch deswegen, weil ich einmal den Film „Poltergeist“ sah und seit dem wusste, dass das Böse durch den Bildschirm kommen konnte. Meine Mutter überlegte lange Jahre, ob man mich wohl zu einem Psychologen schleppen sollte. Letztendlich hat sie aber wohl begriffen, dass ihre kleine Brandschutzexpertin besser als jeder Feuermelder war. Nur müde war ich in all den Jahren häufig.

Egal wo ich bin, ich drehe noch heute – wenn alle schlafen – eine Runde durch das Haus und kontrolliere ob die Kerzen aus und der Ofen nicht mehr an ist. Auf unserer Hütte brennt von Herbst bis Frühjahr auch nachts ein Feuer. Es kostet mich einiges an Überwindung, nicht einen Eimer Wasser hinein zu kippen. Oder drei – vorsichtshalber. Ohne Kontrolle einzuschlafen, schaffe ich nur, wenn auch mein Vater in der Hütte übernachtet. Von ihm weiß ich, dass auch er immer eine letzte Runde dreht. Er ist der Einzige auf den ich mich dabei verlasse, weil er in dieser Beziehung ist wie ich. Nur nicht ganz so verschroben. Letztens ging er ins Bett ohne die Runde zu drehen. Einen Moment war ich sprachlos. Dann stand ich auf, habe die Fenster geschlossen, die Glut im Ofen kontrolliert und mich noch mal im Dunkeln vor das Haus gesetzt. Im Wald knackste und raschelte es an unzähligen Stellen. Es störte mich nicht. Eigentlich bin ich nämlich recht furchtlos.

7 Gedanken zu “Furchtlos, wachsam und ein wenig verschroben (Archiv 2016)

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