Ach, Anna…. U-Bahn Gedanken

Wir sind Gewohnheitstiere, die ihre Rituale selbst dann pflegen, wenn sie diese nicht einmal als solche erkennen. Anders ist es nicht zu erklären, dass die tägliche Fahrt zur Arbeit und zurück, einem wiederkehrenden Eintauchen in einen in sich geschlossenen Mikrokosmos gleicht. Tag für Tag sitzen mir die gleichen Menschen gegenüber und obwohl ich mit keinem von ihnen spreche, sind sie mir alle vertraut. Nur ein kleiner Teil von ihnen sitzt wirklich jeden Tag am selben Platz, aber der Verstand neigt dazu, die fremden Gesichter auszublenden. Ich bin die, die morgens immer in der siebten Tür von vorne einsteigt, mit etwas zu lauten Absätzen ein bis zwei Türen nach vorne läuft, bevor sie sich ans Fenster setzt. Obwohl ich später vorne aussteigen muss und sich dort in den Ferien keine Schulkinder drängeln, steige ich immer an der siebten Türe zu und gehe erst beim Aussteigen ganz nach vorne. Abends ist es die fünfte Tür von vorne, die ich benutze und die Gesichter sind andere als morgens, aber auch vertraut.

Wenn ich früher nach Hause gehe, gehört Annas Freund zu diesen Gesichtern. Ich weiß nicht wie er heißt. Vor einigen Monaten saß er neben mir und sagte er am Telefon: „Schlaf gut, Anna.“ Zwei Worte nur, aber mit einem so warmen und liebevollen Tonfall, dass sie schöner klangen, als das „Ich liebe dich“, zu dem ihn diese Anna am Ende des Telefonates nötigte. Damals sagte ich in Gedanken zu Anna, dass sie sich keine Sorgen machen muss. Ein Mann, der eine Frau mit einem solchen Tonfall eine gute Nacht wünscht, muss ihr sehr zugetan sein.

Heute sitzt er mir gegenüber und ich kann ihn ansehen. Es ist nahezu unmöglich einen Menschen zu betrachten, der neben einem sitzt, ohne den Kopf zu drehen und neugierig zu wirken. Heute kann ich ihn ansehen ohne zu starren. Er ist attraktiv. Ein bisschen zu schön. Seine Hände sind auch schön.  Das dürfen sie ruhig sein. Hände und Finger können makellos sein ohne langweilig zu wirken. Als Beobachter langweilt man sich mit seinen Händen eh nicht. Wie beim letzten Mal telefoniert er mit dem Headset und sitzt, bis auf die Bewegung seiner Finger, ganz still. Immer wieder streicht er mit den Daumen über den Rand der Plastikhülle und folgt einem unsichtbaren Muster. Es ist schön seine Finger zu beobachten, denn obwohl sie ständig in Bewegung sind, wirkt ihr gleichmäßiges streichen beruhigend. Auf mich. Seinem Gesprächspartner am Telefon bleibt der Anblick ja verwehrt. Er sieht auch nicht das angespannte Gesicht und das beständige Nicken, von dem ich nicht weiß was es bedeutet. Ich sehe ja nur und höre außer einem leichten Stimmenrauschen nicht worum es geht. Es ist kein schönes Telefonat. Das sieht man an der Art wie die Lippen zusammen gekniffen sind und hört es an den zu tiefen Atemzügen. Ab und zu schließt er für einen kurzen Moment die Augen  und ich stelle mir vor, dass er in Gedanken einzelne Wörter zu einem Satz zusammen fügt, dessen Moment noch nicht gekommen ist. Obwohl ich in dem Rauschen Annas Stimme nicht erkennen kann, hoffe ich, dass sie nicht am anderen Ende der Leitung ist. Das zustimmende Nicken, wird immer öfter durch ein kaum sichtbares Kopfschütteln ersetzt und der Mund öffnet sich bereits um endlich auch zu Wort zu kommen.

Nach fünf Stationen sagt er leise: „Ich dich nicht.“ Ich hoffe für Anna, wenn sie es ist, der die Worte gelten, dass er nur sagen möchte, dass er sie zum Beispiel nicht gesehen hat. Vielleicht sagte sie ihm, dass sie ihn heute morgen noch am Bahnhof in den Wagen einsteigen sah und das „ich dich nicht“ ist seine Antwort. Er meint etwas anderes. Man sieht es an seinem Gesicht und ahnt es, weil er für drei Worte zwei ganze Stadtteile durchfahren musste. „Ich dich nicht“, ist fast immer eine ebenso klare Aussage, wie „ich dich auch“. Ich vermisse dich nicht. Ich will dich nicht. Ich liebe dich nicht. Wenn man minutenlang auf drei winzigen Worten kaut, dann meistens weil sie vom Empfänger nur schwer zu schlucken sind. Ob sie Anna galten, weiß ich nicht. Vielleicht liege ich falsch und er wollte etwas anderes sagen. Ich wollte dich nicht verletzten. Ich wollte dich nicht übergehen. Ich wollte dich nicht gehen lassen. Er steigt aus. Und so wie er jetzt auf dem Bahnsteig steht und ins Leere blickt, spiel es auch keine Rolle mehr. Ach, Anna…ich hoffe du warst es nicht, mit der er gesprochen hat.

Irgendwann werde ich wieder früher gehen und wie immer in der fünften Tür von vorne einsteigen. Irgendwann wird Annas Freund wieder in meiner Nähe sitzen. Und weil wir Gewohnheitstiere sind, wird er mit dem Headset telefonieren und ich ihm lauschend auf die Finger blicken. Vielleicht ist Anna dann wieder bei uns.

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45 Gedanken zu “Ach, Anna…. U-Bahn Gedanken

  1. Liebe Mitzi!
    In der Tat sind Menschen Gewohnheitstiere. Und die Mauswohn als Kuh natürlich im Besonderen. Außer der Gewohnheit, den lieben langen Tag Gras zu fressen, hat es sich die Kuh angewöhnt, Samstags die Sportschau einzuschalten. Hierbei wird gewohnheitsmäßig der Ton abgedreht, wenn ein Herr Beckmann seine Kieferknochen bewegt und zu moderieren beginnt. Das gefällt der Mauswohn nicht. Und genau wie Sie, beginnt die Kuh, nun die Bewegungen und Abläufe zu studieren. Allerdings hat sie noch nie etwas als wirklich beruhigend empfunden, wie das bei Ihnen in der U-Bahn mit Ihrem Headset-Gegenüber der Fall war. Aber es ist ja auch etwas ungewohnt, dass eine Kuh die Sportschau sieht, auch wenn manchmal ganz schön viel Mist gespielt wird. 🙂
    Gewohnheitsmäßig herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau M.

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    1. Liebe Mallybeau, sie schauen die Sportschau? Das hätte ich nicht vermutet, aber Sie überraschen mich ja öfter (positiv).
      Übrigens empfinde ich die Bewegung Ihrer Kieferknochen als überaus beruhigend. Fast hypnotisierend.

      Herzliche Grüße

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      1. Liebe Mitzi!
        Ich schrieb ja bereits, es ist ungewöhnlich, dass Kühe die Sportschau schauen, aber bei näherer Betrachtung laufen dort schließlich einige Rindviecher über den Rasen. Ich werde weiterhin gerne für Sie in harmonischem Rhythmus kauen und freue mich schon auf Ihren nächsten fein beobachteten und geschriebenen Beitrag. 🙂
        Herzliche Grüße
        M.M.

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  2. In Deinen Texten wirkt sogar das Belauschen von U-Bahnnachbarn wie eine sich natürlich entwickelnde Notwendigkeit, die sich aus der Situation ergibt und Grundlage für ein wunderbares Kopfkino bietet!

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  3. Hallo Mitzi,

    grausamer Text, grausame Worte: Zunächst in der blauen Lagune schwebend, vom warmen Wasser liebkost werden und dann, plötzlich, aus dem Hinterhalt, ein Kübel Eis über den Kopf geschüttet, so kommt Dein Text daher.

    Und doch glaube ich, Annas Freund sprach mit jemand anderen. Mit jemanden, der ihm zwar am Herzen liegt, den er jedoch nicht liebt. Weil er nämlich seine Anna immer noch liebt. Jedenfalls ist es das, was ich heute Abend glauben möchte. Und so wird Anna auch heute gut schlafen können.

    Und da es jetzt Zeit wird, wünsche ich Dir eine gute und erholsame Nacht und danke Dir für Deine Worte, die wie Farben auf einer Leinwand zu einem Bild der Emotionen verschmelzen.

    Mira

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    1. Ich hoffe, Mira, du hast recht und er sprach nicht mit Anna. Es täte mir leid, ohne sie zu kennen. Ich schließe mich deiner Interpretation an, glaube dass Anna gut schläft und werde es selbst auch tun. Mit den schönen Worten von dir im Ohr (oder vor Augen) wünsch ich dir auch eine gute Nacht.

      Gefällt 3 Personen

  4. Ich bin mir auch sicher, es ist nicht Anna. Es muss jemand anders gewesen sein. Ganz bestimmt. Du hast mein Kopfkino angeschaltet und ich spinne die Geschichte von dem Mann mit den schönen Händen und seinem Headset und seiner Anna weiter. Und ich bin gespannt, ob du mal wieder von ihm berichten wirst.
    Danke für einen mal wieder wunderbaren Text!

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    1. Das hoffe ich. Er ist einer der wenigen, die mich wirklich interessieren. Nicht unbedingt als Mann. Aber er macht mich neugierig. Stimme und Hände…..das zieht bei mir immer. Und das Kopfkino, dem er mit wenig Worten so viel Stoff bietet.
      Liebe Grüße

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  5. In deinen Texten gibt es immer ein sehr gelungenes Timing, du weißt offenbar intuitiv, wie lang ein Text sein darf oder muss, damit wir dran bleiben, wie lang eine einleitende Sequenz sein sollte, die uns auf die Alltagsbegebenheit einstimmt und was mir besonders gefällt, ist die Souveränität, mit der du scheinbar völlig belanglose Beobachtungen durch einen Satz zu einem kleinen Drama machst. Toll!

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  6. Wie produktiv kann doch eine tägliche Fahrt mit der U-Bahn sein, wenn jemand wie du, liebe Mitzi, aufmerksam und einfühlsam seine tendenziell anonymen Mitfahrer beachtet.Es führt ja jeder eine Art Lebensbuch mit sich. Indem durch die Mobiltelefone ein Teil des Buches quasi öffentlich wird, lässt sich ein Wort oder ein Satz aus diesem Buch erhaschen. Aber anders als bei einem miterlebten Dialog zweier Menschen, bekommt man nur den einen Gesprächsanteil mit. Alles andere ist Leerstellenfüllung. Es ist wunderbar, wie du den erhaschten Satz „Ich dich nicht.“ in einen Kontext einbettest, aber letztlich offen gelassen hast, ob du ein kleines Drama miterlebt hast oder nicht. Wir wissen ja: Letztlich ist immer alles ganz anders als vermutet und zwar grundsätzlich. Danke für diesen vorzüglichen Text!

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    1. Das Bild der Lebensbücher, die jeder mit sich herumträgt, gefällt mir, lieber Jules. Und ob wir wollen oder nicht, einem aufmerksamen Beobachter verraten wir mehr von uns als wir beabsichtigen. Wie weit die Beobachtungen stimmen, wird man kaum erfahren. Dein Bild Zeitungsleser im Tageskaffee und Annas Freund bleiben anonym.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

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  7. Ach, Anna. Anna ist Chaos pur. Und ihr großer Bruder kümmert sich. Meistens klappt das ja auch ganz gut. Hin und wieder aber will Anna partout nicht geholfen bekommen. Dann tickt sie total aus und der große Bruder muss sich dann furchtbar zusammennehmen um nicht im gleichen Tonfall zu parieren. Selbst in Rage ist Anna ein Gewohnheitstier. Früher oder später platzt der Satz heraus: «Ich könnte dich umbringen!» Und er ist auch ein Gewohnheitstier und antwortet darauf immer mit dem gleichen Satz – der mir nur leider im Moment nicht einfällt…

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    1. An diese Variante habe ich noch gar nicht gedacht.
      Interessant was für Ideen hier rumgeistern. Man kann herrlich lange auf ihnen herumkauen.
      Sollte es Anna3 geben, werde ich bevor ich meinen Text schreibe, nur die Fakten aufzählen und euch alle eine kleine Anna Geschichte schreiben lassen. 🙂

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    1. Auf keinen Fall, Herr Ösi.
      Das sind verschiedene Welten. Die U-Bahn- und die Haus-Welt. Ich würde ja völlig durcheinander kommen, wenn die sich plötzlich vermischen.

      Und wenn. Also nur wenn…..dann kümmere ich mich um Annas Freund.

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