Nur ein Hefezopf – U-Bahn Gedanken

Heute steht es sich nicht gut an der U-Bahnstation. Die Schulter an Schulter wartenden Menschen wollen genauso schnell nach Hause wie ich. Es fehlt das beständige Lachen und Schreien der Schulkinder, das nervt und zugleich unbekümmert klingt. Ich will nach Hause. Möchte nichts mehr lesen, nichts mehr hören und  auch gerne etwas weniger denken. Nach Hause und wenigstens bis zu den Nachrichten nichts mehr hören. Und doch sitze ich wenige Augenblicke später genau Zweien gegenüber, die eine Zeitung vor sich ausgebreitet haben und leise das wiederholen, was ich schon den ganzen Tag gehört habe. Sie sagen das, was auch ich heute schon mehr als einmal gesagt habe und an dem was sie sagen, lässt sich vermuten, dass ihre Gedanken den meinen ähnlich sind. Sie, um die sechzig liest ihm vor. Wenn er ihr Mann ist, dann hat er vor langem eine sehr viel jüngere Frau geheiratet. Ich stelle mir vor, es ist ihr Vater. Es erscheint mir passender und mir gefällt die Vorstellung meinem eigenen Vater aus der Zeitung vorzulesen, wenn ich sechzig bin. Sie liest und er ist still. Er muss auch nichts sagen, weil er eines jener Gesichter hat, die Gedanken und Emotionen ungefiltert widerspiegeln. Der Ausdruck in seinen Augen geht mir näher als die vorgelesenen Worte, die ich selbst seit gestern so oft gelesen habe. In seinem Gesicht sehe ich meine eigenen traurigen und bestürzten Gedanken. Längst höre ich ihr nicht mehr zu und blicke nur in das alte, faltige Gesicht, das sich im Dunkel der Scheibe spiegelt. Ich höre nicht zu und höre trotzdem ihre Fragen, die sie mehr sich selbst, als ihm stellt. Was kann man da nur machen, fragt sie und legt die Hand über die unschönen Bilder der Zeitung. Einen Hefezopf, antwortet er und für einen kurzen Moment lächelt sie. Nimmt seine Hand und drückt sie, bevor das Lächeln aus beiden Gesichtern verschwindet und sie wieder  ratlos auf die Zeitung blicken. Ich will die Bilder nicht sehen. Ich habe Sie bereits gesehen und habe darüber gelesen, gesprochen und nachgedacht. Es bleiben bei mir die gleichen Fragen. Was macht man da? Seine Antwort, die keine sein möchte, ist für den heutigen Abend vielleicht die einzig richtige.

Ein Hefezopf ist gut. Nicht für das Vergessen oder Verdrängen, eher für einen kurzen Moment zum Atemholen. Während ich den Teig knete, denke ich an Zeilenendes Brote. Er wird auch im April Brote backen. Das hoffe ich zumindest, denn Beständigkeit tut heute Abend gut. In  meiner Küche riecht es nach in warmer Milch aufgelöster Hefe. Es ist ein guter Geruch, der an Omas Küche erinnert. Von diesem Duft aus, ist es nur ein kleiner Schritt, bis sich zum Geruch auch das passende Gefühl einstellt. Hefeduft schmeckt nach Geborgenheit. Mit neun Jahren genauso wie mit neununddreissig und hoffentlich auch mit neunundsechzig. Der Teig riecht auch nach Zuversicht. Wenn man einen Hefezopf backt, friert man nicht. Er würde es einem übel nehmen. Genauso wie er Hektik und Eile nicht verträgt. Ein Hefeteig muss in Ruhe gelassen werden. Nicht allzu lange, aber ein Stündchen braucht er. Bis acht Uhr ist er im Ofen. Warum der Alte von einem Hefezopf gesprochen hat, weiß ich nicht. Vielleicht hat er seine Tochter gar nicht richtig verstanden. Vielleicht wollte er sich aber auch für einen kurzen Moment etwas Schönes in Erinnerung rufen. Ich würde gerne wissen, ob es in seiner Wohnung heute auch ein wenig nach Zuversicht und Geborgenheit riecht. Meinen Hefezopf bekommt morgen Vormittag meine Freundin. Ich beginne meinen Urlaub einen Tag früher. Der Alltag fühlte sich heute zu banal an, um morgen einfach mit ihm weiter zu machen. Vielleicht backe ich noch einen Hefezopf, bevor ich mir die Zeitung kaufe und mir die Nachrichten ansehe. Oder zwei.

40 Gedanken zu “Nur ein Hefezopf – U-Bahn Gedanken

  1. Ein Essen nur für die Seele…..manchmal kann Essen trösten und Dinge vergessen machen……gerade, als ich über einen Kommentar nachdachte, hast Du den Hefezopf wohl aus Dem Backofen genommen……hoffentlich hat er seinen Job erfüllt !!

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  2. Alleine schon das Wort U-Bahn……abgerissene Hände und Füße….und bei mir ist es eine Schokoladebananentarte geworden,die hält sich noch einige Tage im Kühlschrank, sollen wir ein ein Stück tauschen?Vieleicht hilft eine kleine Zuckerschock…vorübergehend.

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  3. Zeilenende musste lächeln. Ja, backen gegen die Unbill der Welt. Bei Zeilenende gibt es auch im April noch Brote. Zumindest im April zeichnet sich Beständigkeit ab. Und er empfiehlt die Versunkenheit in der Küche, um abzuschalten. Ein Hefezopf ist dafür eine gute Idee. Und es ist, als hättest du Gedanken gelesen … Am Freitag gibt es Hefezopf auf meinem Blog.
    Backen, mit Butter bestreichen, Augen schließen, innehalten. Danach ist die Welt ein wenig besser.

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    1. Der Text bestätigt dich darin, dass auch du (wie die halbe Nation) Ostern mit Hefegebäck begehen sollst. Aber ganz ehrlich, Hefe ist eigentlich auch nicht so das meine. Eigentlich nur im Pizzateig. Schmecken tut mir mein Zopf gar nicht so. Ich habe ihn verschenkt. Das backen an sich war mir lieber.

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      1. Ok, das erzeugte kurz Stauen und Unverständnis in meinem Hirn (Danke dafür). Aber dank google gehe ich jetzt mal davon aus, dass deine Hühner dieser besonderen Rasse angehören (Fenster schon wieder geschlossen, daher Name schon wieder aus Hirn verschwunden, irgendwas mit Au….ca). Eier anmalen war sehr gut, da nichts lief wie geplant und das Ergebnis sehr kreativ aussieht ;)!

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      2. Kreativ ist gut 🙂
        Ich könnte dir die Rasse jetzt nicht sagen – bei uns daheim rennen so viele verschiedene rum, dass ich den Überblick verloren habe. Aber in einem 10er Karton ist meistens auch eines dieser besonders hübschen zarthellblau oder leicht grünlichen dabei. Die sammle ich über das Jahr oder verblüffe meine Kollegen und Freunde damit.

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  4. Ich lese auch den ganzen Tag diese Nachrichten. Die Zeitungen loesen mit ihren Artikeln Panik aus. Da hilft am Besten ein Hefezopf. Da hat der Herr schon recht. Vllt nehmen sie uns alles, aber die Gedanken sind frei. Und die Gefühle, die ein Hefezopf hervor rufen kann, auch! 🙂

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  5. Die Frage ist ja eh nicht, OB wir spinnen, sondern WIE. Deshalb nehme ich – frech, zwar, aber ohne böse Absichten – deinen Faden auf und spinne ihn ein wenig weiter. Also:
    Ja. Es ist ihr Vater. Und er hat auch keine viel jüngere Frau geheiratet. Beide waren’s jung. Damals. Viel haben sie nicht gehabt. Außer Vertrauen. In ihre Liebe. Ins Leben. Dessen Schattenseiten haben sie früh kennen gelernt. Schon als Kinder. Aber dass die Hoffnung zuletzt stirbt, das haben sie auch erfahren. Es ist für sie mehr als ein frommer Wunsch. Oder ein hübscher Spruch.
    Ihre Liebe hat nicht immer gehalten was die Verliebtheit versprochen hat. Aber sie hat gehalten. Immerhin. Goldene Hochzeit haben sie gefeiert. Letztes Jahr wären’s gar 60 Jahre gewesen. Wenn… Ach, ja…
    Die Mama und ihr Hefezopf. Durch und durch praktisch veranlagt war sie. Die Mama. Sie hat immer gewusst, wie sie ihre Lieben bei den kleinen und großen Weltuntergängen des Lebens wieder zurück auf den Boden holen kann. Ins Hier und Jetzt. Den einzigen Punkt, von dem aus der nächste Schritt möglich ist. So ist auch dieses geflügelte Wort entstanden. Diese kurze und doch so überreiche Antwort auf die Frage, was man denn nur machen könne: „Einen Hefezopf!“
    In diesen zwei Worten klingt heute noch ihre Stimme. Diese zwei Worte riechen nach ihr. In diesen zwei Worten lebt und atmet sie heute noch. Sie. Die ihren Kindern das Leben geschenkt hat. Mehr als ein Mal…

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    1. Wenn wir uns mal in der U-Bahn über den Weg laufen und ich dich nicht erkenne (könnt ich ja nur, wenn du die Katze des Profilbildes mitschleppst), dann stups mich bitte an. Dann steig ich nicht aus, sondern fahr mit dir bis zur Endstation und lasse mir erzählen, wer uns gegenüber sitzt. Wenn´s langweilig sind, die Sitzenden, dann stei´g ma einfach um und suchen uns interessantere.
      So muss es gewesen sein. So und nicht anders. Die Mama sieht bei mir gerade aus wie die Martha Haselbeck aus der Münchner Vorabenserie „Die Hausmeisterin“.
      Und dass die Hoffnung zuletzt stirbt, das klingt so platt und ausgelutscht und stimmt dennoch. Aufgeben hat noch nie gegolten.

      Danke für diesen weitergesponnen Schatz.

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      1. Lebensfäden spinnen in der U-Bahn – das hört sich echt gut an. 🙂
        Die Hefezopf-Szene in deiner Geschichte fand ich so dicht, so konzentriert – eine Art Hauptbahnhof der Lebensfäden. Wie kommt der auf so eine Antwort? Warum lächeln die beiden? Was löst die Geste mit dem Händedruck aus? Das war einfach zu schön, um es einfach so als kurzen Augenblick auf sich bewenden zu lassen…
        Die ‚Hausmeisterin‘ musste ich im Netz aufstöbern (ohne TeeFau hat man da halt eine Bildungslücke) – aber vom Typ her würde das passen, weil die etwas Bodenständiges aber auch Humorvolles ausstrahlt.

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  6. Leider kann man nicht genug Hefezöpfe backen, aber du hast natürlich Recht. Es geht nicht um eine Lösung, es geht erst einmal darum, mit den eigenen Sorgen und Gefühlen umzugehen und da hilft es, etwas tun zu können, nicht einfach nur bei den Gedanken anzuknüpfen, die wir schon bei den Anschlägen in Paris hatten und bei den Anschlägen in Istanbul und bei den ….Wenn wir im Augenblick nichts ändern können, dann müssen wir damit leben, es aushalten. Dafür ist der Hefezopf vielleicht gut.

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  7. Liebe Mitzi,
    in deinen feinsinnigen „U-Bahn-Gedanken“ und den fein beobachteten Szenen darin wird deutlich, dass wir Besinnung, Trost und Zuversicht in den alltäglichen Dingen finden, wobei ich nicht behaupten will, dass der Hefezopf für mich alltäglich wäre. Aber ich kann dir gut darin folgen, was du über ihn schreibst.

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    1. Wie du schreibst, reicht etwa heimeliges und alltägliches. Als ich gestern dem Rezept meiner Oma misstraute und im Internet eine Mengenangabe nachsah, fand sich bei „Hefezopf“ recht häufig „Hühnersuppe“ und der Hinweis auf Essen für die Seele.

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  8. Du erinnerst mich daran, dass ich alt werde. Nun ist es schon unglaubliche 15 Jahre her,
    dass ich in meiner Vollkornzeit Brot, Brötchen und auch Hefekränze gebacken habe.
    Freitags der Duft von frischen Brötchen…wunderbar… heute keine Feste, keine Backwaren,
    aber es gab zum Abend einen pikanten Dinkelpfannkuchen. 🙂
    Sicher nicht nur für das leibliche Wohl!

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Ab Ende 30 darf man nicht mehr nach hinten rechnen, wie viele Jahre etwas schon her ist. 😉
      Die Zahl die dabei herauskommt klingt zu grausam – egal wie wohl man sich mit dem Alter fühlt und arrangiert hat. Mein Vater beschwerte sich heute, dass es nicht angehen kann dass ich 40 werde. Da würde er sich glatt alt vorkommen ;).

      Liebe Grüße
      MItzi

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  9. Trost finden in vertrauten Dingen, in Düften und Genüssen aus der Kindheit, ist eine wundervolle Idee. Manchmal muss man eine Pause machen, denn das Denken über diese schrecklichen Geschehnisse nimmt uns die Luft zum Atmen und der Versuch zu verstehen raubt uns Energie. Da bringt uns etwas so einfaches wie ein Hefezopf wieder mit beiden Beinen auf den Boden und läßt uns weitermachen………..

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  10. Wir, als totale steirische Provinzeier, haben in den letzen Tagen in London diese massive Polizeipräsenz und überall strenge Sicherheitskontrollen erlebt. Ich gehe jetzt Osterpinzen backen. Aus ganz gemütlichem, dottergelben Germteig, wie es auf österreichisch heißt.

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    1. Ja, freilich! Germteig ist es bei euch. Obwohl mir als Münchner die österreichischen Begriffe viel näher liegen und vertrauter klingen als zum Beispiel die norddeutschen, habe ich den Germknödel beim Skifahren bisher nicht mit Hefe in Verbindung gebracht.

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