Schlaflos hellwach

Es gibt wenige Dinge, in denen ich besser als andere Menschen bin. Schlafen gehört dazu. Ich schlafe effizienter als jeder andere, den ich kenne. An Wochenendtagen erkenne ich ohne die Augen zu öffnen, ob es sich lohnt die frühen Morgenstunden zu nutzen. Ist das Wetter schlecht, drehe ich mich um und schlafe noch einige Stunden weiter. Ist es gut, schlage ich die Decke zurück und bin sofort hellwach. Perfekt sind sieben dreiviertel Stunden Schlaf. Dann sehe ich morgens nur etwas zerzaust aus. Bekomme ich weniger, bin ich zwar hellwach und fühle mich fit, sehe aber nicht unbedingt so aus. Die Grenze der Vorzeigbarkeit liegt bei fünf einhalb Stunden. Seit meinem fünfunddreißigsten Geburtstag putze ich mir die Zähne an solchen Tagen mit geschlossenen Augen und vermeide den Blick in den Spiegel. Muffelig oder schlecht gelaunt wache ich an solchen Tagen trotzdem nicht auf. In der Regel haben mich die Ereignisse, die zu wenig Schlaf geführt haben, ja für den Mangel entschädigt. Dass ich am Vorabend einfach nicht einschlafen konnte und stundenlang wachgelegen habe, kommt bei mir nämlich nicht vor. Ich lege den Kopf auf das Kissen und schlafe. Es ist sinnlos mir noch etwas erzählen zu wollen. Wer das möchte, muss dafür Sorge tragen, dass ich nicht liege. Denn wenn ich liege, schlafe ich sofort ein. Mein Exfreund machte sich diese Tatsache zunutze, indem er mich unangenehmes oder zu entscheidendes grundsätzlich dann erzählte, wenn wir bereits im Bett lagen. Am nächsten Morgen lies ich mir von ihm berichten ob ich zustimmend oder ablehnend gemurmelt habe, bevor ich einschlief. Schlafen kann ich wirklich gut.

Gute Freunde von mir, können darüber ein Lied singen. Egal ob Tatort oder der Grand Prix. Wenn der Platz es zulässt und alle liegend auf den Sofas oder den Kissen auf dem Boden lümmeln, dann kann man darauf wetten, dass ich binnen kürzester Zeit eingeschlafen bin. Neben mir kann weiter gelacht, gesprochen oder auch gestritten werden. Ich bekomme es nicht mit. Ich schlafe, bis mich jemand weckt. Seit etwa zehn Jahren wird in meinem Freundeskreis weniger gelümmelt, wir sitzen ordentlich nebeneinander und ich schlafe weniger ein. Es passiert eigentlich nur noch, wenn ich mich besonders wohl fühle. Bei einer meiner Freundinnen zum Beispiel, fühle ich mich so wohl, dass ich auch heute noch problemlos einschlafen kann. Ich darf aber nicht. Wenn sie merkt das mir die Augen zufallen – etwa zwanzig Minuten nach Filmbeginn – beginnt sie mich unsanft anzustupsen oder betont laut darauf hinzuweisen, dass es unhöflich ist, auf einen Film vorbei zu kommen und dann einzuschlafen. Sie hat völlig Recht, aber ich kann das einschlafen nicht verhindern, solange sie sich Filme mit mir auf dem Bett lümmelnd ansehen will. Ich plädiere seit Jahren für ein Sofa. Dann hätte sie mit mir kein Problem. So ist sie beleidigt dass ich einschlafe und ich genervt, dass sie mich nicht lässt. Seit ein paar Jahren sehen wir uns einfach keine Filme mehr gemeinsam an und vermeiden diese Konflikte. Wir sind dazu übergegangen gemeinsam zu essen. Das ist eh kommunikativer.

Ich schlafe nur noch auf wenigen Sofas ein. Das meines besten Freundes gehört dazu. Nie, weil wir uns nichts zu sagen haben, aber oft wenn er mich zu sich eingeladen hat und dabei nicht erwähnte, dass ein Fußballspiel übertragen wird. Dann schlafe ich 90 Minuten und Wache auf, wenn er mich abstupst und sagt, dass es vorbei ist. Ich bin hellwach und wir setzen unser Gespräch dort fort, wo wir beim Anpfiff aufgehört haben. Darin haben wir seit WG Zeiten Übung. Haben andere WGs sich über das Fernsehprogramm gestritten, habe ich die Filme die mir nicht gefielen einfach verschlafen und war beim aufwachen ausgeschlafen genug, mir einen zweiten anzusehen.

Wenn ich krank bin, schlafe ich mich gesund und selbst beim größten Kummer, kann ich mich darauf verlassen, dass mir wenigstens die Nacht Erholung von Wut, Trauer oder Ärger schenkt. Nur ein schlechtes Gewissen bringt mich um den Schlaf.  Dann wälze ich mich von einer Seite zur anderen und finde keine Ruhe. Als ich mit dem Auto meines ehemaligen Freundes das Tor zur Hofeinfahrt touchierte tat mir das unendlich leid. Er war unterwegs, ich konnte es ihm nicht gleich beichten und lag bestimmt eine geschlagene Viertelstunde wach, bevor ich zerknirscht eingeschlafen bin. Als er mich in jener Nacht weckte, bat er mich mit nach draußen zu kommen. Ist es schlimm, fragte ich und gestand ihm, dass ich es vermieden hatte, die  Beifahrerseite  allzu genau anzusehen. Das Geräusch alleine hatte nichts gutes verheißen. Er zuckte mit den Schultern, führte mich um den Wagen und atmete sehr langsam und sehr geräuschvoll ein und aus. Dann fragte er mich, was eigentlich passieren müsse, damit ich nicht mehr schlafen könne.

Zwei Monate später wussten wir es. Seine Blutwerte waren auffällig und in der Woche bis zu den Testergebnissen schlief ich in keiner Nacht, sondern lag wach im Bett und lauschte seinen Atemzügen. Als alles ok war, sind wir essen gegangen und danach ins Kino. Noch während der Werbung schlief ich ein.


 

50 Gedanken zu “Schlaflos hellwach

  1. Welch Vielzahl an Geschichten Morpheus doch hervorzubringen weiß. Die alleralltäglichste Verrichtung so schön geschildert. Und während man selig ein wenig dösig wird, packst du einen Holzhammer aus.
    Zur Entschädigung wäre ein Tutorial: „Wie sehe ich morgens NICHT schlimm aus?“ fällig. Das gelingt mir auch ausgeprägter Nachtruhe nicht.

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  2. Ach, wie begnadet, so gut schlafen zu können.
    Lachen musste ich natürlich an der Stelle: „…und lag bestimmt eine geschlagene Viertelstunde wach…“
    Liebe Mitzi, unter uns, das ist bei mir ein absolutes Minimum zum Einschlafen. Da muss ich schon sehr sehr übermüdet sein, damit ich in der KÜRZE einschlafe. Also hast du meine Bewunderung dafür und ebenso, dass du offensichtlich schnell quietschfidel bist. 🙂

    Beste Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

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    1. Abgesehen von den verpassten Filmen, empfinde auch ich es als großes Geschenk so herrlich schnell einschlafen zu können.
      Die nicht mehr zu Ende gedachten Gedanken kurz vor dem Einschlafen sind ein Luxusproblem und ich will mich nicht beklagen.

      Liebe Grüße

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  3. Aaaalso…wenn ich auf „Besuchen“ klicke, also auf Deiner Seite lesen will, gehts nicht. Die verkürzte Form (also ohne Bild) etc. hier im Reader geht. Seltsam und wahrscheinlich typisch WP. Hab neulich glatt nen Beitrag von Dir überhaupt nicht angezeigt bekommen, hab das dann auf FB entdeckt.
    Ansonsten könnten wir schlaftechnisch Schwestern sein. Nur als ich den Rachefeldzug gegen meinen Ex wegen unerfreulicher „Zusatzinfos“ plante, schlief ich jede Nacht nur 2 Stunden. Extreme Wut hält ziemlich gut wach. Wie gut, dass ich normalerweise ein sehr ausgeglichener Mensch bin. Ich hoffe, WP hat Dich bald wieder lieb 😉

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  4. Da hat WP meinen Kommentar verschluckt und deinen Artikel hat’s auch nicht mehr angezeigt. Seltsam. Dann nochmal von vorne: Ich bin neidisch auf deine Schlafkünste! Seit ein paar Monaten habe ich aber *die* Lösung für mich gefunden, mit der ich innerhalb von 10 Minuten weggenickt bin: Hörbücher! Egal wie spannend sie sind, mein Hirn findet es wohl einschläfernd und ich hänge demnach seit Wochen bei Kapitel 2. Was schade ist, aber selbst tagsüber kann ich die Hörbücher nicht hören, weil ich einschlafe. Deshalb höre ich sie auch nicht mehr beim Auto fahren. Dabei hatte ich mir das so schön vorgestellt. Von Rufus Beck zur Arbeit begleitet zu werden. Soll nicht sein. 🙂

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    1. Das war meine Schuld – ich hab WP etwas überfordert.
      Ich habe tatsächlich noch nie ein Hörbuch besessen und wollte mir das erste bald zulegen. Zum anhören, während ich zum Beispiel die Wohnung putze. Wenn ich allerdings dabei einschlafe…. 😉
      Du solltest übrigens keinesfalls noch einmal testen, ob es im Auto geht. Ich würde mich um dich sorgen.

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      1. Nein nein, keine Sorge. Das habe ich vor 8-9 Jahren ein einziges Mal probiert und nach wenigen Minuten sofort abgebrochen. Etwas nebenbei machen kann ich übrigens nicht, weil ich dabei meinen eigenen Gedanken nach hänge und vom Buch nichts mehr mitbekomme. Beim Putzen geht nur laut Musik hören und mitsingen. Zum Leidwesen von Mann und Hund 😉

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  5. Sofortschläfer klingt gut…..nach Effektivität, Zielstrebigkeit…..das merke ich mir…..ich schlafe auch überall sofort ein, ausser etwas belastet mich…..da können dann Stunden vergehen, in denen es nie zu einer vernünftigen Lösung kommt…..immer erst am nächsten Tag…..kapiert aber mein Körper nicht 😉

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  6. Ich. bin. ja. so. nei. disch. auf deinen guten Schlaf! Den Kopf so schnell auszuschalten ist in meinen Augen eine hohe Kunst, wenn nicht sogar die höchste. Gerade in Nächten, in denen ich mich von der „Wut, Trauer oder Ärger“ des Tages erholen MUSS, verfluche ich mein verkorkstes und phasenhaftes Schlafen sehr. Dein Text hat mir unglaublich gut gefallen! Im Grunde möchte ich gleich ins Bett.

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  7. Ganz genau so war es bei mir auch immer. Schlafen, sobald ich liege, ganz gleich was um mich herum oder in mir geschieht. Wach werden und hellwach sein.
    Was davon geblieben ist: sich gesund schlafen innerhalb eines Tages.
    Ansonsten ist mein Schlaf inzwischen an mein seelisches Wohlbefinden gekoppelt. Das nervt.
    Genieß es schön weiter, Deinen wunderbaren Schlaf, er ist ein Geschenk.

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    1. Das ist er wirklich, ein Geschenk. Leider kommt es auch bei mir mit den Jahren vor, dass es Abend gibt an denen es nicht mehr so klappt. Die nervenden Freuden des Alterns ;). Ich kann´s dir nachfühlen.

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  8. Schön zu lesen, dass du immerzu schnell in den Schlaf findest. Auch nach dem Aufwachen weiterschlafen zu können, ist beneidenswert. Bis vor kurzem wurde ich zuverlässig um 6:00 Uhr wach, egal wann ich zu Bett. Das war schon ab meinem 13. Lebensjahr meine Aufstehzeit und war quasi in mein Schlafzentrum eingebrannt.

    Mich amüsieren sehr die genauen Zeitangaben und dass du dir mit geschlossenen Augen die Zähzne putzt, wenn du nur fünfeinhalb Stunden Schlaf hattest. Süß!

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  9. Da werde ich wirklich neidisch. Ich gehöre nämlich zu denen, die sich abends müde ins Bett legen und trotzdem noch ewig brauchen, um endlich einzuschlafen. Langweilige Filme, ruhige Musik, Bücher… nichts hilft. Vielleicht sollte ich mich einfach damit abfinden, solange der morgendliche Kaffee die Spuren der halbwachen Nacht verschwinden lässt 🙂

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    1. Das ist sicher der Nerven schonendere Weg. Solange du in der früh nicht müde bist, kann man sich ja fast ein bisschen über die geschenkten Stunden freuen…..du siehst, ich neige dazu mir alles schön zu reden. 😉

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