Liebster Award in der U-Bahn

In der U-Bahn sitzend, nahm ich mir vor endlich  Rezas Fragen zu beantworten, die er mir im Rahmen des Liebsten Awards gestellt hat. Es klingt so leicht, elf Fragen zu beantworten und doch merkt man schnell, dass es alles andere als leicht ist. Man ist versucht, etwas amüsantes oder witziges zu erzählen. Will dabei ehrlich bleiben und muss sich die tiefer gehenden Fragen zuerst ein paar Minuten auf der Zuge zergehen zu lassen. Man will ja keinen Blödsinn schreiben. Möchte manches unbeantwortet lassen und sucht nach einen hübschen Hintertür um an der Stelle etwas anderes zu schreiben oder der richtigen Formulierung für ein „ach, ne…das lassen wir lieber“. Selbst die vermeintlich leichten Fragen wie zum Beispiel, die nach der Lieblingsfarbe stellt einen für einen kurzen Moment vor eine Herausforderung. Man könnte „grelles Pink, ins blutrote gehend und an den Rändern schwarz“ antworten und schmunzelnd auf die Kommentare derer warten, die sich fragen welche Leidenschaft dahinter wohl stecken mag. Oder man schreibt „helles grün“, ist ganz ehrlich aber auch ein bisschen langweilig. Ich mag Fragen. Wenn Sie mich fragen, fragen wir zu wenig. Gerade hätte ich Lust Rezas Fragen direkt hier in meinem U-Bahn Abteil zu stellen.

if the writers or poets or singers or ..  were in place of political people, what would happen?

Diese Frage müssten man laut stellen und dann die Notbremse ziehen. Antworten und Argumente sind bestimmt interessanter, als das dumpfe Helene Fischer Gedudel, das aus den Kopfhörern hinter mir tönt. Obwohl ich nichts über die Gedanken einer Helene Fischer weiß, möchte ich sie nicht als Politikerin haben. Auch keinen Umberto Ecco,  keinen Heinrich Heine und keinen Cy Twombly. Die hätten dann ja keine Zeit mehr, mich mit Büchern, Bildern (ich weiß, dass zwei bereits tot sind – nehmen Sie einfach andere Künstler) oder Musik glücklich zu machen. Ob Künstler nur aufgrund ihrer Kreativität die besseren Politiker wären? Ich bezweifle es.  Orwell als Gestalter der Zukunft? Na, ich weiß nicht. Nicht, dass man ihn falsch verstünde. Kluge und ambitionierte Köpfe die ich persönlich mir als Politiker wünsche, gibt es in jeder Berufsgruppe und in allen Gesellschaftsschichten. Warum man dennoch so wenige von ihnen antrifft? Soll ich mal den Helene Fischer Fan fragen?

If you want to write a sentence to the people live in future, what are your words?

Hier ist niemand, dem ich diese Frage spontan stellen möchte. Es ist eine besonders schöne Frage und die Antwort sollte mich schon etwas interessieren. Ich habe sie via WhatsApp meinem Neffen gestellt. Da soll noch mal einer sagen, dass Teenager nicht das machen, worum man sie bittet. Et voila:
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extrovert and introvert?

Den ins Telefon brüllenden, mit seinen Aufriss-Plänen für das kommende Wochenende prahlenden Typen mir gegenüber, müsste ich nicht fragen. Extrovertiert oder einfach ein bisschen doof. Ich bin – wenn ich mich entscheiden muss – eher introvertiert, aber nicht so doof wie der Typ.

do you have a fantasy child ?

Hier könnte ich wirklich Hilfe benötigen, ich verstehe die Frage nicht ganz. Es erinnert mich an einen Artikel über thailändische Frauen und ihre Puppen, den ich kürzlich gelesen haben. Die Puppen, genannt „Engelkinder“, sehen sehr echt aus. Die Frauen reden mit ihnen und behandeln sie wie lebende Kinder. Restaurants berichten, dass Besucherinnen auf Stühle für ihre Puppen bestehen. Ihnen sollen gute Geister inne wohnen. Apropos… von allen guten Geistern verlassen ist auch der Depp neben mir, der mir gerade den Arm um die Schulter legt. Naja fast. Ähnlich der Geste beim Einparken, wenn ein Arm auf die Lehne des Beifahrersitzes rutscht. Er dreht sich auch um. Seine Freundin sitzt hinter ihm und ich wechsle den Platz. Mir ist das heute alles zu eng hier.

do you remember your first dialog in your first love story of your life? what was it?

Obwohl es mich reizt, dass verbissen dreinblickende Paar vorne links zu provozieren, indem ich ihnen diese Frage stelle, beantworte ich sie lieber selbst:

– Du verarscht mich doch. (Die ersten Worte meiner ersten großen Liebe…hach)
– Nein!
– Du bist keine 16.
– Doch.
– Wir gehen heute Abend ins Nachtwerk.
– Ich kann nicht.
– Warum?
– Vielleicht bin ich doch erst 15.

Er ging ins Nachtwerk, die Disko. Ich saß daheim und versuchte den Schülerausweis zu fälschen. Es klappte nicht (falls Mama mitliest).

have you ever planted a tree?

Der, mit den Einkaufstüten, ganz hinten hat das sicher schon gemacht. Seine Hände sehen aus, als würde er täglich Bäume pflanzen und als könne er sie auch mühelos wieder ausreißen. Interessant wäre es zu wissen, ob er auch ein Haus gebaut und einen Sohn gezeugt hat. Ich fürchte er würde mir nicht darauf antworten. So sehr, wie er beim Vorbeigehen nach kaltem Rauch gerochen hat, ist sein einziger Gedanke die nächste Kippe. Er ist auch schon ganz unruhig und würde sich kaum dafür interessieren, dass mir ein Baum noch fehlt (Haus und Sohn auch) – aber meinen Balkon, den bepflanze ich hingebungsvoll Jahr für Jahr aufs Neue.

 if you want to learn another language, what is it? 

Die Münchner Ü-Bahn ist bunt. Neben Türkisch höre ich auch griechisch und französisch und etwas das sehr fremd klingt. Ich würde gerne letzteres lernen. Mit Englisch, Spanisch und Italienisch komme ich gut durch. Die Franzosen müssen – ob sie wollen oder nicht – Englisch mit mir reden oder auf ein Gespräch verzichten. Eine weitere Sprache…gerne. Aber dann  nur aus Lust- und nicht aus Vernunftgründen. Vielleicht persisch. Wenn meine frühere Kollegin mit ihrer Mutter telefonierte, klang das immer sehr hübsch.

Drei Fragen habe ich unterschlagen. Sie wären durchaus eine Antwort wert gewesen, aber ich muss hier raus.
Danke, Reza. Es hat mir große Freude bereitet!

 

22 Gedanken zu “Liebster Award in der U-Bahn

  1. Sehr schön. Man sieht derzeit ja wieder häufiger den Liebsten. Und neben den zahlreichen Antworten, die etwas über die Person sagen, ist es auch spannend, den unterschiedlichen Umgang damit zu sehen.
    Die Antworten mit deinen Beobachtungen zu verknüpfen ist großartig. Die Figuren ziehen an meinem geistigen Auge vorbei und jede Frage ist eine Station. Das gefällt mir sehr gut. Und dann stecken noch so kluge Aussagen hinter der Geschichte, dass ich fast ein wenig neidisch werde.

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    1. …sagt der, der aus simplen Fragen selbst so schönes macht. Der Liebste ändert sich in letzter Zeit etwas. Ich bin noch nicht so lange hier, aber ich glaube, dass einige die mehrfach Fragen beantworten dürfen, ein wenig aus dem Korsett ausbrechen und versuchen etwas Neues daraus zu machen. Eine schöne Entwicklung. Ich lese beides gerne.
      Freut mich, dass ich dich mit in die U-Bahn nehmen durfte. Da sind ja manchmal so schräge Leute unterwegs, dass man gerne ein vertrautes Gesicht bei sich hat 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Deine Geschichte hat mich (wieder mal) in den Bann gezogen. Gelacht (begleitet von einem vorwurfsvollen: „Papa…), geschmunzelt, gegrinst.
    In der U-Bahn sitzend, dabei Fragen beantworten und Mitreisende examiniert. Das kann nur Mitzi in dieser unterhaltsamen Weise.

    Mich überkamen da spontan 2 Gedanken:
    – gut, das ich immer öfter kein Englisch können will
    – Mit Mitzi U-Bahn fahren, 2 Tage lang, nur Umsteigen, Verpflegung im Rucksack, muss ich unbedingt auf meine „to do-list“ der wichtigsten, noch zu erledigenden Aufgaben setzen

    Ich will auch nicht „klugscheißern“, aber meine nicht vorhandenen Englisch-Kenntnisse ließen mich darauf aufmerksam werden, das die Frage nach Künstlern anstelle von Politikern richtigerer lauten sollte: If writers, or poets, (or any other artists) .. would replace politicians, what would happen?“
    Ich hatte „Anlaufschwierigkeiten“, den Sinn der Frage zu erfassen. Aber, es geht ja auch um keine Dissertation.

    Neue Sprachen lernen? Ich darf Dir von Thai abraten.

    Nicht nur, das es gilt eine völlig andere Schrift zu lernen (mit 28 Vokalen und 44 Konsonanten), es ist obendrein noch eine tonale Sprache, (ähnlich dem chinesischen) mit 5 Tonhöhen. Und die sollte man besser können, ich kann es nicht, einfach weil ich oft keinen gesprochenen Tonhöhenunterschied feststellen kann und die meisten Einheimischen sich keine Mühe geben wollen, den „Farang“ zu verstehen.
    Wozu auch, denken macht Kopfschmerzen!

    Keine Herabsetzung, sondern nur die Übersetzung des allgegenwärtigen Spruchs: „Mai thong khit, puad hua“, nur noch getoppt von: „Maibelai“, eigentlich „mai pen rai“, frei übersetzt: „Mach dir mal keinen Kopp“, „Nicht wichtig“, „Egal! / Wurscht!“.

    „Mai pen rai“ war übrigens unter König Chulalongkorn (Rama V, der mit den mehr als 90 Kindern – auch in einem Musical verarbeitet, gefolgt von einigen Hollywood-Schmonzetten) in den Amtstuben seiner Zeit, bei harten Strafen, verboten auszusprechen.

    Du müsstest zudem das „Hochthai“, die Amtssprache lernen, sonst würdest Du nie und nimmer einen einzigen Deiner Texte in Thai übersetzen können, weil Du nicht annähernd deinen vorhandenen Wortschatz, deine Diktion in die „normale Thai Umgangssprache“ überführen könntest.

    Die meisten Worte im „Umgangsthai“ und aus dem „gehobenen Thai“ sind einsilbig, einige zweisilbig, ganz wenige dreisilbig.
    Mit dem Wortschatz aus der „Amtssprache“ überforderst du jeden „normalen“ Thailänder. Er/Sie kennt diese Worte einfach nicht. Hört deshalb keine Nachrichten und vermeidet Ämtergänge. Und um „Kopfschmerzen“ zu vermeiden. 🙂

    Die „Hofsprache“ wäre per se tabu, da sie nur der königlichen Familie und den hohen Beamten im Hofstaat vorbehalten ist. Wikipedia gibt einen kleinen, aber guten Einblick.

    Aber ehrlich; Münchner bzw. Unter-Giesinger-Bayrisch, deutsch, englisch, italiano und español müssten genügen, vielleicht nicht für die Münchner U-Bahn, aber ich bin mir fast sicher, das Du relativ selten das direkte Gespräch dort mit den Mitfahrern suchst.

    Außerdem befürchte ich, das dein Fleiß, eine neue Sprache erlernen zu wollen, deine Schreibtätigkeit erheblich reduzieren würde.
    Und das wollen wir nicht!
    Liebe Grüße, Michael

    Gefällt 3 Personen

    1. Lieber Michael,
      danke für den gelungenen Abriss der Sprach(en) die dich täglich umgeben. Einfach klingt es nicht und ich las schmunzelnd „um Kopfschmerzen zu vermeiden“. Vielleicht nicht die schlechteste Strategie. In nächster Zeit werde ich tatsächlich keine neue Sprache lernen. Obwohl es mir wahrscheinlich Spaß machen würde, fehlt schlicht die Zeit. Die ist eh an allen Ecken und Enden knapp. Nicht zu Letzt, weil ich es mir nicht nehmen lassen möchte, auch mal gar nichts zu machen.

      Deine Übersetzung aus dem Englischen ist sicher korrekt. Ich habe die englischen Fragen übernommen und nichts daran geändert. Sowohl für Reza als auch für mich ist es nicht die Muttersprache und ich dachte mir, dass es völlig reicht wenn man den Sinn versteht. Es darf holpern.
      So eine U-Bahn Fahrt mit Proviant und ohne Ziel….das klingt verrückt aber gut!
      Liebe Grüße

      Gefällt 2 Personen

  3. Man kann einfach elf Fragen beantworten oder man kann, wenn man Mitzi heißt, die Beantwortung in eine Szenerie einbetten und zuerst mal ein bisschen auf der Metaebene über die Fragen sinnieren. Das ist amüsant und unterhaltsam, und ich hatte dich vor Augen, wie du dort schreibend sitzt, mal rundum blickst, Leute in deine Text einbeziehst, die wiederum denken könnten, die macht in der U-Bahn ihre Hausarbeit. Dann beneide ich dich natürlich um dein Gedächtnis, dass du den witzigen Dialog deiner ersten Love Story noch weißt. All die Mitteilungen so fein zu präsentieren und gleichzeitig die U-Bahn-Szenerie immer im Blick zu halten, das ist Mitzis Schreibkunst.

    Gefällt 3 Personen

    1. Es ist schön sich in der U-Bahn die Zeit zu vertreiben. Für ein Buch ist es zu laut und unruhig – ich lasse mich zu leicht ablenken. Die Gedanken schweifen zu lassen, ist die leichtere Aufgabe. Und auch die schönere. Wenn ich damit unterhalten kann, freut es mich.
      Danke, lieber Jules.
      Einen schönen Sonntag.

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  4. Sehr spezielle Reise. Den Gedanken, die Fragen in der U-Bahn zu beantworten, finde ich schon deshalb interessant, weil da ja diese Symbolik des in-die-Tiefe Gehens mitschwingt. Diese in der Einleitung angesprochene Schwere der vermeintlich leichten Fragen. Eine echte Antwort ist ja doch etwas ganz anders als der erste (R)Einfall. Und man möchte ja nichts schreiben, bei dem man sich Augenblicke später bestürzt fragt: Welches Hirnwrack hat DAS denn geschrieben? [Wobei ein echtes Hirnwrack genau diese Frage ja nie bei den eigenen Ergüssen stellt – die zahllosen Armuts-Selbstzeugnisse aus den Kommentarsektionen der Online-Zeitungen lassen grüßen.]
    Wie weit aus der Tiefe deine Antworten kommen, weiß ich nicht. Aber oberflächlich sind sie nicht. Und mit der Beschreibung der Mitpassagiere kommt eine herrliche Ironie ins Spiel. Denn die Begegnungen im Abteil bleiben ja in der Regel (und zum Glück) oberflächlich – da kann die Bahn U sein so lange und so heftig sie will. Die Begegnung hier im Blog über das achsooberflächliche Internet dagegen… 🙂

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