nine eleven

Manche Daten sind unauslöschlich mit einem bestimmten Ereignis verbunden. Viele mit ganz persönlichen Erinnerungen und einige mit Geschehnissen, die eine ganze Generation verbinden. Früher war der 11. September für mich der Geburtstag meiner Schwester und läutete zugleich das Ende der Sommerferien ein. Seit meinem USA Besuch im September 2001 ist der Tag zu einem öffentlichen Datum und zugleich zu einer ganz persönlichen Erinnerung geworden. Ich habe eine Handvoll Menschen kennen gelernt, deren Freundschaft ohne die schreckliche Katastrophe kaum entstanden wäre.

Als im August mein Freund Schluss machte und meine Pläne nach Italien auszuwandern zerbröckelten, entschied meine Freundin Marie, dass ich einen Teller heißer Suppe nötig hätte.  Russische Suppe, nach dem Rezept ihrer Großmutter zubereitet und von einer guten Freundin serviert.  Da Marie das Rezept ihrer Großmutter niemals weiter gegeben hätte und sich für ein Praktikum gerade in den USA befand, musste ich für einen Teller Suppe  nach San Francisco fliegen.  Die im ersten Moment völlig irrsinnige Idee fand vor allem bei meinem damaligen Mitbewohner Anklang. Ich vermute  er war mit dem heulenden Häuflein Elend hoffnungslos überfordert und stürzte sich deshalb sofort auf die Suche nach einem günstigen Flug. Ich selbst wurde nicht nach meiner Meinung sondern nur nach meiner Kreditkartennummer gefragt. Eine Woche später stand ich am Flughafen und begriff erst dort, dass mein bester Freund und Mitbewohner im Begriff war mich und meine Liebeskummer abzuschieben.

Es gibt nur wenige Dinge die Liebeskummer überdecken können. Die Suppe von Maries russischer Großmutter gehört dazu.  Heiß scharf und geschmacklich nicht zu identifizieren.  Die Suppe, mehrere Gläser Wodka (Marie war und ist das lebende Klischee einer Russin), die Eindrücke eines völlig neuen Landes  und das Gefühl in die Kulisse einer amerikanischen Fernsehserien gesprungen zu sein halfen tatsächlich.  Ich hatte drei fantastische Wochen. Noch immer traurig aber nicht mehr mutlos und am Boden zerstört.  Der von Marie bewohnte Appartmentblock war ein eigenes kleines Universum. Ein Pool im Innenhof, eine gemeinsame Waschküche und ein kleines Fitnessstudio ganz oben. Man kam schnell ins Gespräch und während Marie tagsüber arbeitete, lernte ich ihre Nachbarn kennen.

Am 11. September, kurz vor meiner Abreise, schwamm ich schon am frühen Vormittag einige Bahnen im Pool. Chuck, ein Nachbar, kam dazu.  Wir  hatten geplant gemeinsam raus aus der Stadt zu einem Weingut zu fahren, dort den Tag zu verbringen und abends für Marie und andere Nachbarn zu kochen. Es kam anders. Wir fuhren nicht zu dem Weingut. Die kommenden Stunden saßen Chuck und ich sprachlos vor dem Fernseher und sahen fassungslos immer wieder die gleichen schrecklichen Bilder der brennenden und später einstürzenden Türme. Mittags stieß Marie zu uns. Ihr Büro in der Innenstadt hatte die Mitarbeiter nach Hause geschickt. Renaldo kam am Nachmittag. Er wohnte nebenan und wollte nicht alleine sein. Seine Schwester arbeitete in New York und er konnte sie nicht erreichen. Renzo trafen wir am Abend in seinem Restaurant. Im Fernseher an der Wand liefen noch immer die gleichen Bilder. Nicht nur bei uns – überall. Bei Renaldos Familie in Brasilien, bei Maias Großmutter in Russland, bei Chucks Eltern wenige Straßen weiter, in Spanien bei Renzos Brüdern und bei meiner Familie in Deutschland.

Wir kannten uns kaum, wussten nicht viel voneinander und doch saßen wir die ganze Nacht zusammen. Manche Bilder kann man nur ertragen, wenn man die Hand der Person hält, die neben einem sitzt. Wir fielen uns vor Erleichterung in die Arme, als Renaldo endlich seine Schwester erreichte und unterhielten uns leise, bis zum nächsten Morgen. Natürlich sprachen wir über die Katastrophe, aber wir erzählten uns auch viele andere, sehr persönliche Dinge. Wir waren über 4000 Kilometer von New York entfernt und zum Teil noch sehr viel weiter von unseren jeweiligen Heimaten. Trotzdem fühlte sich die Welt damals erschreckend klein und verletzlich an und keiner von uns wollte alleine sein.

Mein Heimflug verschob sich um fast zwei Wochen und ich sah die Jungs jeden Tag. Zu fünft am gleichen Ort waren wir nach dieser Nacht aber nie wieder. Ich nahm ihre Namen und E-Mail Adressen mit nach Hause und hörte jahrelang nichts mehr von ihnen. Marie kam Ende des Jahres zurück nach München. Ich zog nach Italien, überwand meinen Liebeskummer und lebte und liebte mein Leben weiter.  Von Chuck, Renaldo und Renzo hörten wir erst wieder als Facebook seinen Siegeszug antrat.
Am 9.11.2008 machte Renzo sich auf die Suche nach uns. Seit dem schreiben wir uns ab und zu und nehmen über die Facebook Timeline am Leben der anderen Teil. Sehr sporadisch. Nur einmal im Jahr sind wir fast immer gleichzeitig online. Immer am 11.09. Wir leben auf unterschiedlichen Kontinenten, tausende von Kilometern entfernt und leben unterschiedliche Leben. Wir werden wohl nie wieder zu fünft an einem Ort sein und uns in den Armen liegen. Unsere Religionen, Berufe und Familienstände sind so unterschiedlich wie unser Alltag, unsere Wünsche und unsere Wertvorstellungen. Wir könnten nicht weiter voneinander entfernt sein.  Aber einmal im Jahr schrumpft die Welt auf die Größe eines Bildschirms zusammen und wird klein. Dann sind mir diese sonst so fremden Männer ganz nah.

8 Gedanken zu “nine eleven

  1. ja es gibt diese ereignisse, die sich in die erinnerung einbrennen. auch ich kann mich noch mehr als gut an diesen tag erinnern und auch wenn meine welt zum damaligen zeitpunkt irgendwie noch wesentlich kleiner war, habe ich dieselbe erfahrung gemacht. mein heute bester freund und ich saßen damals, als wir uns kaum kannten, den ganzen nachmittag und abend vor icq, wenn auch nur 20km voneinander entfernt, gemeinsam fassungslos.

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    1. Die Erinnerung wird bleiben. Für unsere Generation, die zuvor fast ohne Terror aufgewachsen ist oder ihn nicht bewusst wahrnahm war es ein einschneidendes Ereignis. Nicht zuletzt wegen der medialen Präsenz des ganzen.

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