nine eleven #2

nine eleven    …..Am 11. September, kurz vor meiner Abreise, schwamm ich schon am frühen Vormittag einige Bahnen im Pool. Chuck, ein Nachbar, kam dazu.  Wir  hatten geplant gemeinsam raus aus San Francisco zu einem Weingut zu fahren, dort den Tag zu verbringen und abends für Marie und andere Nachbarn zu kochen. Es kam anders. Wir fuhren nicht zu dem Weingut. Die kommenden Stunden saßen Chuck und ich sprachlos vor dem Fernseher und sahen fassungslos immer wieder die gleichen schrecklichen Bilder der brennenden und später einstürzenden Türme. Mittags stieß Marie zu uns. Ihr Büro in der Innenstadt hatte die Mitarbeiter nach Hause geschickt. Renaldo kam am Nachmittag. Er wohnte nebenan und wollte nicht alleine sein. Seine Schwester arbeitete in New York und er konnte sie nicht erreichen. Renzo trafen wir am Abend in seinem Restaurant. Im Fernseher an der Wand liefen noch immer die gleichen Bilder. Nicht nur bei uns – überall. Bei Renaldos Familie in Brasilien, bei Maias Großmutter in Russland, bei Chucks Eltern wenige Straßen weiter, in Spanien bei Renzos Brüdern und bei meiner Familie in Deutschland.


Wir kannten uns kaum, wussten nicht viel voneinander und doch saßen wir die ganze Nacht zusammen. Manche Bilder kann man nur ertragen, wenn man die Hand der Person hält, die neben einem sitzt. Wir fielen uns vor Erleichterung in die Arme, als Renaldo endlich seine Schwester erreichte und unterhielten uns leise, bis zum nächsten Morgen. Natürlich sprachen wir über die Katastrophe, aber wir erzählten uns auch viele andere, sehr persönliche Dinge. Wir waren über 4000 Kilometer von New York entfernt und zum Teil noch sehr viel weiter von unseren jeweiligen Heimaten. Trotzdem fühlte sich die Welt damals erschreckend klein und verletzlich an und keiner von uns wollte alleine sein.

Sie wird es auch heute noch. Wie in jedem Jahr schrumpft die Welt von Marie, Chuck, Renzo, Renaldo und mir am 11. September ein Stück weit zusammen. Seit Renzo uns vor zehn Jahren auf Facebook suchte und fand, ist es leichter geworden sich nah zu sein und doch scheitern wir noch immer an Zeitzonen, Skype und Telefonkonferenzen. Es ist egal. Wir chatten und telefonieren uns durch den Tag und die Nacht und irgendwann sind wir zusammen. Obwohl wir uns nie wirklich kennen lernten, gehören diese vier Menschen zu meinen  Freunden. Mit ihnen teilte ich das Gefühl weit weg von zu Hause einen verstörenden Ausnahmezustand zu erleben und erlebte das Entstehen von Freundschaften zwischen Menschen, die der Zufall zusammen gespült hatte. Wir wurden in dieser Nacht zu Freunden ohne uns zu kennen. Wir kennen uns noch heute nicht wirklich und doch, teilen wir Dinge, die wir sonst niemanden sagen. Als mein Freund sich das Leben nahm, schrieb ich es vier Menschen, die zuvor nicht einmal wussten, dass er existierte. Jeder von ihnen rief mich in den nächsten 24 Stunden zurück und keiner erwartete, dass ich einen vernünftigen Satz heraus bekam. Wir wissen um unsere seltsame Freundschaft und jeder von uns hat sie bereits in Anspruch genommen. Wir tun es dann, wenn unsere engsten Freunde zu nahe sind und Nähe noch schwer zu ertragen ist. Wenn Dinge passieren die uns sprachlos machen. Es ist eine Freundschaft, die uns manchmal fordert. Was schreibt man einem Mann, dessen Neugeborenes nach drei Tagen an einem Herzfehler stirbt. Wie tröstet man wenn ein Wasserschaden das eigene Restaurant und damit einen Traum und einen Lebensinhalt zunichte macht. Und was sagt man einem, der von der Liebe seines Lebens betrogen und verlassen wird. Wir schreiben nichts. Wir sprechen Einladungen aus. Deutschland, Brasilien, Russland, Spanien und Kalifornien – wenn es nicht mehr geht, dann kommst du. Bisher hat es noch keiner gemacht, aber bei Bedarf die halbe Welt  zwischen sich und den Kummer schieben zu können, zu wissen, dass man, wenn man möchte, tausende von Kilometern davon laufen kann, das ist beruhigend.

2021 haben wir uns Zwanzigjähriges. Das Datum steht fest im Kalender von jedem von uns. Wir werden uns wieder sehen. Das erste mal in San Francisco. Wir werden Chuck besuchen und uns an dem Ort treffen an dem wir uns kennen lernten. Danach werden wir würfeln und uns mit etwas Glück die Orte zeigen, die wir Heimat nennen.

In San Francisco ist es jetzt zehn, Brasilien müsste ähnlich sein, Spanien  wie bei mir und Russland, Moskau….Herrgott, ich lerne es nie. Um Mitternacht, meine Zeit, will ich ins Bett, das schreib ich ihnen jetzt. Und setze eine Kanne Kaffee auf, das wird ja eh nichts. Mit dem Schlafen heute. Zum Glück wohnt keiner in Asien, wenn wir noch warten müssten, bis der aus dem Büro kommt….dann würden wir es wohl tun.

 

 

 

17 Gedanken zu “nine eleven #2

  1. Dieser Tag hat sich wohl auf unterschiedlichste Art und Weise bei Vielen eingebrannt, ich habe ihn auch nie vergessen. Aber dass daraus solche eine tragende Freundschaft/Verbindung erwächst, das ist dann eben doch sehr außergewöhnlich. Ich freue mich für euch.
    herzlichst, Ulli

    Gefällt 6 Personen

  2. Beim Lesen deiner Zeilen dachte an Menschen, die sich nicht kannten und plötzlich gemeinsam starben. Thrnton Wilder: die Brücke von San Lui Rey (1927). Immer denke ich daran, wenn ein Zug entgleiste. Wenn ein Flugzeug abstürzte, Wenn eine Bombe explodierte. Wenn eine Brücke einstürzte. Wenn ein Feuer wütete. Als die Türme einstürzten. Warum starben diese Menschen zusammen?
    Wie gut, dass es auch „andersherum“ geht. Passt auch euch und eure wertvolle Freundschaft auf!

    Gefällt 3 Personen

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