U-Bahn Gedanken – Tragödie oder Komödie

Im Bus sitze ich immer ganz hinten. Damit ich hinten einen Platz finde, steige ich immer schon eine Station früher ein. Besonders in der Linie 54 muss man hinten sitzen. Während man vorne ordentlich in Zweiersitzen Platz nimmt und brav nach geradeaus blickt, sitzt man im hinteren Viertel etwas erhöht und sich zu viert gegenüber. Die letzte Reihe, die wichtigste, ist einem dabei ganz nah. Dort in der letzten Reihe spielen sich die zwischenmenschlichen Dramen ab. Eigentlich nur eines. Aber dieses spitzt sich seit Mitte August zu und sorgt dafür, dass vorne kaum noch einer sitzen möchte. Niemand möchte verpassen, mit wem Lilly am Vorabend geschlafen hat. Weiterlesen

Sonntags Liebe

Das achtzehnjährige Teenagermädchen schleudert sein Smartphone durch den Flur und brüllt, dass sie den blöden Arsch nie wieder sehen möchte. 
Meine doppelt so alte Freundin Hannah am Telefon überlegt ob sie den Idioten, der ihr die letzten Monate Zeit und Nerven raubte, auf WhatsApp nicht besser blockieren sollte.
Der Teenager jault auf, weil das Telefon im Arsch ist und der Arsch sie nun nicht mehr erreichen kann.
Hannah flucht, weil sie feststellt, dass sie den Idioten schon gestern, nach dem dritten Glas Wein blockiert hat und nun nicht weiß, ob er nächtens nicht etwas versöhnliches geschrieben hat.
Ich löffle Kartoffelsuppe und deeskaliere. Reiche mein eigenes Smartphone der einen und lüge die andere an, indem ich behaupte, dass Nachrichten nach dem Entblocken selbstverständlich nachträglich zugestellt werden.
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Bei leisem Schnurren gibt es nur eine richtige Antwort

Meine Nachbarin Judith kann Paul nicht ausstehen. Das weiß ich, weil sie es mir gesagt hat. Das ist kein großes Unglück, denn mein Nachbar Paul kann mit Judith auch recht wenig anfangen. Das wiederum weiß ich, weil er wenn sie am Lift steht, grundsätzlich die Treppen benutzt nur um nicht mit ihr sprechen zu müssen. Bei jeder Treppenbenutzung Pauls steigt Judiths Abneigung. Aktuell befindet sie sich auf dem Level eines missbilligen Schnaufens, wenn er an ihr vorbei läuft. Mitte des Jahres wird sie ihr Schnaufen durch ein Schnalzen der Zunge ersetzten. Dann fehlt nicht mehr viel und nächstes Jahr läuft Paul Gefahr, dass sie ihm im Vorbei gehen ein Bein stellt. Judith ist nachtragend. Seit sie mit Paul vor zwei Jahren anlässlich unseres Hinterhof Flohmarktes einen Kaffee getrunken hat und er sie fragte wann das Kleine den kommen würde, spricht sie nicht mehr mit ihm. Das Kleine war zu diesem Zeitpunkt bereits vier Monate alt und lag schlafend im Kinderwagen neben ihr. Weiterlesen

Beschönigen hilft da nicht

Christoph(rox) unterstellt mir ein ausgeprägtes Aggressionspotential und Jules gefällt es. Sag mal, geht´s eigentlich noch, meine Herren? Der eine glaubt es mit einem Zwinkern in Form leicht deformierter gelber Köpfe als feine Ironie zu kennzeichnen, der andere trägt zunächst zu meiner Ehrenrettung in Form von erlegten Säuen bei und klickt dann doch auf ein „Gefällt mir“ wenn der erste mit der BILD droht. Weiterlesen

Walnüsse von Herrn Meier

Seit einiger Zeit liegen in meinem Briefkasten regelmäßig ein paar Walnüsse. Meistens sind es nur zwei oder drei Stück. An guten Tagen auch einmal fünf. Da mein Briefkasten nur noch selten handgeschrieben Briefe oder Postkarten für mich bereit hält, sind diese Nüsse ein großes Glück. Herr Meier steckt sie durch den schmalen Schlitz und lässt sie zu den Rechnungen und den Broschüren meiner Krankenkasse fallen. Weiterlesen

Anna Blume

„Ich liebe dich.“ Drei Worte und meistens ein Satzzeichen. Ein kleiner, schüchterner oder auch wild entschlossener Punkt; ein lautes, polterndes Ausrufezeichen oder das unscheinbare Komma, das hinter diesen Worten selten etwas Gutes einleitet. Ich mag den Punkt am liebsten. Ich liebe Dich. Punkt. Ende (oder Anfang). Eine Tatsache, die nicht erklärt werden muss. Ich habe Lieblingssätze. Ich liebe dich, gehört nicht dazu. Weiterlesen

So, bitte nicht!

Versucht sich ein Liebespaar darin, nach Beendigung der Liebe, ein Freundespaar zu werden, geht das meistens gründlich schief. Der klügste meiner Exfreunde und ich, können davon ein Lied singen. Wir trennten uns, blieben aber einfach weiter in der gemeinsamen Wohnung  hocken. Beide. Man ist ja erwachsen. Man hat sich ja noch sehr gerne. Man möchte ja Freunde bleiben. Ich weiß nicht wie er es sieht, aber der Entschluss nach einer Trennung die Wohnung nicht aufzulösen, ist die schnellste und wirkungsvollste Methode eine Freundschaft zu zerstören. Weiterlesen

Wortlos

Abends, kurz vor dem Einschlafen, sitzt er oft auf meiner Bettkannte und sieht mich mit leicht gerunzelter Stirn an. Ich bin zu müde um mich mit ihm auseinander zu setzen, aber wenn er mich nur lange genug stumm ansieht, verfliegt die Müdigkeit und ich rapple mich noch einmal auf. Ich schlage die Beine unter und warte darauf, dass er etwas sagt. Ich mag seine Augen und kenne jeden einzelnen der kleinen schmutzig braunen Flecken in der rechten Iris. Goldbraun würde schöner klingen, die Farbe ist aber eindeutig schlammig und ein bisschen dreckig. Weiterlesen

Schubs mich!

Ich mag keine Kalendersprüche. Da heißt es, alles Schlechte hätte immer auch etwas Gutes. Und das man dem größten Unglück noch eine positive Wendung abgewinnen kann. Aus schwarz wird weiß und wer heute noch weint, kann morgen schon wieder lachen. Man kennt all diese Sprüche und Kalenderblatt Weisheiten. Aber mal ehrlich….in dem Moment wo alles zerbricht, sind sie einem doch scheißegal. Weiterlesen