Schandwuchs

Eine Schande für die Nachbarschaft, sei ich, ließ mich meine Nachbarin Frau Obst, bei meinem Einzugs wissen. Gefährlich weit beugte sie sich in jenem Jahr über die Brüstung ihres Balkons und warf entrüstete Blicke auf den meinen. Monierte sie sich sonst über meist über ein Zuviel – zu viele Fahrräder vor dem Haus, zu viel falsch sortierter Müll oder zu viel Lärm in der Mittagszeit – war es bei mir ein Zuwenig, das ihr ins Auge stach. Sie konnte nicht wissen, dass ich schnell die Seiten wechseln würde. Das meine Schande des nichts, ganz bald zur Schande des Zuviel werden würde. Auch ich hatte angepflanzt und sie musste sich keine Sorgen machen. Mein Balkon würde nicht leer bleiben. Er würde wie all die anderen prächtig und üppig bepflanzt das Haus verschönern. Nur im April, da schlief er noch. Da überließ er die Bühne den blühenden Bäumen, weil es sinnlos ist mit einem explodierendem Kirsch- oder Apfelbaum zu konkurrieren. So sinnlos wie meiner Nachbarin zu erklären, dass ich ihrem Wunsch nach Verschönerung ganz sicher entsprechen würde. Oder auch nicht, den Schönheit liegt im Auge des Betrachters und das Auge, das meinen Balkon im Blick behielt, gehört zu den besonders kritischen. Weiterlesen

Zensierte Ehrlichkeit

Schreiben ist zweifellos eine wunderbare Sache. Nur sollte man mit einem möglicherweise vorhandenen Talent nicht allzu offen hausieren gehen. Glauben Sie mir, das wird anstrengend. Schreib du, ist seit einigen Jahren einer der meist gesagten Sätze meines Freundeskreises. Nicht etwa, schreib was schönes, sondern der Imperativ: Schreib! Beschränkt es sich bei meinem Freund meist auf Beileids- oder Glückwunschkarten und Einkaufszettel, schöpft der Rest aus dem Vollen. Durfte ich mich bis vor kurzem noch finanziell an Geburtstagsgeschenken beteiligen, bin ich jetzt für den persönlichen Touch der wenig kreativen Geschenke verantwortlich. A zieht ins Ausland? Der bekommt einen Gutschein und Mitzi schreibt was über Australien. Irgendwas lustiges, bitten sie. B lässt sich scheiden und man legt im Freundeskreis zusammen, damit sie sich bei einem Wellness Wochenende vor dem anstehenden Gerichtstermin noch einmal erholen kann. Jeder steuert unkompliziert und ohne Aufwand einen Schein bei und ich muss die aufmunternde Worte für die beigelegte Karte finden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich würde aufmunternde Worte finden, wenn ich das wollte. Und es wäre ein leichtes eine DIN A4 Seite amüsantes Geplänkel über eine vierköpfige Münchner Familie in Australien zu schreiben. Will ich aber nicht. Wenn ich schreibe, bin ich ehrlich. Viel ehrlicher als im Gespräch und wie man weiß ist reduzierte Ehrlichkeit eines der Geheimnisse guter Beziehungen und stabiler Freundschaften. Und doch, werde ich noch immer gebeten, etwas lustiges, spritziges oder tröstendes zu schreiben. Mittlerweile allerdings steckt man meine geschriebenen Worten nicht mehr in den Umschlag ohne sie vorher zu kontrollieren, zu korrigieren und gegebenenfalls auch zu zensieren. Weiterlesen

Da müssen Sie durch V

Ab Mai geht es hier wieder normal weiter. Vorausgesetzt, dass ich zurück komme. Gerade buche ich mein Flixbus Ticket und bin mir nicht wirklich sicher, ob ich es auch einlösen werde. Jetzt gerade besteht die gar nicht einmal kleine Wahrscheinlichkeit, dass ich vielleicht doch hier bleibe. Obwohl….es gibt auch sehr gute Gründe, wieder nach München zu fahren. Mein Blog ist voll damit. Ich werde wohl doch nach Hause fahren. Schließlich muss ich die drei Colombe (Oster Panettone) in Bayern abliefern. Die kann man mittlerweile zwar schon in Feinkostläden kaufen, aber meine Familie besteht darauf, dass ich sie liefere. Mache ich auch gerne. Mit drei großen, sperrigen Kartons reißt es sich besonders entspannt. Genauso wie mit den fünf Flaschen Wein, die mir meine Ex-Kollegen mit auf den Weg gegeben haben. Wenn ich mir die Flixbus Reisegruppe so ansehe, sollte ich mir eine Flasche mit nach drinnen nehmen. Ich kann sie womöglich brauchen.

Schön war es. Uns schön, dass Sie dabei waren. Bis bald.

Da müssen Sie durch IV

Sie sind beratungsresistent, die deutschen Freunde, die Verona besuchen. Egal was ich ihnen sage, am ersten Tag stehen sie zwischen 10:00 Uhr und 18:00 Uhr vor Julias überfüllten, nicht einmal besonders ansprechendem Balkon, trinken wässrigen Eiskaffee an der Piazza Bra und kaufen sich ein Stück lapprige Pizza to go irgendwo in der Innenstadt, wo es ihnen im gehen aus der Hand fällt. Es ist sinnlos, sie zu bitten es nicht zu machen. Ganz umsonst ihnen zu sagen, dass es an Julias Balkon nur ganz früh oder ganz spät ruhig ist und aussichtslos auf die horrenden Preise und die mangelnde Qualität an der Piazza Bra (direkt vor der Arena) hinzuweisen. Besonders ich, darf es nicht sagen, denn ich sitzt am ersten Tag IMMER an der Piazza Bra, schnappe mir unterwegs ein überteuertes Irgendwas und schau kurz (ohne es zuzugeben) bei Julia vorbei. Früher war es mein Heimweg, heute ist es ein Zurückkommen. Weiterlesen

Da müssen Sie durch III

Wissen Sie noch wie ich Ihnen hier vor fast fünf Jahren erzählt habe, dass ich meine erste Wohnung in Italien mit Hilfe der Feuerwehr bezogen habe? Hier habe ich es Ihnen noch einmal rausgesucht.

1705 Verona mit Sabine (73)Und hier das passende Bild dazu. Im vorderen gelben Haus war es das rechte Fenster im ersten Stock, das zu meiner Wohnung gehörte. Fast immer, wenn ich in Verona bin, gehe ich einmal durch die kleine Straße. Es ist sicher nicht die hübscheste, aber es war einmal meine. Heute erscheint mir die Straße breiter, als ich sie in Erinnerung hatte. Naja, es steht auch kein Feuerwehrwagen mitten darin. Ich mag sie noch immer, die Via Museo. Überhaupt ist mir Veronetta noch immer das liebste Viertel Veronas. Ruhiger als das Zentrum, in dem es vor Touristen nur so wimmelt und zugleich nie wirklich still, weil die Gassen oft so schmal und klein sind, dass man bei offenem Fenster das Leben nicht nur sieht sondern auch hört. Weiterlesen

Da müssen Sie durch II

Als ich mir wünschte in Verona für ein paar Tage richtig heimzukommen und mich wie früher zu fühlen, dachte ich an selbst gekochte Pasta, ein Glas Rotwein vor dem Zubettgehen und an das Geräusch der zischenden Bialetti am Morgen. Verstehen Sie mich nicht falsch, all das habe ich gerade und genieße es in vollen Zügen. Nur bekomme ich auch den Rest. All das, was ich bereits vergessen hatte und an das ich mich kaum noch erinnern konnte.  Jetzt fällt es mir wieder leicht mich zu erinnern, weil es genauso ist, wie damals, als ich Verona lebt. Der Kühlschrank springt an und die Sicherung raus. Benvenuti a casa. Weiterlesen

Da müssen Sie durch I

Ich habe versprochen, Sie mit nach Italien zu nehmen. Für kurze Zeit gibt es hier mehr Bilder als Worte. Und weil Sie alle Italien sicher kennen, bekommen Sie von mir „mein“ Italien.

Typisch für mein Italien ist es, dass ich München bei strahlenden Sonnenschein und 25° verlasse, um dann in Italien im Wolkenbruch und bei 15° anzukommen. Schön ist es trotzdem. Nicht zuletzt, weil man nur dann Dutzende von Menschen in bunten Plastikumhängen sehen kann, die einem Regenschirm hinterher laufen.

Die Arena ist aber, ist bei jedem Wetter schön. Ein Foto von mir nach der Ankunft erspare ich Ihnen.

Versprechen

Es war kalt, als ich vor sechs Wochen in der Mittagspause telefonierte und hoffte, dass mich die Wintersonne ein wenig wärmen würde. Sie tat es nicht. Dass ich nicht fror, lag am warmen Lachen am anderen Ende der Leitung. Wirklich, fragte er und ich nickte bevor ich es in einem Satz bestätigte. Diesmal würde ich wirklich kommen und reichlich Zeit im Gepäck haben. Schön, sagte er und ich rechnete es ihm hoch an, dass er kein Wort darüber verlor, dass ich das einst gegebene Versprechen über ein Jahrzehnt lang nicht erfüllt hatte. Es ist erschreckend leicht, gegebene Versprechen aufzuschieben und es braucht einen guten Freund, der über Jahre hinweg geduldig wartet, nicht drängt und doch keinen Zweifel darüber lässt, dass er nicht aufgeben wird. Nächste Woche löse ich mein Versprechen ein und es ist vieles, aber sicher keine Verpflichtung. Es ist etwas schönes, etwas auf das man sich freut und etwas bei dem man sich fragt, warum es manchmal so schwierig ist, es einfach zu machen. Kommst du runter auf einen Kaffee? Die Frage verkam mit den Jahren zu einer Floskel und erst vor sechs Wochen wusste ich, dass irgendwann der Moment kommt, in dem sie auch der geduldigste Freund nicht mehr stellen wird.  Weiterlesen

Sie fragen – ich lüge

Im Grunde bin ich ein sehr ehrlicher Mensch. Ich lüge nur äußerst ungerne und schwindle nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt oder für den Fragenden einfach besser ist, nicht alles zu wissen. Und doch gibt es ein Thema, bei dem ich fast immer lüge – Sport. Ich bin mir sicher, dass es kaum ein Thema gibt, bei dem mehr gelogen wird. Sogar unter guten Freunden. Wenn ich eine meiner Freundinnen am Samstag Vormittag in der U2 zufällig treffe, dann sieht sie nicht glücklich aus. Ihr Gesichtsausdruck schwankt zwischen genervt und unwillig und in ihren Mundwinkeln sehe ich die Abscheu gegenüber dem was kommt. Grüße ich sie aber, dann strahlt sie mich an. Hey, auch auf dem Weg ins Studio? Toll, gell? Mal wieder richtig auspowern. Wir lügen beide, dass sich die Balken biegen und versichern uns, dass es nichts schöneres gibt, als sich Samstagmorgen um kurz nach zehn von einem saublöd grinsenden Sadisten malträtieren zu lassen. Ne klar, macht Spaß wenn man feststellt, dass man auch nach Jahren des Trainings nach der zweiten (echten) Liegestütze einfach flach auf das Gesicht fällt. In meinen Augen eh eine völlig überbewertete Übung, da ich anscheinend zu den wenigen Menschen gehöre, deren Armmuskulatur für so etwas nicht gemacht ist. Meine Armmuskeln kann man nicht mit Liegestützen trainieren. Die können schwere Einkäufe durch die Gegend schleppen und bockige Dreijährige einen halben Tag lang durch die Stadt tragen. Das können die richtig gut. Was sie dagegen nicht können, ist mich selbst auch nur für dreißig Sekunden in der Luft halten. Das machen sie einfach nicht. Sie können mich auch nicht hochziehen. Hängt man mich an ein Reck, um einen Klimmzug zu machen, dann wird das nichts. Dann häng ich da, aber mehr auch nicht. Sollte ich jemals in den Bergen stürzen, einen Abhang runter rutschen und mich gerade noch an einem Felsvorsprung festhalten, dann wüsste ich was ich zu tun hätte. Einmal noch den Blick schweifen lassen, sehen wie schön wir es hier in Bayern haben und dann loslassen. Es wäre völlig sinnlos zu versuchen, mich hochzuziehen. Jahrelanges hängen an einer Reckstange hat mir bewiesen, dass meine Arme für so einen Mist nicht geschaffen sind. Lächeln, Ausblick genießen und fallen lassen – so würde es kommen. Da ich aber trittsicher und schwindelfrei bin, ist das unwahrscheinlich. Sollten sie dennoch mal in den Bergen eine kleine Blonde sehen, die gar nicht versucht wieder hoch zu kommen – das bin dann wahrscheinlich ich. Winken Sie, das würde mich sicher freuen.  Weiterlesen