Randlos und wortlos

Ich mag ihn nicht. Kann ihn nicht ausstehen, diesen überdeutlichen und symbolischen schwarzen Rahmen am Rande der Karten. Wenn der Rand schon schwarz ist, dann kann man auch gleich den Text vordrucken: Herzliches Beileid. Zwei Worte. Das reicht. Er oder sie ist tot und wenn wir ehrlich sind, dann ist es völlig egal, was in den Karten geschrieben steht. Wichtig ist nur, dass sie geschrieben werden. Wenn einer geht, dann bleibt für den der übrig ist, die Welt stehen. Andere müssen sie weiter drehen. Die, die es noch können, für die, die erst mal gar nicht mehr können. Ob ein schwarzer Rand das aussagt wage ich zu bezweifeln. Ich schmeiße das Kuvert in den Müll und nehme eines von meinen. Wenn sie es öffnet, weiß sie was darin stehen wird. Nichts was hilft und nichts was den Verlust schmälert. Aber immerhin, die Post wurde ausgeliefert und irgendwo da draußen scheint sich die Welt noch weiter zu drehen. Nicht bei ihr, aber irgendwo und vielleicht hilft das für einen kurzen Augenblick. Weiterlesen →

Bewundernswert einfach

Jetzt wo die Temperaturen morgens nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt liegen, sind die Bänke an der Bushaltestelle zu kalt für Herrn Mu geworden. Seine alten Cordhosen sind ein wenig arg abgewetzt und damit er sich auf dem eisigen Metallgitter der Sitze nicht verkühlt, hat er seit Anfang des Monats ein Sitzkissen dabei. Auf dem lässt es sich aushalten und ich bin wahrscheinlich nicht die Einzige, die sich fragt, warum er zwar ein Sitzkissen, aber noch immer keine geschlossenen Schuhe trägt. Noch immer sind es die bequemen Sandalen des Sommers, nur dass seine Füße jetzt in dicken Wollsocken stecken. Wahrscheinlich beantwortet das auch die Frage…bequem sind sie und die Wollsocken halten warm. Ich lächle, wenn ich Herrn Mu morgens an der Bushaltestelle sitzen sehe und mein Tag beginnt gut, weil er zurück lächelt.  Weiterlesen →

Bist du da?

Es war das Lachen meiner Freundin, dass mir zeigte, dass ich wieder zu Hause bin. Laut, eine kleine Spur zu grell, aber so herzhaft und warm, wie kein anderes, schallte es gestern Abend durch das Telefon und hieß mich willkommen. Sie wusste, wann mein Flieger landete und ahnte, dass mir der graue Nieselregen in München nicht gefallen würde. Ein kurzes Telefonat, verbunden mit dem Vorschlag ganz bald ein Glas Wein zusammen zu trinken, würde es mir bestimmt leichter machen, meinte sie und hatte recht. Wer mit einem so schönen Lachen empfangen wird, den kümmert das Wetter nicht mehr. Den Wein bräuchte es nicht. Eigentlich braucht es eh wenig, um sich zu Hause zu fühlen. Und doch gelingt es nur wenigen Menschen, dieses ganz besondere Gefühl zu vermitteln. Bei ihr ist es das Lachen, das mir – egal wo ich bin – vermittelt, einen Menschen an meiner Seite zu haben, mit dem ich durch dick und dünn gehe. Sie lachte schon so vieles weg. Manchmal unter Tränen, manchmal schimpfend. Irgendwann aber sprudelte immer dieses ganz besondere herzhafte Lachen hervor. Ich höre es und fühle mich zu Hause. Gestern war ich wieder zu Hause. Und das obwohl ich gerade erst von dort kam.  Weiterlesen →

Gurkenhobel, Kernseife und Bücher

Wikipedia behauptet, dass ein Jahrmarkt mit Volksfestcharakter im südostdeutschen Raum häufig als Dult bezeichnet wird. Anders als das Oktoberfest, das böse Zungen als Volksfest der charakterlichen, moralischen und geschmacklichen Entgleisungen bezeichnen, ist die Auer Dult wohl wirklich noch ein Jahrmarkt. Und doch so viel mehr. Die Auer Dult ist eine Institution und gehört für mich so fest zum Bestandteil Münchner Lebens, wie der Viktualienmarkt oder der Englische Garten. Etwas ganz besonderes und zugleich etwas sehr alltägliches, das weit über eine Touristenattraktion hinaus reicht. Wir Münchner aus den Vierteln Au, Giesing und Haidhausen laufen uns drei Mal jährlich auf der Dult über den Weg. Auf der Maidult, die am Samstag vor dem 1. Mai beginnt und die den Frühling in der Stadt auf das Schönste begrüßt; auf der Jakobidult, wenn die Stadt unter der schweren hochsommerlichen Hitze stöhnt und ächzt und auf der Kirchweihdult im Oktober am Wochenende vor Kirchweih wo man jeden warmen Sonnentag noch einmal mit besonders tiefen und wohligen Atemzügen willkommen heißt. Wir Münchner aus den angrenzenden Vierteln, treffen uns in diesen dreimal jährlich stattfindenden neun Tagen immer. Wir müssen nichts ausmachen, um am Dultwochenende nicht alleine durch die Gassen zu schlendern – man trifft sich. Immer. Weiterlesen →

Herzlichen Dank!

Herzlichen Dank an die wunderbaren Gäste gestern Abend. 

Schon das neunte Mal durfte ich im Rahmen der Südsehen-Lesereihe im schönen Münchner Valentinhaus lesen. 

Jedes Mal anders, aber immer ein Erlebnis. 

Auf bald,
Mitzi

Permanent schlecht gelauntes Miststück

Entgegen der E-Mail, die mich vor kurzem erreicht hat, bin ich kein „permanent schlecht gelauntes Miststück“ mit Hang zu „undurchschaubaren promiskuitiven Beziehungen“. Wobei ich ganz formell darum bitten möchte, den letzten Satzteil verwenden zu dürfen, wenn ich mich jemals bei Tinder anmelden sollte. Vielleicht auch den ersten, das würde mir Nachfragen jeglicher Art ersparen und ich müsste gar nicht erst versuchen ein solches arrangiertes Beischlaf-Event der Höflichkeit halber als etwas anderes zu bezeichnen. Ok, vielleicht bin ich jetzt gerade wirklich etwas schlecht gelaunt. Jetzt. Nicht permanent. Jetzt etwas mehr, weil mich jemand der mich nicht kennt, als Miststück bezeichnet. Das dürfen nur Freunde und Familienmitglieder. Die wissen warum und denen kann ich ab und an nicht widersprechen. Die sind aber auch aus Bayern und in Bayern ist ein Miststück kein schlechter Mensch, sondern nur einer, der sich zum Beispiel aus Versehen, das letzte Stück Erdbeerkuchen genommen hat und der mit vollem Mund nicht fragen konnte ob vielleicht sonst noch jemand Milch in den Kaffee will, bevor man am Sonntag den letzten Rest in die eigene Tasse kippt. Da sagt der Bayer schon mal Miststück. Also meine Freunde zu mir. Manchmal. Aber in einer E-Mail, in der man sich darüber beschwert, dass ich permanent schlecht gelaunt bin, da möchte ich schon gerne als Mitzi angesprochen werden. Meinetwegen auch als Frau Irsaj oder „hey du“, aber eben nicht als Miststück. Weiterlesen →

Nix mit Italien

Geschenkte Tage, nennt meine Mutter sie. Tage, die so schön und kostbar sind, dass man sie auf keinen Fall verstreichen lassen darf. Tage, von denen man ahnt, dass es für lange Zeit die letzten ihrer Art sein werden und Tage, die durch ihre Vergänglichkeit zu einem kostbaren Schatz werden. Heute ist ein geschenkter Tag. Ein Sonntag im Oktober, der so herrlich warm ist, dass man doch noch einmal in offene Schuhe schlüpft und wohlig seufzend den ersten Kaffee des Tages auf dem Balkon genießt. Freilich, der Sommer ist vorbei. Wir hatten schon Tage, da waren es morgens nur vier Grad und Tage, in denen man fröstelnd auf den Bus wartete und dem Sommer hinter her trauert. Aber heute nicht. Gesten und heute wurden uns Münchnern zwei Tage geschenkt, die so herrlich sind, dass man dem Sommer gar nicht hinterher trauern kann.  Weiterlesen →

Wiesn Katarrh

In unserem Treppenhaus stinkt es. Obwohl…eigentlich ist das nicht richtig. Eigentlich riecht es vor den Wohnungstüren verführerisch und feine Düfte ziehen durch das Treppenhaus. Das Erdgeschoss begrüßt den Bewohner mit kräftiger Kohlsuppe. Nach all der Völlerei während des Oktoberfestes ist ein kräftiges und zugleich entschlackendes Süppchen genau das richtige. Man kann die Kneipe, die sie auf die Karte gesetzt hat, durchaus verstehen. Mindestens genauso verständlich ist, dass der Wirt auch nach neun Monaten noch keinen neuen Filter in den Dunstabzug seiner Küche eingebaut hat. Warum auch? Das kostet sicher und viel einfach ist es, einfach die Küchenfenster zu öffnen und dem Innenhof plus unterer Stockwerke via Küchendämpfen mitzuteilen, was es heute zu essen gibt. Seit etwa einer Woche Kohlsuppe. Wahrscheinlich auch anderes, aber der penetrante Geruch von stundenlang gekochtem Kohl überlagert alles. Fast alles. Im ersten Stock riecht es weniger nach Kohl, dafür aber extrem intensiv nach Zwiebeln. Leider nicht nach dem feinen Duft, kleingeschnittener Charlotten, die in einer Pfanne mit Butter langsam angeschwitzt werden und einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Nein, der Zwiebelduft, der aus Herrn Meiers Wohnung dringt ist hart an der Grenze des erträglichem. Ein jeder weiß, dass gegen hartnäckigen Husten am besten ein Zwiebelsud mit reichlich Honig hilft. Ein jeder riecht aber auch, dass Herr Meier da irgendwas falsch verstanden haben muss. Dem Geruch nach hat er drei bis vier Kilo scharfer, weißer Zwiebeln grob zerhackt und in großzügig in der Wohnung verteilt. Nach einem Aufguss mit Honig oder Kandiszucker, der den pentranten Zwiebelgeruch etwas abmildern könnte, riecht hier jedenfalls nichts. Und zu helfen scheint es auch nicht, weil Herr Meier hustet. Und das laut und ausdauernd. Kein Wunder, er hat wie fast jeder den München den Wiesn Katarrh – die typische Erkältung in der Woche nach dem Oktoberfest, die ganze Viertel ereilt und in ihrer Heftigkeit den gefürchteten Männerschnupfen noch bei weitem übersteigt und beide Geschlechter heimsuchen kann. Damit er den nicht alleine hat, hustet Herr Meier gerne im Treppenhaus und da vorzugsweise im Aufzug, damit er auch möglichst vielen Nachbarn zeigen kann, wie schlecht es ihm geht. Ich nehme seit ein paar Tagen die Treppe und versuche möglichst nichts anzufassen, an dem bereits die Hustenhand von Herrn Meier gewesen ist. Weiterlesen →