Eben noch

Gerade eben noch, war das Innere des Autos vollgestopft mit Lachen und mit Worten. Nichts von dem was mir erzählt wurde, war belanglos. Nur angenehm schwerelos und fröhlich. Eben noch saßen sie neben mir und wir lachten über den dichten Nebel der über den Feldern lag. Gerade noch, gestanden wir uns, dass die Straße durch den Wald heute wirklich unheimlich ist und der Gedanke an einen Motorschaden Gänsehaut hervorruft. Wäre man alleine. Weiterlesen

Der letzte Erste

Ich mag Dinge die zusammen gehören. Anfang und Ende zum Beispiel. Oder das Erste und das Letzte. Die erste und letzte Seite eines Buches oder die erste und letzte Praline aus einer Schachtel. Das was dazwischen liegt kann durchaus genussvolle Freude sein, aber nie Premiere oder Abschluss. Besonders gerne mag ich den ersten Christbaum des Jahres. Den ersten echten Baum. Nicht die Dekoration in den Schaufenstern. Der erste Baum steht plötzlich an einer Kreuzung, bei einem Nachbarn auf dem Balkon oder wie heute vor dem Eingang zu meiner Firma. Mit meiner Freude über diesen ersten Christbaum habe ich meine Kollegen heute in den Wahnsinn getrieben. Weiterlesen

Nicht aussteigen 

Das leise streitende Paar in der Straßenbahn sollte noch nicht aussteigen. Nicht solange sie noch streiten und nicht solange nicht mindestens einer von ihnen wieder lächelt. Einer reicht, höre ich dich sagen und nicke. Natürlich reicht einer. Einem Lächelnden kann man schwerer böse sein und ein Lächeln lässt Streitmauern immer ein kleines Stück bröckeln. Es erinnert mich daran, dass ich dir böse bin. Du hast Geburtstag und ich mag dich heute nicht. Ich empfinde es als Zumutung an die Geburtstage von Menschen denken zu müssen, die nicht mehr hier sind, um ihn zu feiern. Wenn die Zahl der Geburtstage, die nicht mehr gemeinsam gefeiert werden können, die Zahl der Geburtstage, die man gemeinsam verbracht hat, übersteigen, dann wird das Datum scheußlich. Weiterlesen

Drei mal stark

Wer sich eine mit Ziegenfrischkäse gefüllte und mit Thymian gewürzte Dattel in den Mund schieben lässt und nur mit den Schultern zuckt, hat den feinen Geschmack nicht verdient. Die Datteln kommen aus Israel, sagte ich und nahm dir den Teller weg. Einen so weiten Weg legt man nicht zurück, um banalen Hunger zu stillen. Das hatten sie nicht verdient. Du würdest vor Hunger sterben, meintest du und ich überlegte ob der weite Weg durch einen Einsatz als Lebensretter gerechtfertigt werden würde. Ich lies es durchgehen und gab den Teller wieder frei. Weiterlesen

Until I wake up tomorrow…

Eisberge müssen nie weinen, flüstere ich leise in der Dunkelheit meines Schlafzimmers und warte auf dein Lachen. Nach all den Jahren kommt es noch immer. Wenn ich diesen Satz sage, dann höre ich dich lachen. Vor vielen Jahren summte ich das Lied auf einer nächtlichen Fahrt quer durch die Stadt. An der Ampel hörte ich dich lachen. Eisberge müssen nie weinen, fragtest du. Ja, Eisberge müssen nie weinen, meinte ich und fügte an, dass es ein seltsames Lied sei, mir aber gefallen würde. Du hast mich nie korrigiert und erst sehr viel später hörte ich heraus, dass es die Eisbären waren, die im kalten Polar nicht weinten. Weiterlesen

23 Atemzüge

Manchmal war dir die Welt zu groß. An solchen Tagen machten dich der weite Blick und die Ruhe in den Bergen nervös, während dir die Menschen in der Stadt gleichzeitig zu laut und zu nahe waren. An solchen Tagen bist du laufen gegangen, um den Kopf frei zu bekommen und an nichts mehr zu denken. Wenn du zurückkamst, warst du noch unruhiger als zuvor. Alles gut, sagtest du dann und nichts war gut. Weiterlesen

April Sand

Wir müssen den Rest nicht auch noch zerschlagen, sagt der eine von euch beiden und blickt auf den Scherbenhaufen vor seinen Füßen.  Klirrend wirft der andere ein weiteres Glas in Form eines Satzes durch den Raum und schüttelt Schulterzuckend den Kopf. Das wäre nun wirklich nicht mehr nötig, stimmt er zu und erhöht den Scherbenhaufen schon mit den nächsten Worten. Es wäre nicht mehr nötig, aber auch schon egal. Zwei stehen in meiner Küche, bewerfen sich mit Wortgläsern und kümmern sich nicht darum, dass es mein Boden ist, der sich in ein Meer aus Scherben verwandelt. Weiterlesen

015 irgendwas 23

1412355 war die Telefonnummer meiner Großeltern. Seit 26 Jahren gehört der Anschluss jemand anderem und doch erinnere ich mich noch gut an die Tastenkombination aus meiner Kindheit. Die 661341 war die Nummer der Wohnung in der ich aufgewachsen bin und 66xxxx gehört den Eltern meiner ältesten Freundin. Während ich die ihre nicht auswendig kann,  ist die der Eltern für immer in meinem Kopf gespeichert. Ich kann mich nur an jene erinnern, die ich nie irgendwo gespeichert habe, weil man sie früher am besten im Kopf behielt. In meinem Kopf war auch die, die mit 23 endete. Weiterlesen

Katze, Pasta, basta!

Meine Seele sitzt im Bauch. Nicht im Kopf, dort wäre es ihr zu unruhig und sie würde sich nicht wohlfühlen. Auch nicht in Armen oder Beinen, die ständig in Bewegung sind. Selbst im Herzen, wäre es ihr zu unruhig. Nicht nur wegen des ständigen Klopfens, auch wegen der kleinen Narben und Schatten, die ein erwachsenes Herz mit sich herumträgt. Etwas Staub und verheilte Wunden schaden einem Herzen nicht. Vernarbtes Gewebe macht es stärker und sorgt dafür, dass es nicht so leicht aus dem Takt zu bringen ist. Die Flecken zeigen, dass ein Mensch gelebt hat. Ein allzu sauberes und gänzlich unbeschadetes Herz in der Brust eines erwachsenen Menschen sollte misstrauisch stimmen. Weiterlesen

Ein Elefant auf dem Schuttberg

In München entstanden nach dem zweiten Weltkrieg zwei Trümmerberge, die meistens der große und der kleine Schuttberg genannt werden.  Obwohl es in München einige Hügel gibt ist der große Schuttberg eine der höchsten Erhebungen in der Stadt. Weil er nicht nur hoch sondern auch hübsch, und seit dem U-Bahn Bau zur Olympiade noch mal zehn Meter höher ist, nennt man ihn jetzt Olympiaberg. Beide Hügel waren nicht weit von der Wohnung meiner Großtante in Schwabing entfernt. Weiterlesen