Eine goldene Glocke und ein Esel

In meinem Keller steht ein Karton, der mir wichtiger und wertvoller ist als die meisten meiner Besitztümer. Obwohl er groß ist, wirkt er auf den ersten Blick unscheinbar und niemand weiß, dass er so kostbares beinhaltet. Die schönsten Dinge werden ja oft in unscheinbaren Behältnissen aufbewahrt. Früher war er weiß. Heute ist er grau und die Ecken des festen Kartons sind abgewetzt und der Deckel schließt nicht mehr richtig. Er muss nicht schön sein. Er steht ja das ganze Jahr im Keller. Solange er den Inhalt fest umschließt und die Schnüre, die als Griffe dienen, noch halten, ist es mir gleichgültig wie er aussieht. In ein paar Jahren werde ich ihn austauschen. Noch aber darf er bleiben, weil ich an ihm hänge und es mag zu wissen, dass dieser Karton an jedem Ort an dem ich lebte im Keller stand. Weiterlesen

München im Advent – grausam!

Als Münchnerin, die sich öffentlich im Internet zu Wort meldet, fühle ich mich verantwortlich für das Bild meiner Heimatstadt, das Nicht-Bayern vermittelt wird. Nicht-Bayern sind aus Münchner Sicht alle die, deren Wohnort sich außerhalb des Weißwurstäquators befindet. Und nein, über den Verlauf dieses Äquators lässt sich nicht diskutieren. Es ist die Donau und nur die Donau. Wäre sie es nicht, dann würde Nürnberg zum bayerischen Kernland gehören und das ist, mit Verlaub, schlicht nicht richtig. Man merkt es ja schon am Namen. Ober- und Niederbayern. Ende. Fast. Die Schwaben laufen so nebenbei. Aber dann ist Schluss. Die ganzen Frankenländer sind zweifellos wunderschön. Ebenso wie die Pfalz. Aber mit dem Bayern aus Münchner Sicht haben sie herzlich wenig zu tun. Einem Oberfranken, der von München keine Ahnung hat, fühle ich mich also ebenso verpflichtet, wie einem Ostfriesen.  Einen Nicht Bayern würde ich sofort bereitwillig Auskunft geben, wenn er wissen möchte, wo München am schönsten im weihnachtlichen Glanz erstrahlt. So schöne Ecken gäbe es. Aber….es bringt nichts. Egal wo ich den Hamburger, Nürnberger oder Chinesen hinschicken, die Münchner sind vor ihm da und die sind ein wirkungsvolles Mittel um jegliche Adventsstimmung zu vertreiben. Weiterlesen

Wider die doofen Pelzpuschel auf dem Kopf (wie Jules sagt) oder – es kotzt mich an (wie Mitzi traurig hinter her schiebt)

Sehen Sie den hübschen, flauschigen Puschel auf der Mütze. Hübsch von Jules animiert und hübsch anzusehen. Ein kleiner, hübscher Bommel den man in der Münchner Fußgängerzone alle 12 Sekunden an sich vorbei laufen sieht. Genauso hübsch und flauschig sind die wunderschönen Pelzbesätze an gefühlt jeder zweiten Jacke und Mantel. Soll ich Ihnen was sagen? Es widert mich an. Die meisten davon sind nämlich aus echtem Pelz.
Kaum einer in meinem Bekanntenkreis würde sich erdreisten echten Pelz zu tragen. Das macht man nicht. Meine Generation trägt keinen Pelz. Aber die Puschel und Besätze sind ok. Da finden wir duzende von Ausreden. Angefangen von „ach komm, das kleine Ding ist doch nicht Nerz, sondern Fuchs oder Waschbär“ über „echt? das wusste ich nicht“ bis hin zu „Waschbären sind ja mancherorts auch echte Plagen geworden“. Alle diese Aussagen sind dumm und unverschämt. Wenn im Etikette nicht Kunstfell steht, dann ist es von einem Tier, das mit Sicherheit nicht totgestreichelt wurde. Plage hin oder her. Es handelt sich auch nicht um Nebenprodukte beim Schlachten von Hasen. Das wäre viel zu aufwändig und ist aus Kostengründen in den meisten Fällen gar nicht machbar.  Am erbärmlichsten und traurigsten finde ich, dass Pelz wieder normal geworden wurde. Die Frechheit sich echten Pelz auf die Mütze zu klatschen und es noch nicht einmal zu hinterfragen…dafür fehlen mir die Worte. Und deshalb halte ich jetzt auch den Mund, denn eigentlich wollte ich nur Jules sehr guten Beitrag teilen. Der schafft das, was ich nicht kann. Mit ruhigen Worten eine Aussage gegen Pelz treffen.

Ein Naturgesetz unserer Moden: Je grotesker eine Erscheinung, desto hartnäckiger. Das war schon mit den unsäglichen Hüfthosen so. Nach jetzt gut 15 Jahren klingt diese visuelle Pest gerade ab. Nun ist es schon vier Jahre her, dass mich meine damalige Freundin auf die albernen Puschel aufmerksam machte, die manche Frauen auf den Mützen tragen, womit […]

über Wider die doofen Pelzpuschel auf dem Kopf —

Danke, lieber Jules, für die Erinnerung das ich mich schon lange darüber aufregen wollte.

Alles eine Frage der richtigen Zange

Wäre T.C. Boyle mein Vater, würde ich damit klar kommen. Auch die Vorstellung Philip Roth oder Thomas Bernhard als väterliches Vorbild zu haben gefällt mir. Mit Bernhard hätte ich vermutlich massive Probleme. Probleme, die sich aber wohl weniger um das Schreiben drehen würden. Da würden wir schon klar kommen. Er und ich. Obwohl….er wohl nicht, aber ich. Väter die ein großes Talent haben stören mich nicht. Im Gegenteil, ich würde das bewundern und mich über ihren Erfolg freuen. Man könnte mich auch in eine Schauspielerfamilie einpflanzen. Es wäre mir egal ob ich ein ähnliches Talent habe oder eine totale Niete wäre. Solche Dinge betrachte ich mit der nötigen Distanz. Um die Beispiele abzuschließen, wäre es für mich auch in Ordnung wenn meine ganze Familie aus Hochseilartisten bestehen würde. Ich könnte mich damit arrangieren, die einzige zu sein, die talentfrei am Boden bleibt. So richtig einschüchternd und belastend empfinde ich eigentlich nur einen Vater. Meinen. Weiterlesen

Alter!

Ich mag ja Trottel. Solche, in denen man sich wiederkennt und bei denen man froh ist, dass es einen diesmal nicht selbst getroffen hat. Einem Trottel kann ich stundenlang zusehen und mich dabei besser als beim durchschnittlichen Fernsehprogramm amüsieren. Ich mag es zum Beispiel unheimlich gerne, Kollegen beim Beseitigen des Papierstaus am High-Tech Drucker / Kopierer / Scanner zu beobachten. Nicht, dass meine Kollegen pauschal Trottel wären – auf keinen Fall. Aber ich kenne kaum einen, der die Rolle auf allen vieren kauernd und mit der Hand in einem der vielen Einzugsfächer steckend, nicht perfekt verkörpern würde. Dann suche ich mir eine Arbeit die nicht viel Aufmerksamkeit erfordert (zum Beispiel tackern – ich bin große Klasse im Tackern), lehne mich an das Sideboard und lausche den leisen Flüchen. Es versteht sich von selbst, dass ich mich an der Behebung des Papierstau nicht beteilige. Die letzten fünf Jahre habe ich ein hilfloses Lächeln perfektioniert, das es mir erspart, selbst in die Knie zu gehen. Kennt mich einer noch nicht gut genug, um zu wissen dass dieses Lächeln übersetzt „vergiss es, den Mist fasse ich gar nicht erst an“, teile ich es ihm charmant verbal mit.

Noch lieber mag ich die echten Trottel. Die, die einfach ein bisschen doof sind. Doof und dabei besonders liebenswert. Die zu beobachten ist mir eine große Freude. Verstehen sie mich nicht falsch. Ich spreche hier nicht von echten Defiziten. Ich meine den Schlag von Menschen, der gepflegt einen an der Klatsche hat und sich damit rund um wohl fühlt. Zum Beispiel Tom. Tom ist Friseur bei meinem Friseur. Von Tom würde ich mir nie die Haare schneiden lassen. Viel zu oft habe ich ein „ups“ aus seinem Mund gehört. Und ich sehe ja was er mit seinen eigenen Haaren macht. Außerdem redet er mir zu viel. Ich gehe lieber zu Hagen. Der sagt nicht „ups“ sondern eigentlich gar nichts. Hagen und ich sind meist die einzigen im Salon die sich anschweigen und lieber den Gesprächen lauschen und das Treiben um uns herum beobachten. Ich mehr als er. Er muss mir ja die Haare schneiden und sich dabei konzentrieren. Das ist gar nicht so leicht. Wenn Hagen nämlich Pech hat, dann hat Tom gerade keinen Kunden und zu viel Zeit. Was für mich ein Highlight ist, ist für Hagen eine echte Herausforderung. Zum Beispiel gestern. Gestern war mein Glücks- und Hagens Pechtag. Tom hatte Zeit. Und weil Tom ein hilfsbereiter Mensch ist, nutzt er seine Zeit. Während rechts von mir Hagen saß und meine Haare schnitt, nahm Tom links von mir Platz und zupfte die feuchten Strähnen vom Umhang. Einzeln. Es ist sehr beruhigend,  dem Schnipp-Schnapp einer Schere zu lauschen und eine Hand zu beobachten, die im gleichen Rhythmus die gefallenen Haarsträhnen einsammelt und sanft auf den Boden fallen lässt. Für mich. Für Hagen war es eher anstrengend. Das schöne Schnipp-Schnapp Geräusch seiner Schere kam aus dem Takt und verstummte wenig später ganz. Hagen sah sich gezwungen doch zu sprechen. Und Tom zu antworten.

„Was?!“
„Ich räum auf.“
„Alter! Die sitzt da noch.“ – Die war ich.

Tom verzog sich und konzentrierte sich auf die Haarsträhnen am Boden. Weil Hagen ihn gar so mürrisch ansah, traute er sich nicht zwischen meinen und Hagens Beinen zu fegen. Tom ist kreativ. Er nutzte einen Föhn. Einen Meter von uns entfernt richtete er ihn auf den Boden und blies die Haare, ganz wie Laub mit einem Laubbläser, unter dem Stuhl in eine Richtung. Es war wohl die falsche Richtung, den er umkreiste uns. Mehrfach. Ich kann ihnen nicht sagen, wie amüsant das war. Trottel Ballett. Ich lächelte, Hagen explodierte.

Während die Farbe in meinen Haaren einwirkte, kam ich noch in den Genuss zu beobachten wie Hagen mit einem Azubi die Lichterkette am Fenster anbrachte. Versuchte sie anzubringen. Ich habe keine gute räumliche Vorstellung, aber dass das Kabel zu kurz war, sah sogar ich. Ich mag Menschen, die sich von so etwas nicht einschüchtern lassen und erst einmal das ganze Schaufenster dekorieren bevor sie sich mit Banalitäten wie Stromanschlüssen beschäftigen. Selbst Hagen honorierte das Engagement verbal. Vor dem Fenster stehend, den mittig in einem Meter höhe baumelnden Stecker betrachtend murmelte er: „Alter! Du bist echt gut.“ Tom ist wirklich gut. Weil ihm langweilig war und sich kein Verlängerungskabel fand, föhnte er mir anstelle von Hagen die Haare. Ich wusste gar nicht, dass ich wie Agnetha von Abba aussehen kann. Als ich bezahlt hatte, stand Hagen vor dem Laden und rauchte eine Zigarette. Ich ging zu ihm um ihm das Trinkgeld zu geben. Er sah mich lange an, bevor er den Kopf schüttelte. Ne, das wäre nicht fair, meinte er und fügte ein „Alter, der ist echt – Pause- schönen Abend“ an.

Zu Hause setzte ich die Brille auf und murmelte: „Alter!“ Agneta sah mit etwas mehr Sehschärfe verdammt nach Dolly Parton aus.

Eine Unverschämtheit

Wenn Frau Obst sich in den Waschkeller begibt, dann ist sie auf Krawall gebürstet. Eigentlich hätte sie hier unten nämlich nichts zu suchen. Sie besitzt sowohl eine Waschmaschine als auch Trockner in ihrer Wohnung. Das weiß ich, weil sie beides mit Vorliebe am frühen Samstagmorgen laufen lässt und mich gerne daran erinnert, dass nur faule Menschen am Samstag ausschlafen. Ausschlafen ist allenfalls am Sonntag erlaubt – sofern man den Kirchgang am Vorabend bereits hinter sich gebracht hat. Frau Obst ist in dieser Beziehung eine klasse Theoretikerin. Praktisch ist sie schon vor Jahren, nach einem Disput mit dem Chorleiter ihrer Gemeinde aus der katholischen Kirche ausgetreten. Der Herrgott würde es ihr nachsehen, erzählte sie. Er, mit dem sie recht eng verbunden ist, hätte zweifellos Verständnis dafür, dass sie unmöglich an einem Gottesdienst teilnehmen könne, der musikalisch von einem Kinderchor untermalt wird, der von einem geschiedenen Mann geleitet wird. Sodom und Gomorra. Der Besuch der anderen nur eine Trambahnstation entfernten Kirche ist selbstverständlich keine Alternative. Wenn Frau Obst also den Waschkeller aufsucht, dann nur weil sie schlechte Laune hat und ein Opfer sucht, an dem sie selbige auslassen kann. Weiterlesen

Frisch gewaschene Träume

Paul, der wie Rhett Butler lächelt, wohnt im Hinterhaus. Will er in den Waschkeller, muss er erst ein halbes Stockwerk nach oben steigen, um ins Vorderhaus zu gelangen und von dort drei Stockwerke nach unten in den Keller laufen. Ob ihn das nicht wahnsinnig macht, frage ich ihn als wir uns vor den Waschmaschinen treffen. Paul hat schlechte Laune. Ich hätte sie auch, wenn ich wie er versuchen würde, altes eingetrocknetes Waschpulver mit einem Wattestäbchen aus dem Einfüll-Schub zu kratzen. Ja, es macht ihn wahnsinnig, sagt er und meint die Sauerei an der Maschine und nicht unser verschlungenes Treppenhaus. Anderen Menschen beim arbeiten zuzusehen und sie dabei zu unterhalten mache ich sehr gerne. Sehr schön ist es zum Beispiel, wenn im Sommer einer Holz hackt und ich dabei zusehen und vor mich hin plappern kann. Einer der sich endlich erbarmt die Waschmaschinen zu putzen ist aber auch schön. Fast wäre mir an diesem Sonntag langweilig geworden, jetzt kann ich Paul zusehen und habe später eine saubere Maschine. Weiterlesen

Wer ich bin? Suchen Sie sich etwas aus.

Wer bist du? Soweit ich mich erinnern kann, hat mir diese Frage bisher außer dir noch niemand gestellt. Niemand, der damit mehr meinte, als die Angabe des Namens, des Alters und irgendeiner, unwichtigen Zugehörigkeit. Es ist fast immer eine harmlose Frage, die man ohne nachzudenken schnell beantworten kann. Mitzi, aus der 8c. Mitzi, die Freundin von Nicky oder Mitzi, ich kenn den Bräutigam. Zu irgendeiner Gruppe gehört man immer und wenn man besonders originell sein will, dann stellt man sich blöd und antwortet nur mit dem Namen. Garniert mir einem vielsagenden, leicht tiefgründigen, meist aber dämlichen Lächeln. Zum Glück gibt es die Gruppen, sonst müsste man sich am Ende noch Gedanken machen, wer man wirklich ist. Weiterlesen

Iljana, die Sonne geht auf!

Iljana, komm raus, forderte der alte Säufer mit kratziger, aufgeregter Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe unseres vietnamesischen Backshops lächelte nur und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hat sie den Alten nicht verstanden. Morgens ist er noch nüchtern, da versteht man ihn noch schlechter. Iljana sowieso. Die versteht nämlich kein Deutsch, braucht es bei der Selbstbedienung im Backshop auch nicht. Iljana, komm, fordert er mit Nachdruck durch die offene Tür und lässt sich dann auf das kleine Mäuerchen an der Tiefgarage sinken. Der Start in den Tag fällt ihm im Winter noch etwas schwerer als sonst. Zwischen den rauen Fingern eine Zigarette und der erste Schluck aus einer kleinen Flasche Jägermeister. Was man eben so braucht, um wach zu werden. Weiterlesen

Herr Meier und die Afd

Es muss viel passieren, damit Herr Meier im Nieselregen auf offener Straße stehen bleibt. Bei schlechtem Wetter verlässt er das Haus für gewöhnlich gar nicht und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann eilt er grußlos und mit hochgeschlagenem Mantelkragen an seinen Mitmenschen vorbei. Dass er bei Wind und Regen zwischen Post und Telekomladen stehen bleibt und drei Männern beim Aufbau ihres Informationsstandes zusieht, ist mehr als ungewöhnlich. Sein Schal flattert in einer Böe, als ich vom einkaufen zurück komme und ihn noch immer an der gleichen Stelle stehen sehe. Mittlerweile erkennt man auch wer die Giesinger heute informieren möchte. Unter den durchnässten Sonnenschirmen steht ein drei Mann starkes Kompetenzteam der Afd. Weiterlesen