Frisch gewaschene Träume

Paul, der wie Rhett Butler lächelt, wohnt im Hinterhaus. Will er in den Waschkeller, muss er erst ein halbes Stockwerk nach oben steigen, um ins Vorderhaus zu gelangen und von dort drei Stockwerke nach unten in den Keller laufen. Ob ihn das nicht wahnsinnig macht, frage ich ihn als wir uns vor den Waschmaschinen treffen. Paul hat schlechte Laune. Ich hätte sie auch, wenn ich wie er versuchen würde, altes eingetrocknetes Waschpulver mit einem Wattestäbchen aus dem Einfüll-Schub zu kratzen. Ja, es macht ihn wahnsinnig, sagt er und meint die Sauerei an der Maschine und nicht unser verschlungenes Treppenhaus. Anderen Menschen beim arbeiten zuzusehen und sie dabei zu unterhalten mache ich sehr gerne. Sehr schön ist es zum Beispiel, wenn im Sommer einer Holz hackt und ich dabei zusehen und vor mich hin plappern kann. Einer der sich endlich erbarmt die Waschmaschinen zu putzen ist aber auch schön. Fast wäre mir an diesem Sonntag langweilig geworden, jetzt kann ich Paul zusehen und habe später eine saubere Maschine.

Obwohl ich eine sauberer Waschmaschine sehr zu schätzen weiß, reicht es nicht. Er müsse heute noch etwas großartiges machen, bitte ich ihn und setzte mich auf den Trockner. Er möge mich doch bitte überraschen, so wie es die anderen Bewohner des Hauses auch immer wieder machen. Das Wattestäbchen ist hinüber und das Einfüll-Fach nicht bedeutend sauberer. Paul gibt auf. Mit dem Putzen. Mit dem Überraschen fängt er gar nicht erst an. Er sieht mich nur schlecht gelaunt an und fragt mich ob ich möglicherweise noch Restalkohol vom Samstag im Blut habe. Überraschen würden ihn die anderen Bewohner aber auch. Wie können sie so normal aussehen und eine solche Schweinerei in einem Einfüll-Fach für Waschmittel hinterlassen. Paul putzt wieder. Jetzt benutzt er einen alten Kindersocken, der seit drei Wochen vergessen auf dem Warmwasserrohr liegt. Widerlich sei das, murmelt er und weiß nicht, dass ich weiter auf großes und erzählenswertes von ihm warte. Von alleine wird es nichts und da ich mir, mein Haus betreffend, nichts ausdenke muss ich es selbst in die Hand nehmen. Rhett Butler, der eigentlich Paul hießt, ist einer der Protagonisten in meinem Blog – ob er will oder nicht. Es ist an der Zeit ihm das zu sagen. Weil Männer meiner Erfahrung nach besser zu hören können, wenn sie beschäftigt sind, reiche ich ihm den Bad-Putz-Lappen aus meinem Wäschekorb und entsorge den bereits sehr mitgenommenen Kindersocken.

Ich werde meine Kurzgeschichten als kleines Büchlein zusammenfassen, erzähle ich ihm. Da er sie nicht kennt und nicht weiß, dass er einer der Protagonisten in meinen Alltagsgeschichten ist, gebe ich ihm einen kurzen Überblick über das was ich so schreibe. Ich fange mit Herrn Meiers Wahlnüssen an, erzähle von der schlechten Laune von Frau Obst, den U-Bahn Gedanken, dem der nicht mehr ist und ende mit dem Text über ihn. Paul putzt, lächelt ab und zu und zieht die Stirn in Falten, als es um ihn geht. Ob er das Lesen könne, will er wissen. Nur wenn er sich bereit erklärt mein roter Faden zu sein. Das muss er, denn ich brauche unbedingt einen roten Faden. Ohne etwas, das die ganzen Geschichten zusammenhält, wird es nicht funktionieren. Paul überrascht mich nun doch, indem er es geschafft hat, die Schweinerei recht ordentlich zu beseitigen. Jetzt sitzt er neben mir, auf dem zweiten Trockner und hört mir zu. Dass er dabei raucht, stört mich nicht. Noch haben wir keine saubere Wäsche, die den Geruch annehmen könnte. Am Ende schüttelt er den Kopf. Als roter Faden könne er nicht dienen. Dazu müsste ich ihm aufwendig eine Hintergrundgeschichte andichten und er würde sich doch sehr unwohl fühlen, wenn ich ihn wie ein Stalker über Wochen beobachten würde nur um den Faden beständig weiter zu spinnen. Nein, den roten Faden hätte ich doch schon. Nicht unbedingt rot, an diesem Sonntag-Morgen eher blass und farblos, aber immerhin ein Faden. Jemand der seit Jahren mit seinem toten Freund spricht um nicht den Verstand zu verlieren sei schräg genug um als Geschichtenerzähler herzuhalten. Was solle er, der in der U-Bahn ja nicht neben mir sitzt darüber zu sagen haben und auch mit der Obst hätte er noch nie ein Wort gewechselt. Ich müsse schon selbst erzählen.

Sie ahnen es. Paul hat den Säuberungsversuch in Wahrheit nach der Misshandlung der Kindersocke eingestellt und seine Wäsche fluchend trotzdem in die Maschine gestopft. Ich selbst habe mich aber wirklich auf den Trockner gesetzt und über rote Fäden nachgedacht. Ein Traum sollte nicht nur gelebt, sondern auch verwirklicht werden. Mehr als schief gehen kann es nicht. Ein kleines Buch. Eine kleine Sammlung und als roter Faden nur eine etwas seltsame Frau die erzählt. Ohne Ziele sind Träume irgendwann farblos. Ich glaube 2017 wäre ein gutes Jahr für einen kleinen Traum und vielleicht auch für einen schönen Reinfall. 2018 kann ich über den dann auch wieder lachen.

 

 

47 Gedanken zu “Frisch gewaschene Träume

    1. Die direkte Nachbarschaft ist vielleicht nicht zu empfehlen ;).
      Wobei ich hoffe, dass ich selbst dem größten Grantler noch sympathisch genug beschreibe um Verstimmungen in der Hausgemeinschaft entgegen zu wirken.

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  1. Das ist mal wieder locker flockig erzählt, liebe Mitzi. Haus und Hinterhaus können auch gut als roter Faden dienen. Im wunderbaren Roman Das Leben Gebrauchsanweisung von Georges Perec ist auch ein (allerdings großes) Mietshaus (und nochmal allerdings) in Paris, dessen 99 Räume die Matrix für ebensoviele Erzählungen bietet. https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Leben_Gebrauchsanweisung
    Dein Buchprojekt klingt vielversprechend. Ich würde das Buch kaufen und empfehlen wie einst LIchtenberg „Wer zwei paar Hosen hat, mache eine zu Geld und kaufe dieses Buch!“

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    1. Eine ausgesprochen schöne Empfehlung, lieber Jules. Lass uns abwarten ob ich ihr auch nur annähernd gerecht werden kann. Neben meine großen Klappe posaune ich das hier raus, um mir selbst ein wenig Druck zu machen. Ich will schon so lange und komme über ein bloßes „ach, das wäre fein…irgendwann“ nicht hinaus. Es wird mir schwerfallen eine Klammer zu finden, aber versuchen möchte ich es.
      Der Roman von Georges Perec klingt großartig. Besser ich lese ihn nicht neben meinem Projekt. Er ist aber notiert.

      Liebe Grüße und danke!

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  2. Geschichten über ein Mietshaus? Da denke ich gleich an Alexander McCall-Smith. Hatte der einen roten Faden? Ich glaube, der hatte mehrere. Na egal. Ich liebe Geschichten aus Mietshäusern und freue mich auf das Büchlein. Ist zwar erst ein Plan. Aber ich träume einfach mit. Mitträumen macht auch Spaß

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  3. Nun, ein kleines Buch drucken lassen, wenn es denn geschrieben ist, das ist keine so große Sache, liebe Mitzi, das kannst du sicher tun. Wenn du die Auflage nicht zu hoch machst und nicht gleich meinst, ein Verlag nimmt alles in die Hand, dann wird es auch was.
    Darfst dich auch gern an mich wenden, wegen Druckerei etc. Ich weiß da jemand, der sich auskennt.
    Es ist eben einiges an Arbeit, wenn man selbst vertreibt, aber hier im Blog findest du wohl schon die meisten Abnehmer (ich reihe mich da gern ein). 🙂

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Hallo Silbia,

      es gibt mittlerweile auch mehrere Selfpublishing-Möglichkeiten (sowohl Ebooks als auch gedruckte Bücher), wo man sich mit der Höhe der Auflage gar nicht mehr herumschlagen muss. Manche davon sind „geschlossen“ (werden nur auf einer Platform vertrieben), andere eher „offen“ (damit kommt man theoretisch sogar in die Büchereien oder in den stationären Handel).

      Alles Gute,
      Mira

      Gefällt 2 Personen

    2. Vielen lieben Dank.
      Zunächst muss es ja erst einmal entstehen. Aber dann, bin ich um jeden Tipp und um jeden Ratschlag mehr als froh. Über das Format hab ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Aber natürlich ist ein Buch aus Papier etwas schöneres und etwas das man z.B. seinen Eltern in die Hand drücken kann :).
      Danke! Ich komm auf dich zurück.
      Liebe Grüße

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